Grounded Theory

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Die Grounded Theory (gegenstandsbezogene Theorie) ist eine Forschungsmethode der qualitativen Forschung, welche erstmals in den 1960er Jahren von Barney G. Glaser und Anselm L. Strauss vorgestellt wurde. Zur Strategie der Vorgehensweise existieren unterschiedliche Interpretationen und Schulen, so dass man nicht von der Grounded Theory sprechen kann.


Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geschichte

Ein Familienmitglied Glasers lag im Sterben. Glaser fiel auf, dass dieses Thema innerhalb der Familie tabuisiert wurde, und kein Familienmitglied mit dem Betroffenen über sein Sterben sprach. Dies war Anlass für Glaser, mehr über das Phänomen "Sterben" herauszufinden. Seine Leitfrage war "Wie sterben Menschen in Amerika?" Zusammen mit Strauss ging er in Krankenhäuser, und beobachtete Patienten, die im Sterben lagen, sowie deren Pflegende und Ärzte. Ihre Ergebnisse veröffentlichten Glaser und Strauss in der Studie: Awareness of Dying (Interaktion mit Sterbenden)

[Bearbeiten] Interaktionismus

Die Grounded Theory ist mit dem symbolischen Interaktionismus verwurzelt, der

  1. Interaktionsprozesse zwischen Menschen, menschliches Verhalten und soziale Rollen erforscht
  2. erklärt, wie Individuen versuchen, ihre Handlungsweisen auf die anderer Menschen abzustimmen und wie sie auf das Verhalten Anderer reagieren, es interpretieren und ihr eigenes Verhalten ändern
  3. eine Einzelperson ist aktiv und kreativ, nicht passiv
  4. Verhalten kann nur im Kontext der Aktion verstanden werden
  5. Symbolischer Interaktionismus konzentriert sich auf Handlung und Wahrnehmung des Individuums und seine Vorstellung und Absichten
  6. Forschende müssen in die Welt interaktiver Personen eintreten, Forschungsansatz findet im natürlichen Umfeld statt
  7. Betrachtung der Situation aus der Perspektive des Partizipienten

Grounded Theory, um Interaktionen, Verhaltensweisen und Erlebnisse der Partizipienten zu erforschen, aber auch die Wahrnehmung des Einzelnen und seine Überlegungen dazu


Die Grounded Theory ist gegenstandsbezogen, weil sie direkt aus der Situation (dem Gegenstand) heraus entwickelt wird


[Bearbeiten] Ziele der Grounded Theory


[Bearbeiten] Theoriebegriff der Grounded Theory

allgemein: Theory ist, was etwas beschreibt, erklärt oder vorhersagt

->Grounded Theory = Fokus auf Darstellung des Prozesses eines Phänomens
->Phänomenologie = Fokus auf Beschreibung des Wesens eines Phänomens


[Bearbeiten] Was bedeutet methodisches Vorgehen im Sinne der Grounded Theory?

Methodologisch gesehen ist die Analyse qualitativer Daten nach der Grounded Theory auf die Entwicklung einer Theorie gerichtet, ohne spezielle Datentypen, Forschungsrichtungen oder theoretische Interessen gebunden zu sein

-> in diesem Sinne ist die Grounded Theory keine spezifische Methode oder Technik, sie ist vielmehr als ein Stil zu verstehen, nach dem man Daten qualitativ analysiert und der auf einer Reihe von charakteristischen Merkmalen hinweist (Theoretical Sampling, methodologische Leitlinien wie kontinuierliche Vergleichen, Anwendung von Kodierparadigmas)

[Bearbeiten] Gütekriterien für eine Grounded Theory Studie

Gütekriterien für eine gute Grounded Theory Studie sind:

  1. Angemessenheit, d.h., die Theorie sollte dem realen Leben entsprechen
  2. Verständlichkeit, d.h. sie sollte für Informanten und professionell Tätige verständlich und nachvollziehbarsein
  3. Generalisierbarkeit, d.h. die sollte in einer Vielzahl von ´Settings´und Kontexten anwendbar sein
  4. Überprüfbarkeit, d.h. man soll nachvollziehen können, dass die Theorie wirklich aus den Daten gebildet wurden.


