Expertenstandard Sturzprophylaxe

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Der Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege hat zum Ziel, Stürze und Sturzfolgen zu vermeiden, indem ursächliche Risiken und Gefahren erkannt und nach Möglichkeit minimiert werden. Er richtet sich an alle Pflegefachkräfte, die Patienten oder Bewohner entweder in der häuslichen Umgebung oder in einer Einrichtung der stationären Gesundheitsversorgung oder der Altenhilfe betreuen.[1] Dieser nationale Expertenstandard soll das Bewusstsein auf die professionelle Sturzprophylaxe in der Pflege lenken.

Mit der Kellog International Work Group on the Prevention of Falls by the Elderly (1987) wird Sturz definiert als jedes Ereignis, in dessen Folge eine Person unbeabsichtigt auf dem Boden oder auf einer tieferen Ebene zu liegen kommt. Nicht eingeschlossen sind Ereignisse, die auf Grund eines Stoßes, Verlust des Bewusstseins, plötzlich einsetzender Lähmungen oder eines epileptischen Anfalls eintreten[2]. Ein erhöhtes Sturzrisiko liegt vor, wenn es sich um eine über das alltägliche Risiko hinausgehende Sturzgefährdung handelt[3].

Der Expertengruppe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), das den Expertenstandard herausgegeben hat, gehörten 14 Personen an, darunter auch ein Patientenvertreter. Insgesamt wurden 252 Literatur-Titel berücksichtigt und analysiert. Der Expertenstandard besteht aus 18 Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien und wurde im Februar 2006 veröffentlicht. Die 1. Aktualisierung erfolgte im Januar 2013.

Überblick über die zusammengefassten Standardkriterien von 2006[Bearbeiten]

Standardaussage: "Jeder Patient/Bewohner mit einem erhöhten Sturzrisiko erhält eine Sturzprophylaxe, die Stürze verhindert oder Sturzfolgen minimiert." (DNQP 2006, 2013)

Begründung: Stürze stellen insbesondere für ältere und kranke Menschen ein hohes Risiko dar. Sie gehen häufig mit schwerwiegenden Einschnitten in die bisherige Lebensführung einher, die von Wunden und Frakturen über Einschränkung des Bewegungsradius infolge verlorenen Vertrauens in die eigene Mobilität bis hin zum Verlust einer selbstständigen Lebensführung reichen. Durch rechtzeitige Einschätzung der individuellen Risikofaktoren, eine systematische Sturzerfassung, Information und Beratung von Patienten/Bewohnern und Angehörigen, sowie gemeinsame Maßnahmenplanung und Durchführung kann eine sichere Mobilität gefördert werden.

Struktur Prozess Ergebnis
S1 - Die Pflegekraft verfügt über aktuelles Wissen zur Identifikation von Sturzrisikofaktoren P1 - Die Pflegefachkraft identifiziert unmittelbar zu Beginn des pflegerischen Auftrags systematisch die personen- und umgebungsbezogenen Risikofaktoren aller Bewohner, bei denen ein Sturzrisiko nicht ausgeschlossen werden kann. Diese Erfassung wiederholt sich bei Veränderung der Pflegesituation und nach jedem Sturz. E1 - Eine aktuelle, systematische Erfassung der Sturzrisikofaktoren liegt vor.
S2 - Die Pflegefachkraft verfügt über Beratungskompetenz in Bezug auf Sturzrisikofaktoren und entsprechende Interventionen. P2 - Die Pflegefachkraft informiert den Patienten/Bewohner und seine Angehörigen über die festgestellten Sturzrisikofaktoren und bietet eine Beratung zu den Interventionen an. E2 - Der Bewohner und seine Angehörigen kennen die individuellen Risikofaktoren sowie effektive Maßnahmen zur Sturzprophylaxe.
S3 - Die Pflegefachkraft kennt wirksame Interventionen zur Vermeidung von Stürzen und zur Minimierung sturzbedingter Folgen. P3 - Die Pflegefachkraft entwickelt gemeinsam mit dem Bewohner und seinen Angehörigen sowie den beteiligten Berufsgruppen einen individuellen Maßnahmenplan. E3 - Ein individueller Maßnahmenplan zur Sturzprophylaxe liegt vor.
S4a - Die Einrichtung ermöglicht zielgruppenspezifische Interventionsangebote und gewährleistet geeignete räumliche und technische Voraussetzungen sowie Hilfsmittel für eine sichere Mobilität

S4b - Die Pflegefachkraft ist zur Koordination der Intervention autorisiert.

