Psychobiografisches Pflegemodell

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Das psychobiographische Pflegemodell von Erwin Böhm bietet einen Ansatz, die Verhaltensweisen von verwirrten und desorientierten Menschen zu erklären und zu verstehen.

Ein dementer Mensch kann lt. Böhm nicht mehr über die „Noopsyche“ oder auch die „Welt der Dinge“, also den kognitiven Anteil der Psyche erreicht werden. Der Zugang muss daher über die „Thymopsyche“ oder auch die „Welt der Gefühle“, also den Anteil der Psyche, der überwiegend mit Gefühlen zu tun hat, erfolgen.

In schwierigen Situationen, wie z.B. nach dem Einzug in ein Pflegeheim und der damit verbundenen Aufgabe der gewohnten Umgebung, kann es dazu kommen, dass der alte Mensch dekompensiert. Er baut also ab und verfällt in die „Thymopsyche“ und wendet seine alten Copings an, um sein Leben weiterhin bewältigen zu können. Als Copings werden Bewältigungsstrategien bezeichnet, mit denen der alte Mensch früher bestimmte Situationen bewältigt und Probleme gelöst hat.

Interaktionsstufen[Bearbeiten]

Erwin Böhm unterscheidet sieben Interaktionsstufen (auch Erreichbarkeitsstufen ) auf denen sich der alte Mensch befinden kann. Für jede Interaktionsstufe müssen eigene Zugangswege zum alten Menschen gefunden werden. Die Regression erfolgt in umgekehrter Reihenfolge zur Entwicklung des Menschen.

Stufe 1: Sozialisation[Bearbeiten]

Diese Stufe entspricht dem Erwachsenenalter. Man kann sich normal mit dem alten Menschen unterhalten, eventuell ist es notwendig, etwas lauter oder langsamer zu sprechen. Ein alter Mensch in dieser Stufe ist kognitiv erreichbar. Laut Böhm handelt es sich hier um einen biologischen Abbau, also um den physiologischen Alterungsprozess.

Die Kommunikation läuft vorwiegend auf der Inhalts- und Beziehungsebene ab.“

Stufe 2: Mutterwitz[Bearbeiten]

Die kognitive Leistung des alten Menschen auf dieser Stufe hat schon etwas nachgelassen, entspricht aber noch dem Erwachsenenalter. Der alte Mensch ist über ein Gespräch erreichbar und reagiert auf eine gewisse Art von Humor (z.B. ein humorvolles Augenzwinkern oder auch eine derbe Sprache). Je nach Ausprägung des individuellen Humors gestaltet sich der Zugang dementsprechend leichter oder schwieriger. Auch hier handelt es sich laut Böhm noch um den physiologischen Abbau.

Menschen auf Stufe 1 oder 2 verstehen Wort und Satz. Sie sind mittels aktivierender Pflege erreichbar. Verfallen sie in tiefere Stufen der Erinnerung, ist eine reaktivierende Pflege notwendig, um die Seele wieder zu beleben.

Stufe 3: Seelische und soziale Grundbedürfnisse[Bearbeiten]

Dieses Stadium entspricht dem Lebensalter zwischen 12 und 16 Jahren, also der Pubertät. Menschen auf dieser Stufe zeigen Verhaltensauffälligkeiten und erste kognitive Einbußen. Der alte Mensch ist nicht mehr über die Noopsyche erreichbar und beginnt, vernachlässigte Grundbedürfnisse (z.B. Zuneigung, Aufmerksamkeit) aus seiner Kindheit einzufordern (z.B. durch Schreien oder Aggressivität). Ab dieser Stufe beginnt laut Böhm nun auch der pathologische Abbau.

Eine sensible Beobachtung sowie eine Nichtüberforderung in körperlicher und seelischer Weise ist Impulssetzung.

Stufe 4: Prägung[Bearbeiten]

Das Verhalten in dieser Stufe (entspricht 6. bis 12. Lebensjahr) ist geprägt von erlernten Verhaltensnormen oder auch Ritualen, die dem alten Menschen Sicherheit geben (z.B. Tischgebet vor dem Essen oder Respekt älteren Menschen gegenüber). Hierbei muss auch beachtet werden, dass die Prägung je nach Region, in der der alte Mensch aufgewachsen ist, unterschiedlich sein wird (z.B. bestimmte Sprüche).

