Fentanyl

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Fentanyl ist ein synthetisches Opioid, das als potentes Schmerzmittel in der Anästhesie (bei Narkosen) sowie als transdermales therapeutisches System zur Therapie von chronischen Schmerzzuständen, die nur mit Opioidanalgetika ausreichend behandelt werden können, eingesetzt wird. Fentanyl fällt in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz, in Österreich unter das Suchtmittelgesetz und in der Schweiz unter das Betäubungsmittelgesetz.

Entwicklung[Bearbeiten]

1960 wurde Fentanyl von PA.J. Janssen als erstes Anilinopiperidin entwickelt. Seitdem wurden aus Fentanyl durch Modifikationen der Molekularformel eine Reihe besser steuerbarer Derivate entwickelt.

Anwendungsformen[Bearbeiten]

Gebräuchlich ist Fentanyl als Fentanyldihydrogencitrat. Dabei gibt es zwei hauptsächliche Anwendungsformen: als intravenöse Dauerinfusion mittels Spritzenpumpe und als transdermales therapeutisches System (Durogesic®). Zusätzlich gibt es Fentanyl als Sublingual- bzw. Bukkaltablette (Abstral®, Effentora™) und in Form eines oral-transmukosalen therapeutischen Systems (Actiq®), welches bei Durchbruchschmerzen als Lutschtablette mit integriertem Applikator an der Mundschleimhaut angewendet wird. Dieser Stick kann auch rektal eingeführt werden, wenn eine andere Anwendung durch bestimmte Erkrankungen oder zunehmender Sedierung nicht mehr möglich ist.

Seit einiger Zeit kann Fentanyl auch als Nasenspray angewendet werden (Instanyl®). Der Wirkungseintritt soll nach 10 Minuten erfolgen, die Wirkung selbst hält aber nicht stundenlang an, so dass es vor allem zur Linderung akuter Schmerzspitzen geeignet ist. Die Dosissicherheit ist allerdings bei dieser Applikationsart nicht gegeben. Bei vorausgegangener Strahlentherapie im Gesichtsbereich, bei wiederholtem Nasenbluten (Epistaxis) und bei schweren obstruktiven Lungenerkrankungen darf das Fentanyl-Nasenspray nicht verwendet werden. Ein weiterer Nachteil ist das kindersichere Behältnis, das für manchen Patienten allein nicht zu öffnen ist und damit im Akutfall dann doch nicht angewandt werden kann.

Wirkung[Bearbeiten]

Wegen seiner starken schmerzstillenden Wirkung wird Fentanyl häufig perioperativ eingesetzt. In Form von transdermalen Pflastern wird es als Analgetikum bei starken, chronischen Schmerzen von Krebskranken als auch in der Analgesie von chronischen Nicht-Tumor-Schmerzen (wie z.B. muskoloskeletale Schmerzbilder) eingesetzt. Im Rettungsdienst kann Fentanyl bei akuten Schmerzzuständen vom Notarzt verabreicht werden.

Fentanyl wirkt vorwiegend stark schmerzlindernd (analgetisch) und beruhigend (sedierend). Es ist etwa 100-mal so potent wie Morphin (gemessen am Gewicht ist nur ein Hundertstel der Menge an Fentanyl nötig, um die gleiche Wirkung zu erzielen), besitzt eine höhere Wirksamkeit (das Wirkungsmaximum ist höher), während seine Wirkdauer in der Regel deutlich kürzer ist. Bei intravenöser Verabreichung wird das Wirkmaximum bereits nach zwei bis drei Minuten erreicht. Die zur Behandlung effektive Dosis ED50 liegt bei 0,01 mg/kg Körpergewicht, die tödliche Dosis (LD50) bei 3,1 mg/kg Körpergewicht. Letztere Angabe bezieht sich allerdings auf Ratten. Beim Menschen führen in der Regel schon deutlich niedrigere Dosen zum Tod durch Atemstillstand bzw. zu einer Atemdepression.

Fentanyl ist lipophil, d.h. gut fettlöslich Es verteilt sich in fetthaltigem Gewebe schnell. Fentanyl wird hauptsächlich in der Leber verstoffwechselt und nur zu weniger als 10 % unverändert über die Nieren ausgeschieden.

Abhängig von der Dosis und dem Gesamtzustand des Patienten beeinträchtigt Fentanyl die Wahrnehmungsfähigkeit, wirkt beruhigend und führt zu Bewusstseinstrübungen bis hin zu einem schlafähnlichen Zustand. Deshalb wird es im klinischen Bereich zur Anästhesie (Teil- oder Voll- Narkose) eingesetzt. Haupteinsatzgebiet ist die Gabe als Schmerzmittel bei Operationen in Verbindung mit einem Schlafmittel und wahlweise einem muskelentspannenden Mittel (Muskelrelaxans). Je nach Wahl des Schlafmittels spricht man von „balancierter Anästhesie“ oder „totaler intravenöser Anästhesie“ (TIVA). Fentanyl beeinträchtigt das Atemzentrum und führt bei höherer Dosierung zu einer Hypoventilation - ein Atemstillstand kann zu Koma oder zum Tod führen. Deshalb ist eine ständige Überwachung mit Beatmungsmöglichkeit erforderlich. Eine Ausnahme bilden Patienten, die auf fentanylhaltige Wirkstoffpflaster eingestellt wurden. Durch die gleichmäßige Wirkung und die im Vergleich zur Anästhesie meist deutlich geringeren Dosen ist nach einer Einstellungsphase keine dauerhafte Überwachung der Vitalfunktionen nötig.