[Bearbeiten] Ergebniskriterien

  1. Passung, d.h., die Ergebnisse passen inhaltlich zu dem Forschungsgebiet
  2. Funktionalität, d.h. die Ergbnisse müssen Informationen zum Forschungsgebiet liefern und beschreiben, wie sie im Forschungsgebiet funktionieren (z.B. "Vorhersage")
  3. Relevanz, d.h., in der Forschung werden Kern- und Basiskonzepte des Forschungsgebiets thematisiert
  4. Modifizierbarkeit, d.h. es muss gewährleistet sein, dass gesellschaftliche Veränderungen die Theorie verändern können.


[Bearbeiten] Hauptmerkmale der Grounded Theory als Forschungsprozess

-> Theorieentwicklung kann dadurch blockiert werden
-> vordefinierte Theorien sind kontraproduktiv, da sie dem entgegenstehen, was zu erreichen versucht wird
-> um Perspektive des Patienten einnehmen zu können
-> jede Datensequenz wird fortwährend auf Übereinstimmung und Unterschiede anlaysiert und verglichen
-> auch Literaturergebnisse fließen als Daten mit ein (Glaser: erste nach Theoriebildung!)
-> Daten werden kodiert und kategorisiert -> Konzepte und Konstrukte werden gebildet
-> Forscher sucht verbindende Themen, die eine „story line“ bilden = ein Leitmotiv, roter Faden (veränderbar!!)
-> beginnt nicht mit einer Hypothese
-> während der Datensammlung & Analyse entstehen vorübergehende Arbeitshypothesen (Induktion: Datensammlung und Kodieren)
-> Hypothesen werden mit weiterer Daten verglichen und analysiert (Deduktion: Integration und Modifikation)

[Bearbeiten] schematischer Ablauf einer Grounded Theory

  1. persönliche Erfahrungen, Praxiserfahrungen, Literatur
  2. globale Zielsetzung
  3. richtungsweisende Fragen und Konzepte
  4. methodische Überlegungen für erste Forschungsschritte
  5. Vorbereitung und Feldzugang
  6. Sammeln offener Daten
  7. kodieren offener Daten
  8. Memos
  9. Entscheidung für ein oder mehrere Konzepte
  10. evtl. Veränderung und/oder Eingrenzung der Zielsetzung
  11. neue richtungsweisende Fragestellungen
  12. alte Daten analysieren und neue Daten erheben
  13. axiales Kodieren
  14. (Arbeits-) Hypothesen
  15. theoretisches Sampling / Kontrastieren
  16. Datensättigung
  17. Kernkategorie
  18. selektives Kodieren
  19. Grounded Theory oder Vorstufe

[Bearbeiten] Methodisches Vorgehen

Die einzelnen Arbeitschritte der Grounded Theory sollen dem Forscher helfen, Konzepte und Kategorien zu identifizieren, sie zu entwickeln und in eine wohl definierte Theorie zu überführen


Welchen Stellenwert haben die Regeln zum methodischen Vorgehen der grounded theory?


[Bearbeiten] Datensammlung/ Datenerhebung

Alles was Aufschluss über einen Gegenstand geben kann, kann als Daten verwendet werden. Daten werden so lange gesammelt, bis Datensättigung erreicht ist. Radikal gesehen kann eine echte Sättigung nicht erreicht werden (denn die soziale Welt ändert sich und hat unendliche Facetten). Trotzdem muss (bei einem Forschungsprojekt) ein Schlusspunkt gesetzt werden ("Mut zur Lücke").

Wo finde ich Daten ? An welche Daten komme ich wo und wie ?


