Harninkontinenz

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Mit dem Begriff Harninkontinenz (Incontinentia urinae) wird der ungewollte Abgang von Urin bezeichnet. Harninkontinenz ist in erster Linie ein Symptom, dem sehr unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen können.

Sprachgebrauch[Bearbeiten]

Im allg. Sprachgebrauch ist oft von Blasenschwäche die Rede, wenn eigentlich eine Belastungsinkontinenz (alt: Stressinkontinenz) bzw. Dranginkontinenz gemeint ist. Die anderen Formen der Harninkontinenz, wie etwa die Überlaufinkontinenz und die Reflexinkontinenz, werden seltener genannt, da sie im Verhältnis zur Belastungs- und Dranginkontinenz nicht so häufig vorkommen. Der Begriff Blasenschwäche wird auch häufig mit der bei Frauen häufigeren Belastungsinkontinenz in Verbinding gebracht, was besonders in der Werbung zum Ausdruck kommt.

Häufigkeit und Stärke der Inkontinenz[Bearbeiten]

Genaue Zahlen für statistische Auswertungen gibt es nur wenige, da viele Betroffene nicht erfasst sind. Die einzigen Zahlen liefern die großen Hersteller von Inkontinenzhilfsmitteln. Demnach steigt die Zahl der von Inkontinenz betroffenen Menschen ständig an. Bis zum Jahr 2050 sollen nach verschiedenen Hochrechnungen sogar fast 30 Prozent der Bundesbürger von Inkontinenz betroffen sein.

Häufigkeit der Inkontinenz[Bearbeiten]

Von der Inkontinenz sind weltweit nach heutiger Schätzung 50-200 Millionen Menschen betroffen, davon in Deutschland etwa 5 bis 8 Millionen. Ausgehend von den Verkaufszahlen der Hersteller für Inkontinenzhilfsmittel dürften über 10 Millionen Menschen in Deutschland an Inkontinenz leiden. Wieso keine verlässlichen Zahlen vorliegen und die Dunkelziffer so hoch ist, darüber sind sich die Experten noch nicht ganz einig. Eine der Gründe dürfte wahrscheinlich sein, daß Inkontinenz immer noch zu sehr in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, vor allem junge Menschen sich dieses Problem nicht eingestehen wollen und auch gegenüber ihrem Arzt nicht erwähnen. Erst wenn der Leidensdruck so hoch ist, dass sich die Inkontinenz nicht mehr verbergen läßt, wagen die meisten den Schritt zum Arzt. Manchmal kann das mehrere Jahre dauern, bis dieser Schritt getan wird.

Von den in Deutschland mit einer behandlungs- oder versorgungsbedürftigen Inkontinenz lebenden Menschen sind mehr als zwei Millionen älter als 60 Jahre, bei den über 80-jährigen sind es sogar nahezu 30%. Inkontinenz ist eine der häufigsten Gründe für die Einweisung in ein Pflegeheim. Grundsätzlich sind Frauen wesentlich häufiger von Inkontinenz betroffen als Männer, auch im Senioren- und Greisenalter, die Ursache dafür liegt unter anderem in der Vulnerabilität des weiblichen Schließmuskelsystems, aber auch an der längeren Lebenszeit.

Stärke der Inkontinenz[Bearbeiten]

Die Einteilung der Inkontinenz in Schweregrade ist im Zusammenhang mit der Versorgung der Betroffenen mit speziellen Schutzhosen oder anderen saugenden Produkten wichtig. Vielfach findet sich heute noch eine Einteilung der Schweregrade, die sich nach der durchschnittlichen Menge des Urinabgangs in der Stunde richtet. Problematisch an dieser Einteilung ist jedoch gerade, dass hier nur ein stündlicher Durchschnittswert berücksichtigt wird. Je nach Ursache der Inkontinenz kann aber der Urinabgang mal tröpfchenweise über einen langen Zeitraum erfolgen, oder aber auch schwallartig und plötzlich in großen Mengen. Deshalb ist die Gesamtsaugkapazität der verwendeten Materialien sehr wichtig. Der Urin muß vollständig aufgesogen und fern von der Haut sicher eingeschlossen werden. Nur so kann die Haut geschützt und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden.

