Narratives Interview

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lat. narrare = erzählen (Geschichten erzählen, Selbsterlebtes erzählen)

Beim narrativen Interview handelt es sich um eine Forschungsmethode der empirischen Sozialforschung. Fritz Schütze gilt als Begründer dieser Interview-Form (1976). Beim narrativen Interview steht das Erzählen der interviewten Person im Vordergrund. Es ist vom Interviewer also möglichst offen zu halten. Es wird erzählt, berichtet, argumentiert und/oder aufgezählt. Man hält sich als Interviewer zurück und lässt dem Gesprächspartner alle Freiheiten zum Erzählen. Man sollte nicht nach Routinen fragen und kann Pseudonyme verwenden (Anonymisierung).

Einsatzbereich[Bearbeiten]

  • Bei explorativeren Fragestellungen zu biographischen Verläufen oder Schlüsselerlebnissen
  • Beim Vorhaben, eine Erzählung selbsterlebter Geschichten beim Befragten hervorzurufen (induktiv)
  • Zum Verstehen und Aufdecken von Sichtweisen, Handlungen und Bedeutungsmustern, die beim systematischen Abfragen kaum zum Ausdruck kämen
  • bei Handlungsabläufen, die durch Beobachtung nicht direkt zu erschließen sind (z.B. Gefühle)
  • wenn der Forscher wenig über das Thema weiß

Merkmale[Bearbeiten]

  • Kaum Interviewcharakter mit weicher bis neutraler Interviewtechnik
  • umfangreiche und nicht-unterbrochene Textpartien
  • Einleitender Erzählstimulus
  • Phasen der Stegreiferzählung (ohne Unterbrechung), des Nachfragens (erst immanent, dann exmanent) und der Bilanzierung (des Befragten)
  • Evtl. abschließendes Abfragen sozio-demographischer Daten
  • Inhaltsanalytische Verarbeitung; z.B. Fallkonstruktion nach Grob- und Feinanalyse

Ziele[Bearbeiten]

  • Nachvollziehen von Handlungsabläufen
  • Offenlegen alltagsweltlicher Konstruktionen und subjektiver Relevanz- und Deutungssystemen
  • Alltagstheorien und Wertvorstellungen in Erfahrung bringen

Verhalten des Forschers[Bearbeiten]

  • Das in der Frage verwendete Vokabular sollte an die Sprachstile der Befragten angepasst werden, aber dennoch Bedeutungsequivalenz haben.
  • Wenn die Lebensnähe von entscheidender Bedeutung für das Interview ist (z.B. häusliche Umgebung) ist es sinnvoll, das Interview dort durchzuführen.
  • Meinungs- und Begründungsfragen sollten nicht gestellt werden, da sie keine Annäherung an eine ganzheitliche Reproduktion darstellen (wenn jemand das, was er erzählen soll, rechtfertigen soll, hemmt das die Erzählung, da viele Dinge noch unreflektiert sind).

Vorteile[Bearbeiten]

  • offener Feldzugang (kaum Grenzen)
  • tiefer Einblick in persönliche Lebensgeschichte (mehr als bei Leitfadeninterviews)
  • die interviewte Person hat einen großen Spielraum, um seine Erfahrungen darzustellen (Zeitlinie, Dramaturgie)
  • große Datenmenge => auf Dinge aufmerksam werden, die einem vorher gar nicht als relevant aufgefallen sind
  • Schaffen eines Vertrauensverhältnis (im Gegensatz zum reinen Frage-Stellen)
  • produziert die "wertvollsten" Daten, da sie nicht vom Interviewer gelenkt werden

Nachteile[Bearbeiten]

