Krise

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Krise kommt vom Griechischen "Krisis" und bedeutet etwa trennen, unterscheiden. Der Grundbedeutung nach ist eine Krise (wirtschaftlich, medizinisch,…) immer ein entscheidender Augenblick, der dringend Handlungsentscheidungen erfordert oder ein "dynamischer Schwebezustand zwischen positiver und negativer Veränderung"[1].

Im Chinesischen hat das Schriftzeichen für Krise die Bedeutungen Gefahr und Chance.

Der Krisenbegriff[Bearbeiten]

Krise ist die Bezeichnung für einen Verlust des emotionalen Gleichgewichts. Oft geht dieser Verlust mit hohem gefühlsmäßigem Druck einher, der vom Betroffenen mit den erlernten Bewältigungsmöglichkeiten nicht oder nicht sofort behoben werden kann. Es kann Gefühle der Bedrohung und einen Anstieg an Unsicherheit, Dringlichkeit und Zeitdruck auslösen. Druck besteht zusätzlich insofern, als dass die jeweils gewählte Handlung von entscheidender Bedeutung für die Zukunft ist und die Weichen stellt, ob das Problem bewältigt oder die Krise zur Katastrophe wird.

Unterschieden werden

Bei Ausbruch einer Krise sind Art und Schwere des auslösenden Ereignisses sowie die Bewertung von Bedeutung. Die "Theorie kritischer Lebensereignisse" setzt sich mit der Entstehung von Krisen auseinander.

Medizin[Bearbeiten]

Im medizinischen Sprachgebrauch bedeutet Krise entweder eine Zuspitzung im Krankheitsgeschehen (z.B. der steile, „kritische“ Abfall von Fieber) oder das anfallsweise Auftreten von Krankheitszeichen mit besonderer Heftigkeit, z.B. eine Bluthochdruckkrise (hypertensive Krise).

Psychologie[Bearbeiten]

In der Psychologie bedeutet eine Krise einen wichtigen Abschnitt innerhalb eines psychologischen Entwicklungsprozesses, in dem sich nach einer Zuspitzung der Situation der weitere Verlauf und spätere Ausgang entscheidet (z.B. Trotz-Phasen in der Kindheit, Reifezeit in der Pubertät usw.). Auch berufliche, familiäre und andere schwerwiegende Entscheidungssituationen oder die Konfrontation mit einer schwerwiegenden Diagnose können sich zu tiefreichenden persönlichen Krisen (Existenz-Krisen) ausweiten, in denen die Persönlichkeit, die eigene Werthaltung und Lebensauffassung, das Selbstgefühl und Gewissen betroffen sind.

Pflegekonzept[Bearbeiten]

Eine Krise ist ein entscheidender Abschnitt eines Entwicklungsprozesses, der durch hohe Belastung gekennzeichnet und für das weitere Persönlichkeitsschicksal bestimmend ist. Der Lebenslauf eines jeden Menschen ist geprägt von individuellen Ereignissen, die mehr oder weniger unvorhergesehen in sein Leben eingreifen, plötzlich auftreten und den Menschen zur Umorientierung in seinem Denken und Handeln auffordern. Solche Ereignisse können zu Entwicklungs-, Anforderungs- und Verlustkrisen führen, gehören andererseits aber zum Reifungsprozess einer Persönlichkeit. Krisen bedeuten einerseits eine Bedrohung der Identität des Menschen, bergen andererseits jedoch auch eine Chance zur Wandlung und Entwicklung. Daher ist es nicht sinnvoll, jede sich andeutende Krise abwenden zu wollen und Leid um jeden Preis zu vermeiden.

Krisenphasen[Bearbeiten]

Krisenmodell nach Caplan[Bearbeiten]

Das Krisenmodell nach dem amerikanischen Sozialpsychiater Caplan (1964) formuliert Krise als eine negativ empfundene Veränderung des Gleichgewichts zwischen Individuum und Umwelt. Es enthält vier Phasen:

  1. Phase der angepassten und routinierten Reaktion: Der Betroffene wendet ihm vertraute Problemlösungstrategien an. Bereits in dieser Phase können sich Gefühle wie Angst, erhöhte Spannung, Bedrohung und Beunruhigung einstellen. Mit jedem misslungenem Versuch, die Situation mit bekannten Massnahmen zu bewältigen, steigt die belastende Spannung an. Der Betroffene sieht sich immer weniger in der Lage, eine Lösung für seine Probleme zu finden.
  2. Phase der Unsicherheit und Überforderung: Das Geschehen der ersten Phase spitzt sich zu. Die Copingstrategien des Betroffenen zeigen keinen Erfolg. Er muss sich eingestehen, dass er überfordert ist. Die starke emotionale Verunsicherung lässt den Betroffenen kaum noch Perspektiven erkennen. Gefühle der Hilflosigkeit und des Versagens nehmen überhand.
  3. Phase der Abwehr durch den Einsatz aller verfügbaren Mittel: Alle äusseren und inneren Ressourcen werden mobilisiert. Der Leidensdruck ist so groß, dass der Betroffene auch zu ungewohnten Verhaltensweisen greift, um das Problem zu lösen. Möglicherweise kann er das Problem in dieser Phase lösen und gewinnt damit an Stärke und neuem Selbstbewusstsein.
  4. Phase der Erschöpfung, der Rat- und Hilfslosigkeit: In dieser Phase entscheidet sich, ob das Krisengeschehen positiv oder negativ verläuft. Besteht die bedrängende, belastende Situation weiter, verschlechtert sich das seelische und körperliche Wohlbefinden des Betroffenen stark. Schliesslich kommt es zum Zusammenbruch der Persönlickeit. Oft ist professionelle Hilfe nötig, um einen Copingprozess auszulösen.

