Spenderkonditionierung

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Die Spenderkonditionierung, auch organprotektive Intensivtherapie, ist die Aufrechterhaltung der Atmung und des Herz-Kreislauf-Systems bei einem als hirntot eingestuften Patienten, dessen Organe zum Zweck der Transplantation in optimalem Zustand erhalten bleiben sollen. Der potentielle Organspender wird dazu bis zur Explantation weitgehend wie ein anderer Intensivpatient medizinisch und pflegerisch überwacht und versorgt. Komplikationen, die aufgrund pathophysiologischer Veränderungen nach dem Hirnversagen eintreten, werden schnell erkannt und therapiert.

Mögliche Komplikationen[Bearbeiten]

Nach Hirnversagen kann es zu einer Reihe von pathophysiologischen Veränderungen kommen, die ohne intensivmedizische Interventionen in der Regel nach wenigen Tagen zum Herz-Kreislauf-Stillstand und Multiorganversagen führen.[1] Dadurch könnten die Organe nicht mehr für eine Transplantation verwendet werden. Zu diesen Komplikationen zählen beispielsweise Diabetes insipidus centralis, kardiovaskuläre Veränderungen wie die arterielle Hypotonie, Störungen im Elektrolythaushalt, Hyperglykämie (erhöhter Blutzuckerspiegel, der in zwei Dritteln der Fälle insulinresistent ist), Ausfall der hypothalamischen Temperaturregulation und pulmonale Veränderungen.

Überwachung, Therapie und Pflege[Bearbeiten]

Das Ziel während dieser instabilen Phase ist die optimale Vorbereitung des Organspenders auf die Explantation unter Sicherstellung einer würdevollen Pflege und Betreuung der Angehörigen des Organspenders. Dessen Kreislauf, Respiration, Blutzucker und Elektrolythaushalt bedürfen stetiger Überwachung; alle Parameter sollen soweit stabil gehalten werden, dass die spendefähigen Organe weiterhin funktionstüchtig bleiben. Dazu gehört die zum Teil stündliche Kontrolle

  • des arteriellen Blutdrucks
  • des ZVD, ggf. Pulse Arrythmia Detection (PAD) mittels Pulmonaliskatheter oder PiCCO bei hohem Katecholaminbedarf zur Steuerung der Katecholamintherapie
  • der Pulsoxymetrie zur Kontrolle der kontinuierlichen Sauerstoffsättigung
  • der Temperatur
  • der Bilanzierung der Diurese
  • des Blutzuckers
  • der Laborwerte: u.a. Elektrolyte, Serum- und Urinosmolarität, Blutbild, Gerinnungswerte, Kreatinin, Harnstoff, Transaminasen, AP, LDH, alkalische Phosphatase, Bilirubin, Gesamteiweiß, Albumin, Laktat, Amylase Lipase, CK/CKMB, Troponin T oder I

Im Gegensatz zur Behandlung von Intensivpatienten mit Aussicht auf Genesung findet beim potentiellen Organspender keine Physiotherapie statt. Die Durchführung vorbeugender Maßnahmen (beispielsweise zur Dekubitusprophylaxe) tritt in den Hintergrund, wenn sie die Kreislaufstabilität gefährdet.

Pflegerische Versorgung[Bearbeiten]

Die Aufgaben der Pflege beziehen sich auf Unterstützung und Assistenz bei den weiterhin nötigen Untersuchungen und organisatorische Tätigkeiten im Rahmen der Spendervorbereitung und Pflegetätigkeiten wie

  • Regulierung der Körpertemperatur Temperaturregulation: Die Patiententemperatur orientiert sich an der Umgebungstemperatur, es kommt zur Hypothermie (Auskühlung). Durch aktive Wärmezufuhr (De­cken, Bair Hugger®) wird die Körpertemperatur des Organspenders auf mindestens 35° C gehalten, was durch regelmäßige Messungen kontrolliert wird.
  • Durchführung einer angepassten basalen enteralen Ernährung, die die Erhaltung der Funktionen des Magen-Darm-Traktes fördert.
  • Sicherstellung des Gasaustausches: Durchführung stündlicher Blutgaskontrollen; Lagerungs- und Sekretmanagement je nach Symptomatik des Organspenders. Eine hygienisch einwandfreie Bronchialtoilette, die optimale Beatmungseinstellung und die adäquate Befeuchtung des Atemgases sind von entscheidender Bedeutung für die Qualität der Lungen und deren Transplantationsqualität.
  • Überwachung des Elektrolythaushaltes: Stundenharnbilanzierung, Volumenstatus, evtl. Bestimmung der Harnosmolalität, Durchführung von Infusionen

Bei der Körperpflege sind mögliche Beeinträchtigungen der Hämodynamik und der Beatmungssituation zu berücksichtigen. Die Thromboseprophylaxe ist wegen der absoluten Immobilität nur eingeschränkt möglich. Zur Lagerung wird eine Flachlagerung empfohlen, die den venösen Rückstrom zum Herzen verbessert; bei Lageveränderungen muss mit deutlichen vegetativen Entgleisungen gerechnet werden, wie beispielsweise Anstieg von Puls und Blutdruck.