  • gegenseitige Rollenerwartungen, da keine klassischen Fragen gestellt werden und Geschichten mit großem Spielraum erzählt werden sollen, können Irritationen entstehen
  • Es können Ereignisse erzählt werden, die Krisen bzw. Schuld oder schambesetzte Erfahrungen beinhalten (vgl. Forschungsethik: ethische Prognose und Prävention)
  • eingeschränkte Lenkbarkeit (erst im Nachfrageteil) => Produktion von Daten mit großem Ausschuss (uninteressante Daten)
  • zeitaufwändig
  • Gefahr der subjektiven Interpretation
  • eingeschränkte Vergleichbarkeit, wenn unterschiedliche Schwerpunkte erzählt werden

Aufbau[Bearbeiten]

  • Erzählaufforderung (möglichst offen halten)
  • Erzählteil (Interviewpartner)
  • Nachfragen:
    • Fragen, die sich aus dem Interview ergeben
    • “äußere” Nachfragen
  • Beenden: "Gibt es noch etwas, das Sie gerne erzählt hätten"
    • Angebot eines zweiten Interviewtermins
    • "Darf ich Sie nochmal kontaktieren, wenn ich weitere Fragen habe"
    • Aufklären, dass das Interview transkribiert wird

Erzählformen[Bearbeiten]

  • Erzählung (einmalig erlebte Situation)
  • Bericht (häufiger vorkommende Sachen)
  • Begründung

Mechanismen des Erzählzwangs[Bearbeiten]

  1. Gestaltschließungszwang: Das, was man erzählt, wird so erzählt (Zwang), dass jeder es verstehen kann. Eine erlebte Geschichte muss als Episode oder als historisches Ereignis mit allen Teilereignissen so detailliert erzählt werden, dass sie für eine fremde Person verständlich wird. Hintergrundinformationen und Zusammenhänge werden miterzählt
  2. Kondensierungszwang: Man hat den Zwang zu überlegen, welche Fakten wichtig für die Erzählung sind, und welche weggelassen werden können, da Erzählzeit und Erlebniszeit nicht identisch sind
  3. Detaillierungszwang: Je länger jemand erzählt, desto detaillierter erzählt er, und desto plausibler wird das Erzählte (Plausibilität des Erzählens).

Transkription[Bearbeiten]

Man sollte das ganze Interview transkribieren. Ist es zuviel kann man sich das wichtigste rauspicken, muss den Rest aber zusammenfassen, damit man alle Informationen wiederfinden kann. Man sollte eigene Regeln zur Transkrption festlegen (wie eine Legende)

  • Bsp.:
(1) = 1 Sekunde Redepause;
[ = Gesprächsinhalte überlappen sich.

Außerdem sollte man sich Memos machen, also alles festhalten was Schritt für Schritt auffällt und möglicherweise genauer hinterfragt werden muss. Man analysiert ein narratives Interview immer Schritt für Schritt. Dies nennt man Sequenz-Analyse. Hierbei nimmt man zuerst eine Grob-Analyse (Gliederung) vor. Danach kommt es zur Fein-Analyse (Wort für Wort). Bei der Analyse sollte man die eigentliche Fragestellung erstmal aussen vor lassen. Die Gliederung sollte in einer Tabelle festgehalten werden.

Beispiel:

Zeile Jahr/Zeit Alter Thema/Ereignis Erzählform
44-46 September 1989 - Einzug in neue Wohnung Erzählung

Wichtig: Die Zeitschiene muss genau beachtet werden, damit man hinterher alle Zeitspannen erkennen kann und die Abläufe genau analysieren kann.

Bsp.: wann ist der Vater gestorben, wann kam der Arzt und was ist in der Zwischenzeit passiert?

Es empfiehlt sich in diesem Zusammenhang eine grafische Zeitschiene zu erstellen und man sollte auch schauen, wann welche Personen vorkommen und in welchem Zusammenhang sie mit der Geschichte stehen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Loch, Ulrike und Rosenthal, Gabriele: Das narrative Interview. In: Schaeffer, Doris und Müller-Mundt, Gabriele (Hrsg.): Qualitative Gesundheits- und Pflegeforschung. Huber Bern (2002)

Weblinks[Bearbeiten]