Krisenverlauf nach Cullberg[Bearbeiten]

Der schwedische Psychiater Johan Cullberg stellte 1978 ebenfalls ein Vier-Phasen-Modell vor

  1. Schockphase: In diesem Ausnahmezustand wird die Realität kaum wahrgenommen oder sogar verleugnet. Die Merkfähigkeit ist eingeschränkt, so dass Informationen eventuell gar nicht aufgenommen werden können. Daher müssen wichtige Informationen zu einem späteren Zeitpunkt, gegebenenfalls auch mehrfach, wiederholt werden.
  2. Reaktionsphase: Tatsachen gelangen schmerzhaft ins Bewusstsein bei gleichzeitiger Anwendung von Abwehrmechanismen wie Verleugnung, Ausbildung einer Sucht oder Krankheit, Verdrängung, Regression oder depressive Erstarrung.
  3. In der Bearbeitungsphase ist eine Ablösung von alten Bedürfnissen und Vorstellungen möglich.
  4. Neuorientierungsphase Der vorangegangene Verlust wird im Idealfall durch veränderte Sinnfindung und Zielvorstellungen (auch neue Objekte oder Personen) zunehmend kompensiert.[2]

Krisenbewältigungsmodell nach Schuchardt[Bearbeiten]

Die Soziologin und Psychologin Erika Schuchardt hat nach Untersuchungen von Krisenerfahrungen ein eigenes Krisenbewältigungsmodell entwickelt, welches auch empirisch validiert ist. Schwerpunkt bei der Untersuchung war die Konfrontation mit Behinderung und schwerer Krankheit. Das Modell ist spiralig aufgebaut und in 3 Stadien und insgesamt 8 Phasen unterteilt. Die Phasen sind nicht in sich abgeschlossen, sondern gehen eher ineinander über. Grundsätzlich können Phasen auch parallel stattfinden. [3]

  • Eingangsstadium (Stadium I) die kognitiv, fremdgesteuerte Dimension:

1. Ungewißheit: der Krisenauslöser ist ein Schock, der das geordnete Leben zerstört, der Betroffene versucht das Problem zu verdrängen und will es nicht wahrhaben

2. Gewißheit: der Betroffene kann die Wahrheit erkennen, lebt aber weiterhin in der Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet

  • Durchgangsstadium (Stadium II) die emotional ungesteuerte Dimension:

3. Aggression: Gefühlsausbrüche mit aggressiven und autoaggressivem Verhalten um den Schmerz zu verarbeiten, das Ereignis tritt erst richtig in das Bewusstsein

4. Verhandlung: alle Möglichkeiten werde ausgeschöpft (Konsultierung vieler Ärzte, Heilpraktiker, Wallfahrten, Gottesdienste, der letzte Funken Hoffnung für den Betroffenen, emotionale Phase die sich nicht beeinflussen lässt

5. Depression: der Betroffene stellt fast, dass die Situation endgültig ist und verfällt in eine Sinnkrise, diese Phase ist die Vorbereitung zur Annahme

  • Zielstadium (Stadium III) die aktional, selbstgesteuerte Dimension:

6. Annahme: der Betroffene hat die Kampfphasen durchlebt und versucht das Ereignis anzunehmen

7. Aktivität: durch die Annahme wird die Energie frei, welche bisher in den Kampf gesteckt wurde. Der Betroffene lernt mit seiner speziellen Situation umzugehen

8. Solidarität: Öffnung der Sichtweise, aus dem Betroffenen Einzelkämpfer wird ein engagiertes Gruppenmitglied

Phasenmodell nach Kübler-Ross[Bearbeiten]

Ein weiteres Krisen- und Bewältigungsmodell entwickelte Elisabeth Kübler-Ross, das im deutschen Sprachraum überwiegend im Zusammenhang mit Sterben und Sterbebegleitung Eingang gefunden hat: Die fünf Sterbephasen nach Kübler-Ross (siehe dort).

