Young Carers

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14jährige Tochter hilft ihrer Mutter beim Frühstück

Als eine besondere Gruppe pflegender Angehöriger sind - zunächst in England - vor einigen Jahren pflegende Kinder und Jugendliche ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Dort spricht man von young carers, da es sich nicht um Erwachsene, sondern um Minderjährige handelt. Young carers (zu deutsch: Pflegende Kinder / Jugendliche) sind Personen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und regelmäßig für einen oder mehrere Angehörige sorgen, ihnen helfen und sie pflegen (Lit.: Metzing 2007) .

Diese Kinder bzw. Jugendliche tragen eine Verantwortung innerhalb der Familie, die gesellschaftlich für sie nicht vorgesehen ist und durch die sie sich von anderen Kindern unterscheiden.

England[Bearbeiten]

In England - dem Ursprungsland der young-carers-Forschung - stellte man in mehreren groß angelegten Studien fest, dass in erheblichem Umfang Kinder ganz oder teilweise ihre chronisch kranken oder behinderten Familienangehörigen (Eltern, Geschwister, Großeltern) pflegerisch versorgen. Die jüngsten der young carers sind nicht älter als drei Jahre, die älteren hatten bereits über Jahre das erkrankte Familienmitglied gepflegt, die Geschwister versorgt, den Haushalt übernommen und dadurch das System der Familie verantwortlich aufrecht erhalten.

Die Prävalenz wird in England mit 1,5% angegeben. Das bedeutet, dass 1,5% aller in England lebenden Kinder unter 18 Jahren pflegende Kinder sind. Dies entspricht einer Zahl von 175.000 Kindern.

Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland untersuchte Sabine Metzing erstmals die Rolle der Kinder als pflegende Angehörige (Lit.: Metzing 2007) . Eine genaue Anzahl von pflegenden Kindern in Deutschland gibt es (derzeit) nicht. Überträgt man jedoch die Prävalenz aus England (1,5%), so sind schätzungweise 225.000 Kinder in Deutschland pflegende Kinder.

Phänomen: "Die Familie zusammenhalten"[Bearbeiten]

Eine chronische Erkrankung innerhalb der Familie verändert den Familienalltag und nimmt Einfluss auf alle Familienmitglieder. Hauptsächlich nimmt der Schweregrad der Krankheit und des Pflegebedarfs Einfluss auf die Umgestaltung des Alltags. Zusätzlich sind die Anzahl der Familienmitglieder (Ein- Zweielternfamilien, Einzelkind, Geschwister, Großeltern) und die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen von Bedeutung. Kommen viele einschränkende Faktoren zusammen, dominiert die Erkrankung das Leben der Familie und wird so zur Bedrohung. Kinder haben Angst um ihre Eltern und fürchten sich davor, als Familie auseinandergerissen zu werden. Kinder sind bemüht, den Alltag aufrecht zu erhalten. Sie übernehmen aktiv Verantwortung und verfolgen zwei Strategien, um ihre Familie zusammenzuhalten.

Strategie "'Die Lücke füllen' und 'in Bereitschaft sein'"[Bearbeiten]

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Kinder füllen die Lücken, die durch den Ausfall der erkranken Elternteils aufgerissen sind, und sind in ständiger Bereitschaft, auf Veränderungen, Bedrohungen oder Symptome der Krankheit rechtzeitig reagieren zu können. Sie helfen mit oder sind alleinverantwortlich tätig. Sie tun, was erwachsene pflegende Angehörige auch tun und sind in allen Bereichen von Pflege und Haushaltsführung aktiv.

