Pflegediagnose

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Eine Pflegediagnose beschreibt ein Problem, welches überwiegend durch pflegerische Intervention gelöst oder vermieden werden kann. Die heute genutzten Pflegediagnosen gehen maßgeblich auf die Nordamerikanische Pflegediagnosevereinigung NANDA zurück. Pflegediagnosen können in die Pflegeplanung und somit in den Pflegeprozess einbezogen werden und so die Ergebnisse treffsicherer machen. Sie sind Teil eines Pflegeassessments. In Deutschland haben sich Pflegediagnosen bisher nur partiell durchgesetzt.

Begriffsdefinitionen[Bearbeiten]

Eine der ersten Definitionen stammt von Rachel Louise McManus in ihrer 1950 erschienenen Veröffentlichung Assumptions of the Functions of Nursing:

„Pflegediagnose ist die Identifizierung des Pflegeproblems und das Erkennen seiner zusammenhängenden Aspekte.“[1]

Nach Monika Krohwinkel (1993) sind Pflegediagnosen „...das Erkennen und Beschreiben pflegerelevanter Probleme und Fähigkeiten des pflegebedürftigen Menschen im Hinblick auf Aktivitäten und existentiellen Erfahrungen in ihren Auswirkungen auf den Gesundungs- und Lebensprozess sowie die Abschätzung der zugrundeliegenden Ursachen.“

Chris Abderhalden (1995) definiert die Pflegediagnose als

„...eine möglichst kurze, prägnant formulierte, fachlich fundierte, auf systematisch erhobenen, subjektiven und objektiven Daten abgestützte Charakterisierung und Beurteilung der pflegerelevanten Probleme/Ressourcen von Pflegeempfängern/-innen, welche so differenziert ist, das sie Fachpersonen aus der Pflege wesentliche Anhaltspunkte über Art und Ausmaß des Pflegebedarfs liefert und eventuell als grobe Handlungsorientierung dienen kann. Außerdem gibt er zwei Sichtweisen des Ausdruckes Pflegediagnosen an. In theoretisch-konzeptueller Bedeutung ist eine Pflegediagnose eine Wissenseinheit, ein Baustein pflegerischen Fachwissens und/oder eine Benennung für eine solche Wissenseinheit. In der klinisch-praktischen Bedeutung ist sie die Bezeichnung für den zweiten Schritt des Pflegeprozesses.“

Nach Randi A. Mortensen (1998) können

„...Pflegediagnosen als Phänomene beschrieben werden, welche Gesundheitsprobleme und Gesundheitszustände umfassen, auf welche die Pflege jeweils einwirkt: vorbeugend, beeinflussend oder fördernd.“

Laut NANDA (1999) ist eine Pflegediagnose

„... eine klinische Beurteilung der Reaktion eines Individuums, einer Familie oder eine Gemeinschaft auf aktuelle oder potentielle Gesundheitsprobleme/Lebensprozesse dar. Pflegediagnosen bilden die Grundlage für eine definitive Behandlung zur Erreichung von Ergebnissen für welche die Pflegeperson verantwortlich ist.“

Wolfram Fischer definiert etwas pragmatischer:

„Pflegeleistungen sollen gemessen werden, um zu sagen „was die Pflege tut“; Pflegediagnosen sollen verwendet werden, um zu sagen „warum sie dies tut.“

Definition des European nursing care Pathways (ENP-Pflegediagnose, nach Wieteck 2004):

„Unter einer Pflegediagnose wird in ENP ein sprachlicher Ausdruck für eine professionelle Beurteilung pflegerelevanter Aspekte, des Gesundheitszustands und dessen psychischen, physiologischen und entwicklungsbedingten Auswirkungen oder der Reaktion auf Gesundheitsprobleme bei einem konkreten Individuum (Betroffenen) verstanden, auf dessen Grundlage die Entscheidungen über Pflegeziele und Interventionen getroffen werden.“

Im Gegensatz zu einer medizinischen Diagnose kann sich eine Pflegediagnose ändern. Statt einer Krankheit oder körperlichen Störung bezeichnet die Pflegediagnose die Reaktion auf gesundheitliche Probleme und bezieht soziale Beziehungen mit ein. Eine medizinische Diagnosestellung ist ärztliche Aufgabe, die rechtliche Zuständigkeit für Pflegediagnosen liegt bei der ausgebildeten Pflegeperson.

