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Inhaltsverzeichnis

Junge Pflege Kongress 2012

Im Zweifel für den Zweifel

So, es ist Ostern, und ich schreibe wieder. Es hat etwas gedauert, aber ich hatte aucheiniges zu entdecken. Eines zum Beispiel weiß ich inzwischen ganz genau: Dass ich nicht weiß. Und auch wenn ich für diese Erkenntnis keinen Preis verdient habe (eher schon Sokrates), so wird sie für mich doch nicht unwahrer. Nicht-Wissen bezieht sich in meinem Fall aber nicht auf Ansichten über die Welt (obwohl ich in dieser Hinsicht natürlich auch nicht weiß), sondern ganz konkret: Auf meine Arbeit, und das in zweierlei Hinsicht.

Da wäre zuerst einmal das Fachwissen. Als Springer bin ich nicht in einer Disziplin zuhause, sondern gleichzeitig immer überall. Ich schnappe hier etwas auf und da auch, aber bevor ich es – bzw. es sich selbst – vertiefen kann, heißt es: Auf Wiedersehen, jetzt geht es mal wieder ganz woanders hin. So weiß ich von allem immer nur häppchenweise; Fachidiot werde ich auf diese Weise ganz sicher nicht. Ich muss auf detaillierte Fragen stets antworten, dass ich dies und das nicht ganz so genau weiß. (Wenn es hingegen um eine Frage aus einem anderen Fachgebiet geht, bin ich der sprichwörtliche Einäugige unter Blinden – besser als gar nichts, aber gut?). Das ist auf Dauer sehr anstrengend, und es untergräbt Moral, Selbstbewusstsein und Motivation.

Werde ich für voll genommen? Wo stehe ich? Was denken die Kollegen von mir? Wie sehe ich mich selbst? Ich habe wieder die Bücher meiner Ausbildung hervorgekramt und lese und lese und ich frage mich, wie viel ich davon auf einer theoretischen Ebene wissen kann und wie viel sich als Erfahrungswissen mit der Zeit „automatisch“ einstellt (Bzw. bei mir aus oben beschriebenen Gründen eben nicht). Muss man alles wissen oder „nur“ auf seinem Spezialgebiet fachkundig sein? Daraus ergibt sich Nicht-Wissen, Teil zwei: Wie soll es weitergehen? Schließe ich mich wieder fest einer Station an und werde Spezialist? Oder lasse ich alles so, wie es ist, bequem und unabhängig, ohne nervendes Team, abwechslungsreich und mit einem großen Maß an Selbstbestimmung, zum Preis des Selbstzweifels, der Unsicherheit und des (gefährlichen?) Halb-Wissens? Ist mir der Beruf überhaupt noch wichtig genug? Sollte ich etwas komplett Neues machen? Und, wenn ja, WAS? Die Sonne scheint, ich gehe jetzt raus, um auf andere Gedanken zu kommen. Wie ich mich kenne, werde ich die Entscheidung auf Herbst vertagen. Ein halbes Jahr mehr oder weniger nicht wissen, was macht das schon für einen Unterschied?


Bert Trautmann, 9.4.2012

Können Decken auf Köpfe fallen?

Vor gut einer Woche hatte ich mir noch eine Prise Langeweile in meinem Leben gewünscht, in der Zwischenzeit hatte (und habe ich immer noch) so viel davon, dass ich nicht mehr weiß wohin damit – ich bin nämlich krank und muss die Wohnung hüten. Ein grippaler Infekt hätte mich um ein Haar dahingerafft; zwischendurch hab ich mich tatsächlich so elend gefühlt wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr – körperlich zumindest. Jetzt ist alles wieder einigermaßen okay; es ist ein gutes Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt und der Schleim sich löst.

Die beste Krankheit taugt nichts, sagt man. Das ist korrekt. Und das Dümmste am Kranksein ist, dass man Dinge, die man seit Jahren tun will und für die man normalerweise nie Zeit hat, gerade jetzt auch nicht in Angriff nimmt. Denn erst ist man zu schwach, und später, wenn man physisch wieder dazu in der Lage wäre, hat die Langeweile hinterrücks längst das Zepter an sich gerissen und zersetzt auf ihre perfide Art jegliche Aufbruchsstimmung. Eine geradezu diabolische Volte! Man ist in der Folge nur damit beschäftigt, die Decke zu beobachten und ob sie einem nicht doch irgendwann auf den Kopf fällt. Diese zweite Krankheitsphase hält dann so lange an, bis man wohl oder übel wieder aus dem Haus muss. Und just in diesem Moment ärgert man sich dann, dass man wieder nichts auf die Reihe gekriegt hat, jetzt, wo man doch wirklich alle Zeit der Welt gehabt hätte! So gesehen bin ich sehr froh, dass ich heute zumindest diesen Text geschrieben habe… Bert Trautmann, 28. Feb 2012


P.S.: Wie es sich für einen guten Arbeitnehmer gehört, hätte ich sowieso die ganze Zeit (bis auf einen Tag) frei gehabt. Bis zur nächsten Schicht übermorgen bin ich dann wieder völlig fit und auskuriert und leistungsfähig und wenn nicht, dann gehe ich trotzdem hin.


