Schattenseiten der Pflege

Aus PflegeWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Schattenseiten der Pflege

Nur selten wird erwähnt, was die Schattenseiten des Pflegeberufes sind, und wenn, dann in abgeschwächter Form. Dies geschieht meist aus dem pflegerischen Selbstverständnis heraus. Durch die medizinische Psychologie bzw medizinische Soziologie weiß man, dass es eine bestimmte Rollenverteilung in der Beziehung Patient-Helfer gibt. Somit wird vom Arzt zunächst einmal erwartet, dass er zu jeder Zeit und selbstlos hilft, im Gegenzug kommt ihm eine hohe gesellschaftliche Stellung zu. Der Patient hingegen macht von seinem Recht Gebrauch, aufgrund seiner Krankheitssituation einen Sonderstatus zu haben, der ihn aus den normalen Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft herausnimmt. Tatsächlich kann man Krankheit definieren als "Unfähigkeit, aufgrund eines körperlichen, geistigen oder seelischen Gebrechens seinen Bedürfnissen und Verpflichtungen nachzukommen". Kommt es dabei zum bewussten oder unbewussten Ausnutzen der Krankheitssituation, spricht man vom Krankheitsgewinn seitens des Patienten oder dem "falschen Helfersyndrom" seitens des Helfenden.

Man muss sich also klarmachen, dass ein solches Beziehungsgeflecht schon einmal nicht dem gängigen zwischen Erwachsenen entspricht. Akut ist eine Krankheitssituation immer eine Ausnahmesituation, und zwar für alle Beteiligten. Chronisch Kranke können zwar einen fast "normalen" Umgang mit ihrer Krankheit entwickeln, dennoch bleibt die Grundlage bestehen, die dafür sorgt, dass das Beziehungsgeflecht in bestimmten Situationen immer noch anders funktioniert als bei Gesunden. Tatsache ist, dass die Grundlage einer Patient-Helfer-Beziehung immer ein Problem ist. Ohne eine Einschränkung der Lebensqualität kommt es zu keiner Patienten-Helfer-Beziehung, der Helfende tritt also nie in Beziehung zum Patienten aufgrund von etwas, was positiv gewertet werden kann, sondern zunächst einmal wegen etwas Negativem.

Erst auf dieser Grundlage kann sich etwas Positives entwickeln statt auf einer positiven Grundlage wie Interesse, Sympathie oder Neugier, wie es bei anderen zwischenmenschlichen Beziehungen der Fall ist. Damit bleibt zunächst einmal ein Beigeschmack, den der Helfende nur dadurch kompensieren kann, dass er seine Sicht verändert. Der Preis dafür kann sein, dass er seine ursprüngliche Vermeidung vom Kontakt mit Krankheit eintauscht gegen "Abgebrühtheit", unter Umständen kommt es gar zu einer Reaktionsbildung. Der Helfende deutet dann also unter Umständen etwas vorerst (und wenn er ehrlich ist, auch weiterhin) als negativ Empfundenes zu etwas - größtenteils - Positivem um. Allemal begreift der Helfende irgendwann Krankheit als etwas "Normales" - da Alltägliches -, seine Wahrnehmung verschiebt sich also, all dies, da er in seiner existenziellen Abhängikeit - wie in jedem Beruf - der Situation nicht entkommen kann.

Der Helfende befindet sich unter einem extremen kognitiven Anpassungsdruck, da er das Erlebte, potenziert durch seine unangenehme Qualität und seine Unausweichlichkeit, mit dem eigenen, bisherigen Welt- und Selbstbild in Einklang bringen muss. Anzunehmen ist, dass dies sich naturgemäß auf möglichst angenehme Erfahrungen gründete. So kann das neu Erlebte also zunächst unvereinbar mit dem bisher Erfahrenen scheinen. Jedoch ist die neue Situation nicht vermeidbar, der Helfende ist ihr ausgeliefert, und dazu kommt, dass Hilfe kulturell bzw. moralisch sehr hoch gewertet wird, was den Konflikt verstärkt. Kognitiver Anpassungsdruck bedeutet also, dass eine Erfahrung mit anderen unter Umständen widersprechenden "unter einen Hut gebracht werden muss". Je größer der Widerspruch, die Unausweichlichkeit und die zugeordnete Bedeutung der einzelnen Komponenten, desto höher der kognitive Anpassungsdruck - also der Leistungsdruck des Geistes, damit klar zu kommen, es in ein Bild zu bringen: alte und neue Erfahrungen einander anzupassen.