Vorteile von Pflegediagnosen[Bearbeiten]

  • Wissenschaftlich fundiertes Pflegewissen kann innerhalb eines Klassifikationssystems durch Pflegediagnosen strukturiert werden.
  • Pflegediagnosen beschreiben aktuelle und potentielle Pflegeprobleme in einer einheitlichen Fachsprache und fördern dadurch den Informationsfluss und dessen Effizienz.

Beispiele für Pflegediagnosen[Bearbeiten]

(nur Titel) Gasaustausch, beeinträchtigt; Atemvorgang, beeinträchtigt; Spontanatmung, beeinträchtigt; Durchblutungsstörung; Flüssigkeitsvolumen, unausgeglichen, hohes Risiko; Flüssigkeitsüberschuss; Flüssigkeitsdefizit; Überernährung; Mangelernährung; Überernährung, hohes Risiko; Mundschleimhaut, verändert; Schlucken, beeinträchtigt; Stillen, unwirksam; Verstopfung; Verstopfung, hohes Risiko; Verstopfung, subjektiv; Durchfall; Stuhlinkontinenz; Stressurininkontinenz; Reflexurininkontinenz; Drangurininkontinenz; Drangurininkontinenz, hohes Risiko; Hautdefekt, bestehend; Hautdefekt, hohes Risiko; Aktivitätsintoleranz; Müdigkeit; Körperliche Mobilität, beeinträchtigt; Mobilität im Bett, beeinträchtigt; Transfer, beeinträchtigt; Rollstuhlmobilität, beeinträchtigt; Gehen, beeinträchtigt; Umhergehen, ruhelos; Halbseitige Vernachlässigung (neglect); Selbstfürsorgedefizit (Essen und Trinken, Waschen und Kleiden, Ausscheiden); Haushaltsführung, beeinträchtigt; Beschäftigungsdefizit; Schlafgewohnheiten, gestört; Kommunizieren, verbal, beeinträchtigt; Kommunikation, Bereitschaft zur Verbesserung; Soziale Interaktion, beeinträchtigt; Soziale Isolation; Einsamkeit, hohes Risiko; Rollenerfüllung, unwirksam; Elternrollenkonflikt; Gewalttätigkeit gegen andere, hohes Risiko; Selbstverstümmelung; Selbstverstümmelung, hohes Risiko; Gewalttätigkeit gegen sich, hohes Risiko; Suizid, hohes Risiko; Vergewaltigungssyndrom; Sexualität, beeinträchtigt; Sexualverhalten, unwirksam; Infektion, hohes Risiko; Körpertemperatur, erniedrigt; Körpertemperatur, erhöht; Sturz, hohes Risiko; Kooperationsbereitschaft, fehlend (noncompliance) (im Detail angeben); Schmerz, akut; Schmerz, chronisch; Bewältigungsformen (Coping), defensiv; Verlegungsstress-Syndrom; Körperbild, Störung; Selbstwertgefühl, chronisch gering; Selbstwertgefühl, situationsbedingt gering; Selbstwertgefühl, situationsbedingt gering, hohes Risiko; Persönliche Identität, Störung; Sinneswahrnehmungen, gestört (im Detail angegeben); Hoffnungslosigkeit; Machtlosigkeit; Machtlosigkeit, hohes Risiko; Wissensdefizit (im Detail angeben) (Lernbedarf); Orientierung, beeinträchtigt; Verwirrtheit, akut; Verwirrtheit, chronisch; Denkprozess, verändert; Gedächtnis, beeinträchtigt; Trauern, vorzeitig; Traurigkeit, chronisch; Angst (im Detail angeben); Furcht

„Die Taxonomie der Pflegediagnosen von NANDA-International wurde in der Fassung von 2007-2008 komplett überarbeitet. Es finden sich 15 neue Pflegediagnosen, und/oder-Formulierungen der definierenden Kennzeichen, Risikofaktoren und Ursachen wurden vielfach getrennt und Konzepte zusammengefasst. Es wurde eine vollständige Neuübersetzung in das Deutsche vorgenommen. In dieser Neuübersetzung wurde Wert auf die Erkennbarkeit der Multiaxialität der NANDA-Struktur in den Pflegediagnosentiteln gelegt.“ Im Sinne inhaltlicher Klarheit verändern sich einige Pflegediagnosentitel, wie zum Beispiel Aktivitätsintoleranz (Georg, 2005) in Reduzierte Belastbarkeit gegenüber Aktivität (Berger et al.(Hrsg.), 2008).

