Känguru-Methode

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Frühgeborenenversorgung mit der Känguru-Methode[Bearbeiten]

Hintergrund[Bearbeiten]

Definition Frühgeborene[Bearbeiten]

Als Frühgeburt wird ein Kind bezeichnet, welches vor der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren wird und ein Geburtsgewicht unter 2500 g hat. Es wird unterschieden in 1. kleine Frühgeborene (Low Birth Weight Infant) mit einem Geburtsgewicht unter 2500 g, die zwischen der 32. und 36. SSW geboren sind und als mäßig frühe Frühgeburt bezeichnet werden. 2. sehr kleine Frühgeborene (VLBW = Very Low Birth Weight), bei denen das Geburtsgewicht unter 1500 g und das Gestationsalter unter 32 vollendeten Gestationswochen (28. bis 31. SSW; sehr frühe Frühgeburt) liegt. Das Risiko dieser Kinder bei guter medizinischer und pflegerischer Versorgung nicht gesund zu überleben beträgt 5%. 3. Extrem kleine Frühgeborene (Extremly Low Birth Weight) mit einem Gewicht unter 1000 g, die in der 28. SSW oder darunter geboren sind, die auch als extrem frühe Frühgeburt benannt werden. Die Grenze der Überlebensfähigkeit liegt bei einer Geburt in der 23. Schwangerschaftswoche.

Probleme von Frühgeborenen[Bearbeiten]

Das Grundproblem von Frühgeborenen liegt in der Unreife der Organsysteme und -funktionen, die nach der Geburt zu akuten Erkrankungen und Komplikationen mit Spätfolgen führen können. Dabei werden die Entwicklung und das Überleben des Kindes durch geringe Gestationsdauer (Schwangerschaftsdauer) und niedriges Geburtsgewicht negativ beeinflusst. Je unreifer das Kind ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Komplikationen und Spätkomplikationen auftreten (Juchli, 1994; Steffers et al., 2005). Vor allem Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g sind aufgrund ihrer Unreife von Komplikationen betroffen. Durch die funktionelle Unreife des Atemzentrums und des Lungengewebes kann es zum Atemnotsyndrom (RDS= respiratory distress syndrome) kommen, welches durch das Fehlen des Surfactant (surface active agent) in den Alveolen (Lungenbläschen, in denen der Sauerstoffaustausch stattfindet) der Lungen verursacht wird, der erst ab der 35. SSW ausreichend vom Körper produziert wird. Surfactant ist für die Oberflächenspannung der Alveolen zuständig, der beim Ausatmen das Zusammenfallen der Alveolen verhindert. Weitere Komplikationen sind PDA (persistierender Ductus arteriosus), Hirnblutungen, nekrotisierende Enterokolitis (NEC), Nierenfunktionsstörungen sowie Blutungsneigung, Hypoglykämie und Hyperbilirubinämie bedingt durch die unreife Leber (Steffers et al., 2005).

Zu den Spätkomplikationen zählen Netzhautschäden mit drohender Erblindung (Frühgeborenen-Retinopathie), welche durch die gestörte Entwicklung der Blutgefäße der Netzhaut aufgrund der Unreife sowie der Sauerstofftherapie verursacht werden können, und Bronchopulmonale Dysplasie (BPD, chronische Lungenerkrankung bzw. Schädigung, bei der es zu einer narbigen Veränderung des Lungengewebes durch Beatmungs- oder Sauerstofftherapie kommt).

Des Weiteren treten bei Frühgeborene Schwierigkeiten bei der oralen Ernährung und Gewichtszunahme auf. Sie sind extrem empfindlich gegenüber einer Auskühlung und weisen Probleme bei der Regulation der Temperatur auf. Zudem sind Frühgeborene sehr infektionsgefährdet aufgrund des unreifen Immunsystems. Es treten häufig Apnoen (Atempause von mindestens 15 bis 20 Sekunden) auf (Steffers et al., 2005; Raguse, 1995).

Probleme der Eltern von Frühgeborenen[Bearbeiten]

Neben den Gefahren für das Kind befinden sich die Eltern nach einer Frühgeburt ihres Kindes in einem seelischen und körperlichen Ausnahmezustand. Besonders belastend für die Eltern und das Kind ist die sofortige Trennung nach der Geburt und das darauf folgende Hoffen und Bangen um das Kind.

