Bachelorarbeit: Biografiearbeit in der stationären Altenpflege. Eine vergleichende Analyse deutschsprachiger Lehrbücher

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Bachelorarbeit: " Biografiearbeit in der stationären Altenpflege. Eine vergleichende Analyse deutschsprachiger Lehrbücher" von Erika Sirsch, 2005

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Bachelorarbeit im Studiengang Pflegewissenschaft (BScN)

Private Universität Witten/Herdecke gGmbH
Fakultät für Medizin
Institut für Pflegewissenschaft

Inhaltsverzeichnis

ZUSAMMENFASSUNG

Biografiearbeit gilt in der stationären Altenpflege als Türöffner (Maciejewski et al., 2001) und als fester Bestandteil im Kanon guter Pflege. Sie soll Anknüpfungspunkte für Pflegende und BewohnerInnen geben. Die Berufspraxis zeigt allerdings einen sehr heterogenen Umgang mit dieser Thematik.

Im Hinblick auf die Bedeutung, die diesem Thema für die Altenpflege zugemessen wird, erfolgt in dieser Arbeit eine Analyse von ausgewählten Lehrbüchern zu diesem Themenschwerpunkt. Das Ziel dabei ist es, eine Bestandsaufnahme zum Thema Biografiearbeit in der stationären Altenpflege zu liefern, sowie Definitionen und Ansätze zu vergleichen und kritisch zu bewerten.

Diese Analyse deutschsprachiger Lehrbücher erfolgt mit dem modifizierten Berner Pflegelehrbuch-Evaluationsinstrument (BePEI) (c) mit der Ergänzung von spezifischen Kategorien. Dabei erfolgt diese Bestandsaufnahme mit dem Fokus auf folgenden Fragen:

  • Wie sind diese Lehrbücher aufgebaut?
  • Wie wird Biografiearbeit definiert?
  • Was wird in Lehrbüchern für die stationäre Altenpflege vermittelt, die Biografiearbeit zum Hauptthema haben?
  • Wie ist die Verankerung in den Pflegeprozess beschrieben?
  • Welche Verknüpfungen zu pflegerischem Handeln im Alltag werden aufgezeigt?

Die Auswertung zeigt dabei ein sehr heterogenes Bild, die Einbeziehung von Biografiearbeit im pflegerischen Alltag wird nur punktuell dargestellt. Ebenso wird die Einbeziehung in den Pflegeprozess zwar allenthalben postuliert, ist dabei aber marginal verschriftlicht. Biografiearbeit wird in den unersuchten Publikationen zur Zeit eher als gezielte, geplante und zeitlich begrenzte Maßnahme verstanden.

Einleitung

Während einer Schulung, die ich vor circa einem Jahr zum Thema Pflegeplanung in einer Einrichtung der stationären Altenpflege durchführte, wurde ein Bewohner von einer Teilnehmerin „vorgestellt“. Er selbst war nicht anwesend, sondern es wurde über ihn berichtet. Der Mann litt nach einem Schlaganfall an schweren neurologischen Ausfallerscheinungen, unter anderem an einer globalen Aphasie. Im Verlaufe der Schulung wurden die Verhaltensweisen des Mannes seitens der Teilnehmer als „problematisch“ dargestellt. Immer, wenn er Musik höre, würde er „aggressiv“, berichteten die Kollegen. Dies sei um so unverständlicher, als die Angehörigen berichteten, dass er Zeit seines Lebens sehr musikalisch gewesen sei und mehrere Instrumente gespielt habe. Die eigentliche Schulung zur Pflegeplanung geriet zur Fallbesprechung über diesen Bewohner, da fast jeder etwas beisteuern konnte und die „aggressiven Momente“ die Pflegesituation belasteten. Fast zum Ende erklärte eine Kollegin, die als Pflegehelferin in dem Bereich arbeitete, in einem Nebensatz, als er den Schlaganfall bekommen habe, sei sie dabei gewesen. Auf einer privaten Geburtstagsfeier seiner Tochter habe er, zu diesem Zeitpunkt noch gesund, Akkordeon gespielt. Dabei sei er im Spiel immer schneller und schneller geworden und schließlich habe die Geburtstagsgesellschaft realisiert, dass offensichtlich „etwas nicht in Ordnung“ war. Daraufhin sei ein Notarzt informiert worden. Obwohl die Ehefrau und die Kinder des Bewohners einen „Biografiebogen“ sehr detailliert ausgefüllt hatten, war über das über diese Situation vorgetragene Wissen niemandem sonst bekannt, was die Pflegehelferin sehr überraschte. Sie war davon ausgegangen, dass alle von dieser Tatsache wussten und hatte es deshalb nicht für so wichtig gehalten, diesen Sachverhalt explizit zu erwähnen. In diesem Fall war der Versuch, Biografie in den Pflegealltag einzubeziehen, letztlich nicht gelungen. Ihre Erstellung hatte sich auf die reine Erfassung von Daten beschränkt, die die Angehörigen beisteuern konnten. Die Notwendigkeit, diese Eindrücke mit den Betroffenen selbst kontinuierlich abzugleichen, zu aktualisieren und regelmäßig gemeinsam zu bewerten, war den Pflegenden nicht deutlich.

