Bettlägerigkeit

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Bettlägerigkeit ist ein zentrales Phänomen in der Pflege, bei dem die betroffene Person über einen längeren Zeitraum den überwiegenden Teil des Tages und der Nacht im Bett verbringt. Dieser Daseinszustand steht am Ende einer Entwicklung über mehrere Phasen (nach Zegelin 2004). Hauptursache für Bettlägerigkeit ist die Einschränkung der Fähigkeit, das Bett aus eigenem Antrieb verlassen zu können, beispielsweise aufgrund von körperlicher Schwäche, Beeinträchtigungen der Motorik oder dementieller Erkrankung. Daneben spielen der Gedanke an Schonung eines Kranken durch Bettruhe oder die Gewährleistung seiner Sicherheit eine Rolle.

Alter Herr liegend im Bett

Im ersten Gesundheitsbericht für Deutschland von 1998 wurden 17% der Leistungsempfänger der Pflegeversicherung der Pflegestufe 3 zugeordnet (die Zahl bezieht sich auf das Jahr 1996).[1] Auch wenn keine Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Pflegebedürftigkeit und Bettlägerigkeit vorliegen, kann das Vorliegen von "Bettlägerigkeit" am ehesten bei dieser Gruppe pflegebedürftiger Personen vermutet werden. Dies ist damit zu begründen, dass bei der Grundkonzeption der Pflegestufen im Wesentlichen an eine motorische Unfähigkeit gedacht wurde.

Begriffsklärung[Bearbeiten]

Der Begriff der so genannten "Bettlägerigkeit" wurde bisher in der Pflegefachliteratur nur sehr oberflächlich oder auch gar nicht beschrieben - obwohl Pflegende tagtäglich mit diesem Phänomen konfrontiert werden. Die wenigen vorhandenen Beschreibungen widersprachen sich gegenseitig und es wurde vielmehr auf Folgen und Maßnahmen eingegangen.

In den Begutachtungsrichtlinien des MDS (1997) wird vollständige Immobilität mit Bettlägerigkeit gleichgesetzt: "(...) vollständige Immobilität ist ein Zustand, der sich als Folge mangelnder physischer oder psychischer Kräfte eines Patienten, häufig in Form einer sog. Bettlägerigkeit äußert." In den ersten Ausgaben der Lehrbücher Thiemes Altenpflege und Pflege Heute ist der Begriff Bettlägerigkeit nicht im Register geführt. In diesen Büchern werden eher mögliche Folgen und entsprechende Prophylaxen und Maßnahmen beschrieben. In den Pflege-Lehrbüchern von Juchli und Altenpflege von Köther/Gnamm ist 'Bettlägerigkeit' zwar im Register aufgeführt, allerdings geht es dort diesbezüglich eher um die Vermeidung von Immobilität und mögliche Folgen von Bettlägerigkeit sowie entsprechende Maßnahmen. Im Duden-Wörterbuch wird Bettlägerigkeit wie folgt beschrieben: "Durch Krankheit gezwungen im Bett zu liegen (...)".

Bettlägerigkeit als Endstation einer Prozessabfolge (nach Zegelin)[Bearbeiten]

Die fünf Phasen des Prozesses[Bearbeiten]

Nach Zegelin ist Bettlägerigkeit das Ergebnis eines fortlaufenden Prozesses, der mit Instabilität beginnt und über die weiteren Phasen Ereignis, Immobilität im Raum und Ortsfixierung abläuft:

Die Instabilität äußert sich beispielsweise in Gangunsicherheit oder Befindlichkeitsstörungen wie Kreislaufproblemen, dem zunächst mit Hilfsmitteleinsatz (z.B. Gehstock, Rollator) oder Veränderungen im Wohnbereich begegnet wird. Sie kann über Jahre langsam zunehmen und führt dazu, dass sich der Bewegungsradius verringert und Unternehmungen außer Haus eingeschränkt werden, zumeist aus Vorsicht oder Angst vor Unfällen oder unangenehmen Ereignissen (zum Beispiel in Zusammenhang mit Inkontinenz).