Helfende laufen also Gefahr, eine Abhängigkeit zu Patienten zu entwickeln. Ist der Patient abhängig von den Helfenden, kann es sein, dass Helfende eine Coabhängigkeit entwickeln. Das Selbstverständnis von Ärzten als "Götter in Weiß" könnte so gewertet werden. Ein Helfersyndrom ist eigentlich eine offensichtliche Abhängigkeit, strenggenommen eine Sucht. Aber auch weniger offensichtliche Abhängigkeiten können sich entwickeln. Gerade, wenn der nötige Abstand zur Tätigkeit ausbleibt, was bei der heutigen Arbeitssituation beim Pflegenotstand und Unterbesetzung ausgeprägter ist als früher. Einmal erlernt, kommt Suchtverhalten immer zum Tragen, wenn eine Situation als nicht zu bewältigen eingestuft wird und dies aufgrund minderen Selbstwertgefühls sich nicht eingestanden werden kann.

Sucht bzw. Abhängigkeitserhalten bedeutet, "andere Wege" zu gehen und über das Befriedigen von Trieben oder Wünschen in der Situation das Erschreckende an der Situation zu kompensieren bzw. zu vermeiden. Sucht bedeutet auch immer Verleugnung. Sie bedeutet das Sich-Entfernen vom eigentlichen Selbst und das Ablehnen von Eigenverantwortung. Stattdessen kommt es zum Verantwortlichmachen anderer für das eigene Befinden, gerade durch eine erlernte Hilflosigkeit. Hieraus leiten sich dann gerade bei nichtstofflichen Süchten Ansprüche ab, deren Erfüllung der Wiederherstellung des eigenen Selbstwertgefühls dienen soll. Doch leider funktioniert das nicht, da dieses "Selbstwertgefühl" immer abhängig bleibt vom Handeln und der Reaktion Anderer. Bezogen auf den Patienten bedeutet dies, dass der Patient abhängig ist und der Helfende seinerseits mit Abhängigkeit reagiert.

Das Prinzip des - christlichen - "Gebens und Nehmens", was meistens das Grundmuster von Abhängigkeiten zwischen Menschen darstellt, wirkt sich hier so aus, dass der Helfende seinerseits erwartet, etwas vom Patienten zu bekommen. Und sei es, dass er das Leid des Helfenden nutzt, um sich seinen Kick zu verschaffen, indem er dieses Leid vermindert. In seinem Selbstwertgefühl ist der Helfende also unter Umständen abhängig vom Patienten. Dieses Geben und Nehmen funktioniert zwar einigermaßen - auch nicht immer - in anderen "gesunden" Beziehungen zwischen Menschen - wenn nicht, sind es keine gesunden -, aber durch die Krankheitssituation sind jene Regeln aufgehoben. Der Helfende bekommt also nicht das zurück, was er von einem Gesunden zurückbekommen würde. Frustration kann die Folge sein.

Zu verurteilen ist, dass genau dieses selbstschädigende Verhalten durchaus begrüßt wird. Suchtkranke tun so ziemlich alles dafür, ihre Sucht zu befriedigen. Sicher sind längst nicht alle Pflegenden suchtkrank, im nicht-stofflichen Sinn, aber die Gefahr besteht. Und Sucht ist letztlich durch das Unvermögen gekennzeichnet, schädliches Verhalten bzw. schädliche Situationen zu vermeiden, sondern es/sie stattdessen auszuüben bzw. aufzusuchen. Im Bezug auf das Gesundheitswesen bedeutet dies, daß Helfende trotz einer schädigenden Situation bereit sind, bei immer größerer Arbeitsbelastung für ein verhältnismäßig geringes Gehalt (Pflegende) zu arbeiten.