Die Kinder werden medizinisch auf der Intensivstation oder Frühgeborenenstation versorgt. Dort müssen viele Frühgeborene beatmet, künstlich ernährt werden und mit Monitoren deren Herzfrequenz überprüft werden. Der fehlende Hautkontakt während der medizinischen und pflegerischen Versorgung des Kindes im Inkubator erschwert für Mutter und Kind zueinander eine Bindung aufzubauen. Die wichtigen letzten Wochen der Schwangerschaft, in der sich die werdenden Eltern auf das Elternsein vorbereiten, fehlen. Zusätzlich können die Eltern mit der Versorgung ihres Kindes überfordert sein. Um den Eltern und den Kindern die schwere Zeit nach einer Frühgeburt zu erleichtern und die Eltern mit einzubeziehen, kann als Alternative zur konventionellen Versorgung die Känguru-Methode eingesetzt werden (Jorch, 2006).

Geschichtlicher Hintergrund der Kängurumethode[Bearbeiten]

Die Kängurumethode entstand 1979 in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, aus einer Not heraus. Fehlende Inkubatoren veranlassten zwei Kinderärzte dazu, den Müttern ihre Kinder auf die Brust zu legen, um die Wärme der Mutter zu nutzen. Zusätzlich wurden die Kinder mit Tüchern bedeckt, damit diese vor Wärmeverlust geschützt waren. Diese Methode entwickelte sich in Anlehnung an die Aufzucht der Känguru-Jungen, welche in dem Beutel der Mutter nach der Geburt heranwachsen (Krammer et al., 1998). Nachdem man dort gute Erfahrungen mit dieser Methode gemacht hatte, wurde sie auch in anderen Ländern bei der Frühgeborenenversorgung angewendet. In Deutschland wird seit den 80er Jahren "Känguruing" angeboten. Wegbereitend für die Einführung der sanften Frühgeborenenpflege ist vor allem die Neonatologin Professor Marina Marcovich, die die Känguru-Methode von den Ärzten aus Kolumbien übernommen und weiterentwickelt hat (Manske, 1998).

Känguru-Methode[Bearbeiten]

Die Kängurumethode wird bei stabilen Frühgeborenen zusätzlich zu der konventionellen Versorgung angewendet. Voraussetzung für die Kängurumethode ist das Einverständnis der Eltern, der Allgemeinzustand des Kindes und das Angebot auf der Neonatologiestation. Unter der Känguruversorgung wird an erster Stelle der Hautkontakt zwischen Mutter (und Vater) und dem Frühgeborenen verstanden. Weiter wird darunter häufiges und ausschließliches oder fast ausschließliches Stillen und eine frühere Entlassung aus dem Krankenhaus verstanden. Während des engen Haut-zu-Haut-Kontakts werden verschiedene Sinne des Frühgeborenen stimuliert und gefördert: Der Hörsinn durch die Stimmen der Eltern, der Gleichgewichtssinn durch die Bewegungen der Eltern, der Tastsinn durch den großflächigen Hautkontakt und der Geruchssinn durch den Körpergeruch der Eltern. Zusätzlich wirken der Herzschlag der Mutter beruhigend auf das Kind und es hat die Möglichkeit, sich von dem Stress durch die medizinische Versorgung und die Umgebung auf der Station zu erholen, auf der es vielen Reizen ausgesetzt ist (Kunth, 2006).

Das nackte Kind wird zwischen die nackten Brüste der Mutter oder auf die nackte Brust des Vaters vertikal gelagert. Über das Kind wird teilweise ein Tragetuch gebunden und es wird mit der Kleidung der Mutter gedeckt. Je nach Bedarf des Kindes kann ein Fell oder ein Handtuch über das Kind gelegt werden, damit das Frühgeborene die Temperatur ausreichend halten kann (Kunth, 2006).

Hier besteht die Möglichkeit, das Kind an die Brust der Mutter zu legen und zu stillen und/oder vorher abgepumpte Milch über die Magensonde und zusätzlicher Stimulation mit einem Sauger im/am Mund, zu geben. Erste Trinkversuche können in der 32. SSW gemacht werden und ab der 34. SSW sind die gesunden Frühgeborenen oft in der Lage, selbständig ihre Nahrung zu trinken (Jorch, 2006). Die Verweildauer in der Känguruhaltung beträgt eine halbe Stunde bis eineinhalb Stunden und kann je nach Gesundheitszustand des Kindes mehrmals am Tag wiederholt werden.