Symptome[Bearbeiten]

Mögliche subjektive Symptome[Bearbeiten]

  • erhöhte Anspannung, Beunruhigung, Nervosität, innere Unruhe
  • Gefühle des Bedauerns und/oder von Schuld
  • Ängstlichkeit, Furcht vor unklaren Folgen, Panikgefühle
  • Besorgnis, Unsicherheit, Furchtsamkeit
  • Übererregtheit, Wut, Zorn
  • Erschütterung, Verzweiflung
  • Unzulänglichkeitsgefühle
  • empfundene Schlaflosigkeit
  • Hoffnungslosigkeit, depressive Verstimmungen, Trauer

Mögliche objektive Symptome[Bearbeiten]

  • Herzklopfen, Tachykardie
  • angespannte Gesichtszüge
  • erweiterte Pupillen
  • weisse, kalte Finger und Hände, Zittern
  • zitternde Stimme
  • fahrige Bewegungen
  • erregtes, zielloses Umhergehen, übermässiger Tätigkeitsdrang
  • vermehrtes Schwitzen
  • wahrnehmbare Schlaflosigkeit
  • ausgedrückte Besorgnis um Veränderungen der Lebensumstände
  • verbale Äusserungen über die eigene vermeintliche Unfähigkeit, zurechtzukommen oder um Hilfe nachzusuchen
  • Schreien, Fluchen, lautes Beten
  • Unfähigkeit, Rollenerwartungen/Grundbedürfnisse zu erfüllen
  • Änderung der gewohnten Kommunikationsmuster
  • destruktives Verhalten gegenüber sich und anderen
  • Weinen
  • Unfähigkeit, etwas zur Lösung des Problems beizutragen
  • Rückzug, selbstgewählte Isolation, Antriebslosigkeit

Maßnahmen[Bearbeiten]

siehe dazu auch den Artikel Krisenintervention

  • als Patient:
    • die eigenen Situation erkennen, sich der Konsequenzen bewusst sein
    • ein Stresstagebuch anlegen
    • eine Auszeit von der belastenden Situation nehmen oder sogar einen Ausstieg planen bzw. durchführen
    • "Druck ablassen" in Form von körperlicher Betätigung (z.B. durch Sport) oder mithilfe von Gesprächen
    • Humor bewahren
  • als Pflegende:
    • Möglichkeiten zur Aussprache aufzeigen (z.B. Seelsorger oder Psychologen einschalten)
    • Zuhören, Verständnis zeigen (dabei aber authentisch bleiben)
    • bisherige Copingstrategien und Erfahrungen mit bewältigten Krisen ansprechen
    • Kontakte zu Patienten mit ähnlichen Problemen vermitteln (z.B. Selbsthilfegruppe)

Suizidale Krise[Bearbeiten]

Leitsatz: Man kann nicht verhindern, dass sich jemand das Leben nimmt, aber dass er sich das Leben nehmen will.

Die Drei Säulen der Krisenintervention:

  1. Diagnostik
  2. konsequentes therapeutisches Handeln
  3. tragfähige menschliche Beziehungen

Prophylaxe:

  • Überwachung, jedoch einige private Nischen lassen
  • problematische Gegenstände (Messer, Medikamente, etc.) abgeben

Gesprächsverhalten:

  • Suizidgedanken nicht ausreden
  • niemals Gedanken ins Lächerliche ziehen

Akzeptanz:

  • Verständnis für Situation zeigen, jedoch klar stellen, dass man selbstzerstörerisches Verhalten nicht als Lösung betrachtet
  • Aufmerksamkeit und menschliche Wärme schenken
  • kontinuierlich das Gespräch suchen und das Gefühl geben, dass der Betroffene wichtig ist
  • "gute Ratschläge" vermeiden (sind wenig hilfreich, z.T. gefährlich)

Nachsorge:

  • sozialpsychiatrische Dienste
  • Selbsthilfegruppe
  • stationäre Behandlungen fangen Krisen ab,ändern nichts an den belastenden Lebensumständen, daher sollten vor Entlassung aus einer stationären Behandlung gezielte ambulante Kontakte - Selbsthilfegruppen ,pyschotherapeutische Kontakte hergestellt werden, um zur Problembewältigung gezielte Hilfen formulieren zu können,anzunehmen und die Nachsorge gewährleistet ist.
  • Vermitteln einer therapeutischen Begleitperson, die Ansprechpartner bleibt und im Notfall rechtzeitig eine erneute Klinikeinweisung organisiert

Literatur[Bearbeiten]

  • S. Arieti, Gerald Caplan (1974; eds): American handbook of psychiatry, 2nd edn, vol 29. Basicbooks New York
  • Hildegard Bechtler (2002): Krisenintervention. In: Verein für öffentliche und privat Fürsorge: Fachlexikon der sozialen Arbeit. 5. Aufl. Frankfurt.
  • L. Brun-Gräser (1993): Handbuch der Beratung für helfende Berufe, München & Basel.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Brun-Gräser, 1993, S. 150
  2. J. Cullberg: Krisen und Krisentherapie. Psychiatrische Praxis 5, 1978, S. 25-34
  3. Schuchardt, Erika (Hg): Jede Krise ist ein neuer Anfang Lebensgeschichten lernen, Düsseldorf 1985

Siehe auch[Bearbeiten]