Strukturierte Informationssammlung

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Die Strukturierte Informationssammlung (SIS) bildet innerhalb des neuentwickelten Pflege-Entbürokratisierungsmodells den Einstieg in den Pflegeprozess. Mithilfe von vier Elementen sollen pflegerelevante Aspekte innerhalb eines Person-zentrierten Ansatzes dargestellt werden, so dass eine schnelle Orientierung über die Situation des Pflegebedürftigen ermöglicht wird. Pflegerelevante Risikofaktoren fließen hierbei mit ein.

Mit der Einführung der Strukturierten Informationssammlung soll ein Paradigmenwechsel in der Langzeitpflege vollzogen werden: weg von den Pflegemodellen ATL und AEDL, hin zur sogenannten Person-zentrierten Pflege.

Ablösung von Pflegemodellen[Bearbeiten]

Viele Dokumentationssysteme beruhen auf dem ATL- oder AEDL-Modell, das die gesamte Struktur der Pflegeplanung bestimmt. Die SIS dagegen hat den Anspruch, vom Aufnahmezeitpunkt an die Individualität und Selbstbestimmung des Pflegebedürftigen zu stärken und orientiert sich daher an dessen eigenen Wahrnehmungen und Erwartungen.

Elemente der Strukturierten Informationssammlung[Bearbeiten]

Das SIS-System besteht aus den vier Elementen A, B, C1 und C2:

  1. A: Stammdaten
  2. B: Erst- oder Aufnahmegespräch mit Leitfragen im Sinne der Person-Zentrierten Pflege
  3. C1: Pflegerelevante Kontextkategorien
  4. C2: Pflegesensitive Risiken und Phänomene.

Element B: Situationserfassung aus Sicht des Pflegebedürftigen[Bearbeiten]

Mit der Strukturierten Informationssammlung sollen vor allem die Vorstellungen des Pflegeempfängers erfasst werden (Person-Zentrierung). Dies geschieht anhand von Einstiegs- oder Leitfragen, wobei die pflegebedürftige Person aus ihrer Sicht schildert, weshalb sie Leistungen des ambulanten Pflegedienstes oder der stationären Pflegeeinrichtung benötigt und welche Erwartungen mit der Inanspruchnahme der Dienstleistung verbunden wird.
Fragen, die ein Gespräch einleiten können sind zum Beispiel:"Welchen Unterstützungsbedarf haben Sie aus ihrer Sicht? Wie können wir Ihnen helfen?" Die Antworten bzw. Schilderungen werden wortwörtlich und ohne Interpretation dokumentiert.

Element C1: Pflegerelevante Kontextkategorien[Bearbeiten]

Die Informationen, die mit dem Element B erfasst wurden, werden mit den pflegefachlichen Beobachtungen und Einschätzungen abgeglichen, welche sich auf fünf wissenschaftsbasierte Themenfelder beziehen. Diese pflegerelevante Kontextkategorien genannten Themenfelder lehnen sich an die Assessmentmodule des Neuen Begutachtungsassessment (NBA) an:[1][2]

  1. Kognition und Kommunikation (NBA: Kognitive und kommunikative Fähigkeiten)
  2. Mobilität und Bewegung
  3. krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen (NBA: Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen)
  4. Selbstversorgung
  5. Leben in sozialen Beziehungen (NBA: Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte)

Für die ambulante Pflege kommt als weitere relevante Kontextkategorie Haushaltsführung hinzu.
Die NBA-Module Verhaltensweisen und psychische Problemlagen und Außerhäusliche Aktivitäten werden im SIS-System nicht berücksichtigt.