Diese Situation zeigt exemplarisch, dass Pflegende in der stationären Altenpflege Biografiearbeit häufig als statisch empfinden und als etwas, das vornehmlich Gegenstand des „Biografiebogen“ ist. Kann der oder die Betroffene keine eigenen Angaben dazu mehr machen und Angehörige oder Freunde ebenfalls nicht, beinhaltet das „Biografieblatt“ oder der „Biografiebogen“ allerdings oft nur wenig oder isolierte Informationen zum Lebenslauf. Ja oft gilt die Biografiearbeit sogar als abgeschlossen, wenn die BewohnerInnen eingezogen sind und der Biografiebogen ausgefüllt ist.

Der Anspruch: „Der ‚Biografiebogen’ ist eine Informationssammlung zu lebensgeschichtlichen Daten und Hintergründen des Klienten“ (Korcic, 2003, S.29) oder: „Pflegende erheben verantwortlich biografische Daten“ (§ 80 / SGB XI) wird häufig durch das Sammeln dieser Daten als abgegolten angesehen. Diese Verkürzung auf die reine Sammlung von Daten trägt allerdings nicht automatisch zur Integration der jeweiligen Lebensgeschichte in den pflegerischen Alltag bei.

Ausgehend von dieser Erfahrung möchte ich in der vorliegenden Arbeit die Biografiearbeit in der stationären Altenhilfe differenzierter betrachten. Zunächst werde ich in Kapitel 2. die Problemstellung sowie die Zielsetzung thematisieren. Im Anschluss an die Einordnung der Thematik in den Bezugsrahmen in Kapitel 4. das methodische Vorgehen erläutern, in dem insbesondere eine Analyse deutschsprachiger Lehrbücher mit dem Berner Pflegelehrbuch - Evaluationsinstrument (BePEI) (C) (Georg 2004 a) vorgenommen wird. Orientiert an diesen Arbeitschritten werden die Ergebnisse in Kapitel 5. dargestellt und in Kapitel 6. vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung für den pflegerischen Alltag diskutiert werden. Die Arbeit schließt mit einem Ausblick in Kapitel 7.

Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Biografiearbeit gilt heutzutage in der Altenpflege als fester Bestandteil im Kanon guter Pflege und vielfach als wesentlicher Schlüssel zum Verständnis von Bewohnern bzw. von deren Verhalten (Arend, 2003; Sachweh, 2003). Biografie gibt Anknüpfungspunkte für Pflegende und BewohnerInnen von stationären Altenpflegeeinrichtungen für Kommunikation und Beziehungsgestaltung (Sachweh, 2003). Im Qualitätshandbuch des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) - Leben mit Demenz - (Maciejewski et al., 2001, S. 1/32) wird darauf verwiesen, dass Biografiearbeit die „Grundlage“ für viele Konzepte in der Pflege und Begleitung von psychisch kranken Menschen ist. Biografiearbeit in der stationären Altenpflege gilt dabei generell als einer der „Türöffner“ zur Welt der Bewohner in der pflegerischen Arbeit. KollegenInnen in der Altenpflege berichten immer wieder, dass pflegerische Handlungen durch die Biografie eines Menschen geleitet und deren Ziele daran ausgerichtet sind. Dabei ist die völlig heterogene Handhabung der so bezeichneten und benannten Biografiearbeit auffallend. Als ein Bestandteil dieser Biografiearbeit wird der „Biografiebogen“ als Teil der Pflegeplanung oder –dokumentation verstanden.

Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) merkt in seiner Prüfanleitung an, dass die biografische Arbeit ein essentieller Bestandteil der Begleitung von Menschen auf einem längeren Lebensweg ist. Das Vorhandensein von biografischen Daten der betroffenen BewohnerInnen wird in dieser Prüfung mit einer Frage operationalisiert: „Es sollten die wichtigsten Lebenserfahrungen, Kommunikationsarten und typische Verhaltensweisen zusammengetragen werden“ (MDS, 2000, S. 98). Diese Daten sollten auf einem „gesonderten Dokumentationsblatt“ dokumentiert werden (ebd., S. 99). So fehlt dieser Biografiebogen in keiner Muster- dokumentationsmappe, die den Qualitätsanforderungen des MDS genügt. Meine Erfahrung zeigt allerdings, dass dieser Bogen in der Praxis und in seiner Bedeutung bzw. Auslegung sehr unterschiedlich gehandhabt wird und dass dadurch die mit der Biografie zusammenhängenden Informationen sehr unterschiedlich eruiert und genutzt werden.

Angeregt durch ein Seminar mit Frau Dr. Angelika Zegelin entstand die Idee, eine Bestandsaufnahme zur Biografiearbeit in der Altenpflege in Deutschland vorzunehmen. In der Umsetzung dieses Gedankens verstärkte sich der Eindruck, dass es unklar zu sein scheint, welche Bedeutung Biografie“arbeit“ in der täglichen Pflege und Betreuung von alten Menschen hat und wie sie im gemeinsamen Lebensalltag operationalisiert wird.

Die vergleichende Analyse nach standardisierten Kriterien ausgewählter Lehrbücher wird auf der Basis der folgenden Fragen durchgeführt:

  • Wie sind diese Lehrbücher aufgebaut?
  • Wie wird Biografiearbeit definiert?
  • Was wird in Lehrbüchern für die stationäre Altenpflege vermittelt, die Biografiearbeit zum Hauptthema haben?
  • Wie ist die Verankerung in den Pflegeprozess beschrieben?
  • Welche Verknüpfungen zu pflegerischem Handeln im Alltag werden aufgezeigt?

Das Ziel dieser Analyse ist es, eine Bestandsaufnahme zum Thema Biografiearbeit in der stationären Altenpflege zu liefern, sowie Definitionen und Ansätze zu vergleichen und kritisch zu bewerten.

Bezugsrahmen

Nachfolgend soll aufgezeigt werden wie Biografie und Biografiearbeit definiert werden, welche Bedeutung sie für die Stationäre Altenpflege hat und wie sie in der Altenpflegeausbildung verankert ist. Als Basis für die Analyse werden Lehrbücher definiert und das Auswertungsinstrument vorgestellt.