  • Hilfen für die Familie als Gemeinschaft sind vor allem hauswirtschaftliche Tätigkeiten, die von der erkranken Person nicht mehr durchgeführt werden können, z.B. kochen, waschen, putzen, aufräumen, einkaufen, Müll entsorgen, Garten in Ordnung halten etc.
  • Hilfen für die erkrankte Person:
    • körperbezogen: Ausscheidungen, Mobilisation und Transfer, An- und Auskleiden, Körperpflege, Nahrungsaufnahme
    • emotional: da sein, sich kümmern, trösten, für Abwechslung sorgen, Verständnis zeigen, Rücksicht nehmen
    • medizinisch/therapeutisch: Medikamentenregime, Wundversorgung, Physiotherapie
    • aufpassen/schützen: für Sicherheit sorgen, dabei bleiben, wachsam sein
    • Übersetzungen: bei Sprachstörung, bei Fremdsprachen
    • im Notfall: werden Tätigkeiten aus allen bisher genannten Kategorien durchgeführt
  • Hilfen für gesunde Familienmitglieder:
    • Übernahme von elternlicher Fürsorge: Auf kleine Geschwister aufpassen, Essen zubereiten, Pausenbrote schnmieren, zum Kindergarten bzw. zur Schule bringen und abholen, Hausaufgabenhilfe, ins Bett bringen, wecken, anziehen, Zähneputzen etc.
    • Hilfen für gesunde Elternteile: Trost spenden, da sein, Entlastung durch Übernahme von Tätigkeiten usw.
  • Hilfen für sich selbst können sein: selbst ins Bett gehen und aufstehen, selber Kleidung kaufen, sich selber etwas zum Essen zubereiten etc.


Strategie "nicht darüber reden"[Bearbeiten]

Kaum ein Kind redet über die häusliche Situation. Dieses Schweigen wird von den Kindern mit "Scham" und "Vorsicht" begründet. Sie sagen, dass andere Kinder "eh nicht wissen, worum es geht", da sie ein Leben mit Krankheit nicht kennen.

  • Scham: Kinder wünschen sich Normalität. Sie möchten nicht "anders" sein und fürchten sich davor, von Gleichaltrigen "abgestempelt" und ausgeschlossen zu werden.
  • Vorsicht: Nichts bedeutet für Kinder mehr Gefahr, als dass ihre Familie auseinandergreissen werden könnte. Das Schweigen liegt somit auch in der Angst begründet, dass außenstehende Instanzen (z.B. Jugend- oder Ordnungsamt) die familiale Situation als "nicht haltbar" einschätzen und die Familienmitglieder "zu ihrem eigenen Besten" trennen könnten.

Die Strategie "nicht darüber reden" führt u.a. dazu, dass betroffene Familien im Verborgenen leben und ihre Situationen und Bedürfnisse bislang nicht bekannt waren.

Auswirkungen[Bearbeiten]

Ein "pflegendes Kind" zu sein, hat sowohl positive wie negative Auswirkungen auf die betroffenen Kinder.

positive Auswirkungen sind:


Trauriges Kind.jpg

negative Auswirkungen sind:

Modell[Bearbeiten]

Auf Grundlage ihrer Ergebnisse erstellte Sabine Metzing das "Modell zum Erleben und Gestalten familialer Pflege, an der Kinder und Jugendliche aktiv beteiligt sind".

Modell zum Erleben und Gestalten familialer Pflege, an der Kinder und Jugendliche aktiv beteiligt sind Vorlage:Absatz

Anlaufstellen[Bearbeiten]

In Deutschland wächst die Zahl von Beratungsangeboten für Kinder von überwiegend psychisch erkrankten Eltern. Auf Grund ihrer unterschiedlichen Konzepte sind sie kaum untereinander vergleichbar. Keines dieser Projekte fokussiert auf die Rolle der Kinder als pflegende Angehörige. Des Weiteren liegen zu den Projekten bisher keine Evaluationen vor. Spezifische Unterstützungsangebote für pflegende Kinder existieren in Deutschland derzeit nicht.

Das Fehlen solcher Angebote beeinträchtigt die gesamte Entwicklung der betroffenen Kinder.

Siehe auch[Bearbeiten]

Medien[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sabine Metzing (2007): Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige. Erleben und Gestalten familialer Pflege. Hans Huber Verlag. Bern. ISBN 978-3-456-84549-4
  • Sabine Metzing (2007): "Die Familie zusammenhalten" In: Die Schwester Der Pfleger 6/2007
  • Sabine Metzing (2006): "Mit 13 schon Pflegeprofi. Wenn Kinder ihre Eltern pflegen" In: Forum Sozialstation Nr. 139, S.35-39
  • Sabine Metzing, Schnepp, S., Hübner, B., Büscher, A. (2006): ""Die Lücken füllen" und "in Bereitschaft sein" - Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige" In: Pflege&Gesellschaft 11(4):351-373 (PDF)


Podcast verfügbar

Podcast verfügbar!
Zu diesem Thema können Sie sich die Podcast-Sendung "Sabine Metzing (2008): "pflegende Kinder in Deutschland"" (mp3) anhören.


Weblinks[Bearbeiten]