Tritt ein solches Ereignis (beispielsweise in Form eines Sturzes) ein, werden die Vermeidungsstrategien bestätigt und die Vorsichtsmaßnahmen verstärkt, was zu Immobilität im Raum führt. Jetzt rückt Bewegung zunehmend in den Hintergrund, es wird überwiegend gesessen und Ruhephasen im Liegen verlängern sich. Bestimmte Sitzmöbel wie Sofas und Liegesessel kommen dabei dem zunehmenden Liegebedürfnis entgegen.

Wenn ein selbstständiger Wechsel zwischen den verschiedenen Sitzplätzen und Liegestätten nicht mehr möglich ist und dazu jeweils Hilfe benötigt wird, ist die Ortsfixierung eingetreten. Wenn Sitzen dadurch lang andauernd und anstrengend wird, auf einen erneuten Transfer lange gewartet werden muss oder aus Rücksicht auf das Personal kaum Hilfe in Anspruch genommen werden mag, wird eventuell versucht, diese Situation zu vermeiden, indem das Bett nur noch zu bestimmten Gelegenheiten (wie für einen Toilettengang) verlassen wird.

Wird das Bett auch zu diesen Anlässen nicht mehr verlassen, ist die strikte Bettlägerigkeit erreicht. Das Bett wird zum zentralen Lebensort, der entsprechend eingerichtet und ausstaffiert wird, um den Verlust des persönlichen Raumes auszugleichen (beispielsweise mit diversen Kissen, Stofftieren etc.) Telefon, Salben, Medikamente und andere, persönliche Dinge wie Adressbuch und Fotos werden in Reichweite gelegt, der Kontakt zur Außenwelt beschränkt sich auf Besuch, Telefonate, Radio und Fernsehen.

Die fünf beeinflussenden Faktoren[Bearbeiten]

Jede dieser Phasen wird von fünf konstanten Faktoren beeinflusst: Liegepathologie, Krankheitsfortschritt, Individualität und Temperament, Situationsbewältigung, Einstellung und Kompetenz:

Mit Liegepathologie wird beschrieben, dass Interventionen gegen Bewegungsmangel umso schwieriger durchzuführen sind, je länger der Zustand der jeweiligen Phase anhält. Kommt ein Krankheitsfortschritt hinzu wie beispielsweise ein Herzinfarkt bei schon bestehender Herz-Kreislauf-Problematik, kann dies eventuell erreichte Fortschritte wieder zunichte machen. Viel hängt auch von Individualität und Temperament des Betroffenen ab, ob es sich eher um eine "Kämpfernatur" handelt oder sich schon aufgegeben hat, ob eine optimistische Sichtweise eingenommen wird und ob eine gewisse Adherence vorhanden ist.

Ebenso entscheidend ist die Situationsbewältigung und Resilienz, wie mit Krisen umgegangen wird, welche Erfahrungen gemacht wurden und auf welche Ressourcen zurückgegriffen werden kann. Eine unterstützende Einstellung und Kompetenz von Pflegenden und Angehörigen kann dazu beitragen, dass Bettlägerigkeit nicht als unvermeidlich hingenommen, sondern mit geeigneten Methoden vermieden oder verringert wird. Dazu notwendig ist das Wissen um das Entstehen der Bettlägerigkeit und um mögliche Bewegungsangebote sowie bewegungs- und wahrnehmungsfördernde Konzepte. Praktische Abläufe sollten detailliert festgelegt werden, um Sicherheit zu vermitteln, beispielsweise beim Transfer.

Folgen der Bettlägerigkeit[Bearbeiten]

Schon nach wenigen Tagen strikter Bettruhe kommt es zu pathophysiologischen Veränderungen in sämtlichen Organsystemen. So ändert sich unter anderem die Atmung, der Blutdruck sinkt, die Magen- und Darmtätigkeit nimmt ab. Bei andauerndem Liegen wird dadurch eine Pneumonie begünstigt, die Wahrnehmung verändert sich hin zur sensorischen Deprivation, kognitive Fähigkeiten verringern sich, wie beispielsweise die Konzentration. Das Risiko für die Entwicklung von Dekubitalgeschwüren, Kontrakturen und Thrombose steigt, ebenso die Neigung zu Obstipation, Inkontinenz und Muskelschwund.[2]

Bettlägerigkeit in Zusammenhang mit Krankheit und Sterben[Bearbeiten]

Bettlägerigkeit als Krankheitsfolge erscheint in manchen Fällen wie ein Schicksal, das unabwendbar ist. Aufzuführen sind hier Diagnosen wie ALS, FTD, Locked-in-Syndrom und andere schwere neurologische Erkrankungen. Auch wenn diese Patienten professionell regelmäßig in und mit Hilfsmitteln mobilisiert werden, bleibt ihnen die persönliche vollständige Immobilität. Auch im Rollstuhl bleiben diese Patienten ortsfixiert, wenn auch nicht bettlägerig.

