Fremdheit und Vertrautheit in der qualitativen Forschung

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Die Aushandlung von Nähe und Distanz im Verhältnis zum Forschungsgegenstand ist ein zentrales Phänomen der qualitativen, kommunikativen Forschung. Der Forscher ist als Erkenntnisinstrument kein Neutrum innerhalb des Feldes. Die Perspektive des Forschers gegenüber dem Feld und dem Forschungsgegenstand einnimmt, ist einer Dialektik von Fremdheit und Vertrautheit gleichzusetzen.

Anspruch der qualitativen Forschung[Bearbeiten]

Qualitative Forschung hat den Anspruch Lebenswelten von innen heraus, aus der Sicht der handelnden Personen zu beschreiben. Sie versucht zum Verständnis von Abläufen und sozialen Wirklichkeiten beizutragen. Der gelebte Alltag der handelnden Personen ist Ausdruck ihrer individuellen Lebenswelt, die sich durch die individuelle sinnhafte Auslegung der Welt und der ständigen Entscheidung zwischen allen möglichen Erfahrungen auszeichnet. Dies ist mit Intentionalität und Bewusstseinsleistungen verknüpft, vollzieht sich aber zumeist unbewusst und bleibt dem handelnden Individuum selbst und Nichtmitgliedern eines Feldes verschlossen. Diese Vertrautheit versucht qualitative Forschung aufzubrechen, indem sie an den gelebten Alltag mit einem „fremden Blick“ herantritt, der in allem das potentiell Unbekannte und Neue sucht. Der Forscher übernimmt hierzu die Rolle des „professionell Fremden“ indem er Besucher bzw. Initiant eines Feldes wird. Die Systematisierung dieses Fremdheitsstatutes ist die forschungstechnische Leistung die zu erbringen ist.

Das Verhältnis von Fremdheit und Vertrautheit[Bearbeiten]

Das Verhältnis von Fremdheit und Vertrautheit zwischen Forscher und Forschungsgegenstand ist ein Graduelles und innerhalb des Forschungsprozesses in ständiger Veränderung. Beides ist mit Vor- wie Nachteilen für den Forschungsprozess verbunden.

Vertrautheit[Bearbeiten]

Hohe Vertrautheit mit einem Forschungsgegenstand kann Anregung und Motivation sein eine Forschung zu beginnen und in ein Feld zu gehen. Sind Prozesse, Relevanzen und Verhaltensregeln eines Feldes bekannt, kann dies den Zugang und die Orientierung in einem Feld wesentlich erleichtern. Dies gibt Sicherheit und trägt dazu bei die Motivation des Forschers aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig kann in diesem „Bekannten“ aber auch die Gefahr liegen Wesentliches oder Neues zu übersehen. Wenn mit Vorannahmen und Vorhabtheorien schon genau bekannt ist was ich erforschen will behindert dies die Entdeckung von Neuem. Auch ein Rollenkonflikt, eine Befangenheit oder eine Identifikation des Forschers gegenüber dem Feld ist denkbar.

  • Wie verhalte ich mich in einem Feld indem ich bekannt bin und an meine Rolle nicht zu erfüllende Erwartungen geknüpft sind?
  • Welche Rolle nimmt der Forscher in einem ihm bekannten Feld ein und wie verhält er sich in Konfliktsituationen bzw. Situationen die ein Eingreifen den Forschers in das Feldgeschehen denkbar machen?

In der Pflegeforschung kann dies in so fern ein potentielles Konfliktfels sein, da sie in einem Feld forscht für das die einzelne Forscher primär als Pflegekraft ausgebildet worden sind. Dies kann sowohl eine Nähe gegenüber dem Forschungsgegenstand als auch ein potentiellen Rollenkonflikt des Forschers beinhalten.

Fremdheit[Bearbeiten]

Genau gegenteilig verhält sich dies bei einer Fremdheit gegenüber dem Forschungsgegenstand. Gerade die fehlende Vertrautheit bedarf hier einer hohen Aufmerksamkeit und Sensibilität des Forschers gegenüber dem Feld. Dies kann eine hohe Motivation unterstützen aber auch Ängste, Scham und Unsicherheit gegenüber dem Forschungsgegenstand beinhalten. Eine fehlenden Vertrautheit kann aber auch bewirken, dass aus Unkenntnis wesentliches übersehen wird, bzw. dem Forscher als Fremden vom Feld bewusst vorenthalten wird. Ein erschwerter Feldzugang und schwierige Orientierung im Feld kann im schlimmsten Fall einen Abbruch der Feldarbeit bedeuten. Die Aushandlung von Nähe und Distanz kann bei einseitiger Identifikation der Teilnehmerrolle des Forschers gegenüber dem Forschungsgegenstand mit dem totalen Verlust der Fremdheit und Distanz einher gehen. Diese Einvernahmung des Forscher durch das Feld wird als „going native“ beschrieben und ist insbesondere bei langanhaltende Aufenthalten im Feld möglich. Durch einen immer weiter fortschreitenden Distanzverlust zum Feld wird gleichzeitig die Fremdheit bzw. der fremde Blick gegenüber dem Feld verloren und die Beobachterrolle aufgegeben. Die Forscherarbeit wird hierdurch insofern erschwert, als dass die „fremde“ Lebenswelt mit ihrem spezifischen Alltag zunehmend zur Lebenswelt des Forschers wird und sich somit einer bewussten Erforschung entzieht

