Pflegenotstand

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In der deutschen professionellen Pflege wird seit 1960 wiederholt dann von Pflegenotstand gesprochen, wenn der Personalbedarf der verschiedenen Gesundheitseinrichtungen nicht mit ausreichend ausgebildeten Fachkräften gedeckt werden kann.

Erste Anzeichen[Bearbeiten]

In der Regel rufen nicht die verantwortlichen Leitungskräfte der Einrichtungen oder "zuständige" Politiker den Pflegenotstand aus, sondern Interessenvertretungen der Beschäftigten (wie die Gewerkschaft verdi/ötv). Wer öffentlich einen Personalnotstand bekennt, riskiert dabei der "Schuldige" zu sein, der die Pfegeberufe in der Öffentlichkeit herabsetzt. Jedoch ist eine nachvollziehbare Warnung vor Leistungsabbau im Gesundheitswesen bisher ein sehr wirksamens politisches Mittel gewesen.

2010: Gewerkschaftsverbände und Wohlfahrtsverbände haben in Hannover vor einem Pflegenotstand in der Altenpflege gewarnt. Bei einem zusätzlichen Bedarf von 53.400 Pflegenden bis zum Jahr 2030 und in den ambulanten Diensten würden 26.000 zusätzliche Kräfte gebraucht. (nach Evangelische Pressedienst)

Werbekampagnen[Bearbeiten]

Seit 1990 werden alle 4 bis 6 Jahre Medienkampagnen gestartet, die massiv Interesse für die Pflegeausbildungen wecken sollen. Zumindest im Ruhrgebiet berichten seit Mitte der 1990er Jahre Berufanfänger durchgängig von ihren Schwierigkeiten, gesicherte Arbeitsverträge abzuschließen. Angeboten werden Teilzeitverträge, Zeitverträge oder Verträge, die schlechtere Bedingungen bieten als der eigentlich gültige Tarifvertrag (Tarifflucht).

Gleichzeitig berichten Pflegedienstleitungen vielfach von großen Schwierigkeiten, qualifiziertes und engagiertes Personal zu finden, und beklagen die hohe Personalfluktuation. Die Verweildauer im Beruf wird immer wieder als zu kurz beschrieben.

Wird der Pflegenotstand nur aus der Sicht einer Einrichtung betrachtet, kann er Auslöser einer nach unten gerichteten Spirale werden: Weil die Einrichtung zu wenig Personal beschäftigt, gerät sie (berechtigt) in einen schlechten Ruf bei potentiellen Mitarbeitenden. Neue Mitarbeitende sind trotz Werbeaufwand kaum zu gewinnen. Die Versorgungsqualität der Einrichtung sinkt weiter. Wer dort weiter arbeitet, trägt die Verantwortung bei auftretenden Fehlern. Der Anreiz zum Stellenwechsel steigt. Personalfluktuation bzw. das Ausmaß an vorhandenem Stammpersonal können als ein Maßstab für Pflegequalität angesehen werden.

Vorhersagbarkeit[Bearbeiten]

Die demografische Entwicklung lässt auf Bundesebene mit der Abnahme der Berufsanfänger so eine Situation nach 2010 wieder als sehr wahrscheinlich vorhersehen, wenn es nicht gelingt, zusätzlich zu Ausbildungswilligen auch Wiedereinsteiger nach der Elternzeit für das Berufsfeld zu werben.

Regional können zusätzliche Faktoren zu einer angespannten Situation beitragen, wie es am Beispiel der Mietkosten der 1990er Jahre im Großraum München zu beobachten war.

Die WHO veröffentlicht immer wieder Zahlen, die weltweit einen Mangel an qualifizierten Pflegekräften nachweisen. Es wird dabei von einem caredrain gesprochen (analog zu braindrain). Damit ist der Abfluss benötigten Pflegepersonals aus "ärmeren" Heimatländern in "reiche" Länder beschrieben, die sich die massenhafte Anwerbung von ausländischen Pflegekräften leisten. Beispiel: Aus den Philippinen in die USA: die US-amerikanischen Kliniken stellen die im Heimatland zu Medizinern Ausgebildeten als Pflegekräfte ein.

Debatte 2011[Bearbeiten]

Unter der Überschrift "Notstand in der Altenpflege" … im Jahr 2030) kam es 2011 zu einer gespensterhaften öffentlichen Diskussion: in der Regierungskoalition soll es Überlegungen geben, die - wahrscheinlich mit einem steigenden Beitragssatz verbundene - "Reform" der Pflegeversicherung auf die Zeit nach der Bundestagswahl 2013 zu verschieben. Mit den Zahlen künftig Pflegebedürftiger wird über die Umfinanzierung der Beiträge zum Gesundheitswesen diskutiert. Die zu geringe Zahl der jetzigen oder der künftig Pflegenden wird zwar erwähnt. Aber die Veränderung dieser Zahlen ist nicht das Ziel der Debatte sondern allein die Veränderung der Einzahlungen in die Gesetzliche Sozialversicherung. Es sei unklar, auf welche Seite sich der neue Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) schlage. Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU), sowie der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Gruppe, Stefan Müller, fordern mit weiteren 20 "jungen" CDU-Abgeordneten die Einführung eines Kapitalstocks, aus dem die Pflegekosten in Zukunft (teilweise) bezahlt werden sollen. Zahlbar durch die jetzigen Versicherten - nicht aus Steuermitteln und nicht durch die Arbeitgeber. (Interessanterweise ein alter FDP-Vorschlag). "Die Pflege wird teurer, deshalb brauchen wir die Kapitalrücklage", sagte Spahn. Was das mit der Anwerbung von Pflegepersonal zu tun hat, ist schwer verständlich.

