Zwischenmenschliche Beziehungen in der Pflege

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Zwischenmenschliche Beziehungen in der Pflege sind Thema der Psychologie im Bereich professioneller Pflege. Dazu schrieb Hildegard Peplau ein Buch, das für die psychiatrische Krankenpflege wichtige Überlegungen beisteuerte. Der Original- Titel hieß Interpersonal Relations in Nursing: A Conceptual Frame of Reference for Psychodynamic Nursing. Ihre Definition von Pflege aus dem Jahr 1952 lautet:

"Die Pflege ist ein signifikanter, therapeutischer, interpersonaler Prozess. Sie wirkt in Kooperation mit den anderen menschlichen Prozessen, die dem einzelnen in der Gesellschaft Gesundheit ermöglichen. In spezifischen Situationen, in denen ein professionelles Gesundheitsteam gesundheitsbezogene Dienstleistungen erbringt, beteiligen sich die Pflegenden an der Organisation von Bedingungen, die die natürlichen fortlaufenden Tendenzen im menschlichen Organismus unterstützen. Die Pflege ist ein edukatives Instrument, eine die Reife fördernde Kraft, die darauf abzielt, die Vorwärtsbewegung der Persönlichkeit in Richtung auf ein kreatives, konstruktives, produktives, persönliches und gesellschaftliches Leben zu bewirken."

Schlüsselkonzepte[Bearbeiten]

Die Struktur der Pflegetheorie nach Peplau basiert auf vier Schlüsselkonzepten:

  • Das Konzept der Wechselseitigkeit
  • Das Konzept der Phasenbezogenheit
  • Die Bedürfnisse und die Stufen der Angst
  • Das Konzept des interpersonalen Lernens

Wechselseitigkeit[Bearbeiten]

Nach Peplau steht die Beziehung zwischen Pflegendem und Gepflegtem im Zentrum einer Pflegesituation. Ausgehend von der Grundannahme, dass jeder Mensch immer einen Reife- und Bildungsprozess und ein Höchstmaß individueller Produktivität anstrebt, gilt dies auch für die beiden sich in der Pflegesituation befindlichen Interaktionspartner.[1] Dabei nehmen die beiden Parteien unterschiedliche Rollen ein, aus denen in der wechselseitigen Beziehung und im Austausch ein Lern- und Reifeprozeß entsteht, der eine erfolgreiche Pflegesituation kennzeichnet.

Diese Grundannahme gilt gleichbedeutend für den Patienten und die Pflegekraft, obwohl beide unterschiedliche Rollen in der Situation einnehmen. Daraus folgt, dass beide in einer gelungenen Pflegesituation durch den wechselseitigen Austausch lernen und reifen. Peplau fordert, im völligen Gegensatz zu dem Rollenbild der 1950er Jahre einen emotional bedeutsamen Austausch zwischen den Interaktionsteilnehmern.[2] Die Pflegekraft soll dabei ihr Selbst als reife und edukative Kraft, das sich in verschiedenen durch den Pflegebedürftigen oder die Gesellschaft zuwiesenen Rollen ausdrückt, in die Pflegesituation einbringen. Diese Rollen werden durch ihre Professionalität mitbestimmt und umfassen eine Reihe von Pflichten, Rechten und Erwartungen, die an diese Rolle gebunden sind.

Rollen[Bearbeiten]

Lernen innerhalb der Pflegesituation ist der Pflegekraft und dem Gepflegten in gleicher Weise möglich. Voraussetzung ist es, dass sich die Pflegekraft ihrer Rolle bewusst ist und die Rolle wechseln kann, um den Patienten das Erlernen neuer Verhaltensweisen zu ermöglichen, beziehungsweise erkennt, wann eine Beibehaltung der Rolle zur Reduktion der Angst beim Gepflegten führt. Die Rollen die eine Pflegekraft einnehmen kann oder die ihr zugeschrieben werden, wurden von Peplau, ohne den Anspruch der Vollständigkeit, beschrieben als Fremde in der sich Pflegeperson und Pflegebedürftiger erstmalig begegnen. Weiterhin gibt es die Rollen der unterstützenden Person und der lehrenden Person, Pflegepersonen können auch als Mutter-, Vater- oder Geschwisterersatz dienen, wenn dies dem Gepflegten das Ausleben vergangener Gefühle wie Abhängigkeit oder Hilflosigkeit ermöglicht. Zuletzt gibt es dann noch die beratende Rolle des technischen Experten, die nach Peplau eine der wichtigsten Rollen in der professionellen Pflege darstellt.

