SOK- Modell in der Pflegepraxis

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Das von den Gerontologen Margarete und Paul Baltes Mitte der 1980er Jahre entwickelte Modell der selektiven Optimierung und Kompensation (SOK-Modell) beschreibt die Kompetenz im Alter. Es zeigt auf, wie betagte Menschen trotz zunehmender altersbedingter Funktionseinbußen durch bestmögliche Erschließung der verbleibenden Ressourcen und Fähigkeiten ein Maximum an Lebensqualität erzielen können.

[Bearbeiten] Begrifflichkeit

Das hohe und sehr hohe Lebensalter ist gekennzeichnet durch Multimorbidität und damit einhergehend durch den Verlust von kompensatorischen Fähigkeiten. Das Modell der selektiven Optimierung und Kompensation beschreibt plastisch und praxisbezogen, wie durch die drei Teilschritte Selektion, Optimierung und Kompensation Funktionsverlusten durch die betroffene Person selbst entgegengewirkt werden kann.

Bei der Selektion werden aus gegebenen Handlungsalternativen nur diejenigen ausgewählt, die am einfachsten zu realisieren sind und die den höchsten Erfolg (zum Beispiel Zugewinn an Lebensqualität) versprechen. Optimierung bedeutet, das auf Grund der Selektionsentscheidung Gewählte (beispielsweise die Gehfähigkeit) zu verbessern und die geeigneten Mittel dafür (zum Beispiel gymnastische Übungen) zu wählen. Kompensation ist die Bezeichnung für die Fähigkeit, die weiter bestehenden Funktionseinbußen zum Teil oder ganz an anderer Stelle auszugleichen (zum Beispiel durch Verwendung geeigneter Hilfsmittel oder durch eine andere Verhaltensform).

[Bearbeiten] Anwendung in der Altenpflege

Die gängigen Pflegekonzepte fordern, dass im Rahmen der Pflegeplanung neben der Defizit-Analyse auch vorhandene Ressourcen erkannt und miteinbezogen werden.

In der Praxis bereitet die Defizitanalyse Pflegefachkräften nur selten Schwierigkeiten. Sie sind aufgrund ihrer Ausbildung mit pathophysiologischen Kenntnissen ausgestattet, die es ihnen erlauben, Defizite, Verluste und Behinderungen präzise zu erfassen und zu beschreiben.

Dagegen bereitet die Ressourcenanalyse in der Praxis relativ oft erhebliche Schwierigkeiten. Oftmals werden die vorhandenen Ressourcen nur lückenhaft oder sehr unspezifisch beschrieben. Auch in der Pflegefachliteratur und in Lehrbüchern finden sich in der Regel keine Ausführungen, die zeigen, wie eine systematische Ressourcenidentifikation erfolgen kann. Dies ist insofern erstaunlich, als mit der SOK-Theorie ein schlüssiges metatheoretisches Modell entwickelt wurde, das ressourcenbasierte Handlungsstrategien beschreibt und damit eine Systematisierung der Ressourcenidentifikation ermöglicht, indem für jedes festgestellte Defizit untersucht wird, ob Selektionsentscheidungen, Optimierungsbestrebungen und/oder Kompensationsmaßnahmen möglich sind.

Dies soll im Folgenden anhand des verbreiteten Pflegeproblems "hohe Sturzgefährdung" exemplarisch aufgezeigt werden:

Bei einem identifizierten Sturzrisiko können beispielsweise Selektionsentscheidungen dahingehend erfolgen, dass Spaziergänge nicht bei Schnee oder Glatteis, wohl aber bei günstigen Witterungsbedingungen stattfinden können. Eine weitere Selektionsentscheidung könnte beispielsweise sein, dass eine ergonomisch ungünstige Treppe nicht alleine, sondern nur bei Präsenz einer sichernden Hilfsperson begangen wird.

Optimierungsbemühungen beziehen sich bei der Sturzprävention oftmals auf die Stärkung der lokomotorischen Kompetenz durch geeignete Trainingsmaßnahmen (z.B. Balance- und Krafttraining). Schließlich ist zu fragen, in wieweit Funktionseinbußen durch Hilfsmitteleinsatz (Rollator, Gehstock, Treppenlifter o.ä.) kompensiert werden können.

Das Beispiel soll verdeutlichen, dass das SOK- Modell nicht nur zu einer präzisen Analyse der funktional gegebenen Ressourcen anregt, sondern zugleich einen methodisch schlüssigen Ansatz zur Ressourcenallokation, also einer günstigeren Anwendung der vorhandenen Möglichkeiten, bietet.

Bei der Erarbeitung von Pflegeplanungen wird häufig übersehen, dass kognitive und psychogene Faktoren eine Beschränkung der Ressourcenallokation bewirken können; anders ausgedrückt: entscheidend ist nicht allein die Frage was ein Individuum kann, sondern ebenso die Frage, was es tatsächlich tut bzw. worauf es quasi freiwillig verzichtet, es zu tun.

Insbesondere bei Menschen mit depressiven Erkrankungen, Ängsten und dementiellen Erkrankungen treten regelmäßig Restriktionen bei der Ressourcenallokation auf. Gleiches gilt für Menschen, die bestrebt sind, einen primären oder sekundären Krankheitsgewinn zu realisieren. Schließlich führen regressive Verhaltensmuster zu ähnlichen Mechanismen.

2007 zeigte der Gerontologe Adriano Pierobon in dem Pflegefachbuch Sturzprävention bei älteren Menschen, dass sich durchaus auch die Pflege dieses Modells bedienen kann, um verlustbasierten Limitierungen durch geeignete Ressourcenallokation zu begegnen (Verlusterfahrungen durch Anpassung noch vorhandener Fähigkeiten ausgleichen). Während das Ehepaar Baltes von "stillen Reserven", "Kapazitätsreserven" und "Plastizität" spricht, bevorzugen manche Pflegefachkräfte den Terminus "Ressourcen". Diese unterschiedlichen Begrifflichkeiten haben möglicherweise den Blick darauf verstellt, dass die von der Pflege angestrebte Ressourcenidentifikation und Ressourcenallokation gerade durch die Älteren mit Selektion, Optimierung und Kompensation systematisch und dabei Pflegende auch als Hilfsmittel nutzend, erzielt werden kann.

[Bearbeiten] Literatur

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