Psychische Belastungen der Angehörigen und des betreuenden Teams[Bearbeiten]

Angehörige[Bearbeiten]

Angehörige sind in Bezug auf den für tot erklärten Organspender oft verunsichert, da ihre Beobachtungen nicht mit ihren Vorstellungen vom Tod und einem Toten übereinstimmen. Sie empfinden es als schwierig, den rechten Zeitpunkt zum Abschiednehmen zu wählen und finden nicht die dazu benötigte Ruhe und Ungestörtheit, da die auf Organerhaltung abgestimmte Behandlung stetige Aktivitäten seitens des Personals erfordert: Der Organspender wird gewaschen, abgesaugt, umgelagert, erhält Medikamente sowie Infusionen und wird von Geräten überwacht, doch Untersuchung, Behandlung und Pflege dienen nicht mehr dem vertrauten Familienmitglied, sondern dem 'fremden' Organempfänger. Die Wartezeit, die von der Hirntoddiagnostik bis zur Organentnahme vergeht, wird als belastend empfunden, ebenso die Vorstellung über die Geschehnisse während dieser Zeit. Als hilfreich wird von Angehörigen umfassende Information seitens neutraler Mitarbeiter empfunden.[2]

Betreuendes Team[Bearbeiten]

Die Vorbereitung zur Organspende ist aufwändig und bedeutet eine menschliche, organisatorische und fachliche Herausforderung. Mitarbeiter von Intensivstationen haben oftmals eine prinzipiell positive Einstellung zur Organspende, fühlen sich Umfragen zufolge in der Praxis aber einer hohen emotionalen Belastung ausgesetzt, insbesondere durch die Versorgung des Organspenders und die Betreuung der Angehörigen. Diese Belastung ergibt sich vor allem, wenn sich nach der Aufnahme von Unfallopfern (oder anderen Patienten mit schweren, nicht traumatischen Hirnblutungen) eine vertrauensvolle Atmosphäre entwickelt hat. Die durch die akute Situation existentiell getroffenen Angehörigen sind oft völlig überfordert. Die zwischen ihnen und dem ärztlichen Personal auch als Vermittler agierenden Pflegekräfte müssen daher ausgleichend, beruhigend und tröstend handeln und dabei sachlich informieren können.

Die pflegerische Versorgung eines Organspenders stellt eine Herausforderung an die individuellen Sichtweisen auf die herrschende Ethik dar. Intuitiv wird der Hirntote als lebendig empfunden:[3] Die sichtbaren Todeszeichen wie Totenflecken, Muskelstarre und ein Herz-Kreislaufstillstand fehlen, dagegen ist der Patient durchblutet und fühlt sich warm an, vereinzelt sind Bewegungen der Extremitäten und des Rumpfes zu beobachten. Die Definition des Hirntodes wird deshalb eventuell angezweifelt und die Frage gestellt, ob hier womöglich ein Sterbeprozess künstlich verlängert wird.

Es können außerdem Gewissenskonflikte entstehen, wenn gleichzeitig die Betreuung anderer, lebender Patienten mit Chance auf Stabilisierung, zu kurz kommt.

Eine Studie am Universitätsklinikum Regensburg (2005) ließ erkennen, „dass die angegebene psychische Belastung mit steigender Berufserfahrung nicht ab-, sondern tendenziell zunimmt.“ Fazit der Studie ist, dass es keinen „Routineeffekt“ gibt, dagegen aber Informationsdefizite empfunden werden, was sich in dem Wunsch nach mehr Schulung und Fortbildung ausdrückt.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Marco Gruß, Michael Bernhard, Markus A. Weigand: Intensivtherapie des Organspenders. Intensivmedizin up2date; 06/2010; DOI Allgemeine Prinzipien der Intensivmedizin; VNR 2760512010047432007
  • W. Pothmann, B. Füllekrug: Spenderkonditionierung. In: Intensivmedizin 2. Auflage (S. 1477-1483); Herausgeber: H. Van Aken; G. Thieme Verlag, Stuttgart, 2007; ISBN 978-3-13-114872-8
  • Theda Rehbock: Menschenwürde auf der Intensivstation - ist das überhaupt möglich? In: Praxisbuch Ethik in der Intensivmedizin. (Hrsg. Fred Salomon), Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2009 ISBN 978-3-941468-03-0

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "70–80 % aller Hirntoten versterben innerhalb von 3–5 Tagen an Multiorganversagen und Herz-Kreislaufstillstand." Zitiert aus: Sinner, Graf: Anaesthesie zur Organentnahme, in Der Anästhesist 6 2002, (Anaesthesist 2002 · 51: 493–513 DOI 10.1007/s00101-002-0350-5) [45, 47]; S. 500
  2. Kalitzkus 2009, S. 55-79
  3. A.Zieger: Medizinisches Wissen und Deutung in der 'Beziehungsmedizin' - Konsequenzen für Transplantationsmedizin und Gesellschaft. In: Manzei, A., & W. Schneider (Hrsg.): Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis. Agenda Verlag, Münster 2006, S. 157-181; online: [1] S.4], abgerufen am 07. Juni 2012
  4. Th. Bein et al.: Hirntodbestimmung und Betreuung des Organspenders: Eine Herausforderung für die Intensivmedizin. Dtsch. Ärztebl 2005; 102(5): A-278 / B-226 / C-213