Samstag ist Selbstmord

Gestern hab ich mich mit einer Freundin getroffen. Es war ein sehr schöner Abend, aber weil sie, wie jeder normale Mensch, heute früh raus musste, war er auch recht schnell wieder vorbei. Da lob ich mir meinen Schichtdienst: Ich konnte gestern weiter Bier trinken, während sie auf Johannisbeersaftschorle umgestiegen ist. Und als ich dann nach Hause kam, hab ich noch ein bisschen Radio gehört und dann hab ich noch gelesen und dann ging ich auch ins Bett. Freiwillig. Heute hab ich ausgeschlafen und wenn dieser Text geschrieben ist werde ich in aller Ruhe einkaufen gehen. Die Massen werden mich nicht durch die Läden schieben, denn die Massen sind ja erst morgen wieder da. Und da bin dann wiederum ich in der Arbeit.

Wer hat das Wochenende erfunden? fragten Tocotronic einst und stellten fest: Die ganze Menschheit ist dadurch geschunden. Verwandten- und Flohmarktbesuche, Ausgehzwang, Kaffee und Kuchen, Sportverein, Gartenarbeit, das Streben nach Gemütlichkeit, zu viel Freizeit – die man dann vollpackt bis auf die letzte Minute. Sonntagabend fragt man sich letztlich, was man eigentlich gemacht hat die letzten zwei Tage. Und man nimmt sich vor, dass man das nächste Wochenende mal ein bisschen ruhiger angehen lässt…

All diese Probleme habe ich nicht. Vielleicht wird mir heute sogar noch ein bisschen langweilig. Darüber würde ich mich sehr freuen. Danke, Schichtdienst!

Bert Trautmann, 17.02.20012

WG gesucht

Ich bin gerade aus meiner WG ausgezogen, aber irgendwann werde ich wieder in eine ziehen. Wenn ich alt bin nämlich, also ziemlich bald.

Hoffentlich ist bis dahin Daniel Bahr als Gesundheitsminister noch nicht zurückgetreten, abgesetzt oder abgewählt worden (wobei letzteres angesichts der massiven Umfragewerte seiner Partei eher unwahrscheinlich ist), denn, wie ich soeben in den Nachrichten gehört habe, will Herr Bahr Alten- WGs finanziell fördern. So könnten Wohngemeinschaften Pflegebedürftiger monatlich pro Person (schon in Pflegestufe 1) bis zu 850 Euro an Leistungen zur Verfügung stehen. Das hört sich erst einmal gut an. Menschen in der ersten Pflegestufe haben bisher Anspruch auf 685 Euro an Geld- und Sachleistungen, der neue Ansatz brächte also immerhin eine Steigerung um gut 25 Prozent.

In einer Zeit, in der traditionelle Werte immer mehr erodieren, entstehen neue, an die Stelle der klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie treten dann eben Freunde und WG-Partner. Dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und sie zu fördern halte ich für sinnvoll und wichtig. Dass ich das noch einmal über den Vorschlag eines FDP-Politikers sagen würde…

Kann sich noch jemand an den Münchener Tatort vor Jahren erinnern, in dem es um eine Alten-WG ging? „Nicht jugendfrei“ hieß der, und darin versuchten die Senioren, sich mit allerlei legalen und nicht ganz so legalen Mitteln und Mittelchen ihre letzten Jahre so angenehm wie möglich zu machen. So will ich das auch einmal. Mit staatlicher Förderung.

Bert Trautmann, 07.02.2012

Eine nicht ganz ernst gemeinte "Fortsetzung"

Da könnte es für so manche Langzeit-Studenten-WG einen direkten Übergang in eine förderungswürdige Alten-WG geben. Nur nicht verwechseln: Der Antrag wird nicht mehr für Leistungen nach BAföG gestellt, sondern nach BAGföG (BundesAlten- und Gebrechlichenförderungsgesetz). Das Amt für Ausbildungsförderung ist dann auch nicht mehr zuständig, da es aber aufgrund der demographischen Entwicklung zusammen mit dem Jugendamt abgeschafft wird, sind wieder Ressourcen frei für ein neues Altenamt. Dessen Aufgabe ist, dafür Sorge zu tragen, dass die Alten die Fördersummen nicht für unnütze Sachen (Alkohol, Drogen, Ballerspiele, Magnetfeldtierkreiszeichenblasenstärkungsheizdecken, Frauen) ausgeben oder beim Bingo verprassen, was bei nicht angemeldeten Hausbesuchen in der Mittagsschlafzeit überprüft wird. Bei Verstößen gegen die Auflagen entfällt die freie Pflegekraftwahl; das Amt entscheidet dann, wer aus dem Pool der Pflichtpfleger zur Versorgung abgeordnet wird. --Birgit 19:57, 13. Feb. 2012 (CET)