Phasenbezogenheit[Bearbeiten]

Die von Peplau beschrieben vier Phasen der Interaktion zwischen Pflegeperson und Patient beschreiben die günstigste Entwicklung einer interpersonalen Beziehung zwischen Pflegebedürftigem und Pflegekraft. Die Phasen sind nicht isoliert zu betrachten, sondern können sich teilweise überlappen.

  • In der Orientierungsphase versucht die Pflegeperson gemeinsam mit dem Gepflegten, das Problem einzuschätzen und zu identifizieren. Weiterhin geht es darum, dass der Pflegebedürftige seinen Zustand wie auch die Hilfsbedürftigkeit erkennt und versteht. Die Pflegeperson übernimmt die Rolle des Zuhörers und Beraters. Abgeschlossen ist die Phase, wenn die Interaktionspartner dem Problem das gleiche Maß an Wichtigkeit entgegen bringen und sich gegenseitig über die zukünftige gemeinsame Arbeit informiert haben. Während dieser Phase findet die Pflegediagnostik anhand der Pflegeanamnese, gemeinsam mit dem Pflegebedürftigen, statt.
  • In der Identifikationsphase identifiziert sich der Patient positiv oder negativ mit der Pflegeperson. Es gibt drei Möglichkeiten, wie ein Patient reagieren kann: durch aktive Beteiligung an der Pflege, was zu einer wechselseitigen Beziehung zwischen Pflegeperson und Patient führt; durch Verweigerung der Mitarbeit oder durch passives geschehen lassen. Die Aufgabe der Pflegekraft besteht darin, die Gefühle des Patienten zuzulassen und zu verstehen, ohne dass die professionelle Betreuung beeinträchtigt wird. In dieser Phase wird die Pflegeplanung und die Pflegeprobleme gemeinsam definiert.
  • In der Nutzungsphase schöpft der Gepflegte die angebotenen Dienstleistungen voll aus. Er liefert sich der Institution völlig aus und erwartet unbedingte, „mütterliche“ Fürsorge. Für diese Phase ist die Pflegedokumentation und die Anpassung der Pflegeplanung an eventuelle sich verändernde Pflegesituationen von Bedeutung.
  • Die Ablösungsphase bescheibt die Entwicklung des Gepflegten hin zu der Fähigkeit sich wieder selbst versorgen zu können. Diese Phase folgt nur nach Abschluss der bisherigen Entwicklung und ist Voraussetzung für die Wiederherstellung der Gesundheit. Sie leitet in der Regel die Entlassung des Gepflegten aus der Pflegeeinrichtung ein. Nach Abschluss dieser Phase erfolgt die Evaluation der Pflegequalität.

Bedürfnisse und die Stufen der Angst[Bearbeiten]

Bedürfnisse[Bearbeiten]

Peplau geht von der Annahme aus, dass die Bedürfnisse eines Individuums sein Handeln und damit auch sein fortlaufendes und zielgerichtetes Verhalten beeinflusst. Grundlage dieser Annahme sind die Arbeiten von Maslow und Sullivan. Peplau beschreibt zwei Arten von Bedürfnissen, die allerdings nur analytischen Zwecken dienen. Zum einen die physiologischen Bedürfnisse des Organismus und zu anderen die interpersonalen Bedürfnisse, die den Menschen in seiner Entwicklung fördern. Eine darüberhinaus gehende Differenzierung, wie beispielsweise von Henderson im Modell der 14 Grundbedürfnisse vorgelegt, findet bei Peplau nicht statt.[3] Findet keine effektive Bedürfnisbefriedigung statt, entwickelt der Gepflegte innerhalb der interpersonalen Beziehung zu kommunizierende Ängste. Ursachen einer unvollständigen Bedürfnisbefriedigung können unter anderem Konflikte innerhalb des Mikrokosmus des Pflegebedürftigen sein.

