Chronische Krankheit

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Eine chronische Krankheit ist entweder „das Ergebnis eines länger andauernden Prozesses degenerativer Veränderung somatischer oder psychischer Zustände“ oder eine Störung, die „dauernde somatische oder psychische Schäden oder Behinderung zur Folge“ hat.[1] Heilt eine Krankheit nicht aus oder kann die Krankheitsursache nicht beseitigt werden, kommt es zur Chronifizierung.

Fast 20% aller Bundesbürger gelten als chronisch krank. Zum Vergleich: Im 19. Jahrhundert starben 80% aller Menschen an Infektionskrankheiten, 1930 knapp 50%, 1980 nur noch 1 %. Heute leiden über 80% aller Menschen an chronischen Krankheiten und sterben zum Teil an deren Folgen.

Alkoholismus, Arteriosklerose, Asthma, bösartige Tumoren, Colitis ulcerosa, COPD, Demenz, Diabetes mellitus, Epilepsie, Endometriose, Gicht, Hypertonie, Koronare Herzkrankheit, Leberzirrhose, Morbus Crohn, Myalgische Enzephalomyelitis, Multiple Sklerose, Parkinson, und Rheuma sind nur einige Beispiele.

Behandlungsprogramme[Bearbeiten]

Im Zuge wissenschaftlicher Untersuchungen wurde herausgearbeitet, welche Diagnostik, Therapie, Pflege- und Rehabilitationsmaßnahmen bei bestimmten Erkrankungen sinnvoll und notwendig sind und auf welche verzichtet werden kann. Krankenkassen haben daraufhin sogenannte Chronikerprogramme, die Disease-Management-Programme (DMP), entwickelt. Sie sind gewissermaßen ein Leitfaden für den ganzen Weg durch die Krankheit unter dem Gesichtspunkt der Effektivität, die eine qualitativ hochwertige Behandlung chronisch Kranker gewährleistet. Disease Management Programme sollen sicherstellen, dass die hohen und komplexen Anforderungen an eine dauerhafte, qualitativ hochwertige medizinische Behandlung chronisch kranker Menschen erfüllt werden. Bisher gibt es fünf anerkannte Programme für folgende Erkrankungen: Diabetes mellitus, Brustkrebs, Koronare Herzkrankheit, COPD und Asthma bronchiale. Weitere befinden sich noch in der Entwicklung. Wollen Mediziner an diesen Programmen teilnehmen, müssen sie sich permanent weiterbilden. Zusätzlich werden Patienten intensiv informiert und geschult, damit sie den Prozess aktiv mitgestalten können. Dabei arbeiten alle Beteiligten – Haus- und Fachärzte, Krankenhäuser, Therapeuten sowie Patienten Hand in Hand zusammen. Begleitet und organisiert wird diese Zusammenarbeit von Krankenkassen.

Krankheitsverläufe[Bearbeiten]

Eine Krankheit kann heilen, als Defektheilung enden (z.B. mit Amputation, großen Narben), rezidivieren (= wiederaufflackern, z.B. Tumoren) oder chronifizieren (= schleichend verlaufen, von langer Dauer sein). Beim chronischen Verlauf werden unterschieden: chronisch-kontinuierlich (Krankheit bleibt in einem Stadium stehen), chronisch-rezidivierend (= wiederkehrend, z.B. Allergieschübe) oder progredient (= fortschreitend, z.B. Rheuma). Daneben gibt es kompensierte (= Fehlfunktion wird ausgeglichen, Patient fühlt sich gesund) und dekompensierte Verläufe (Patient erfährt wesentliche Einschränkungen durch die Krankheit).

Nach Corbin und Strauss (1998) verläuft eine chronische Krankheit in verschiedenen Stadien:

Stadium Definition
Vor der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve vor Beginn der Krankheit, Präventivphase
Einsetzen der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve Auftreten von Anzeichen und Symptomen einer Krankheit
Krise lebensbedrohliche Situation
akut akuter Krankheitszustand oder Komplikationen, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen
stabil Krankheitsverlauf und -symptome werden mit Hilfe von Heilprogrammen unter Kontrolle gehalten
instabil Krankheitsverlauf und -symptome können nicht länger unter Kontrolle gehalten werden, Krankenhausaufenthalt ist nicht nötig
Verfall Fortschreitende Verschlechterung der körperlichen und geistigen Verfassung gekennzeichnet durch zunehmende Behinderung und verstärktes Auftreten von Krankheitssymptomen
Sterben Stunden, Tage und Wochen unmittelbar vor dem Tod