Ergebnisse aus Studien[Bearbeiten]

Es gibt sehr viele Studien, die sich mit der Frage der Evidenz der Känguru-Methode befassen. Eine aktuelle in Indien durchgeführte randomisiert kontrollierte Studie von 2008 vergleicht den Effekt der Känguru-Methode mit der konventionellen Frühgeborenenversorgung bei kleinen Frühgeborenen (LBW infants). Teilgenommen haben 206 Frühgeborene < 2000 g, die 1:1 auf die Interventionsgruppe (Kangaroo mother care = KMC) und Kontrollgruppe (Konventionelle Frühgeborenenversorgung = CMC) verteilt wurden. Rao et al. stellten fest, dass die Kinder in der KMC eine bessere durchschnittliche Gewichtszunahme pro Tag und eine höhere wöchentliche Zunahme des Kopfumfangs und der Körperlänge hatten als in der CMC. Weiter konnte eine signifikant höhere Anzahl an Frühgeborenen mit Hypothermie, Hypoglykämie und Sepsis in der CMC ermittelt werden. In der KMC-Gruppe wurden am Ende der Studie mehr Frühgeborene von ihren Müttern ausschließlich gestillt. In Bezug auf die Krankenhausverweildauer konnte kein Effekt festgestellt werden. Die Känguru-Methode wurde von mehr Müttern und Familien zu Hause akzeptiert. Abschließend kann laut Rao et al. gesagt werden, dass durch die Känguru-Methode die Entwicklung der kleinen Frühgeborenen verbessert und die Häufigkeit von Krankheiten (Morbidität) reduziert werden. Die Methode ist einfach und wird von den Müttern akzeptiert und kann zu Hause weitergeführt werden (Rao et al., 2008).

In einem Systematik Review der Cochrane Collaboration wurden drei verschiedene Studien mit insgesamt 1362 Kindern unter der Fragestellung verglichen, ob die Känguru-Methode eine geeignete Alternative zur konventionellen Versorgung von Säuglingen mit niedrigem Geburtsgewicht ist in Bezug auf die Reduzierung der Morbidität und Mortalität bei Kindern mit niedrigem Geburtsgewicht. Die Auswahl der randomisiert, kontrollierten Studien fand aufgrund der Intervention Känguruversorgung und der Kontrollgruppe konventionelle Frühgeborenenversorgung statt.

Hinsichtlich der Häufigkeit von schweren Erkrankungen, Infektionen und Probleme beim Stillen zeigte sich eine Verbesserung durch die Kängurumethode. Des Weiteren war die Bindung zwischen Mutter und Kind und die Zufriedenheit der Mutter über die Versorgung des Kindes mit der Kängurumethode höher als in der Kontrollgruppe. Kein Unterschied konnte in Bezug auf das kindliche Überleben festgestellt werden. Da die Qualität der eingeschlossenen Studien moderat bis niedrig ist, bieten die Ergebnisse keine ausreichende Evidenz aufgrund von fehlenden hochwertigen Studien (Conde-Agudelo et al., 2003).

Eine weitere Studie mit der Fragestellung, ob durch die Känguru-Methode weniger Gewichtsabnahme, höhere Durchschnitts-Mittelohr-Temperaturen, bessere Verhaltenszustände und kürzere Krankenhausaufenthalte erreicht werden, ergab, dass in Bezug auf die Temperatur diese bei Frühgeborenen der Känguru-Gruppe (KCG) um 0,3 ° Celsius höher war als in der Kontrollgruppe. Zudem traten bei der KCG signifikant weniger Temperaturveränderungen auf. Die Gewichtsabnahme beider Gruppen war nicht signifikant unterschiedlich. Dagegen wurde ein Unterschied im Verhalten zwischen den Gruppen festgestellt. Die Frühgeborenen der KCG hatten einen ruhigeren Schlaf, waren weniger schläfrig und schrien weniger als in der Kontrollgruppe. Die durchschnittliche Krankenhausverweildauer der Frühgeborenen der KCG war länger als die der Kontrollgruppe. Eine andere Studie von Ramanthan (Ramanthan et al., 2001) ergab genau das Gegenteil. Hier konnten die Frühgeborenen der KCG früher entlassen werden. Eingeschlossen in die Studie waren Frühgeborenen mit einem Gestationsalter zwischen der 34. und 36. Woche, die ohne Atemunterstützung auskommen. Wie auch in der oben erwähnten Studie von Conde-Agudelo werden hier weitere Studien empfohlen (Chwo et al., 2002).