Stufen der Angst[Bearbeiten]

In der peplauschen Theorie werden drei Stufen der Angst unterschieden, die sich in ihrem Niveau unterscheiden und einen Einfluss auf die Lern- und Handlungsfähigkeit des Individuums haben. Auf der niedrigen Stufe der Angst ist der Mensch noch in der Lage zu lernen und autonom zu handeln, lediglich seine Wahrnehmung ist geschärft. Auf einem mittleren Angstniveau verliert der Mensch den Überblick über die Situation und die Wahrnehmung wird deutlich eingeschränkt. Er ist nicht mehr in der Lage Copingstrategien zu entwickeln oder neue Erfahrungen zu machen. Erreicht der Mensch ein hohes Angstniveau, beispielsweise gerät in Panik, verliert er vollständig die Fähigkeit zu handeln und wahrzunehmen. Lernprozesse sind in dieser Angststufe nicht mehr möglich.[4] Die Pflegekraft hat in dieser Situation die Aufgabe die Angst angemessen einzuschätzen und durch geeignete Maßnahmen die Angst zu reduzieren.

Interpersonales Lernen[Bearbeiten]

Dieses Konzept greift die zentralen Aspekte auf Theorie Peplaus auf. Darunter fallen die Annahmen, das das menschliche Handeln vorwärtsgerichtet sei. das der Mensch ein autonomes und soziales Individuum ist und sein Handeln zielgerichtet ist. Das Lernen wird von Peplau als wesentliches Mittel zu der angestrebten Vorwärtsbewegung definiert und findet in interpersonalen Beziehungen statt, die Pflege setzt sich zum Ziel diese Lernprozesse zu ermöglichen, mit deren Hilfe der Mensch die Erfahrung „Krankheit“ in sein Leben integrieren kann. Für die Pflegekraft entsteht aus ihrer professionell wahrgenommenen Rolle die Möglichkeit von dieser Erfahrung zu profitieren und im Rahmen einer kreativen Synthese selbst zu lernen und sich hin zu einer größeren Reife zu entwickeln.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Werner Binder, Wolfram Bender: Die dritte Dimension in der Psychiatrie: Angehörige, Betroffene und Professionelle auf einem gemeinsamen Weg. Richter, 2003. ISBN 3-924533-68-7
  • Barbara J. Callaway: Hildegard Peplau: Psychiatric Nurse of the Century. Springer Publishing Company 2002, ISBN 0-8261-3882-9
  • Hildegard E. Peplau, Gerhard Kelling, Maria Mischo-Kelling: Interpersonale Beziehungen in der Pflege: Ein konzeptueller Bezugsrahmen für eine psychodynamische Pflege. RECOM-Verlag 1995, ISBN 3-315-00098-0
  • G. M. Sills, L. S. Beeber: Hildegard Peplaus interpersonale Pflegekonzepte. In: Maria Mischo-Kelling, Karin Wittneben: Pflegebildung und Pflegetheorien. Urban & Schwarzenberg 1995, ISBN 3-541-16791-2
  • Hilde Steppe: Pflegemodelle in der Praxis, 3. Folge: Hildegard Peplau. In: „Die Schwester Der Pfleger“, Ausgabe 9, Jahrgang 1990, Bibliomed, Seite 767, ASIN B00006LR4F

Einzelnachweis der Zitate[Bearbeiten]

  1. Peplau, Kelling, Mischo-Kelling: Interpersonale Beziehungen etc. 1995, Seite 101
  2. Sills, Beeber, Seite 39
  3. Peplau, Kelling, Mischo-Kelling: Interpersonale Beziehungen etc. 1995, Seite 45
  4. Peplau, Kelling, Mischo-Kelling: Interpersonale Beziehungen etc. 1995, Seite 151 bis 153
  5. G. M. Sills, L. S. Beeber, Seite 45

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]



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(Stand 5. März 2009)