Häufig sind auch Menschen von Inkontinenz betroffen, die sich nicht mehr selbst versorgen können. Die verwendeten Hilfsmittel sollten dann so lange den Anforderungen entsprechen, dass auch bei einer Vollzeitpflege in dem heute üblichen 4-stündigen Versorgungsrhythmus eine vollständige Sicherheit durch die verwendeten Produkte gegeben ist. Nach diesen Anforderungen wird die Harninkontinenz wie folgt in Schweregrade eingeteilt:

Einteilung Urinverlust / Ausscheidung Produktkapazität* Saugvolumen / 4 Stunden
Tröpfelinkontinenz unter 50 ml unter 150 ml 50 ml
Grad 1 50 - 100 ml 150 - 300 ml 300 ml
Grad 2 100 - 250 ml 300 - 750 ml über 1000 ml
Grad 3 über 250 ml über 1000 ml über 1500 ml
* nach Testverfahren der durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen anerkannten Testinstitute HyTec/IPI

Einteilung der Inkontinenzarten durch die ICS[Bearbeiten]

Schon im Jahre 1976 haben sich Ärzte in der ICS (Internationl Continence Society) gemeinsam auf eine Unterteilung der Harninkontinenz in 5 Hauptgruppen geeinigt. Im Einzelnen sind das:

1. Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz) 1.-3. Grades
2. Dranginkontinenz (Urgeinkontinenz)
a. motorische Dranginkontinenz
b. sensorische Dranginkontinenz
3. Überlaufinkontinenz
4. Reflexinkontinenz
5. Extraurethrale Inkontinenz

Diese Einteilung bezieht sich ausschließlich auf die Symptomatik, erst in den letzten Jahren wird Inkontinenz auch als eigenständige Krankheit angesehen. Oft finden sich Kombinationen, wie zum Beispiel eine Mischung aus Drang- und Stressinkontinenz. Eine Sonderform der Dranginkontinenz ist die Giggle-Inkontinenz (Enuresis risoria). Diese Inkontinenzform ist sehr selten und wurde bis jetzt nur bei Kindern beobachtet.

Mittlerweile weiß die Medizin viel über die Abläufe und Steuerung der Speicherung und Ausscheidung von Harn und Stuhl. Mit diesem Wissen lässt sich jedoch auch erkennen, wie schnell die filigrane Zusammenarbeit zwischen reflektorischen und willentlich steuerbaren Abläufen aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz)[Bearbeiten]

Bei dieser Form der Harninkontinenz führt eine körperliche Belastung oder Anspannung dazu, dass der Urin nicht mehr gehalten werden kann. Typische Situationen sind Husten, Niesen, Lachen oder schweres Heben. Die Ursache dafür ist entweder eine übermäßige Beweglichkeit der Harnröhre, der auf diese Weise die nötige Stabilität verloren geht, oder eine direkte Schwäche des Schließmuskelapparates der Harnröhre. Wenn sich dann der Druck auf den Bauchraum durch körperliche Belastung erhöht, reicht die Verschlusskraft der Harnröhre nicht mehr aus.

Die Belastungsinkontinenz wird nach drei Schweregraden gegliedert:

  1. Grad I: Unwillkürlicher Harnverlust bei heftiger Drucksteigerung im Bauchbereich, z.B. durch Niesen, Husten, Lachen oder schwere körperliche Belastung.
  2. Grad II: Unwillkürlicher Harnverlust bei mittelstarker Drucksteigerung im Bauchbereich, z.B. durch Laufen oder Treppensteigen.
  3. Grad III: Unwillkürlicher Harnverlust bei nur geringer Drucksteigerung im Bauchbereich und auch im Liegen.
  • Häufigkeit: 8 von 10 Frauen mit Harninkontinenz leiden unter unwillkürlichem Harnverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder beim Sport. Belastungsinkontinenz ist die häufigste Form der weiblichen Inkontinenz. Das Durchschnittsalter der Frauen mit Belastungsinkontinenz liegt mit 47,3 Jahren deutlich niedriger als das der Gesamtheit der Frauen mit Harninkontinenz (51 Jahre). Das Problem tritt also auch in jüngerem Alter auf.
  • Zum Wort/Begriff: Belastungs- oder Stressinkontinenz? Die häufig verwendete Bezeichnung Stressinkontinenz bezieht sich auf das englische Wort „Stress“, das allgemein für Belastung – auch körperlicher Art – steht und nicht wie im Deutschen nur außergewöhnlichen psychischen Druck bezeichnet. Da der Begriff leicht zu Missverständnissen führen kann, wurde er in den letzten Jahren durch den präziseren Ausdruck Belastungsinkontinenz ersetzt.