Definition Biografie

Die „Biografie“ oder die „Lebensbeschreibung“ (Der wissenschaftliche Rat der Dudenredaktion, 1997, S. 84) ist der bewertete und interpretierte Lebensverlauf eines Menschen vor dem Hintergrund seiner gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Prägung. Diese „Lebensgeschichte“ oder „Biografie“ eines Menschen ist nicht identisch mit dem „Lebenslauf“. Die „Lebensgeschichte“ ist eine „existentielle Konstruktion“, die jeder für sich selbst „erfinden“ und „finden“ muss. (Herringer, 2002, S. 99). Während ein Lebenslauf „faktische Lebensereignisse“ erfasst, liegt der Biografie auch immer eine „Bewertung“ und „Interpretation des Lebensverlaufes“ zugrunde (Schilder, 2004; Lamnek, 2005, S. 668). Das bedeutet, dass jeder Mensch, der die eigene Biografie oder auch die Biografie eines Anderen schildert und darlegt, auch immer gleichzeitig eine Interpretation bzw. Deutung vornimmt. Folgt man einem personenzentrierten Ansatz, sollten Menschen als „Person“ die Möglichkeit haben, dass ihre Biografie aus ihrer eigenen Perspektive heraus gedeutet und interpretiert wird. Durch dieses Vorgehen konstruiert sich eine „narrative Identität“ (Kitwood, 2002, S. 125). Die Lebensgeschichte eines Menschen wird dabei auch immer durch die „Gesellschaft“ und die „Zeitgeschichte“ beeinflusst (Herringer, 2002, S. 98 f.).

Gleichzeitig bildet die Biografie oder Lebensgeschichte die Grundlage dafür, wie zukünftige Ereignisse bewertet werden. So hat insbesondere die bisherige Lebensgeschichte einen großen Einfluss darauf, wie ein bevorstehender Heimalltag empfunden wird (Bosch, 1998; Schilder, 2004). Bei einer ausschließlichen Fremddeutung der Biografie durch Pflegende besteht die Gefahr, dass es zu einer Fehldeutung kommt. Werden Ereignisse oder Handlungweisen nur ausschnittweise von außen betrachtet und interpretiert, werden sie meist verkürzt wahrgenommen und dargestellt. Wird es dabei belassen und die Binnenperspektive der Betroffenen nicht berücksichtigt, kann dadurch der Blick auf die gegenwärtige Situation und den „instituitonellen Rahmen” verstellt werden (Blimlinger et al., 1996, S. 95). “Was als Lebensaufgabe wahrgenommen wird, unterliegt der jeweiligen individuellen Sinndeutung, das heißt, die Vollendung eines Lebens kann nur im Kontext einer jeweiligen Biografie angemessen interpretiert werden” (Entzian, 1997, S. 71). Arbeit mit der Biografie ist über das Gesagte hinaus „Selbstthematisierung und Selbstvergewisserung im Licht der gelebten subjektiven Zeit“ (Herringer, 2002, S. 95). Der Rückblick auf das bisher gelebte Leben bietet für alte Menschen und für die sie betreuenden Pflegenden die Möglichkeit, auf bewährte Verhaltensmuster und Strategien zurückzugreifen.


Definition Biografiearbeit

Herringer (2002, S. 96) unterscheidet “drei methodische Varianten” der “Arbeit an der Biografie”. “Erinnerungsarbeit” bzw. “biografisches Lernen”, “biografischer Dialog” bzw. die “Kontextualisierung von Lebensentwürfen” und den “Kompetenzdialog”. “Erinnerungsarbeit“ bzw. Biografisches Lernen legt den Akzent auf eine detailgetreue Rekonstruktion der Handlungskontexte, Erfahrungshorizonte und Sinnzusammenhänge vergangener Lebensgeschichte”. Hier bei geht es darum, möglichst genau Ereignisse und Erlebnisse aufzugreifen und zu erinnen (ebd., S. 96).

“Wie sich ein Leben entfaltet, offenbart sich eher durchs Erzählen als durch die erzählten, konkreten Ereignisse. Geschichten sind keine <Chroniken>, nicht die Aufzeichnungen, die sich ein Schriftführer während einer Sitzung macht, um später genau darlegen zu können, was sich zugetragen hat. In Geschichten geht es weniger um Fakten als um Bedeutungen. Beim subjektiven und beschönigten Erzählen wird die Vergangenheit konstruiert – Geschichte wird hergestellt” (McAdams, 2001, S. 156).