Der diagnostische Prozess (nach Cox)[Bearbeiten]

  • Sammlung der Daten
  • Zusammenfassung der Kennzeichen gemäß der Assessment-Struktur
  • Identifizierung der allgemeinen Probleme
  • Nochmalige Zusammenfassung der Daten (Clusterung gemäß der identifizierten Probleme)
  • Evtl. Sammlung weiter Daten (problemorientiertes Assessment)
  • Generierung mehrerer diagnostischer Hypothesen
  • Überprüfung der diagnostischen Hypothesen
  • Auswahl der akkuratesten Pflegediagnose
  • Validierung der Pflegediagnose
  • Formulierung der diagnostischen Aussage

Kurze Geschichte der Pflegediagnosen[Bearbeiten]

Die Pflegeplanung geht zurück auf die 1950er Jahre, als Lysia Hall den Begriff Pflegeprozess etablierte. In den USA erschienen ab 1960 die ersten Artikel über Pflegeplanung in Fachzeitschriften. Die Einführung erfolgte ab etwa 1970. Die Idee kam dann nach Großbritannien, wo die Methode den dortigen Verhältnissen angepasst wurde. Die Einführung in den USA und Großbritannien erfolgte, weil die Pflegekräfte die Pflegeplanung als Methode zur Qualitätssteigerung sahen. In den USA wurde die Pflegeplanung auch als Instrument gesehen, dem Beruf mehr Ansehen zu bringen.

Die Pflegeplanung wurde durch das Erscheinen des Buches Pflegeplanung von Fiechter und Meier (1981) vorangetrieben. Bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Modell der Pflegediagnosen von verschiedenen Autoren verwendet. Wie oben beschrieben, erfolgte die Implementierung erst etwa 20 Jahre später, bereits 1967 wurde von Helen Yura und Mary Walsh das erste Buch über die Pflegeplanung und dem Pflegeprozess in 4 Stufen (Einschätzen, Planen, Umsetzen, Auswerten) herausgegeben.

1973 erfolgte die erste Konferenz der American Nursing Association (ANA). Es wurden die „Standards of Nursing Practice“ herausgegeben. Pflegediagnosen wurden als autonomer Teil der Krankenpflege anerkannt. Ab dieser Zeit kommen die Pflegediagnosen oft in der Literatur zur Krankenpflege vor. 1982 wird die NANDA offiziell gegründet und eine Taxonomie empfohlen. In der Zwischenzeit hat sich auch der Pflegeprozess etwas differenziert, in jetzt 5 Stufen: Einschätzung(Assessement) -> Pflegediagnose -> Planung -> Umsetzung -> Auswertung. In den frühen 1990er Jahren entstanden auch europäische Bestrebungen, Pflegediagnosentaxonomien zu entwicklen. Die ENDA, ACENDIO, DIHNR -> TELENURSE, ICNP, ICF (ICIDH), ISO, ENP. Im deutschsprachigen Raum wird seit 1989 die Pflegefachsprache ENP (European nursing care pathway) von einem Forscherteam entwickelt. Zur Unterstützung des Pflegeprozesses mit einer standardisierten Pflegefachsprache ist ENP im Sinne eines "Pflegediagnosen-bezogenen Behandlungspfades" entwickelt worden. Das heißt, zu einer Pflegediagnose werden mögliche Ursachen, Kennzeichen, Ressourcen, Pflegeziele und Interventionen angeboten.

Bevor eine Pflegediagnose gestellt werden kann, sollten geeignete Assessmentinstrumente zum Einsatz kommen, denn sie dienen dazu, die Kennzeichen, Symptome und Ursachen, die der Diagnose zu Grunde liegen, strukturiert und (im Idealfall evidenzbasiert) zu erfassen. Früher wurden hierzu meist auf Instrumente aus fremden Fachbereichen zurückgegriffen. Mittelerweile existieren verschiedene Assessment- oder Screeninginstrumente, die von Pflegewissenschaftlern für unterschiedliche Settings entwickelt wurden (siehe für die Altenpflege z.B. die PAS oder das RAI, für das Akutkrankenhaus z.B. das ePA©).

Klassifikationssysteme[Bearbeiten]

Im deutschsprachigen Raum werden überwiegend zwei Klassifikationen von Pflegediagnosen oder -phänomenen verwendet, jene der nordamerikanischen NANDA und jener des International Council of Nurses (ICN), die sog. ICNP. Für ICNP gibt es eine deutschsprachige Nutzergruppe. Beide Klassifikationen verwenden unterschiedliche Taxonomien, wobei die ICNP sich allerdings als Referenzklassifikation versteht und in diesem Sinne andere Systeme zu integrieren versucht.