"Idealisten" sind gerne gesehen - Materialisten keinesfalls. Wertet man diese Idealisten als Abhängige, die in einer eigenen Realiätät leben - auch dies ein Kennzeichen von Sucht -, sind sie willige Arbeiter, die das System am Laufen halten. Kehrseite ist, dass jene Idealisten auch im Negativen eigene Regeln entwickeln und danach handeln. Beispiel hierfür sind die Patientenmorde. Ein Preis, den die Gesellschaft für ihr Ausnutzen von Suchtverhalten und ihre Sparpolitik zahlt. Dies nimmt nicht die Verantwortung von den Tätern, dennoch ist ihnen der Weg geebnet worden. Sucht ist letzlich also auch ein gesellschaftliches Problem. Außerdem ist Sucht durch die Illusion gekennzeichnet, über etwas Kontrolle zu haben. Ein Verleugnungssystem ist genauso fester Bestandteil, wodurch sich die Frage stellt, ob jemand, der sagt, Nein, das ist bei mir nicht so, tatsächlich die Wahrheit sagt. Um etwas auszuhalten muß man stark sein, und wer möchte nicht gerne stark sein?

Das Pflegepersonal ist in dem Beziehungsgeflecht zwischen Patient und Helfendem in einer eigenen Position. Zwar wird von einem Pflegenden erwartet, dass er (bzw. sie) genau wie der Arzt selbstlos hilft. Doch im Gegenzug kommt es, anders als beim Arzt, zumindest in Deutschland nicht zu einer gesellschaftlichen Aufwertung. Und tatsächlich siedeln sich viele Pflegende irgendwo zwischen Arzt und Patient an. Somit werden sie als "menschlicher" bzw. gleichgestellter als der Arzt angesehen, man vertraut ihnen mehr an, was vielen schmeichelt, aber es wird ihnen auch weniger Respekt entgegengebracht. Ein Pflegender hat vielleicht Wissen, kann aber nicht heilen wie der Arzt. Da der Pflegende in diesem "Rollenspiel" keine adäquate Gegenleistung erbringen kann, bringt man dem Pflegenden auch nicht denselben Respekt entgegen. Materiell gesehen hat der Arzt bessere Chancen, sich über Statussymbole und Besitz aus dieser einzigen Position, bzw. Definition über die Tätigkeit, herauszuziehen, ein Pflegender hat dies meist nicht.

Ihrerseits, in dieser Zwitterposition, tun sich Pflegende oft schwer, klar Stellung zu beziehen und gesund-egoistisch zu handlen, oft aus Angst, die Patienten zu "verraten". Denn von allen Beschäftigten stehen sie am meisten und längsten "am Bett" - mehr als der Arzt, der oft eher ein Gegenüber statt ein Begleiter für den Patienten ist - anders als eine Pflegeperson. Es ist anzunehmen, dass für viele Patienten ein Arzt eine Autoritätsperson ist. Einem Pflegenden eine ähnliche Autorität zukommen zu lassen, wäre vermutlich nicht mit der Rollenzuweisung des "gesunden Kameraden", der einen durch die Krankheit begleitet, vereinbar.

Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, was der Pflegeberuf ausnahmslos an negativen Folgen haben kann, dieses Mal einfach gemessen am Menschen, der den Beruf ausübt, unabhängig von dem Beruf selbst. Erstens ist das Umfeld nicht zu unterschätzen. Menschen, die als Pflegende arbeiten, sehen täglich, was keiner sehen will. Daß sie letzlich die Patienten nicht kennen, schiebt die Auswirkungen dieser Erfahrungen auf, verhindert sie aber nicht. Viele dieser Menschen entwickeln eine selektive Wahrnehmung, die oft erst durch den Gegenbeweis, zum Beispiel im Urlaub, auffällt. Die Verarbeitung des Erlebten wird erschwert, denn die Schichtarbeit sorgt für eine ständige Zerrüttung des Tagesrhythmus mit daraus resultierenden Schlafstörungen.