Forschungsprozess[Bearbeiten]

Fremdheit und Vertrautheit ist nicht nur eine Frage des Forschers. Für die handelnden Personen in einem Feld ist ihr Alltag von Vertrautheit geprägt. Diese kann durch den Forschungsprozess mehr oder weniger gestört werden. Interview, Beobachtung oder die einfache Teilnahme an einem Feld als primär Fremder sind immer Ausnahmesituationen, die es im der Forscher zu berücksichtigen gilt. Das Feld kann auf den Forscher unterschiedlich reagieren. Von Ablehnung und der Vorenthaltung von bestimmten Einblicken bis hin zur Einvernahmung können die Reaktionen reichen. Denken die handelnden Personen in einem Feld beispielsweise ein Forscher wisse schon alles, werden sie ihm auch nichts neues erzählen. Genauso kann es sich aber auch verhalten, wenn der Forscher vollkommen unwissend in ein Feld oder eine Gesprächssituation tritt, weil eine Überwindung dieses Wissensgefälle einen zu großen Aufwand bedeuten würde. Ein Experte wird sich in einem Interview nur auf einer gemeinsamen Sprachbasis und bei einem erkennbaren Vorwissens des Interviewers unterhalten. Hier wird das Dilemma des Forscher hinsichtlich Vorwissen und Vertrautheit deutlich. Er muss Kenntnisse gegenüber dem Sozialen Feld andeuten, die er durch die Forschung erst erwerben möchte.

Innerhalb des Forschungsprozesses verändert sich das Verhältnis von Fremdheit und Vertrautheit. Durch die wissenschaftliche Arbeit entfremdet sich der Forscher von der untersuchte Lebenswelt. Fremdheit und Vertrautheit durchlaufen so innerhalb des Forschungsprozesses unterschiedliche Dimensionen. Aus der untersuchten Lebenswelt wird durch die Forschung eine Textwelt, in der der Forscher selber Teil einer Geschichte ist. In der Analyse wird die untersuchte Lebenswelt aufgebrochen, hinsichtlich der Forschungsfrage analysiert und einer Veröffentlichung zugeführt.

Forschungspraxis[Bearbeiten]

Für die Forschungspraxis bedeutet es, dass der Status der Fremdheit /Vertrautheit zu systematisieren und während des ganzen Forschungsprozesses zu reflektieren ist. Vorwissen und Vorerfahrungen gilt es unter der Prämisse der größtmöglichen Offenheit des Forschers gegenüber dem Forschungsgegenstand kritisch zu reflektieren.

  • Was weiß man über das Feld bzw. den Forschungsgegenstand?
  • Was weiß ich darüber?
  • Was weiß das Feld über sich?

Vorabhypothesen sind im Sinne der Theorieentwicklung zu vermeiden. Sie sollten das Ergebnis der Forschung sein. Dabei geht es nicht darum eigene Wissen und Nähe zum Forschungsgegenstand zu vergessen. Dies wäre auch nicht möglich. Vielmehr ist es wichtig dessen Relativität und Auswirkung/Veränderungen im Bezug auf den Forschungsgegenstand zu erkennen und auch transparent zu machen. Jede Wahrnehmung erhält erst im Rückgriff auf Vorwissen seine Bedeutung. Vorwissen macht es erst möglich Handlungen und Abläufe im Feld zu verstehen. Problematisch wird diese Reflektion des Forschers im Bezug auf das eigene Alltagswissen welchen auch ihm im Gegensatz zum Theoriewissen oft nicht bewusst und somit auch schwer zugänglich ist. Das Verhältnis von Vertrautheit und Distanz und seine Veränderung innerhalb des Forschungsprozesses gilt es für eine Veröffentlichung der Forschung zu verschriftlichen. Hier gilt es den Gütekriterien der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit und reflektierten Subjektivität zu entsprechen. Die in der Forschung angestrebte Verobjektivierung liegt in der Systematisierung des Fremdheitsstatussees in der praktischen Forschungsarbeit und im Text. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, die Dialektik von Fremdheit und Vertrautheit in der sich der Forscher bewegt, eine Unsicherheit des Forscher beinhaltet. Um diese Auszugleichen müssen Ressourcen und Gegenstrategien in der Forschung eingeplant werden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Brüsemeisetr, T. (2000) Qualitative Forschung, Wiesbanden, ISBN
  • Flick, U. (2000) Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbeck bei Hamburg, ISBN