Verständnis aufbringen und Sicherheit geben ist die Intention.

Stufe 5: Höhere Antriebe[Bearbeiten]

Diese Stufe entspricht dem Lebensalter zwischen 3 und 6 Jahren. Um den alten Menschen auf dieser Stufe zu erreichen, muss man ihm einen Lebenssinn geben. Man muss hierbei herausfinden, auf welchen Reiz der alte Mensch reagiert (z.B. Essen oder Macht). Nur wenn der richtige Reiz angesprochen wird, gelingt es, den alten Menschen zu aktivieren.

Fördern durch zumutbare Forderungen und positivem Zuspruch.

Stufe 6: Intuition[Bearbeiten]

Diese Stufe entspricht der frühen Kindheit, also dem Lebensalter zwischen 1 und 3 Jahren. Hier spielen Märchen, Religion und Mythen eine große Rolle, der alte Mensch zieht sich auch oft in die „gute, alte Zeit“ zurück und träumt von geliebten Menschen und vertrauten Personen. Der alte Mensch reagiert intuitiv, da er die Welt kognitiv nicht mehr verstehen kann.

Nach Böhm "endet" hier die reaktivierende Pflege und die Validation beginnt.

Stufe 7: Urkommunikation[Bearbeiten]

Erst in der letzten Stufe entwickelt der alte Mensch wieder das Verhalten eines Säuglings. Der Betroffene liegt oft in einer embryonalen Stellung im Bett und ist teilnahmslos. Das Spüren des eigenen Körpers ist auf dieser Stufe die einzige Möglichkeit, sich seines Selbst noch bewusst zu werden (z.B. durch Anfassen der Genitalien oder spielen mit dem eigenen Kot).

Um erkennen zu können, wie man den alten Menschen auf den einzelnen Interaktionsstufen erreichen kann ist es bei der Erstellung einer Biographie auch nicht am wichtigsten, einen chronologischen Lebenslauf, sondern eine Psychobiographie zu erstellen. Diese Psychobiographie besteht hauptsächlich aus Geschichten (sog. Stories), die das Leben des alten Menschen beschreiben und die das Leben des alten Menschen ausmachen. Ebenfalls sollten seine Copings ermittelt werden.

Ein besonderes Augenmerk sollte dabei auf die ersten 25 Lebensjahre gelegt werden, da die Erlebnisse in diesem Zeitraum laut Böhm den alten Menschen geprägt haben. Die Erlebnisse in dieser Zeit haben den alten Menschen geformt, sie beeinflussen daher sein Verhalten und seine Gefühlswelt.

Basale Kommunikations- und Stimulationsformen können eine Erreichbarkeit fördern.

Interpretationskriterien[Bearbeiten]

Die erstellte Biographie wird anschließend interpretiert, um entsprechende Impulse für den Betroffenen heraus arbeiten zu können. Hierfür werden verschiedene Interpretationskriterien verwendet.

Grundtypenzuordnung[Bearbeiten]

Es erfolgt eine Einteilung in die 2 Grundtypen. Ob er ein offener, extrovertierter Mensch war (sympathikotoner Typ) oder ob er Ruhe wollte und zurückgezogen war (parasympathikotoner Typ). Eine weitere Einteilung erfolgt nach Alpha-Typ (der Mensch wollte selbst entscheiden und wollte Macht) und Omega-Typ (der Mensch wollte nicht auffallen und keine Entscheidungen treffen).

Identifikationsmuster[Bearbeiten]

Bei den Identifikationsmustern wird dann festgestellt, wer den alten Mensch besonders geprägt hat (z.B. Vater, Mutter, Freunde).

Grund- und Nachholbedürfnisse[Bearbeiten]

Hier gilt es festzustellen, welche Bedürfnisse in der Prägungszeit wichtig waren oder welche Bedürfnisse offen geblieben sind (z.B. Zuwendung oder Aufmerksamkeit)

Coping[Bearbeiten]

Die Copings geben Aufschluss darüber, mit welchen Bewältigungsstrategien der alte Mensch früher seine Probleme gelöst hat (z.B. streiten oder weinen).

