Sinn finden im Werden, Sein, Vergehen

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Sinn finden im Werden, Sein, Vergehen ist nach Liliane Juchli eine der Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL), die sich in erster Linie mit der geistig-seelischen und – im weiteren Sinne – spirituellen Dimension des menschlichen Daseins befassen. Auch andere Pflegetheoretikerinnen wie Monika Krohwinkel, Virginia Henderson und Nancy Roper befassten sich unter anderen Überschriften mit dieser Thematik.

Sinn-Findung setzt Sinn-Suche voraus, daher ist diese „Aktivität“ meist in Verbindung mit einer Lebensbilanz zu sehen, wie sie in Krisenzeiten oft erfolgt. Diese Krise kann eine Krankheit sein, durch Arbeitslosigkeit oder eine Trennung ausgelöst werden, aber auch aus der Ahnung um den bevorstehenden Tod entstehen.

Sinn im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit[Bearbeiten]

Sinn finden ist eine fast alltägliche Sache, die aber häufig unbewusst geschieht. Der Mensch definiert sich zumeist über sein Handeln (Leistung), seinen Besitz, seine äussere Erscheinung und über die Anerkennung, die Erfolg , Schönheit und Eigentum mit sich bringen. Eine erfolgreiche Persönlichkeit spiegelt sich nach weitverbreiteter Ansicht vor allem in Bekanntheit (Prominenz), Macht und Reichtum. Leistung aber ist abhängig von Handlungsfähigkeit. Handlungsfähigkeit wiederum ist abhängig von der Gesundheit, ebenso äusserliche Schönheit (nach den gängigen Maßstäben).

Ist die Gesundheit beeinträchtigt, wird dies als Angriff auf die bisher als selbstverständlich erlebte Autonomie empfunden. Das Selbstbild ist beschädigt, und je weiter eine Krankheit fortschreitet, desto dringlicher wird die Suche nach Werten im eigenen Leben, die nicht abhängig sind vom intakten „Äusserem“.

Primäres pflegerisches Interesse[Bearbeiten]

Das primäre pflegerische Interesse sollte darauf ausgerichtet sein, eine Atmosphäre der Zugewandtheit zu schaffen, in der der Patient sich „öffnen“ mag.

Die eigene Einstellung der Pflegekraft zu Leben, Lebenssinn und Tod kann dabei eine Rolle spielen. Eine Krise oder ein Konflikt sollte nicht um jeden Preis verhindert werden, sondern als Möglichkeit der persönlichen Weiterentwicklung betrachtet werden. Wichtig ist die Authentizität (Echtheit, Zuverlässigkeit, Wahrhaftigkeit) der Pflegenden in Verbindung mit Professionalität, damit eine vertrauensvolle Zusammenarbeit entstehen kann.

Dabei spielt das Zulassen und Aushalten der Fragen nach Sinnhaftigkeit von Leid eine große Rolle, ohne eine Lösung parat zu haben. Menschen in einer Krise möchten oft einfach ihre Empfindungen, Sorgen und Ängste aussprechen dürfen, ohne gleich mit Themenwechsel oder Floskeln "mundtot" gemacht zu werden. Floskeln (wie z.B. "Machen Sie sich doch nicht solche Gedanken, es wird schon wieder werden") als Antwort sind eine Ausflucht, sie signalisieren die eigene Hilflosigkeit und sollten vermieden werden, da sie den Fragenden in seiner Not nicht ernst nehmen und allein lassen. Weitere, evtl. tiefergehende Äußerungen des Patienten werden damit womöglich unterbunden, eine echte Begleitung kann nicht stattfinden.