Wie oben erwähnt sind die Methoden der Datensammlung sind vielfältig und umfassend

  1. Interviews mit Informanten -> zunächst offene Fragen
  2. Beobachtungen im Feld (teilnehmende Beobachtung)
  3. Dokumentenanalyse (z.B. Tagebücher, Biographien, Videoaufnahmen, Fotos, Belletristik etc.)

Nach HOLLWAY & WHEELER:

  1. keine neuen Kategorien mehr gefunden werden
  2. keine neuen Fragen sich dem Forscher auftuen
-> Sättigung

[Bearbeiten] Datenanalyse

Bei der Datenanalyse sind folgende Aspekte bei der einer Grounded Theory Studie wichtig:


[Bearbeiten] Theoretical sensitivity

Theoretical sensitivity stellt die Fähigkeit des Forschers dar

Die Fähigkeit der Theoretical Sensitivity ist wichtig, um die Bedeutung der Daten zu zeigen und wächst mit der Forschungserfahrung und in Interaktion mit den Daten. Ein Forscher, der sich ausschließlich einer vorab erschlossenen Theorie widmet, schränkt seine theoretische Sensibilität zwangsläufig ein.


Abgrenzung Konzept/ Kategorie
Eine Kategorie ist auf einer höheren Ebene angesiedeltes bzw. ein abstrakteres Konzept, das für das gemeinsame Element mehrerer, auf einem geringeren Abstraktionsniveau angesiedelter Konzepte steht und diese erklärt


Inhalte von Konzepten/ Kategorien

->die Identifikation relevanter Konzepte ist Resultat der Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial
-> da Konzepte und Kategorien aus der Datenanalyse hervorgehen, sind die es, die die weitere Datenerhebung leiten fi die Sample- Bildung orientiert sich nicht an den Teilnehmern einer Untersuchung, sondern an den Ereignissen, die ihrerseits zu Konzepten führen (Theoretical Sampling)


[Bearbeiten] Kodierparadigma

Das Kodierparadigma ist ein konzeptionelles Instrument, das auf klassischen wissenschaftlichen Begriffen wie Bedingungen, Handlungs- bzw. Interaktionsweisen und Konsequenzen beruht, diese aber auf eigene Weise und eigenen Intentionen entsprechend nutzt

Kodieren und Kategorisieren findet während der ganzen Forschung ab Forschungsbeginn statt. Die Daten werden transformiert und reduziert


Schritte des Kodierens:

  1. Offenes Kodieren
    • Simple Form aus Worten und Wendungen
    • Kodes können Ausdrücke enthalten, die die Informanten selbst gebraucht haben („in vivo codes“)
    • Kodes sind provisorisch und werden im Laufe der Studie modifiziert
    • Kodieren Zeile für Zeile, sehr penibel und detailliert
    • Ähnlichkeiten und Zusammenhänge sollen aufgezeigt werden.
  2. Bildung von Kategorien
    • ist das Ergebnis des offenen Kodierens
    • Bildung von ähnlichen Konzepten/ Begriffen zu abstrakteren Kategorien, die meist vom Forscher formuliert werden
    • Daten müssen jetzt neu verknüpft werden
    • Wesentlichen Merkmale und Dimensionen der Kategorien werden identifiziert
  3. Bildung von Haupt- und Schlüsselkategorien = axiales Kodieren
    • Bildung von Hauptkategorien, die in den Daten basieren
    • Hauptkategorien werden vom Forscher formuliert und wurzeln in dem akademischen Wissen des Forschers
    • Hauptkategorien enthalten in Entstehung befindliche theoretische Ideen
    • Hauptkategorien sind klar voneinander abgegrenzt
  4. Identifikation der zentralen Kernkategorie („core category) = selektives Kodieren
    • muss vom Forscher identifiziert werden, nicht vom Informaten o.Ä.
    • verbindet alle Hauptkategorien = Verteilung aller Elemente um den Kern
    • Kernkategorie wird auch als zugrunde liegender sozio- psychologischer Prozess bezeichnet, enthüllt Prioritäten der Informanten
    • Neben den Hauptkategorien werden hier auch möglicherweise übergebliebene (bislang noch nicht integrierte) "Kleinkategorien" des offenen Kodierens in Verbindung gesetzt.
    • Charakteristika der Kernkategorie:
      1. zentrale Element in der Grounded Theory
      2. muss oft in Daten auftauchen und ein Muster aufweisen
      3. Verbindung zu anderen Kategorien muss existent sein – ohne grosse Forscherintervention
      4. muss im Identifikationsprozess klar und deutlich konzeptualisiert sein = roter Faden
      5. bei der Identifikation, Beschreibung und Konzeptualisierung der Kernkategorie wird die allgemeine Theorie der Studie genauer ausgeprägt
      6. entsteht in der Regel am Ende der Forschung
  5. Integration der Theorie
    • Die Theorie – muss, um glaubwürdig zu sein
      1. erklärende Kraft („explanatory power“) haben, d.h. der Realität des untersuchten Phänomens gerecht werden
      2. Kategorien verbinden und die hypothetischen Relationen verdeutlichen
      3. Detailliert, aber nicht zu allgemein sein
      4. Muss Prozess- Charakter haben und darf nicht statisch sein