P4 - Die Pflegefachkraft gewährleistet in Absprache mit den beteiligten Berufsgruppen und dem Bewohner gezielte Interventionen auf der Grundlage des Maßnahmenplans. E4 - Interventionen, Hilfsmittel und Umgebung sind dem individuellen Sturzrisiko des Bewohners angepasst und fördern eine sichere Mobilität.
S5 - Die Einrichtung stellt sicher, dass alle an der Versorgung des Bewohners Beteiligten über das vorliegende Sturzrisiko informiert werden. P5 - Die Pflegefachkraft informiert die an der Versorgung beteiligten Berufs- und Personengruppen über die Sturzrisikofaktoren des Bewohners und gibt Hinweise zum situativ angemessenen Umgang. E5 - Den an der Versorgung beteiligten Berufs- und Personengruppen sind die Sturzrisikofaktoren und die jeweils notwendigen Maßnahmen zur Sturzprophylaxe bekannt.
S6 - Die Pflegefachkraft ist zur systematischen Sturzerfassung und -analyse befähigt. P6 - Die Pflegefachkraft dokumentiert systematisch jeden Sturz, analysiert diesen - gegebenenfalls mit anderen an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen - und schätzt die Sturzrisikofaktoren neu ein. E6 - Jeder Sturz ist dokumentiert und analysiert.

Änderungen durch die Aktualisierung 2013[Bearbeiten]

Der Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege wurde planmäßig einer Neubewertung unterzogen und aufgrund neuer Erkenntnisse an einigen Stellen verändert:[4]

  • Die neue Definition von Sturz schließt jetzt sogenannte „Beinahe-Stürze“ mit ein.
  • Die Expertenarbeitsgruppe lehnt jegliche Form freiheitseinschränkender Maßnahmen zum Zwecke der Sturzprophylaxe ab. Solche Maßnahmen werden als Risikofaktoren betrachtet.
  • Die Bezeichnung Sturzrisikofaktoren wurde weitgehend durch den Begriff Sturzrisiko ersetzt.
  • Zur systematischen Risikoeinschätzung werden nicht mehr extrinsische und intrinsische, sondern personen-, medikamenten- und umgebungsbezogene Sturzrisikofaktoren herangezogen (P1).
  • Zusätzlich zur Beratung wird eine Schulung empfohlen (P2). Beratung und die eventuelle Schulung müssen dokumentiert werden (E2).
  • Die Einrichtung wird verpflichtet, Ressourcen zur Auswertung und Analyse von Stürzen zur Verfügung zu stellen (S6b). Außerdem werden von ihr Daten bezüglich der Häufigkeit, Umstände und Folgen von Stürzen erhoben (E6b).

Literatur[Bearbeiten]

  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (Hrsg.): Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege. Entwicklung - Konsentierung- Implementierung. Februar 2006. ISBN: 3-00-015082-X Bezugsadresse: DNQP Fachhochschule Osnabrück, Postfach 19 40, 49009 Osnabrück, Fax (0541) 9 69 - 29 71, e-mail dnqp@fh-osnabrueck.de
  • DNQP: Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege. Entwicklung - Konsentierung - Implementierung. 1. Aktualisierung 2013 ISBN 3-00-015082-X
  • Joachim Berga: Expertenstandard Sturzprophylaxe. In: Geprüfte Schulungsmaterialien für die Pflege. Raabe Verlag, Berlin 2013
  • Jutta König: 100 Fehler bei Stürzen im Heim und was Sie dagegen tun können. Hannover, Schlütersche, 2008, ISBN 978-3-89993-465-6
  • Adriano Pierobon, Manfred Funk: Sturzprävention bei älteren Menschen. Stuttgart, Georg Thieme Verlag, 2007. 120 Seiten und DVD. ISBN 978-3-13-143761-7

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ziel und Zielgruppendefinition nach der Präambel des Expertenstandards [1]
  2. zitiert nach der Präambel des Expertenstandards
  3. siehe Präambel des Expertenstandards
  4. Auszug 1. Aktualisierung Expertenstandard Sturzprophylaxe auf www.wiso.hs-osnabrueck.de