Während der “biografische Dialog” bzw. “Kontextualisierung von Lebensentwürfen” darauf abzielen, dass Menschen zu einer zweiten oder dritten Person von sich erzählen (Herringer, 2002, S. 96). Durch diese Erzählungen oder dadurch, dass Dritte von ihnen erzählen, erhalten sie den Status einer Person. Biografiearbeit ist dabei “Identitätsstiftung”. Indem wir anderen von uns und über uns erzählen, stiften wir unsere eigene Identität. Die Erzählung lebensgeschichtlicher Ereignisse ist eine Form der Botschaft an den ANDEREN. Dabei ist diese Erzählung ein Medium der sozialer Integration (Schnell, 1999).

Der “Kompentenzdialog” folgt einer “expliziten Zukunftsausrichtung”, wobei nicht eine “rückwärtsgerichtete biografische Archäologie” angestrebt ist. Durch in die “Zukunft gerichtete Lebensarangements” sollen dem Betroffenen ein Zugewinn von “Selbstverfügung, Lebensautonomie und der Umweltkontrolle” möglich gemacht werden (Herringer, 2002, S. 96). In der Begleitung von Menschen mit Demenz bekommt die Biografiearbeit als Kompetenzdialog eine wichtige Bedeutung. Wenn es dem Betroffenen nicht mehr möglich ist, diesen Dialog anzustoßen und aufrechtzuerhalten, ist es sinnvoll ihn durch Pflegende übernehmen zu lassen. Diese Unterstützung des Dialogs muss von außen angestoßen und gestützt werden. Kitwood (2002, S. 125) meint dazu, dass es in der Begleitung von Menschen mit Demenz von „essentieller Bedeutung“ ist, die Lebensgeschichte aufzugreifen, um Identität zu stiften: „Das erste besteht darin, einigermaßen detailliert über die Lebensgeschichte einer jeden Person Bescheid zu wissen; selbst wenn jemand nicht in der Lage ist, an seiner narrativen Identität festzuhalten, so können dies andere immer noch tun. Das zweite besteht in Empathie, die es ermöglicht, auf eine Person in der Einzigartigkeit ihres Seins als Du zu reagieren“.

Allerdings variieren Zielsetzungen, Ansätze, Methoden und theoretische Grundlagen von Biografiearbeit zum Teil erheblich (Weingandt, 2001) und sind in ihrer Begrifflichkeit auch nicht immer trennscharf“ (Herringer, 2002). Dabei ist es gerade in der Pflege und Begleitung alter Menschen unerlässlich, dass die Zielsetzung allen bekannt ist, um Handlungen daran auszurichten.


Reminiszenz-Therapie

Der amerikanische Psychiater Robert N. Butler entwickelte in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts das Konzept des „Life Reviews“. Diese „Lebensrückschau“ wurde als Therapieprogramm für Menschen mit psychiatrischen Störungen, aufbauend auf dem Modell der lebenslangen Identitätsentwicklung von Erikson entwickelt (Weingandt, 2001, S. 11). Zahlreiche Arbeiten, Theorien und Projekte beziehen sich auf diese Theorie des Life Review (Osborn et al., 1997; Weingandt, 2001; Trilling et al., 2001). Bereits seit den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts bezog Butler neben der medizinischen Anamnese auch biografische Daten mit ein. Diese hatten für die Konzeption des Life Review elementare Bedeutung. Die Grundannahme dabei ist, dass Menschen zum Ende ihres Leben sich die Vergangenheit in Erinnerung rufen. Sie bilanzieren ihre Lebenserinnerungen, indem sie sozusagen auf ihr eigenes Leben zurückschauen. Das Konzept des Life Review hat zum Ziel, in der strukturierten Form des Erinnerns (reminiszieren) diesen Akt oder Prozess psychotherapeutisch nutzbar zu machen (Maciejewski et al., 2001). Über diesen Ansatz hinaus existieren inzwischen unterschiedliche Formen dieser Reminiszenz-Therapie (REM). Die REM ist eine Ausrichtung der Biografiearbeit, die explizit als „Therapieform für Menschen mit Depressionen und Demenz“ entwickelt wurde (ebd., S. 1/59).