Abstrakte Theorie: ist aus vielen unterschiedlichen Situationen und Settings gewachsen, übertragbar und generalisierbar

Substantive (konkrete) Theorie: stammt aus einem Kontext und ist daher nur limitiert übertragbar und aussagekräftig = situationspezifis


Was ist der Unterschied zwischen einer Grounded (= materialen oder substantiven ) Theorie und einer formalen Theorie?

  1. substantive/ materiale Theorie
  2. formale Theorie


[Bearbeiten] Theoretical Sampling

Die Strategie der Datenerhebung, die von entstehenden Konzepten geleitet wird und somit thematischen Kriterien folgt,

-> allgemeine Regel: eine Untersuchung gilt als gesättigt, wenn in der Datenerhebung der Punkt erreicht ist, an dem sich die Daten zu wiederholen scheinen


[Bearbeiten] Literatur in der Grounded Theory

Aus der Literaturrecherche gewonnene Ergebnisse sind in der Grounded Theory


[Bearbeiten] Memos/ Feldnotizen


[Bearbeiten] Analytische Werkzeuge

Analytische Werkzeuge sind eine Hilfe, um schwer fassbare Daten in den Griff zu bekommen



[Bearbeiten] Bedingungsmatrix

Das Kodierparadigma und die Bedingungsmatrix sollten dogmatisch und nicht starr verwendet werden, ihr Zweck besteht alleine darin, den Forscher zu unterstützen und nicht ihn zu paralysieren!


[Bearbeiten] Trias der analytischen Operationen

-> bilden den Kern des Forschungsprozesses

[Bearbeiten] Offenlegung des Forschungsprozesses- Kriterien


[Bearbeiten] Zusammenfassung

Forschungsfrage: Was ist das zentrale Phänomen, welches den Prozess bestimmt? Veränderungen innerhalb eines Zeitabschnitts?

Grounded Theory stellt einen Analysestil dar, bei dem Datensammlung und Datenanalyse interagieren. Daten werden in der Regel durch offene Interviews und teilnehmende Beobachtung gesammelt. Forscher kodieren und kategorisieren die Daten und bilden Themen/ Kategorien. Der Forscher kondensiert die Kategorien zu Konstrukten, die eine „core category“ enthalten. Beziehungen zwischen einzelnen Kategorien helfen, vorübergehende Arbeitshypothesen zu erstellen und eventuell eine neue Theorie zu bilden. Relevante Ergebnisse aus der Literatur werden ebenfalss zu Daten. Im Forschungsprozess findet „constant comparison“ und „theoretical sampling“ statt. Memos stellen den „roten Faden“ und inneren Dialog in der Forschung dar.



[Bearbeiten] Literatur


[Bearbeiten] siehe auch

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