Symbolsprache Sterbender

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Die Symbolsprache ist eine verbale Ausdrucksform. Die inhaltliche Aussage hat dabei symbolhaften Charakter (Symbol = Sinnbild, bildhaftes Zeichen), ist also nicht wörtlich zu nehmen. Da sie häufig von Menschen verwendet wird, die kurz (d.h. wenige Tage bis Stunden) vor ihrem Tod stehen, wird sie oft nicht als solche erkannt, sondern der möglichen Desorientierung des Sterbenden zugeschrieben. Der dann als "verwirrt" eingestufte Kranke hat nicht mehr die Chance, wahrhaftig gehört zu werden und fühlt sich dadurch unverstanden und alleingelassen. Pflegende können solch ein Missverständnis unter Umständen rechtzeitig erkennen und sich gegebenenfalls auf Gespräche einlassen, die auf Außenstehende möglicherweise befremdlich wirken. Verunsicherte Angehörige werden unterstützt, wenn sie darauf hingewiesen werden, dass es sich hierbei um ein bekanntes Phänomen bei Sterbenden handelt, und wie damit umzugehen ist.

Symbolhafte Sprache, um Unsägliches mitteilen zu können[Bearbeiten]

Warum sich manche Sterbende in symbolischer Weise äußern, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden, denn sie selbst können darüber wissenschaftlich aus nachvollziehbaren Gründen nicht befragt werden. Vermutlich bewegen sich manche Sterbende zeitweilig auf einer spirituellen Ebene, die für das Gegenüber kaum erreichbar ist ("zwischen den Welten"). Dafür spricht, dass sich die unten aufgeführten Aussagen ähneln, unabhängig von Krankheit, Bildungsgrad, sozialer Schicht und Aufenthaltsort (eigene Wohnung, Klinik, Pflegeheim, Stationäres Hospiz), und dass die dahinterstehenden Worte, wie Tod und Sterben, nicht ausgesprochen werden. Es scheint sich dabei um eine Art Schutzmechanismus zu handeln, der die seelische Schmerzhaftigkeit des Sterbeprozesses abfedert und die unsäglichen Tabuthemen mitteilbar macht.

Beispiele für symbolhafte Sprache[Bearbeiten]

  • - "Bald werde ich auf eine lange Reise (auch: Weltreise) gehen" - wird oft fehlinterpretiert als mangelnde oder nicht vorhandene Einsicht des Patienten in seine auswegslose Situation.
  • - "Ich muss jetzt meinen Koffer packen", "Gleich werde ich abgeholt", "Ich muss mich beeilen, um den Zug/den Bus noch zu erreichen"; "Meine Schuhe müssen dringend neu besohlt werden"
  • - "Wenn ich erst wieder zuhause bin, ist alles gut", "Rufen Sie ein Taxi, ich muss jetzt nach Hause" - wird auch von Menschen geäußert, die sich im eigenen Zuhause befinden.
  • - "Man hat mir mein Geld (auch: Auto/Hemd u.ä.) gestohlen", "Holen Sie die Polizei"

Umdeutung[Bearbeiten]

In symbolhaften Äußerungen Sterbender finden sich vielfältige Bilder, die nicht nur eindeutig zu interpretieren sind und zum Teil in Zusammenhang mit dem biographischen Hintergrund gebracht werden müssen.[1]

Mit der Reise ist häufig die letzte Reise, also der Tod, gemeint. Der Patient befindet sich somit in einer Aufbruchsstimmung, die sich oft mit gleichzeitig einhergehender motorischer Unruhe äußert ("Reisefieber"). Das Kofferpacken, Aufräumen oder das Suchen nach etwas Fehlendem sind Dinge, die eventuell noch erledigt werden müssen, neue Sohlen werden gebraucht für den langen Weg.

Das Zuhause bedeutet einen Ort, der Geborgenheit verspricht. Nach Hause gehen, also heimgehen, meint sterben.

Gestohlenene Gegenstände deuten darauf hin, dass sich der Sterbende tatsächlich um sein Leben gebracht sieht, seine Existenz wird ihm genommen. Der Ruf nach der Polizei ist als Hilferuf nach letzter Rettung zu verstehen. Hier muss unter Umständen aber zunächst festgestellt werden, ob nicht doch ein reales (Eigentums-) Delikt vorliegt.