Allgemeine Folgen chronischer Krankheiten[Bearbeiten]

Es verändern sich Körperintegrität und Wohlbefinden; es kommt zu einer Veränderung des Selbstkonzepts, z.B. entsteht aufgrund von Verletzungen ein neues Körperschema. Erkrankte erleben sich vorübergehend oder dauerhaft als Personen, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben, das emotionale Gleichgewicht gerät ins Wanken; es kommt zu einer Verunsicherung hinsichtlich sozialer Rollen und Aufgaben, sie müssen sich auf eine neue Situation einstellen, wenn sie sich in medizinische Behandlung begeben. Nicht zuletzt bedeutet eine schwere Erkrankung für sie eine Bedrohung ihres Lebens.

Bewältigungsanforderungen bei chronischen Krankheiten[Bearbeiten]

  1. Krankheitsbezogene Aufgaben wie
    • Anerkennung und Bewältigung der Krankheitssymptome wie Schmerz, Schwäche oder Behinderung,
    • Auseinandersetzung mit der notwendigen medizinischen Behandlung,
    • Entwicklung und Aufrechterhaltung adäquater Beziehungen zu Ärzten und Pflegekräften,
    • bei vielen Erkrankungen: Anerkennung & Bewältigung eines ungewissen Krankheitsverlaufs und ungewisser Zukunft,
  2. Personenbezogene Aufgaben wie
    • Entwicklung und Aufrechterhaltung eines emotionalen Gleichgewichts,
    • Aufrechterhaltung eines ausreichenden Selbstwertgefühls.
  3. Umweltbezogene Aufgaben wie:
    • Umgestaltung und Aufrechterhaltung der wichtigen Beziehung zu Familie und Freunden.

Die Auseinandersetzung mit diesen Anforderungen vollziehen Menschen im sog. Krisenzyklus (siehe dort).

Schwerpunkte der Pflege im häuslichen oder stationären Bereich[Bearbeiten]

Die psychosoziale Dynamik bei dem Bewältigungsprozess macht deutlich, dass Pflegekräfte besondere Fähigkeiten benötigen: Sie sollen in der Lage sein, die Pflegebeziehung als vertrauensvoll, begleitend und unterstützend zu gestalten, damit die Patienten ihre Krankheit verarbeiten und bewältigen lernen. Die (psychischen und sozialen) Ressourcen sollen somit gefördert werden, Motivation soll entwickelt werden, damit die Patienten bei der langwierigen Rehabilitation (mit Rückschlägen und phasenweiser Trostlosigkeit) mitwirken, die Compliance gesichert ist. Kurz gesagt: Pflegekräfte sollen sich einfühlen, angemessen kommunizieren, informieren, motivieren, anleiten können. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Fähigkeit der Pflegekräfte zur interdisziplinären Zusammenarbeit.

Der chronisch Kranke als informierter Experte[Bearbeiten]

Ein chronisch Erkrankter ist oft ein größerer Experte im Bezug auf seine Krankheit als manche Mediziner oder Pflegekräfte, da er sich i.d.R. mit vielen verschiedenen Ärzten, Pflegekräften und ebenfalls Betroffenen ausgetauscht hat, die ihm eine breite Palette von Behandlungsansätzen, Diagnosen und Verlaufsformen nähergebracht haben. Zudem ist er Experte in den Bereichen Medizin, alltäglicher Bewältigung der Krankheit, Medikamenteneinnahme und damit verbundenen Folgen und Reaktionen der Umwelt auf seine Krankheit.

Er ist somit nicht nur auf einem Gebiet (beispielsweise der Medizin ) bewandert wie manche Fachkraft, sondern kann seine Erkrankung aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachten und hat somit oft einen Vorteil gegenüber einer Fachkraft.

Auf der anderen Seite haben Außenstehende oft eine objektivere Sichtweise auf viele Aspekte der chronischen Erkrankung, beispielsweise auf deren Prognose und Heilbarkeit.

Literatur[Bearbeiten]

  • E.M. Waltz: Soziale Faktoren bei der Entstehung und Bewältigung von Krankheit - ein Überblick über die empirische Literatur. In: B. Badura (Hrsg.): Soziale Unterstützung und chronische Krankheit. Zum Stand sozialepidemiologischer Forschung. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. E.M. Waltz: Soziale Faktoren bei der Entstehung und Bewältigung von Krankheit - ein Überblick über die empirische Literatur. Aus: B. Badura (Hrsg.): Soziale Unterstützung und chronische Krankheit. Zum Stand sozialepidemiologischer Forschung. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981, S. 89

Siehe auch[Bearbeiten]