You can hardly tell a worried man from a coward

I’m in trouble trouble trouble, deep deep deep trouble, und ich kann nichts dagegen tun. Jetzt kann ich nicht mehr schlafen, und ich stehe auf und habe keine Lust einzuspringen aber tu es trotzdem, heute Nachmittag. Muss ich mein Telefon denn auch immer angeschaltet lassen? Ich verpasse ja doch keinen wichtigen Anruf, nur die ärgerlichen kommen rein und ich fühle mich verpflichtet ranzugehen. Es ist Frühling, ich habe frei und mache am Freitagnachmittag doch eine Spätschicht. Doof. Ich glaube, es ist Zeit aufzuhören und was ganz anderes zu tun. Oder ich fahre in Zukunft immer sofort weg, wenn ich einen Tag frei habe, irgendwohin, vielleicht auch nur in einen anderen Stadtteil oder in einen nahe gelegenen Wald meiner Wahl, dann kann ich wenigstens ohne schlechtes Gewissen sagen, dass ich nicht da bin. Sollen die doch ihren Scheiß selber machen, sollen sie sich doch selbst mal wieder ans Bett stellen und sich den Wahnsinn antun. Aber sie wissen ganz genau: Mit uns können sie es ja machen. Ich mag es nicht, aber ich kann nicht anders. Wenn ich nicht aufhöre, wird sich da nie etwas ändern. Ich hätte Verwaltungsangestellter werden sollen, schön pünktlich Feierabend und wenn jemand ausfällt bleibt die Arbeit halt liegen. Und wenn ich krank bin, häng ich noch ein zwei Tage hinten dran, bleibt die Arbeit halt liegen. Wär ich ja schön blöd, halb krank in die Arbeit zu rennen. Können die Deppen auf Station ja gerne machen, aber nicht mit mir.

17° heute Nachmittag, funk.

Den Rhythmus wiederfinden

Heute bin ich um kurz vor fünf aufgewacht. Wie an den letzten sieben Tagen auch. Doch diesmal klingelte mich kein Wecker aus dem Schlaf, denn heute habe ich keine Frühschicht. Ein Glück.

Sieben Mal Früh am Stück sind mir einfach zu viel. Bin ich das Arbeiten nicht mehr so gewohnt oder werde ich alt? Ich präferiere Möglichkeit Eins, finde aber auch die zweite Variante nicht von der Hand zu weisen. Jedenfalls: Wenn es mir jetzt schon so schwer fällt, wie soll denn das erst in zwanzig Jahren werden oder in dreißig oder – Gott bewahre! – noch später? Ich will es gar nicht wissen. Vielleicht sollte man es mit dieser Frage halten wie mit der täglichen Arbeit auch: Es wird schon irgendwie gehen, auch wenn man vorher noch nicht weiß wie. Und schon ist es kurz vor zwei und ich kann mich gar nicht mehr an den ersten Durchgang knappe acht Stunden vorher, um zwanzig nach sechs, erinnern – das muss in irgendeinem anderen Leben gewesen sein, denn in der Zwischenzeit ist so viel auf mich eingeprasselt, dass das Gehirn automatisch ausmistet. Flüchtige Erinnerungen müssen Platz machen, und wenn ich nicht zeitnah dokumentiert hätte, dass ich dem Patienten in Zimmer 19 am Fenster zum Frühstück acht Einheiten Insulin gespritzt habe, dann wüsste ich es bei der Übergabe tatsächlich nicht mehr.

Zu diesem Phänomen trägt auch bei, dass man nach ein paar Tagen mit derselben Schicht in eine Art Autopilotmodus umschaltet: Die eigene Wahrnehmung wird selektiver oder, um es weniger vornehm auszudrücken, viele Dinge interessieren mich einfach nicht mehr, und so passiert vieles wie von selbst. Manchmal muss ich sogar kurz kontrollieren, ob mir nicht inzwischen Fäden aus den Extremitäten und dem Kopf wachsen.

Jetzt habe ich frei. Der Verdacht, ich sei nur Werkzeug eines unsichtbaren Marionettenspielers, hat sich als unbegründet erwiesen, und so muss ich dringend wieder den Rhythmus wechseln. Ich möchte ja auch wieder einmal länger schlafen als bis 4.55 Uhr. / Bert Trautmann, 27.Januar 2012

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