Dranginkontinenz[Bearbeiten]

Das entscheidende Symptom bei dieser Form der Harninkontinenz ist ein ungewöhnlich häufiger, plötzlich und stark auftretender Harndrang. Manche Betroffene müssen bis zu fünf mal pro Stunde eine Toilette aufsuchen. Die Ursache dafür ist meist in der harnaustreibenden Muskulatur zu suchen, die aktiv wird, noch bevor die Blase ausreichend gefüllt ist.

Dem Betroffenen wird manchmal der Weg zur nächsten Toilette zu lang und der Urin geht ungewollt bereits vorher verloren. Auch verringerte Bewegungsfähigkeit verstärkt diese Form des Leidens massiv.

Die Dranginkontinenz tritt bei Männern häufiger als bei Frauen auf. Sie liegt aber etwa in 20 % der Fälle der weiblichen Inkontinenz zugrunde. Sie ist auch insgesamt seltener als die Belastungsinkontinenz. Dranginkontinenz betrifft eher ältere Menschen.

Mischinkontinenz[Bearbeiten]

Vor allem bei Frauen treten in einigen Fällen die typischen Symptome von Belastungs- und Dranginkontinenz gemeinsam auf. Die Patienten verlieren dabei unwillkürlich beim Husten, Niesen, Lachen oder Heben von Gegenständen, Urin. Gleichzeitig leiden sie dabei unter einem häufigen, kaum unterdrückbaren Harndrang. Meistens ist bei der Mischinkontinenz eine der beiden Formen besonders stark ausgeprägt. In 37 Prozent der Fälle dominiert dabei die Belastungsinkontinenz. Die Mischinkontinenz ist bei Frauen mit 29 Prozent die zweithäufigste Form einer Harninkontinenz. Sie macht sich häufig zu Beginn nur in Form einer Reizblase bemerkbar, bei der nur wenige Tropfen Urin verloren werden.

Überlaufinkontinenz bzw. Inkontinenz bei chronischer Harnretention[Bearbeiten]

Wenn der Urin wegen mechanischer Hindernisse in der Blase nicht richtig abfließen kann, wird die Blasenwand überdehnt. Außerdem wird die harnaustreibende Muskulatur verformt, die dann nicht mehr mit voller Kraft arbeiten kann. Typische Kennzeichen der Überlaufinkontinenz sind Harnträufeln, häufiges Wasserlassen, Startschwierigkeiten beim Wasserlassen und verstärkter Harndrang. Die Überlaufinkontinenz tritt vor allem bei Männern mit vergrößerter Vorsteherdrüse (Prostata, Prostataadenom) und bei Frauen nach einer Verlagerung der Organe des Unterleibs auf.

Reflexinkontinenz[Bearbeiten]

Als Folge von Nervenkrankheiten kann es vorkommen, dass die Verschlussfunktion der Harnröhre nicht mehr durch Signale aus dem Gehirn gesteuert wird und sich die Blase unkontrolliert entleert. Betroffene verlieren in unterschiedlichen Abständen Urin, oftmals ohne vorher einen Harndrang zu verspüren.

Extraurethrale Inkontinenz[Bearbeiten]

Ursache dieser Form der Harninkontinenz ist eine so genannte Fistel. Fisteln sind kleine Gänge, die sich im Körperinneren bilden können. Verbindet eine Fistel die Blase mit der Scheide oder dem Enddarm, tröpfelt der Urin durch diese nach außen. Mehr dazu siehe unter: Extraurethrale Inkontinenz

Mögliche Ursachen[Bearbeiten]

Die wichtigsten Ursachen für die Harninkontinenz im Alter sind in den Industrieländern der westlichen Welt der Mobilitätsverlust der PatientInnen durch Krankheit oder Unfall, die nachlassende Leistungsfähigkeit der Hirnfunktion durch Schlaganfall oder Hirnatrophie, eine allgemeine Schließmuskelschwäche durch Tonusverlust der Beckenbodenmuskulatur (besonders nach Geburten), unkontrollierte Blasenspasmen durch Degenerationsprozesse der Blasenmuskulatur, chronische Infektionen, Tumoren oder Störungen der nervösen Versorgung(z.B. als Folge des Diabetes mellitus).