Beobachtungsaufgaben, Krankenbeobachtung[Bearbeiten]

Die Wahrnehmung der nicht immer deutlich geäusserten Nöte des Patienten bezüglich der Sinnfindung ist die wichtigste Aufgabe in diesem Bereich. Auffälliges Verhalten oder scheinbar banale Aussagen können wichtige Hinweise auf den geistig-seelischen Zustand des Patienten liefern. Beispiele:

  • Der Patient umgibt sich mit vielen – für ihn oder allgemein wertvollen – Gegenständen (Hinweis auf: „Ich bin, weil ich besitze“).
  • Der Patient äussert, dass er sich langweilt; erzählt von früheren Aktivitäten (Hinweis auf: „Ich bin, weil ich etwas tue).
  • Die Aussage: „Ich bin ja doch zu nichts mehr zu gebrauchen“ ist ein deutlicher Hinweis auf die Einstellung “Nur wer etwas leisten kann, führt ein sinnvolles Leben“.

Hilfreich zur Einschätzung können auch die Beobachtungen von Kübler Ross sein. Die Sterbephasen nach Kübler Ross sind nicht nur im Hinblick auf das Sterben zu betrachten, sondern treffen auch auf andere Trennungs- oder Abschiedsphasen zu.

Pflegerische Ziele[Bearbeiten]

Allgemeine Ziele sind

  • die weitestgehende Erhaltung der Selbstständigkeit,
  • die Förderung des Wohlbefindens (was aber eine gewisse Konfliktbereitschaft nicht ausschliessen muss),
  • die weitestgehende Akzeptanz der Veränderung(en) und
  • die Einbindung (Integration) der Veränderung(en) in das weitere Leben.

Je nachdem, ob es um Lebenssinn, Ziele, Sinnkrise, Umzug ins Heim, schwere (lebensbedrohliche) Erkrankung oder Sterben geht, können die Zielformulierungen im Einzelnen unterschiedlich ausfallen. (Vgl. hierzu den Artikel Pflege eines sterbenden Menschen, dort findet sich ein Muster für Pflegeplanung in dieser Situation. Das ist und will kein Standardpflegeplan sein, aber eine Hilfe bei der Überlegung, was sich vorweg einplanen lässt.)

Pflegerische Hilfeleistung und Unterstützungmöglichkeiten[Bearbeiten]

  • die Unterstützung durch Gespräche
  • Vermittlung hilfreicher Personen (Ehrenamtliche, Seelsorger, Psychologen)
  • Vermittlung zwischen Patient und Arzt/Therapeut, Patient und Angehörigen
  • passende Literaturangebote
  • Möglichkeiten zur Ausübung religiöser Betätigung schaffen/vermitteln

Dabei sollte berücksichtigt werden, dass Verletzungen seelischer Art oft nicht sofort erkennbar sind und manche Menschen nicht darüber sprechen mögen. Der gepflegten Person soll auch signalisiert werden, dass wir sie in jedem Fall in ihrer Persönlichkeit respektieren (im Sinne einer unbedingten Wertschätzung); d.h. unser Respekt ihr gegenüber ist nicht von einer bestimmten Entscheidung abhängig .

Am Lebensende wird die Sterbebegleitung wichtig, die gemeinsam vom Sterbenden, seinen Angehörigen und vom therapeutischen Team organisiert werden soll.

Elemente aktivierender Pflege[Bearbeiten]

Darunter fallen in dieser ATL/ AEDL alle Angebote der intellektuellen oder sozialen Beschäftigung mit einem Konflikt-Thema von existentieller Bedeutung. Ob es zu einer erfolgreichen Bewältigung oder einer subjektiven Niederlage kommt, lässt sich nicht im Vorhinein vorhersagen oder gar sicherstellen. Die Möglichkeit einer persönlichen Weiterentwicklung wird dadurch offen gehalten.

Pflegedokumentation[Bearbeiten]

  • Gesprächsinhalte müssen nicht dokumentiert werden; oft genügt es, die Dauer eines Gespräches festzuhalten. Wenn aber das Gesprächsergebnis von Bedeutung (relevant) für die weitere Pflege oder Therapie ist, muss es auf jeden Fall dokumentiert werden.

