Verwahrlosung

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Individuelle Verwahrlosung (auch die Dissozialität, insbesondere das Verwahrlosungs-, Diogenes-, Vermüllungssyndrom oder Desorganisationsproblematik) kann den Ausdruck eines bewussten Handelns, aber auch die unbewusste Folge eines Mangels an Steuerungsfähigkeit aus unterschiedlichen Gründen darstellen. Die eigene Hygiene, Kleidung und nächste Umgebung wird nicht mehr in dem Maße gepflegt, wie das die Umgebung von der Person erwartet und ebenfalls abweichend von Maßstäben, wie sie sie früher selbst beachtet hat. Messie sein und Verwahrlosung müssen nicht gleichbedeutend sein. Jedoch sind die Übergänge fließend. Messie-Leuten wird die Fähigkeit zugeschrieben, die elementaren Verrichtungen des Alltags zu erledigen, während verwahrloste Personen sich in stärkerem Maße „fallen lassen", sich aufgeben.

Sehr schwer können solche Menschen gelegentlich auch mit der Zeit umgehen (Termine einhalten, zeitgerechte Erledigung von Aufgaben und Anforderungen) oder zwanglose Beziehungen zu anderen Menschen pflegen. Es wird direkt von einem (zwanghaften) Aufschiebeverhalten, Handlungsaufschub oder einer Prokrastination gesprochen. Als Ursache all dessen wird für diesen Begriff(s-Bereich) regelmäßig eine körperliche Einschränkung ausgeschlossen. Verwahrlosung wird als ein Sammelbegriff für unterschiedliche Formen des Abgleitens in einen ungeordneten, chaotischen Lebens-Zustand verwendet. Hier soll auch nicht das Verwahrlosen-Lassen von Kindern durch ihre Eltern oder von Häusern und Straßen durch die Bewohner oder deren Verwaltung oder die Verwahrlosung von Grundstücke durch ihre Besitzer behandelt werden.

Wissenschaftliche Einordnung des Begriffs[Bearbeiten]

Wissenschaftlich beschäftigen sich hauptsächlich die Soziale Arbeit, Psychologie, Urbanistik (bezogen auf Stadtviertel u. ä.) und die Politikwissenschaft (bezogen auf Personengruppen) mit dem Phänomen der Verwahrlosung. Die Soziale Arbeit sieht den Begriff wie er in der Geschichte der Sozialarbeit verwendet wurde, als veraltet an, weil er einseitig negativ geprägt sei. Das Wort „Dissozialität“ hat ihn in der neueren Forschung ersetzt (so Schilling/Zeller 2007). Die Soziale Arbeit sieht darunter einen Prozess, so Rössner (1973), …

„in dem nicht erfüllte elementare Bedürfnisse – nach Anerkennung, Liebe, Frustrationstoleranz, und individueller und sozialer Identität – zu Unsicherheit und Ersatzbefriedigung oder Aggression führen.“

Rössner sieht darin einen „Teufelskreis“, der sich „in den verschiedenen Lebensfeldern wechselseitig aneinander steigernden, bestärkenden und verhärtenden individuellen und gesellschaftlichen Enttäuschungen und Abwehrreaktionen zeigt. Dissozialität erweist sich also als fehlgeschlagene Kompensation einer misslungenden Identifikation“.