Dieser gestörte Rhythmus sorgt jedoch auch noch für andere Dinge: ein geschwächtes Immunsystem, dadurch Begünstigung von Krebserkrankungen, wenngleich Angehörige der Pflegeberufe - zumindest in den Kliniken - durch ihren ständigen Kontakt mit Keimen eine breitere Palette an Antikörpern aufweisen können. Des Weiteren resultieren aus der enormen Belastung mit mangelndem Ausgleich Herzkreislauferkrankungen; insgesamt haben Menschen, die in der Pflege ihr Geld verdienen, eine Lebenserwartung, die 5 bis 10 Jahre geringer ist als bei dem Rest der bundesdeutschen Bevölkerung. Frauen und Männer aus der Pflege sind einerseits abgebrüht durch das, was sie sehen, andererseits durch Frustration. Sie tendieren oft zu einem ungesunden Lebensstil als Kompensation. Erkrankungen der Wirbelsäule sind weit verbreitet.

Psychisch gesehen ergibt sich das Problem, daß fast keine Berufsgruppe derart nah an Menschen herankommt wie die der Pflegenden - und das, ob die Pflegenden nun wollen oder nicht. Ein Pflegender verletzt nicht nur die Grenzen eines Patienten, er verletzt auch seine eigenen dabei, da er diese Grenzen fallen lassen muß. Der Patient hingegen wertet die Nähe oft als Angebot, seinerseits distanzlos werden zu dürfen. Näher als Pflegende kommen einem Menschen vielleicht nur noch Prostituierte.

Auf Dauer stellt sich Pflegepersonen also das Problem, daß sie vor dem Hintergrund einer Krankheit, also einem immer unangenehmen Hintergrund, empathisch mit anderen Menschen umgehen müssen, egal, was die persönlichen Gefühle über jenen Menschen melden. Zumindest ist das die Erwartung, die man an sie hat. Noch dazu kann der Pflegende, anders als der Arzt, der Situation nicht entkommen oder sie beenden. Daher nimmt manch einer den Weg, eine sympathische Eigenschaft eines ihm an und für sich unsympathischen Patienten zu vergrößern, während er alles als negativ Empfundene ausblendet, um mit dem Patienten dann auf dieser Basis umgehen zu können - der sogenannte Haloeffekt. Es besteht also die Gefahr, daß derartige Techniken erlernt oder gefestigt werden, Techniken, die mit Selbstverleugnung einher gehen und oft von außen als "soziale Kompetenz" fehlinterpretiert werden.

Hinzu kam inzwischen die Haltung der marktorientierten Gesellschaft, es handle sich bei den Patienten um Kunden, die dann laut der einzelnen Einrichtungs- bzw. Klinikträger, also Arbeitgeber, nicht vergrault werden dürfen. Des Weiteren gehört die Pflege zu den wenigen Berufszweigen, die seit Jahren mit Dokumentationen beweisen bzw. rechtfertigen, dass sie in ihrer jeweiligen Besetzung vonnöten ist. Die Belastungen für den Menschen in der Pflege dürften also weiter zunehmen.

Die Durchschnittsdauer, in denen ein Pflegender im Beruf bleibt, betrug 2005 sieben Jahre (nach xxx). Noch dazu machen körperliche und seelische Erschöpfung es schwer, eine Alternative zu entwickeln, es ist also nicht leicht, aus der Pflege herauszukommen. Es wäre vermessen zu behaupten, dass Krankenschwestern die Möglichkeit einer Schwangerschaft ausnutzen, um aus dem Beruf auszutreten. Allerdings steht es zu vermuten, dass dies als Ausscheidungsgrund aus der Pflege in der Gesellschaft weitaus eher als legitim erachtet wird als ein klarer Entschluss, diesen Beruf nicht mehr ausüben zu wollen. Es scheint fast, als gäbe es im Menschen einen heimlichen Patienten, der Rot sieht, wenn seine Versorgung gefährdet sein könnte.

Siehe auch:[Bearbeiten]