Antworten auf Symbolsprache[Bearbeiten]

Die Symbolebene sollte bei einer Antwort nicht verlassen werden, um den Kranken in seiner Welt zu erreichen und zu vermitteln, dass man ihn zu verstehen sucht. Am einfachsten ist, seine Aussagen in anderen Worten zu wiederholen ("spiegeln"). Versucht man hingegen auf die reale Ebene zu gehen, wird dies abgewehrt und der Sterbende fühlt sich unverstanden und alleingelassen, auch wenn er nicht allein ist.

Beispiele für die Reise: "Sie möchten jetzt aufbrechen.", "Sind Sie wegen der Reise jetzt angespannt, aufgeregt, ängstlich oder sehen Sie dem gelassen entgegen?", "Was erhoffen Sie sich von der Reise?", "Kann ich beim Vorbereiten behilflich sein?" Das Bestätigen macht Mut, sich weiter zu äußern. Die Fragen erlauben, dass der Patient etwas von seinen Ängsten oder Hoffnungen preisgeben kann, ohne die Worte Tod und Sterben benutzen zu müssen. Daher soll auch sein Gegenüber diese Worte nicht unbedingt verwenden, damit wäre das Gespräch möglicherweise sofort beendet. Es geht nicht um die Übersetzung eines Codes, sondern um echtes Zuhören und Anteilnahme.[2]

Beispiele für Zuhause: "Zuhause fühlen Sie sich geborgen.", "Wie weit ist es denn bis zu Ihrem Zuhause?", "Ist dort jemand, der Sie erwartet?" Gerade die letzte Frage führt oft dazu, dass der Kranke Personen nennt, die schon längst verstorben sind.

Ganz eintauchen in die Welt der Sterbenden können wir durch die Anwendung dieses Prinzips nicht, aber wir signalisieren damit, dass wir erkennen, wo sich der Kranke befindet und wir ihn dort lassen können, damit er seinen Weg begleitet zu Ende gehen kann.

Eine symbolhafte Aussage zur Sterbebegleitung[Bearbeiten]

Was Sterbebegleitung ist, lässt sich bildhaft so darstellen: Der Reisende (= der Sterbende) wird vom Gastgeber (= u.a. Angehörige, Pflegepersonal, Arzt) zum Bahnsteig (= Ort der Abreise = Tod) begleitet, ihm wird beim Tragen des Koffers (= Last/Schmerz/Leid) geholfen (= seelischer Beistand, Schmerzlinderung u.ä.). Der Gastgeber bringt den Koffer vielleicht noch bis ins Abteil, aber dann muss er sich verabschieden und aussteigen, während der Reisende im Zug bleibt und abfährt. Der Gastgeber kann noch ein Stück am Bahnsteig mitgehen und hinterherwinken, aber Mitfahren ist nicht möglich ...

Literatur[Bearbeiten]

  • Stephan Kostrzewa, Marion Kutzner: Was wir noch tun können! Basale Stimulation in der Sterbebegleitung. Hans Huber, Bern 2013 ISBN 978-3-456-85252-2
  • Elisabeth Kübler-Ross: Verstehen, was Sterbende sagen wollen. Droemer Knaur, Oktober 2004. ISBN 3-426-77757-6
  • S. Kränzle, U. Schmid, C. Seeger: Palliative Care, Springer Medizin Verlag Heidelberg, 3. Auflage 2010; ISBN 978-3-642-01324-9
  • Ursula Pfäfflin: Narrative Ansätze in Therapie und Theologie. In: Wege zum Menschen, 1995
  • Hans-Christoph Piper: Gespräche mit Sterbenden. Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 1977 ISBN 3-525-62163-9

Weblink[Bearbeiten]

siehe auch[Bearbeiten]

Ansätze für ein Aufklärungsgespräch mit unheilbar Kranken
Hospiz
Kommunikation
Palliativstation
Palliative Care
Palliative Pflege
Wahrheit am Krankenbett

Belege[Bearbeiten]

  1. * Ärztekammer Niedersachsen (Hrsg.): Lasst mich..., aber lasst mich nicht allein! Seelsorge in einem palliativmedizinischen Modellprojekt. Lutherisches Verlagshaus GmbH, Hannover 2003; S. 124-125
  2. Hubertus Kayser, Karin Kieseritzky, Hans-Bernd Sittig (Hrsg.): Kursbuch Palliative Care. Angewandte Palliativmedizin und -pflege. UNI-MED Science, 2009; S. 330 ISBN 978-3-8374-1080-8