Inkontinenz ist eine Krankheit oder genauer ein Syndrom, die/das verschiedene Ursachen haben kann, und nicht nur ein Symptom einer Erkrankung. Inkontinenz muß mit ihren verschiedenen Untergruppen so bald wie möglich von Fachärzten diagnostiziert werden. Urologen sind hier unbedingt einzubeziehen, wenn die Störung länger anhält. Das primäre Ziel der Behandlung und Versorgung inkontinenter SeniorInnen sollte die Vermeidung der sozialen Isolation und vor allem die Vermeidung der Einweisung in ein Pflegeheim sein. Die Therapie des Grundleidens kannn evtl. nur aus einer Stabilisierung einer hygienisch tragbaren Versorgung sein.

Folgen[Bearbeiten]

Die Folgen von Inkontinenz sind sehr vielschichtig und können sehr weit reichend sein. Vor allem sind auch die sozialen Folgen zu bedenken. Einige Folgen mögen hier etwas überspitzt dargestellt sein, können jedoch wirklich so auftreten.

Weitere Folge aller dieser Punkte ist die Steigerung der Versorgungskosten.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit bei Diagnostik und Inkontinenzbetreuung[Bearbeiten]

Gerade die Diagnostik, Therapie, Betreuung und eventuell Dauerversorgung von Älteren mit Inkontinenz bedeutet mehr als die jeweilige chirurgische, physiotherapeutische und medikamentöse Therapie. Inkontinenzmanagement ist also eine interdisziplinäre Aufgabe. Im Mittelpunkt steht immer der betroffene Mensch und seine Angehörigen, der aufgeklärt, motiviert, beraten, aktiviert, therapiert und versorgt wird.

Zu unterscheiden sind dabei drei Hauptkategorien, die jeweils einen unterschiedlichen therapeutischen Ansatz erforderlich machen. Mischformen davon sind allerdings häufig.

  • Inkontinenz im Zusammenhang mit hyperaktivem Verhalten des Detrusors (motorische Urge-Inkontinenz, Reflexinkontinenz) erfordert eine medikamentöse Behandlung, die darauf abzielt, eine Reduzierung der spontanen Detrusorkontraktilität herbeizuführen.
  • Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz), bedingt durch Insuffizienz der Sphinkteren, erfordert ein Arzneimittel zur Erhöhung der Schließfähigkeit der Harnröhre.

Die größte Bedeutung im Rahmen der medikamentösen Therapiemöglichkeiten hat die Behandlung der Detrusorhyperaktivität. Sie spielt ohne Zweifel mit über 60 Prozent der Inkontinenzursachen im Alter auch die bedeutendste Rolle für die älteren beziehungsweise alten PatientInnen. Für die klinische Anwendung kann davon ausgegangen werden, daß zwei Drittel aller Patienten erfolgreich medikamentös behandelbar sind.

  • Harninkontinenz bei Demenz

Generell ist die interdisziplinäre Aufklärung aller Ursachen und komplizierend wirkenden Faktoren sinnvoll (vgl. Geriatrisches Assessment), wodurch andere Einschränkungen aufgedeckt werden können, die sich eventuell wechselseitig verstärken.

Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz[Bearbeiten]

Im März 2006 hat das deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege seinen damals neuen nationalen Expertenstandard "Förderung der Harnkontinenz" veröffentlicht. Ziel des Standards ist die Erhaltung der Kontinenz.

Nur wenn dies nicht gelingt, sollte auf einer sechsstufigen Skala das nächsthöhere mögliche Niveau erreicht oder zumindest das aktuelle gehalten werden.