Am Lebensende werden Maßnahmen der Mobilisation von manchen Sterbenden abgelehnt; dem ist aus pflegerischer Sicht selbstverständlich stattzugeben. In dieser Situation bestehen einige Angehörige aber auf Fortführung der Maßnahmen, da sie den Zustand des Kranken verkennen und nicht wahrhaben wollen, dass solche Interventionen nicht mehr sinnvoll und angemessen sind. Andere erleben den Sterbenden als agitiert und versuchen, ihn auf verschiedenste Art zum Liegen zu bringen. Auch aus Angst vor Sturz und Verletzungen wird dazu selbst vor dem Mittel der Fixierung nicht zurückgeschreckt, was aber unbedingt vermieden werden sollte.

Pflege zur Vermeidung von Bettlägerigkeit ist wirtschaftlich[Bearbeiten]

Pflegemaßnahmen zur Vermeidung von Bettlägerigkeit oder Verringerung der bewegungslosen Phasen kosten Zeit und Kraft der Pflegenden. Daraus ergeben sich Kosten, die im Rahmen des Heimvertrags oder der Pflegevereinbarung anfallen. Im Rahmen des geltenden Rechts ist zu prüfen, wer diese (angemessenen) Kosten zu tragen hat. Bei einem hohen Maß an Pflegebedarf wird die Erstattung durch die Pflegeversicherung bald überschritten sein. Danach ist die finanzielle Leistungsfähigkeit des Pflegebedürftigen zu prüfen und gegebenenfalls die Kostenfolge gemäß Sozialhilfe-Recht.

Deutlich mehr Kosten entstehen, wenn die Mobilisierung unterbleibt. Diese Kosten bleiben aber so lange unsichtbar, bis eine adäquate Behandlung der durch Unterlassen „beschädigten“ Person notwendig wird. Das können Behandlungskosten der entstehenden Folgeerkrankungen sein, zusätzlicher Aufwand für die Durchführung des Essenreichens, eventueller Nahrungssondeneinlage und Sondenkost, Kosten für die juristische Klärung von Streitfragen, u. a. m. Unterbleibt eine Behandlung oder pflegerische Intervention, weil Pflegende oder gesetzliche Betreuer dies nicht für nötig halten, handelt es sich dabei um einen Neglect (Vernachlässigung).

Zuschreibung von Bettlägerigkeit als eine Form der Freiheitsberaubung?[Bearbeiten]

Es liegt keine Freiheitsberaubung vor, wenn eine Person aufgrund körperlicher Gebrechen gar nicht in der Lage ist, das Bett zu verlassen, selbst wenn sie es wollte, weil sie sich auch ohne die Zuschreibung als bettlägerig nicht fortbewegen könnte. Dies gilt ebenso, wenn die Person zu Unrecht als bettlägerig bezeichnet, aber nicht daran gehindert wird, das Bett zu verlassen. Wird die Person allerdings gehindert, ist das eine freiheitsentziehende Maßnahme, die nur im Notfall kurzzeitig durchgeführt werden darf, ansonsten aber gerichtlich genehmigt werden muss. Wenn die Erklärung einer Person zur "Bettlägerigen" dazu führt, dass danach Mobilisierung, Mobilisierungsversuche und Ersatzmaßnahmen für eigenständige Ortsveränderungen unterlassen werden, kann dies in den Bereich einer strafbaren Freiheitsberaubung durch Unterlassen geraten.

Pflegeplanung[Bearbeiten]

Die Pflegeplanung ist das reguläre Mittel in der Pflege zur Festlegung des Handlungsrahmens. Sie sollte darauf abzielen, Bettlägerigkeit zu vermeiden oder zumindest auf das unumgängliche Maß zu beschränken.