Bedeutung von Biografiearbeit für die stationäre Altenpflege

Nach Kollak (2004, S. 12) gilt für die Altenpflege, dass „Biografiearbeit“ eine an den „Ressourcen orientierte Arbeitsweise“ darstellt, die auch Auskunft über das unterschiedliche „Erleben und Verarbeiten“ von „individuell und kollektiv erlebten Ereignissen“ gibt. Lebensgeschichtliche Erfahrungen bestimmen, wie Menschen Erlebnisse bewerten. Sie beeinflussen die Erwartungen der Menschen an die Zukunft. “Die eigene Lebensgeschichte ist eine wichtige Orientierunghilfe für die Selbstdefinition und das weitere Handeln” (Lamnek, 2005, S. 669). Pflegende müssen um diese lebensgeschichtlichen Erfahrungen wissen, um den BewohnerInnen Orientierungshilfen im Alltag geben zu können.

Alte Menschen in Einrichtungen der stationären Altenpflege sind im besonderen Maße von Autonomieverlust bedroht. Sie benötigen ein Gegenüber, das ihnen ermöglicht, trotz dieses Verlustes weitest gehend selbst bestimmt leben zu können. Relative Autonomie erlangen sie vielfach erst dadurch, dass Andere, hier besonders Pflegende, ihnen diese Autonomie noch zugestehen. Häufig sind Außenkontakte und die Kommunikation eingeschränkt. Besonders Menschen, die nicht mehr in der Lage sind verbal zu kommunizieren, sind diesbezüglich auf Unterstützung von außen angewiesen. Indem ein Gegenüber (z. B. Pflegende) mit den alten Menschen oder auch zu Anderen über sie spricht, als Kommunikationspartner zur Verfügung steht kann Identität gestiftet bzw. gestaltet werden.

Durch das Anknüpfen an biografisch bekannte Gewohnheiten und Strategien wird ein Lebensumfeld gestaltet, das Vertrautheit schaffen kann. Gerade das Leben in einer stationären Einrichtung benötigt in besonderem Maße ein Umfeld, in dem diese „Vertrautheit“ im Alltag spürbar und für alte Menschen erfahrbar ist (Bosch, 1998).

Pflegende und alle Beteiligten müssen von sich aus den Dialog zu den alten Menschen aufnehmen, häufig auch anstoßen und dabei die alten Menschen und ihre Lebenserinnerungen ernst nehmen. Ist der Kontext, in dem das Leben verlaufen ist, allen Beteiligten bekannt, kann gemeinsames Erzählen oder auch Erinnern von Alltagserfahrungen leichter gelingen.

Dies bedeutet für Pflegende in der stationären Altenpflege, dass sie Kenntnisse über die Biografie der dort lebenden Menschen haben müssen, um in den jeweiligen Sinnzusammenhänge handeln zu können. Entscheidend ist dabei auch, dass allen Betroffenen bewusst ist, dass die Biografie oder die Lebensgeschichte sich vom Lebenslauf unterscheidet.


Externe Anforderungen an die Biografiearbeit

Biografiearbeit in der stationären Altenpflege unterliegt mannigfaltigen Einflüssen und Rahmenbedingungen die nachfolgend vorgestellt werden.