Pflegerische Arbeitsorganisation[Bearbeiten]

erfordert dabei insbesondere die Miteinbeziehung des Teams:

  • Bei erkennbar längerer Dauer eines Gesprächs sollte vorher mindestens ein anderes Teammitglied darüber informiert werden, dass man dazu eine möglichst ungestörte Atmosphäre benötigt. Dadurch werden Missverständnissse oder Schwierigkeiten bei Klingelruf vermieden, wenn die "Glocke" abgestellt wird, um den Gesprächsverlauf nicht durch Rufsignale akustisch zu stören. Präsenz als personale Qualität ist ein nicht zu unterschätzender Wert in der Pflege und sollte innerhalb des Teams auch als ‚‘Arbeitsleistung‘‘ anerkannt werden.

Mitwirken bei ärztlicher Diagnostik und Therapie[Bearbeiten]

besteht dabei insbesondere

  • aus der Vermittlung zwischen Patient und Therapeuten hinsichtlich der Ängste und Nöte des Kranken, der sich evtl. nicht selbst äussern kann oder mag (weil er sich z.B. grundsätzlich gegenüber Ärzten eingeschüchtert fühlt oder diese nicht "mit Banalitäten belästigen" möchte) oder kaum Gelegenheit zu einem Gespräch mit den behandelnden Ärzten bekommt
  • aus der Anwesenheit bei schwierigen Gesprächen (z.B. beim Aufklärungsgespräch, s.a. den Artikel Wahrheit am Krankenbett) oder während unangenehmer Untersuchungen

Siehe auch[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

  • Ulrike Grote: Was wenn der Tod uns scheidet? Episodenfilm, Deutschland, 2007, 87 Min. - das fragen sich sieben Menschen in einem Krankenhaus. Kamera: Ute Freund; Musik: Jörn Kux; Darsteller: Annedore Kleist, Eckhard Preuss, Janna Striebeck, Monica Bleibtreu, Naomi Krauss, Peter Jordan, Ulrich Noethen

Literatur[Bearbeiten]

  • Alle Pflegelehrbücher enthalten einen entsprechenden Abschnitt (= Basiswissen).
  • Klaus Besselmann, Christine Sowinski u. a. (Hrsg.): Qualitätshandbuch Wohnen im Heim - Wege zu einem selbstbestimmten und selbständigen Leben im Heim - Ein Handbuch zur internen Qualitätsentwicklung in den AEDL-Bereichen. Kuratorium deutsche Altershilfe, Köln 1997. (Abschnitt XIII über Umzug ins Heim – Sterben und Tod, S. 455 ff)
  • S. Benner-Wenig, A. Busch u. a. Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA): 1.600 Lit.angaben zur Pflegepraxis. Die 13 AEDL-Bereiche. Thema, kda, nr. 86, 1977-1991 aus 10 Zeitschriften, Bearbeitung 1993
  • Markus Maeder: Vom Herzchirurgen zum Fernfahrer. Der Spurwechsel des Dr. med. Markus Studer. Ein Bordbuch. Verlag Wörterseh, Gockhausen, ch, 2008. 232 Seiten. ISBN 978-3-03763-005-1 (Herzchirurg wechselt mit 57 Jahren freiwillig hinters Lenkrad, als LKW-Fernfahrer)
  • Michael Hampe: Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück. Carl Hanser Verlag, 2009. ISBN 978-3-446-23428-4
  • Terry Eagleton : Der Sinn des Lebens. List, 2010. ISBN 978-3-548-60943-0

Weitere Literatur zur Bedeutung der Biografie befindet sich nach Themenbereichen sortiert im Artikel Biografie-Büchersammlung

Weblinks[Bearbeiten]

  • generationenprojekt.de - ein Projekt zur Geschichtsschreibung "von unten": Lebenserinnerungen, Tagebuchnotizen und literarische Texte