Ziele und Maßnahmen[Bearbeiten]

Die Zielformulierungen richten sich danach, ob eine Bettlägerigkeit schon besteht oder vermieden werden soll. Bei bestehender Bettlägerigkeit wird die Pflegeplanung zur Vermeidung der sozialen und körperlichen Folgen auf die besonderen Bedürfnisse im Rahmen der ATL eingehen (Sich bewegen, An sozialen Aktivitäten teilnehmen):

In der Pflegeplanung können zur Mobilisierung zunächst Mobilisierungsversuche in abgestufter Folge in Form von Lageveränderungen (unter Berücksichtigung eventueller orthostatischer Hypotonie), Gymnastik zum Muskelerhalt und -aufbau vorgesehen werden. Bei Erfolg sind angemessene Ziele wie Bett-Stuhl-Transfer, kurzes Stehen, wenige Schritte in Begleitung, Hilfsmittelversorgung etc. festzulegen. Hilfreiche Konzepte dazu sind bewegungs- und wahrnehmungsfördernde Methoden wie Basale Stimulation und Kinästhetik.

Nur bei Misslingen dieser ersten Maßnahmen ist durch die Pflege an den Ersatz für eigenständige Ortsveränderungen zu denken. Dafür kommen verschiedene Möglichkeiten (alternativ und additiv) in Betracht:

  • Rollbares Bett tagsüber in einen Gemeinschaftsraum oder nach draußen (Balkon, Terrasse) schieben.
  • Umlagerung in geeigneten Rollstuhl, um Anwesenheit oder Teilnahme an Gruppenaktivitäten zu ermöglichen.

Gerade Menschen, für die keine Aussicht besteht, dass die Bettlägerigkeit behoben werden kann, benötigen Anregungen, beispielsweise durch Stimulation der verschiedenen Sinne:

  • visuelle Stimulation, beispielsweise mit Fotos, Kalenderblättern, Deckenbildprojektionen oder Mobiles, die die Perspektive von unten berücksichtigen. Dabei muss darauf geachtet werden, dass die Fotos bzw. Bilder immer mal wieder ausgetauscht werden. Auch Fernsehen kann für Abwechslung sorgen, es sollten aber gezielt einzelne Sendungen ausgesucht werden; eine "Dauerberieselung" wirkt nicht zielführend.
  • akustische Stimulation durch Musik, Hörbücher oder vorlesende Angehörige bzw. Ehrenamtliche.
  • olfaktorische Stimulation durch das Verwenden der bewohnereigenen Körperpflegeprodukte, Massageöle, Parfum oder auch Aromatherapie (vorher auf eventuelle Unverträglichkeiten achten). Beim Eincremen oder einer Massage wird zudem die haptische Wahrnehmung angesprochen. Duftende Blumen, Gewürze, Kräuter und ähnliches können in Bettnähe aufgestellt werden oder auch direkt auf das Kissen gelegt werden (z.B. mit Lavendelblüten gefüllte Stoffsäckchen).

Literatur[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

  • Zegelin, Angelika (2005): "Festgenagelt sein - Der Prozess des Bettlägerigwerdens", Verlag Hans Huber, ISBN 3-456-84211-2 . (Die ursprüngl. Studie "Bettlägerigkeit ist vermeidbar" beschreibt, dass Bettlägerigkeit oft als schicksalhaft und als Krankheitsfolge erlebt wird. Dabei kann sie eine Folge unglücklicher/unprofessioneller Umstände sein. Erstellt am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke. Die Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin interviewte dazu 32 dauerhaft liegende Menschen und zeichnete die Entwicklung nach.)

Zeitschriften[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gesundheitsbericht des Statistischen Bundesamtes 1998, Kapitel 3.9, abgerufen am 13. Januar 2012
  2. A. Zegelin: Festgenagelt sein. In: Pflege 2005, 18, S. 282–283

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Podcast verfügbar

Podcast verfügbar!
Zu diesem Thema können Sie sich die Podcast-Sendung "Angelika Zegelin (2006): "Bettlägerigkeit - Entstehung und Forschungsbedarf"" (mp3) anhören.




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