Specht und Schweizer u. a. grenzten 1987 die Begriffe Dissozialität, Verwahrlosung, Delinquenz und Kriminalität noch gegeneinander ab. Specht hat dazu klärend festgestellt: „Die Begriffe Dissozialität, Delinquenz und Verwahrlosung kennzeichnen einen bestimmten Interaktionszustand zwischen einzelnen Menschen und einem für sie bedeutsamen sozialen System. Sie beziehen sich nicht auf objektive Qualität von Handlungen.“ Schilling und Zeller (2007) sehen in dem Begriff der „Verwahrlosung“, die Gefahr, dass Aufgabe und soziale Zielgruppe durch diesen Begriff der Verwahrlosung zu eng definiert werden. Thiersch fügte schon 1992 an, „die alte Selbstverständlichkeit, daß Scheitern in jedem Menschen angelegt und Gelingen nicht primär eigenes Verdienst, sondern Gunst der Umstände sei, ist … vielfältig belegt worden. Zwischen Verwahrlosten und Normalen gilt kein prinzipieller Unterschied; Verwahrloste sind nur die Unglücklicheren, Benachteiligten; sie verurteilen ist pharisäisch … Indem Verwahrlosung so aber nicht nur vom Individuum, sondern auch von der Gesellschaft aus, gleichsam als der eigene Schatten, als das schuldhaft Versäumte erscheint, wird es selbstverständliche Pflicht, die benachteiligten Umstände zu ändern und zu helfen.“. So sieht Thiersch hier einen verhaltenspräventiven Auftrag.

Der Begriff „Vermüllungssyndrom“ wurde 1984 vom Hamburger Arzt und Psychoanalytiker Peter Dettmering eingeführt. Ob es sich bei dem ‚Messietum‘ und dem Vermüllungs-Syndrom um das Gleiche handelt oder lediglich um zwei Phänomene mit einigen Überschneidungen und Berührungspunkten, ist nach Volker Faust unter Experten strittig. Die Begrifflichkeit hat sowohl Aspekte von Zwangsstörungen als auch von Suchterkrankungen.

Das Verwahrlosungs- oder Diogenessyndrom[Bearbeiten]

Von einem Verwahrlosungs-, Diogenes- oder Vermüllungssyndrom wird dann gesprochen, wenn jemand unbrauchbare Gegenstände, Müll oder Essensreste über lange Zeit (oft über Jahre) nicht mehr aus seiner Wohnung entfernt, so dass er diese teilweise auch gar nicht mehr benutzen kann (z. B. das Bett oder die Küche). Die Vernachlässigung der eigenen Erscheinung (Körperpflege) kann dabei auch allein im Vordergrund stehen. Sehr oft kommen sozialer Rückzug und die Ablehnung von Hilfe durch andere erschwerend für die Behandelbarkeit gemeinsam mit Dritten hinzu.

Messie[Bearbeiten]

Das Messie-Syndrom wurde nach dem englischen Wort "mess" für Unordnung, Chaos benannt. Das hat oft wenig mit den bekannten Bildern von total vermüllten Wohnungen zu tun. Die Betroffenen haben das Chaos vor allem im Kopf: Messies sind Menschen, die große Probleme damit haben, räumliche und zeitliche Strukturen zu organisieren.

Die minimale Definition von einem Messie lässt sich nur an dem subjektiven Gefühl der betroffenen Person messen, die langsam ein Gefühl der Überforderung wahrnimmt. Das Leben als Messie beginnt oft damit, dass man Dinge nicht zu Ende führen kann. Der Messie verzettelt sich, räumt nach dem Frühstück das Geschirr nicht ab, später bleibt auch noch das Geschirr vom Mittagessen bis zum Abend stehen. Sie/er tut alles andere, nur nicht aufräumen. Schließlich enden die einzelnen, durchaus bewältigbaren Schritte in einer Stresssituation mit einer absoluten Handlungsblockade.

Es gibt keine übergreifende Erklärung für dieses Syndrom. Manche Psychologen gehen von traumatischen Erlebnisse in der Kindheit aus. Im neurophysiologischen Ansatz hingegen spricht man davon, dass Aktionen im Gehirn "nicht richtig" ablaufen. Bei vielen Messies finden sich (zunächst nicht diagnostizierte) mittlere bis schwere Depressionen und man kann schwer sagen, ob die Depression das Messie-Syndrom oder das Messie-Syndrom die Depression bedingt. Frauen wie Männer sind vom Syndrom betroffen. Zuverlässige Zahlen, wie viele Messies es in Deutschland gibt, existieren nicht.