Die Vorhersage von Experten, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2050 von heute 2,4 Millionen auf vier Millionen erhöhen wird und deshalb im schlechtesten Fall der Beitragssatz in diesen vier Jahrzehnten von heute 1,95 Prozent bis auf sieben Prozent des Bruttogehalts angehoben werden muss, berücksichtigt jedoch keine anderen Veränderungen in der Wirtschaft oder in der gesamten Europäischen Union. Der Vorschlag kümmert sich zunächst nur um die Verlagerung der Kosten weg von den Arbeitgebern und ihrem Anteil am Lohn (Lohnnebenkosten).

Die Behauptung, dass mehr als jeder Dritte der Alten der Zukunft, statistisch gesehen, gepflegt werden müssen, ist purer Kaffeesatz. Diesen Prozentsatz gibt vielleicht bei den über 90jährigen, die gleichzeitig noch eine Demenz haben. Aber bei den 80jährigen oder der gesamten Gruppe der RentnerInnen gab es solch hohe Prozentzahlen der Pflegebedürftigkeit noch nie.

Weltweiter Pflegenotstand[Bearbeiten]

Der weltweite Mangel an Pflegekräften ist einerseits auf einen Mangel an Ausbildungsplätzen zurückzuführen, andererseits auf Abwanderung von medizinischem Personal in reichere Länder, eine zunehmende Migration auch von Pflegekräften. Der International Council of Nurses (ICN) und andere Organisationen werden einen internationalen Gipfel (Kongress) durchführen. Dort werden sich 24 international anerkannte Pflegeexperten, Leitungs- und Lehrpersonen in ihren Ländern, in Genf (Schweiz) treffen, um das Problem zu untersuchen und um realistische und messbare Lösungen zu finden.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Breitscheidel Markus: Abgezockt und totgepflegt. Alltag in deutschen Pflegeheimen. Berlin: Econ 2005. ISBN 3-430-11572-8 . Verweis bei de.wikipedia.
  • Buttler Günter, Herder-Dorneich Philipp u.a. (1985) : Wege aus dem Pflegenotstand. Ordnungspolit. Prinzipien einer reform der pflegesicherung alter Menschen. Nomos, Baden-Baden.
  • Drieschner Frank: Ende ohne Gnade. Die Intensivmedizin lässt Willenlose leiden. Die Altenpflege lässt Hilflose verkommen. Doch die Gesellschaft verdrängt das grausige Geschehen in Kliniken und Pflegeheimen. Sie fürchtet Krankheit mehr als den Verlust der Würde. In : DIE ZEIT 29/2004
  • Fussek Claus, Sven Loerzer: Alt und abgeschoben -Der Pflegenotstand
  • Güntert Bernhard; Orendi Bennina; Weyermann Urs (1989): Die Arbeitssituation des Pflegepersonals - Strategien zur Verbesserung. Huber, Bern. (Kanton Bern, Krankenhauspersonal, Belastung Zufr. Die klass. Untersuchung zur Pers.-Verweildauer im deutschspr. Raum. Nicht mehr lieferbar.)
  • Kulbe Simone (1990): Der "Pflegenotstand" an Krankenhäusern. Eine Untersg. aus motivationstheoretischer Sicht. DKZ 6/1990, Beilage S. 1-19
  • Landau K (Hrsg., 1991): Arbeitsbedingungen im Krankenhaus und Heim. München, BayStaatsmfAFS, 637 S.
  • Markus Katrin (1992): Pflegenotstand und wozu er führen kann. A.pfl. wird wegen körperlicher Mißhandlung von Bew. verurteilt. In: Altenpflege 8/92, 509-514 (Dokumentation eines Urteils)
  • Unruh Trude (Hrsg, 1989): Tatort Pflegeheim. Zivildienstleistende berichten. Klartext, Essen. ISBN 3-88474-441 -0 16 . 203 Seiten
  • Windisch M u. a. (1995): Arbeitssituation in ambulanten Diensten und Belastungen für die Pflegerlnnen. in Häusl Pflege 1/95 14-20.(Studie in 1992, n=84 Beschäftigten aus 17 einrichtg.)
  • Wittig H (1990): Anlage einer Studie zur Motivation von Altenpflegepesonal. In: Dt.GfG Altern zwischen Hoffnung und Verzicht. Prävention • Rehabilitation • Irreversibilität. XVIII. Jahrestagung, Lübeck, Sept. 1990. S. 294-295
  • Zimber Andreas, Weyerer Siegfried (1999): Arbeitsbelastung in der Altenpflege. Vlg. für angewandte Psychol., Göttingen(Hogrefe). ISBN 3-8017-1210-9 . 315 Seiten.
  • Brigitte Zellhuber: Altenpflege - ein Beruf in der Krise? Eine empirische Untersuchung der Arbeitssituation sowie der Belastungen von Altenpflegekräften im Heimbereich. Kuratorium Deutsche Altershilfe: Köln, 2005 - Reihe: thema, Band 199. 219 Seiten. ISBN 3-935299-59-1 .

Zitate, Quellen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. weltweiter Pflegenotstand - Internationaler ICN-Gipfel 2010 in Genf

Siehe auch[Bearbeiten]