Schlussfolgerung[Bearbeiten]

Es werden weitere Studien benötigt, um die Evidenz der Känguru-Methode nachweisen zu können. Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl und Dauer der einzelnen Studien sind weitere mit einer höheren Stichprobe nötig, um genauere Aussagen über die Evidenz der Methode treffen zu können. Betrachtet man aber die bisherigen Studien, so kann angenommen werden, dass die Känguru-Methode positive Auswirkungen auf die Frühgeborenen und deren Eltern hat. Zudem stellt die Methode eine kostengünstige Alternative dar.

Bezieht man die menschlichen Bedürfnisse in die Frage eines nachweisbaren Vorteils der Känguru-Methode mit ein, so kann diese nur positive Ergebnisse nach sich ziehen, da der Mensch ein "Tragling" (Marcovich et al., 1999) ist und für sein gesundes Überleben Wärme, Sicherheit und Geborgenheit benötigt. Die Neonatologin Prof. Marina Marcovich konnte mit ihrer sanften Frühgeborenepflege an einer Klinik in Wien guten Erfahrungen machen. Das Känguruing ist mit in die sanfte Pflege integriert und durch diese nahen Momente zwischen Kind und Mutter/Vater konnten positive Auswirkungen auf das Kind wahrgenommen werden; medizinische Interventionen konnten durch die Känguru-Methode und damit auch die Spätfolgen reduziert werden. Trotz dieser guten Ergebnisse wird weiterhin vom Pflegepersonal, Ärzten (und Eltern) aufgrund von Unsicherheiten über die Auswirkungen der Methode sowie Mangels an Kenntnis auf das Känguruing verzichtet oder nur bedingt auf der (Intensiv-) Neonatologiestation angeboten. Daraus ergibt sich die Forderung einer Evidenz dieser Methode, um eine standardisierte Frühgeborenenversorgung zu schaffen, einbezogen in die bisherige konventionelle medizinische und pflegerische Betreuung der frühgeborenen Kinder.

Quellen[Bearbeiten]

  • Chwo, M.J., Anderson, G.C., Good, M., Dowling, D.A., Shiau, S.H., Chu, D.M. (2002): A randomized controlled trial of early kangaroo care for preterm infants: effects on temperature, weight, behaviour, and acuity. The Journal of Nursing Research, 10(2): 129-42.
  • Conde-Agudelo, A.,Diaz-Rossello, JL., Belizan, JM. (2003): Kangaroo mother care to reduce morbidity and mortality in low birthweigth infants. Cochrane Collaboration, Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 2.
  • Jorch, Gerhard, (2006): Frühgeborene, Urania Verlag Stuttgart.
  • Juchli, Liliane (1994): Pflege, Praxis und Theorie der Gesundheits- und Krankenpflege, Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York.
  • Krammer, Doro, Prof. Dr. Pohlandt, Frank (1995): Frühehen brauchen Wärme, Mosaik Verlag München.
  • Kunth, Dana (2006): Pflegekurve für Frühgeborene unter Berücksichtigung entwicklungsfördernder Maßnahmen, in: Kinderkrankenschwester, 08/2006, S. 328 ff.
  • Manzke, Hermann (1998): Entscheidet die Geburt über das Schicksal? Risikokinder einst und jetzt. Hanseatisches Verlagskontor Lübeck.
  • Marcovich, Marina, de Jong, Theresia Maria (1999): Frühgeborene- Zu klein zum Leben? Die Methode Marina Marcovich. Fischer Taschen Buchverlag GmbH, Frankfurt am Main.
  • Raguse, Martin (1995):Kinderheilkunde für Kinderkrankenschwestern und -pfleger, Springer Verlag Berlin, Heidelberg.
  • Ramanthan, K., Paul, V.K., Deorari, A.K., Taneja, U., Georg, G. (2001): Kangaroo Mother Care in Very Low Birth Weight Infants. Indian Journal of Paediatrics, 68(11), 1019-1023.
  • Rao, P.N., Udani, R., Nanavati, R. (2008): Kangaroo mother care for low birth weight infants: a randomized controlled trial. Indian Journal of Paediatrics, 45 (1): 17-23.
  • Steffers, Gabriele; Feydt-Schmidt (2005): Pädiatrie, Prüfungswissen für Pflegeberufe, Elsevier Urban& Fischer Verlag, München.