Sammelleidenschaft[Bearbeiten]

Veraltete und sogar schadhafte Gegenstände können zu geliebten Erinnerungsstücken werden, die in Ecken, Kästen oder Regalen gehortet werden, selbst wenn sie erst als schadhafte Gegenstände gefunden und nie genutzt wurden.

Katzenfrauen, Tiersammler, Vereinsamung[Bearbeiten]

Tierhorten (engl. animal hoarding) wird als eine psychische Störung, die zum unkontrollierten Halten und Sammeln von lebenden Haustieren wie Katzen oder Hühnern führt, bezeichnet. Fälle von Großtierhaltung sind allein durch den Platzbedarf wahrscheinlich in einem frühen Stadium so auffällig, dass es zum veterinärärztlichen Einschreiten kommt. Die Haltungsbedingungen der eigenen Wohnung unterschreiten dabei alle Standards der Tierhaltung (Hygiene, Pflege, Fütterung, tierärztliche Versorgung). Schließlich kommt es zur völligen Verwahrlosung des Tierbestandes. Der Tierhorter ist dabei überfordert und unfähig, diese Missstände zu erkennen und beseitigen. In den USA sind über 1000 Fälle jährlich mit hunderttausenden Tieren belegt. Der entscheidende Punkt der Grenzüberschreitung zwischen „normal“ und „krankhaft“ sei dabei nicht die absolute Zahl der gehaltenen Tiere, sondern in erster Linie die fehlende Einsicht des Tierhalters in die eigene Überforderung zu einer angemessen Versorgung.

Aus einem Bericht: "… erst nach langem hin und her stellte der Richter schließlich einen Durchsuchungsbefehl aus. Mit Hilfe der Polizei verschaffte sich die Amtstierärztin Zutritt zu der Wohnung. Schon vor der Tür schlug ihnen bestialischer Gestank entgegen. Die Polizisten mussten sogar Gasmasken anlegen. In den verdunkelten Räumen waren über 20 Tiere eingesperrt …"

Vermutete Ursachen[Bearbeiten]

Die der individuellen Verwahrlosung evtl. zu Grunde liegenden psychischen Störungen können mannigfaltig sein. Es kann sich um eine Störung der exekutiven Funktionen im Rahmen einer Zwangskrankheit, Depression, Persönlichkeitsstörung oder anderer psychischer Erkrankungen handeln. Demenz, Schizophrenie und das Prader-Willi-Syndrom werden in diesem Zusammenhang genannt. Krankheitswert wird ihr erst zugeschrieben, wenn die betreffende Person selbst darunter deutlich erkennbar leidet.

Sofern es dafür Auslöser gibt, werden Überforderungssituationen bezüglich Leistungsvermögen, Wissen, Besitz und Können für innerlich schon verunsicherte Persönlichkeiten dafür angenommen. Diese Verunsicherungen entstehen aus z. B. angeborenen oder erworbenen individuellen Schwächen oder allgemein offensichtlichen Belastungen. Kritische Ereignisse wie Hochzeit, Geburt, Arbeitslosigkeit, Trennung, aber auch als schwer empfundene Krankheiten kommen als Auslöser in Frage.

Hilfe, Therapie[Bearbeiten]

Zunächst sind evtl. Angehörige betroffen, die fast automatisch in eine zwickmühlenartige Situation geraten: sie fühlen sich zurückgestoßen und erleben widersprüchliche Gefühle. Sie empfinden gleichzeitig Verärgerung und Mitleid - sie geraten in einen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt. Zweitens ruft die Abwehr der eigenen Verantwortung durch die betreffende Person aber auch Feindseligkeit hervor: Die ständige Klagen, wer oder was verhindert hat, die vorgenommenen Arbeiten nicht oder nur teilweise erledigen zu können, verstehen Angehörige häufig als Anklagen. Das verärgert Angehörige, die sowieso bereits viel tun und aushalten. Drittens wirkt es als Appell: Die geäußerte Verzweiflung und Hilflosigkeit des Messies wecken beim Partner oft starkes Mitgefühl und Anteilnahme. Erforderlich wird hier Abgrenzung. Es ist eine Entlastung für Angehörige, wenn der Messie selbst nach Veränderungsmöglichkeiten sucht. Zum Beispiel, wenn er eine Therapie beginnt oder in eine Selbsthilfegruppe geht.