Biografiearbeit in der Altenpflegeausbildung

Die Bedeutung von Biografiearbeit in der stationären Altenpflege und insbesondere in der Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen, wird als „essentiell“ eingeschätzt (Maciejewski et al., 2001, S. 1/32). Konsequenterweise muss sich das auch in der Ausbildung von Altenpflegerinnen und Altenpflegern niederschlagen. In Bezug auf die am 1.8.2003 in Kraft getretene bundeseinheitliche Altenpflegeausbildung wird die bisherige additive, fächerorientierte Wissensvermittlung vom KDA kritisiert. Vielmehr setzt eine an der „aktuellen und biografisch geprägten Lebenswelt orientierte Altenpflege“ ein einheitliches Ausbildungskonzept voraus (Sowinski & Behr, 2002, S. 15). In der weiteren Ausführung der Materialien für die Umsetzung der Stundentafel zur bundeseinheitlichen Altenpflegeausbildung hingegen wird Biografiearbeit nur punktuell benannt. So umfasst die Ausbildung der Altenpflegerinnen und Altenpfleger seit 2003 in allen Bundesländern insgesamt 1900 Stunden, die sich auf 4 Lernbereiche aufteilen.

Tabelle 1: Übersicht der Lernbereiche der Altenpflegeausbildung

Lernbereiche Stundenzahl
Aufgaben und Konzepte in der Altenpflege 1200
Unterstützung alter Menschen bei der Lebensgestaltung 300
Rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen altenpflegerischer Arbeit 160
Altenpflege als Beruf 240

Diese Lernbereiche teilen sich wiederum in 14 Lernfelder auf (ebd., S. 19 - 20).

Biografiearbeit wird im Lernfeld - Theoretische Grundlagen in das altenpflegerische Handeln einbeziehen - benannt. Dieses Lernfeld soll im ersten Ausbildungsjahr „behandelt und abgeschlossen“ werden (ebd., S. 38). Der Stundenumfang für dieses erste Lernfeld im ersten Ausbildungsjahr in der Altenpflegeausbildung ist mit insgesamt 80 Stunden angegeben und beinhaltet die Lerninhalte:

  • Theoriegeleitet strukturieren
  • Gesundheitsförderung und Prävention
  • Pflegeforschung
  • Geschichte und Biografiearbeit
  • Ethik

Die Biografiearbeit wird dabei wie folgt beschrieben: „Die Schülerinnen und Schüler kennen die Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie wissen um die Bedeutung der Biografiearbeit und der Lebensgeschichten der älteren Menschen und können diese Erkenntnisse in den Pflegeprozess integrieren.“ (Sowinski & Behr, 2002, S. 47).


Weiter werden die Lerninhalte innerhalb dieses Lernfeldes für die Biografiearbeit benannt:

  • Geschichte und Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts
  • Lebenserfahrungen und Lebensgeschichte alter Menschen
  • Biografische Haltung in der Altenpflege
  • Biografieorientierte Altenpflege, Pflegeplanung und Pflegedokumentation.

In den weiteren Erläuterungen wird kein weiterer direkter Bezug auf Biografiearbeit genommen.

Im zweiten Ausbildungsjahr beinhaltet das Lernfeld - Lebenswelten und soziale Netzwerke alter Menschen beim altenpflegerischen Handeln berücksichtigen – mit einem Stundenumfang von 120 Stunden die Lerninhalte:

  • Altern als Veränderungsprozess
  • Ethnienspezifische und interkulturelle Aspekte
  • Glaubens- und Lebensfragen
  • Menschen mit Behinderung

Der Lerninhalt - Glaubens- und Lebensfragen – wiederum beinhaltet die Unterpunkte (ebd., S. 149):

  • Entwicklungsaufgaben und Erfahrungen im Alter z. B.
    • Lebensbilanz
    • Auseinandersetzen mit Verlusten
    • Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit
  • Bedeutung von Glauben und Religiosität
  • Bedeutung von Lebenssinn und Lebenswert.

Dort und in den Erläuterungen der Lernfelder zu den einzelnen AEDL`S wird kein direkter Bezug oder Querverweis hergestellt. Das heißt, Biografiearbeit wird nicht explizit benannt.