Es existieren international noch weitere Klassifikationen, die sich aber nicht wirklich durchsetzen konnten. Erwähnenswert ist allenfalls SABA, das speziell für den Bereich der häuslichen Pflege entwickelt wurde. Allerdings hat sich die NANDA vor einiger Zeit mit der Klassifikation der "Nursing Interventions" NIC und mit den "Nursing Outcomes" NOC verlinkt.

Diagnosearten der NANDA[Bearbeiten]

Die NANDA unterscheidet verschiedene Arten von Pflegediagnosen:[2]

Die aktuelle Pflegediagnose bezieht sich auf einen durch Hauptsymptome nachweisbaren Zustand. Beispiel: Obstipation, Hauptsymptome: niedrige Stuhlgangsfrequenz, dabei Schmerzen und harter Stuhl.

Die Hochrisiko- oder Gefährdungs-Pflegediagnose beschreibt ein potentielles Risiko für ein bestimmtes Gesundheitsproblem, dem durch die Anwendung von Prophylaxemaßnahmen begegnet werden kann. Beispiel: hohes Risiko für einen Hautdefekt durch einseitige Druckbelastung bei Ortsfixierung.

Die Mischung aus aktueller und Gefährdungspflegediagnose wird als Syndrompflegediagnose bezeichnet. Beispiel: Inaktivitätssyndrom bei Bettlägerigkeit.

Bei einer Verdachtspflegediagnose besteht möglicherweise ein Pflegeproblem, das aber durch weitere Informationen oder Symptome bestätigt werden muss.[3] Beispiel: Körperbildstörung nach Amputation.

Zur Optimierung bestehender körperlicher und geistiger Gesundheit kann eine Wellness- oder Gesundheits-Pflegediagnose gestellt werden, wenn eine diesbezügliche Beratung gewünscht wird.


Aufbau einer Pflegediagnose (NANDA)[Bearbeiten]

Jede NANDA-Diagnose besitzt - um vollständig zu sein - folgenden Aufbau:

  • Definition
  • mögliche ursächliche oder beeinflussende Faktoren
  • Bestimmende Merkmale oder Kennzeichen
    • subjektive (Sicht des Patienten)
    • objektive (Beobachtung der Pflege)
  • Patientenbezogenen Pflegeziele oder Evaluationskriterien
  • Massnahmen oder Pflegeinterventionen (eingeteilt nach Pflegeprioritäten)
  • Schwerpunkt der Pflegedokumentation
    • Pflegeassessment oder Neueinschätzung
    • Planung
    • Durchführung/Evaluation
    • Entlassungs- oder Austrittsplanung

sowie

  • Pflegeinterventionsklassifikation (NIC)
  • Pflegeergebnisklassifikation (NOC)
  • Literaturhinweise

Literatur[Bearbeiten]

  • Joachim Berga: Pflegediagnosen. In: Geprüfte Schulungsmaterialien für die Pflege. Raabe Verlag: Berlin 2012.
  • Collier/McCash/Bartram: Arbeitsbuch Pflegediagnosen. Ullstein Medical 1998, ISBN 3-86126-593-1
  • Wolfram Fischer: Diagnosis Related Groups (DRGs) und Pflege. Hans-Huber-Verlag, Bern 2002. ISBN 3-456-83576-0 u
  • Marjory Gordon: Handbuch Pflegediagnosen. Urban & Fischer 2001, ISBN 3-437-26441-9
  • Marjory Gordon, Sabine Bartholomeyczik: Pflegediagnosen. Urban & Fischer 2001. ISBN 3-437-26380-3
  • Penny Powers: Der Diskurs der Pflegediagnosen. Hans Huber Verlag, Bern 1999, ISBN 3-456-83138-2
  • NANDA International: NANDA-I Nursing Diagnosis: Definitions & Classification 2007-2008. Philadelphia: NANDA-International , 2007, ISBN 978-0-9788924-0-1
  • NANDA International: NANDA-I Pflegediagnosen: Definitionen & Klassifikation 2007-2008. Herausgeber: Simon Berger, Holger Mosebach und Pia Wieteck, Bad Emstal: RECOM Verlag, 2008, ISBN 978-3-89752-111-7
  • Stefan, Allmer, Eberl et al.: Praxis der Pflegediagnosen. Springer Verlag, Wien 2003, ISBN 3-211-00807-1

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. www.dedica.ch
  2. www.dpv-online.de, abgerufen am 2. Februar 2012
  3. Karin Eveslage: Pflegediagnosen: praktisch und effizient. Springer, Heidelberg 2006, S. 92-102.ISBN 978-3-540-25578-9.

siehe auch[Bearbeiten]