Für das Messie-Syndrom gibt es verschiedene Therapieansätze. "Eine Kombination aus Unterstützung der Angehörigen und einer kognitiven Verhaltenstherapie, in der über die Gründe und Ursachen gesprochen wird, in der aber auch Verhaltensformen festgelegt werden, kann gute Erfolge erzielen", meint Gisela Steins. "Auf keinen Fall darf dem Messie aber alles abgenommen werden. Das führt zu starken Abwehrreaktionen und er fällt wieder in sein altes Verhaltensschema zurück."

Literatur[Bearbeiten]

  • Albrecht, G.; Specht, T.; Goergen, G.; Großkopf, H: Lebensläufe. Von der Armut zur „Nichtseßhaftigkeit" oder wie man ,,Nichtseßhafte" macht. Bielefeld, Verlag Soziale Hilfe. 1990.
  • Arnd Barocka u. a.: Die Wohnung als Müllhalde, in: MMW – Fortschritte der Medizin 45 2004. (Als PDF 138KB, bei Klinik Hohe Mark
  • Peter Dettmering, R. Pastenacci: Das Vermüllungssyndrom – Theorie und Praxis. Verlag Dietmar Klotz 4. Aufl. 2004; Dettmering, 1984
  • Sandra Felton: Neuer Mut im Alltag-Chaos. Wie Messies einander helfen können. Moers: Brendow, 1999 - nach eigenen Angaben selbst jahrelang Messie –
  • K. Gerlicher, J. Jungmann, J. Schweitzer (Hrsg.): Dissozialität und Familie. verlag modernes lernen, Dortmund, 1986. Specht und Schweizer: 1987
  • Werner Gross: Messie-Syndrom. Löcher in der Seele stopfen, Deutsches Ärzteblatt September 2002 online in aerzteblatt.de, 2002.
  • Barbara Lath: Leitfaden für den Umgang mit Chaos-Wohnungen, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-88074-479-3.
  • Alfred Pritz (Hrsg): Das Messie-Syndrom: Phänomen - Diagnostik - Therapie. Springer Verlag, 2009. ISBN 3-211-76519-0
  • Rainer Rehberger: Messies – Sucht und Zwang. Psychodynamik und Behandlung bei Messie-Syndrom und Zwangsstörung. Klett-Cotta, 2007. ISBN 978-3-608-89049-5.
  • Dieter Rössner: Erlernte Hilflosigkeit und Soziales Training. Ein kriminologischer Beitrag zur Theorie sozialer Arbeit. In: Justizminister Baden-Württemberg (Hrsg.): Soziales Training und Sozialarbeit, Stuttgart 1983, S. 5-29. Rössner: 1973
  • Eva S. Roth: Das Messie-Handbuch – Unordnung, Desorganisation, chaotisches Verhalten – Beschreibung und Ursachen, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-88074-471-8.
  • Saxena S, Maidment KM u. a: Obsessive-compulsive hoarding: symptom severity and response to multimodal treatment. J Clin Psychiatry. 2002 63:21-7. (engl.)
  • Gisela Steins: Untersuchungen zur Deskription einer Desorganisationsproblematik. Was verbirgt sich hinter dem Phänomen Messie?, in: Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, 2000;48:Heft 3:266–179
  • Gisela Steins: Das Messie-Phänomen. Verlag: Pabst, 2003. 132 Seiten. ISBN 3-89967-009-4
  • Annina Wettstein: Messies. Alltag zwischen Chaos und Ordnung, Zürich, 2005, ISBN 3-908784-03-4

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]


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(Stand: 29. März 2009)