  1. Kontinenz
  2. unabhängig erreichte Kontinenz (Maßnahmen werden selbst durchgeführt bzw. Hilfsmittel selbst genutzt)
  3. abhängig erreichte Kontinenz (Maßnahmen/Hilfsmittel werden mit Unterstützung durchgeführt/genutzt)
  4. unabhängig kompensierte Inkontinenz (keine Unterstützung im Umgang mit Hilfsmitteln notwendig)
  5. abhängig kompensierte Inkontinenz (Unterstützung im Umgang mit Hilfsmitteln)
  6. nicht kompensierte Inkontinenz

Pflegemaßnahmen[Bearbeiten]

Eine große Bedeutung kommt dem Toilettentraining zu, das gerade im Zusammenhang mit der medikamentösen Therapie bei der Drang-Inkontinenz erfolgreich eingesetzt wird. Dieses Verhaltenstraining kann mit einem starren oder angepaßten Zeitplan entsprechend dem Miktionsprotokoll durchgeführt werden. Angestrebt wird beim Toilettentraining neben einer Verlängerung der Kontinenzzeiten insbesondere ein "Trockenwerden" durch festgelegte Zeiten des Toilettenganges. Eine früher häufig verwendete Technik, das "Ausdrücken" der Blase soll aus heutiger medizinischer Sicht nicht mehr eingesetzt werden, da ein erhöhtes Risiko von Nierenschäden besteht.

Einsatz von Hilfsmitteln[Bearbeiten]

Externes wiederverwendbares Harnableitungssystem
Spezielle Badehose bei leichter Inkontinenz
Spezieller Badeanzug bei schwerer Inkontinenz
Neuere Gummihose bei Inkontinenz für Kinder und Erwachsene

Dem Einsatz der richtigen Inkontinenzhilfsmittel kommt besondere Bedeutung zu. Die auf dem Markt befindlichen Inkontinenzhilfsmittel werden in drei Hauptgruppen, den aufsaugenden Hilfsmitteln, den ableitenden Hilfsmitteln und den verschliessenden Hilfsmitteln eingeteilt.

Die größte Bedeutung haben dabei die körpernahen aufsaugenden Hilfsmittel wie etwa die Vorlagen, Trainingshosen (Pants) und Slips. Auch Krankenunterlagen kommen zum Einsatz, die ebenso wie die körpernahen aufsaugenden Hilfsmittel sowohl als Einwegmaterial als auch Merwegmaterial verwendet werden. Das Wort Windel bzw. Pampers sollte aus ethischen Gründen, aus Respekt vor der erwachsenen Person und zur Erhaltung des Selbstwertgefühls nicht benutzt werden, es sei denn der Betroffene wünscht es bzw. es macht ihm nichts aus. Alternativ können neutrale Bezeichnungen wie "Schutzhose" oder "Schutzbinde" bieten mehr Diskretion und erleichtern dem Betroffenen den Umgang mit "seinem" Hilfsmittel.

Bei den ableitenden Hilfsmitteln muß man meistens zwischen Hilfsmitteln für Männer und Frauen unterscheiden, sowie zwischen Katheter, Urinauffangbeutel und Katheterventilen. Bei den Hilfsmitteln für Männer sind Penistaschen, Kondomurinale und am Körper getragene Urinale zu nennen. Für Frauen stehen nur wenig ableitende Hilfsmittel zur Verfügung. Sie führen häufig zu Hautirritationen und Schädigungen des Gewebes.

Bei den Kathetern unterscheidet man Einmal-Katheter, suprapubische Katheter und transurethrale Blasenverweilkatheter. Die intermitierende Katheterisierung mit Einmal-Kathetern ist der Dauerableitung vorzuziehen. Der suprapubische Katheter ist günstiger als der transurethrale Katheter, wenn eine Dauerableitung von mehreren Wochen bis Monaten vorgesehen ist. Ein Unwort aus der Pflege, das heute sicher einen Pflegefehler darstellen würde, ist Pflegekatheter.

Zu den verschliessenden Hilfsmitteln gehören die Analtampons, die zur Versorgung einer Stuhlinkontinenz eingesetzt werden. Weiterhin kommen bei männlichen Patienten gelegentlich noch Penisklemmen zum Einsatz. Für Frauen werden Pesare und Vaginaltampons verwendet, die durch den Druck auf die Harnröhre bzw. auf den Blasenhals für einen besseren Verschluss der Blase sorgen.

Beim Einsatz müssen jeweils bestimmte Qualitätsanforderungen beachtet werden. Eine fast noch größere Bedeutung kommt der Auswahl des Inkontinenzhilfsmittels zu, das bei richtiger Wahl die Lebensqualität des Betroffenen erheblich steigern kann. Ebenso Wichtig ist eine ausreichende Hautpflege besonders im Intimbereich der mit den Körperausscheidungen in Kontakt kommt.