Über-Ich-Normen[Bearbeiten]

Bei den Über-Ich-Normen versucht man herauszufinden, welche Regeln und Werte für den alten Menschen in der Prägungszeit gegolten haben (z.B. Pünktlichkeit, Fleiß oder Sparsamkeit).

Was erregt[Bearbeiten]

Mit dem nächsten Interpretationskriterium – „was erregt?“ – soll ermittelt werden, was der Betreffende früher gerne mochte und was nicht (z.B. Alkohol, Musik, Tanzen, Flirten).

Normalität[Bearbeiten]

Anschließend wird geklärt, was in der Prägungszeit des alten Menschen normal war (z.B. viel Arbeit, wenig Freizeit, Gehorsam).

Ich-Identität[Bearbeiten]

Die Ich-Identität entspricht dem „Wichtig-Sein“. Hier gilt es festzustellen, wann sich der Mensch wichtig gefühlt hat (z.B. wenn er bei einem Streit die Oberhand behalten hat).

Daheim-Gefühl[Bearbeiten]

Über die Festlegung des „Daheim-Gefühls“ soll ermittelt werden, was der Betreffende braucht, um sich daheim zu fühlen oder was in der Prägungszeit sein Daheim-Gefühl ausgemacht hat (z.B. bestimmte Gerüche oder Geräusche).

Triebe- und Ersatzhandlungen[Bearbeiten]

Im Anschluss daran werden noch Triebe und Ersatzhandlungen ermittelt. Hierbei werden lebenserhaltende Triebe (Sexualität, Nahrung und Aggression) und lebenszerstörende Triebe (Todestrieb) unterschieden. Die Feststellung der Triebe und Ersatzhandlungen ist ebenfalls von großer Bedeutung, da der alte Mensch eine Ersatzhandlung suchen wird, wenn er einen dieser Triebe nicht mehr ausleben kann (z.B. schreien anstatt zu streiten um seine Aggressionen auszuleben).

Weitere Fragen[Bearbeiten]

Abschließend werden noch weitere Fragen geklärt: Was fehlt dem alten Mensch heute? Was ist anders als früher? Was hindert ihn daran, sein Leben so normal wie möglich zu gestalten?

Erst wenn diese Punkte geklärt sind, können die Probleme und deren Ursachen erkannt werden und es kann nach Lösungen (Impulse) gesucht werden, um den alten Menschen stabil auf seiner aktuellen Interaktionsstufe zu halten oder ihn auf die nächsthöhere Stufe zu reaktivieren.

Ziel des psychobiographischen Pflegemodells[Bearbeiten]

Ziel des psychobiographischen Pflegemodells nach Prof. Erwin Böhm ist es somit, die alten Menschen zu stabilisieren und zu reaktivieren. Sie sollen wieder aufleben, sich wichtig und daheim fühlen. Die Selbständigkeit der alten Menschen soll gefördert werden, wobei nicht vorrangig die körperliche Selbständigkeit, sondern auch die Entscheidungskraft der Betroffenen gemeint ist. Also selbständig fühlen und mitentscheiden können.Das Modell zeigt Wege auf, wie ein Mensch mit einer psychischen Regression erreicht/begleitet werden kann in den jeweiligen Interaktionsstufen. Hierdurch wird nicht nur das Wohlbefinden des Menschen gesteigert, sondern auch die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter.

Die alten Menschen sollen also aufleben und nicht aufgehoben werden. Oder wie Erwin Böhm sagt: „Wir betreuen Menschen und nicht Betten.“

siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Erwin Böhm: "Verwirrt nicht die Verwirrten. Neue Ansätze geriatrischer Krankenpflege", Psychiatrie-Verlag, 1999, ISBN 3-88414-097-3
  • Erwin Böhm: "Pflegediagnose nach Böhm", Recom Verlag, 1994, ISBN 3-89752-004-4
  • Erwin Böhm - Psychobiographisches Pflegemodell Grundlagen- Maudrich 1999
  • Erwin Böhm - Psychobiographisches Pflegemodell Arbeitsbuch- Maudrich 1999

Script by Markus Prell: http://pflegen-online.de/download/artikel_prell.pdf