Aufgrund der Lipophilie wird Fentanyl teilweise schwer kontrollierbar im Fettgewebe eingelagert und wieder freigegeben. Deshalb werden heute anstelle von Fentanyl häufig die verwandten Stoffe Alfentanil, Remifentanil und Sufentanil verwendet.

Wechselwirkungen[Bearbeiten]

Die beruhigende Wirkung von Fentanyl kann durch andere Beruhigungsmittel und Alkohol verstärkt werden, die gleichzeitige Einnahme von anderen Opioiden (etwa anderen morphinhaltigen Schmerzmitteln) kann zu einer geringeren Wirkung führen. In Verbindung mit Monoaminooxidase-Hemmern können schwere Kreislauf- und Atemstörungen auftreten. Durch die Plasmaeiweißbindung von 90 % kann es bei Verwendung in Schmerzpflastern zu Wechselwirkungen mit Präparaten wie Furosemid, Glibenclamid oder Omeprazol kommen. Durch den Abbauweg in der [Cytochrom P450|Cytocromoxidase 450 ist eine Dosisanpassung von Fentanyl bei Rauchern zu beachten. Aus diesem Grund ist auch eine gleichzeitige Einnahme von Johanniskrautpräparaten oder Grapefruitsaft nicht ratsam.

Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Zu den Nebenwirkungen zählt die Beeinträchtigung der Atmung bis hin zur Atemdepression, das Verkrampfen und Erstarren der Muskulatur, insbesondere der glatten Muskulatur, verlangsamte Herztätigkeit, verengte Pupillen (Miosis), Euphorie oder Angstzustände, Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung. Bei schneller Injektion kommt es gelegentlich zu kurzzeitigem Hustenreiz.

Überdosierung[Bearbeiten]

Wie auch andere Opioide provoziert Fentanyl eine ZNS-Depression. Das akute Bild weist im Wesentlichen ausgeprägte Sedierung, Ataxie, Miosis, Atemdepression bis zum totalen Atemstillstand und Krämpfe auf, wobei die Atemdepression besonders hervorzuheben ist. Fentanyl kann mit Naloxon antagonisiert werden.

Chemie[Bearbeiten]

Fentanyl liegt in ungelöstem Zustand in festem Aggregatzustand als weißes körniges bis kristallines, glänzendes, bitter schmeckendes Pulver vor. Die Molmasse beträgt 336,49 g/mol. Der Schmelzpunkt liegt bei 87,5 °C, die Löslichkeit bei 200 g/l in Wasser

Missbrauch in der Drogenszene[Bearbeiten]

Zum Strecken von Heroin wird Fentanyl entgegen einer verbreiteten Meinung kaum verwendet. Es ist schwer zu beschaffen, da es fast ausschließlich bei Operationen eingesetzt wird und wie Heroin im Betäubungsmittelgesetz aufgeführt ist.

Im April und Mai 2006 wurde in den USA eine Häufung von Vergiftungen mit Fentanyl (in der Form des Citratsalzes) bei Drogenkonsumenten beobachtet, teilweise mit Todesfolge. Das Fentanyl, das meist zum Strecken von Heroin und vereinzelt auch Kokain verwendet wurde, soll illegal hergestellt worden sein.

Im Oktober 2007 gab es im Raum Darmstadt einen Todesfall durch den Mischkonsum von Fentanyl und Alkohol. Ein ausgebildeter Chemielaborant synthetisierte diese Droge in einem illegalen Labor in seinem Haus.

Neben ihrem Einsatz in der Medizin wurden Fentanyl-Derivate auch auf ihre Verwendbarkeit als chemische Kampfstoffe hin untersucht[1] [2]. Es wurden Vermutungen darüber angestellt, ob ein besonders potentes, in der Humanmedizin nicht zugelassenes Fentanyl-Derivat, das Carfentanyl, in Aerosol-Form bei der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater im Oktober 2002 zum Einsatz kam und dabei für 127 Todesfälle mitverantwortlich war. [3]

Durch Anhängen einer -CH3-Gruppe an das Fentanylmolekül entstand 1979 eine gefährliche Designerdroge, das Methylfentanyl, im Szenejargon „China White“ genannt. Die Wirkung ist stärker als die des Fentanyls. Überdosierungen führen zu schweren Atembeschwerden und sogar zum Koma oder sofortigem Tod. [4]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Am J Bioeth 2004;4(4):W1-2. Medical ethics and non-lethal weapons.
  2. Przegl Lek. 2005;62(6):581-4. Fentanyl and its analogues in clinical and forensic toxicology.
  3. Ann Emerg Med. 2003 May;41(5):700-5. Unexpected „gas“ casualties in Moscow: a medical toxicology perspective.
  4. LKA Hessen

siehe auch[Bearbeiten]


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