Typische Fehlannahmen[Bearbeiten]

M. Thomsen beschreibt fünf typische Fehlannahmen zur Inkontinenz:[1]

  1. Verringerung des Trinkvolumens ergibt weniger Inkontinenz.
  2. Entfernung des Dauerkatheters als "Auslassversuch" bestätigt die Inkontinenz.
  3. Die Möglichkeiten des Beckenbodentrainings werden nicht genutzt, da sich ein Erfolg nicht schnell genug zeigt.
  4. Falsch angelegtes Toilettentraining ergibt Frust.
  5. Kontinenzprofile werden als starres Schema betrachtet.

Zu 1.: Thomsen weist darauf hin, dass die Verringerung des Trinkvolumens ein erhöhtes Infektrisiko ergibt. Außerdem produzieren die Nieren kontinuierlich Harn. Da müsste jemand schon sehr ausgetrocknet sein, dass gar nichts mehr in der Blase und damit im ständig geöffneten Urinbeutel ankommt.

Zu 2.: Thomsen reklamiert zum einen die zu lange Liegezeit von Latexkathetern, aber vor allem das fehlende Blasentraining vor dem Entfernen des Dauerkathetern. Dadurch hat der Patient dann zwangsläufig keine willkürliche Kontrolle über seine Blase und bekommt eine Inkontinenz sozusagen "angedichtet". Warum wird bei Trägern des Dauerkatheters eigentlich nicht mehr automatisch das Blasentraining durchgeführt? Ist das Wissen darum verloren gegangen?

Zu 3.: Den Zusammenhang zwischen fehlendem Beckenbodentraining und dem mangelnden Vertrauen in dessen Wirksamkeit bei professionell Pflegenden beschreibt Thomsen als Teufelskreis. Die Durchführung von effektivem Beckenbodentraining bei einem Patienten, der schon unter Inkontinenz leidet, ist zwar nicht immer einfach und muss eine ganze Weile regelmäßig erfolgen. Erst dann wird eine deutliche Verbesserung der Kontinenz zu erreicht.

Zu 4.: Pflegenden sollten der Unterschied zwischen Toilettentraining (regelmäßiges Aufsuchen der Toilette, bevor Harndrang entsteht), Blasentraining (Füllungszustand der Blase/Gefühl für die gefüllte Blase erhalten) und reflektorischem Reiz auf die Muskulatur, um die Miktion auszulösen, bekannt sein. Sonst hat der Patient kaum eine Chance, eine eventuell nur vorübergehende Inkontinenzform auch wieder loszuwerden.

Zu 5.: Das Notieren der Inkontinenzsymptome (= Kontinenzprofil) ergibt nur Sinn, wenn Pflegende und Ärzte die verschiedenen Inkontinenzformen unterscheiden können. Denn auch eine Verbesserung des Leidens um einen Teilschritt (Ziel des Expertenstandards) setzt diese Kenntnisse voraus. Zum Beispiel können auch zwei Ziele abhängig von der Tageszeit verfolgt werden. Gute Beratung von Inkontinenz-Patienten besteht nicht einfach in Empfehlungen zu kostengünstigen Einlagen, sondern muss sich mit der Gesamtproblematik und -situation des individuellen Patienten befassen.

Siehe auch:[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • I. Füsgen, W. Barth: Inkontinenzmanual. Diagnostik, Therapie, Wirtschaftlichkeit. Springer, Berlin 1987
  • D. Hayder, E. Kund, M. Müller: Kontinenz – Inkontinenz – Kontinenzförderung. Praxishandbuch für Pflegende. Hans Huber Verlag, Bern 2008
  • Heike Höfler: Beckenbodengymnastik für sie und ihn. Verlag: BLV 2003; ISBN 3-405-16477-X
  • Wolfgang Ide, Winfried Vahlensieck: Die Harninkontinenz beim Mann. Verlag: Pflaum 2002; ISBN 3-7905-0872-1
  • E. Jedelsky (Hrsg.): Heimhilfe. Praxisleitfaden für die mobile Betreuung zuhause. Springer, Wien 2012 ISBN 978-3-7091-0678-5

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Thomsen: Fünf häufige Fehlannahmen zur Kontinenzförderung in der Pflege. Die großen Inkontinenz-Irrtümer. Pflegezeitschrift 10/2010, S. 596-599