Element C2: Risikomatrix[Bearbeiten]

Pflegesensitive Risiken und Phänomene werden anhand eines Ankreuzverfahrens ermittelt und eingeschätzt. Diese Risikomatrix verbindet das Initial- mit dem Differentialassessment

Zu den Risiken gehören:

Kritik[Bearbeiten]

SIS[Bearbeiten]

Monika Krohwinkel befürchtet, dass es bei Anwendung des SIS-Systems zu einer "Ausdünnung des Pflegekonzepts" kommt. Einige pflegerelevante Aspekte würden gar nicht oder nur ungenügend berücksichtigt, wie zum Beispiel Bezugspersonen des Pflegebedürftigen oder die Themenfelder Schlafen, ruhen, entspannen und Sich beschäftigen, lernen, entwicklen, welche insbesondere in der stationären Langzeitpflege von Bedeutung seien. Außerdem kritisiert sie, dass die aktualisierten Fassungen des AEDL-Modells außer Acht gelassen wurden: Inzwischen ist das ursprüngliche Strukturierungsmodell zum ABEDL-Modell weiterentwickelt und um entsprechende Assessment- und Diagnoseinstrumente erweitert worden, die schon seit mehreren Jahren personenzentriert und förderungsorientiert ausgerichtet seien.[3]

Nach dem Praxistest des SIS-Systems wurde unter anderem festgestellt: "Der Paradigmenwechsel hin zu einer Perspektive der Person-Zentrierung mit narrativen Elementen in der SIS war eine Herausforderung für alle Beteiligten."[4]

Schulungsaufwand[Bearbeiten]

Ein Paradigmenwechsel würde nicht nur einen speziellen Schulungsbedarf und erhebliche Änderungen (bzw. den kompletten Austausch) bestehender Dokumentationssysteme erfordern, sondern auch entsprechende Anpassungen im Qualitätsmanagement sowie klare und verbindliche Regelungen, die den ausführenden Pflegekräften rechtliche Sicherheit bieten. Auch die Ausbildung müsste bezogen auf das neue Strukturmodell und Dokumentationsverfahren ausgerichtet werden.

Risikoeinschätzung[Bearbeiten]

In wie weit die Nationalen Expertenstandards des DNQP miteinbezogen werden, ist anhand der bisherigen Veröffentlichungen nicht nachzuvollziehen. Bei genauer Analyse des Initialassessments wird deutlich, dass unterschiedliche Dimensionen der Risikoeinschätzung, welche in den Expertenstandards empfohlen werden, sich nicht in der Risikomatix wieder finden lassen.[5][6]

  • Validität und Reliabilität der Risikoeinschätzung stehen noch aus.
  • Der Informationsgehalt bei der Betrachtung der Einschätzungsergebnisse ist aus Sicht der Pflegepraxis zu testen. Die Einschätzungskriterien sind sehr abstrakte Kernkonzepte.
  • Die Eindeutigkeit ist durch die "und/oder"-Aufzählungen eingeschränkt.
  • Die Entwicklung der Matrix ist nicht nachvollziehbar.
  • Die Kompatibilität mit den Expertenstandards ist fraglich.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Projekt „Praktische Anwendung des Strukturmodells - Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation in der ambulanten und stationären Langzeitpflege“ - Abschlussbericht. 2014, S.10; auf www.bmg.bund.de, abgerufen am 16. August 2014
  2. Das neue Begutachtungsassessment zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit. 2008, S. 22; auf www.mds-ev.org, abgerufen am 16. August 2014
  3. Monika Krohwinkel: Neues Modell engt Denken ein. In: Die Schwester Der Pfleger. Ausgabe 7, 2014
  4. Projekt „Praktische Anwendung des Strukturmodells - Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation in der ambulanten und stationären Langzeitpflege“ - Abschlussbericht. 2014, S.47; auf www.bmg.bund.de, abgerufen am 16. August 2014
  5. Beikirch et al. (2014a): Projekt „Praktische Anwendung des Strukturmodells - Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation in der ambulanten und stationären Langzeitpflege“ Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. (BAGFW) und dem Bundesverband Privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa) In: Bundesministerium für Gesundheit (ed.). download: http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Downloads/E/Entbuerokratisierung/Abschlussbericht_und_Anlagen__fin20140415_sicher.pdf.
  6. Beikirch et al. 2014b. Anlageband zum Abschlussbericht. download 2014 http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Downloads/E/Entbuerokratisierung/20140415_Anlagenband_fin_sicher_EB.pdf.