Anforderungen durch das Pflegeversicherungsgesetz (SGB XI) und externe Prüforgane

Im Gesetzestext SGB XI ist kein direkter Hinweis auf Biografiearbeit in der stationären Altenpflege zu verzeichnen. Die „religiösen Bedürfnisse“ („Auf die religiösen Bedürfnisse der Pflegedürftigen ist Rücksicht zu nehmen. Auf ihren Wunsch hin sollen sie stationäre Leistungen in einer Einrichtung erhalten, in der sie durch Geistliche ihres Bekenntnisses betreut werden können.“ (§ 2, (3) SGB XI)) von Bewohnerinnen und Bewohnern werden explizit erwähnt (Klie & Stascheit, 2004, S. 797). Die Bedeutung von Biografiearbeit für die stationäre Altenpflege wird hingegen durch die Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) hervorgehoben. „Die Vergangenheit ist für das Verstehen des Bewohners in der aktuellen Pflege- und Betreuungssituation von großer Bedeutung. Begebenheiten aus der Vergangenheit können für das heutige Erleben des Bewohners Hinweise geben. Die Kenntnis der Vergangenheit und der regionalen Herkunft des Bewohners ermöglichen ein besseres Verständnis für individuelle Gewohnheiten, Traditionen und Werte des Bewohners“ (MDS, 2000, S. 98).

Pflegedokumentationssysteme können laut MDS Informationen zur Biografie systematisch erfassen. Bei Qualitätsprüfungen für die stationäre Pflege nach § 80 SGB XI wird im Bereich Pflegedokumentation und Umsetzung des Pflegeprozesses mit einer Frage abgeprüft, ob die Pflegeanamnese Angaben zur Biografie enthält oder nicht. „Enthält die Pflegeanamnese Angaben zur Biografie?“ (ebd., S. 55). Wie im weiteren mit den erhobenen Angaben zu verfahren ist oder welche Informationen daraus abgeleitet werden, ist der Zielsetzung und Ausrichtung der Pflegenden und der jeweiligen Einrichtung freigestellt.


Lehrbuchanalyse

In der vorliegenden Arbeit werden themenspezifische Bücher untersucht, die in der Aus- und Weiterbildung von in der Altenpflege Tätigen als Lehrbücher eingesetzt werden. Da in dieser Arbeit die Biografiearbeit in der stationären Altenpflege in Deutschland untersucht wird, werden ausschließlich deutschsprachige Lehrbücher zur Analyse herangezogen. Ein Lehrbuch ist nach Georg (2004 b) ein Fachbuch, das sich an Pflegefachpersonen richtet. Dieses können sowohl Altenpflegerinnen und Altenpfleger als auch Gesundheits- und Krankenschwestern/Pfleger sein. Bereits auf der Titelseite des Buches sollte der behandelte Gegenstand benannt werden. Der aktuelle, wissenschaftlich angemessene Inhalt eines pflegerelevanten Gegenstandes wird in verschrifteter Form dargestellt und in einer didaktisierten, informativen und anschaulich gestalteten Form abgebildet. Lehrbücher für Pflegende können sowohl im Unterricht wie auch zum Selbststudium genutzt werden. Dabei schaffen Lehrbücher nicht primär neue Erkenntnisse oder diskutieren fachlich umstrittene Praktiken oder Thesen. Das allgemein anerkannte Wissen soll didaktisch aufbereitet werden und so zur Verfügung stehen (Hiller & Füssel , 2002; Georg, 2004 b).


Berner Pflegelehrbuch-Evaluationsinstrument (BePEI)

Für die Analyse der Lehrbücher wurde das Berner Pflegelehrbuch- Evaluationsinstrument (BePEI) (c) (Georg, 2004 a) zugrunde gelegt. Dieses Instrument wurde in einem Pilot Test in einer Gruppe von 44 Schweizer und deutschen Pflegelehrern geprüft und hat sich in dieser Testung als praktikabel erwiesen (Georg, 2004 b). Es wurde als mehrdimensionaler und -stufiger Bezugsrahmen zur Beurteilung von Lehrbüchern entwickelt und enthält die 4 „Dimensionen“:

  1. Fachwissenschaft Pflege
  2. Gestaltung
  3. Aufbau, Strukturelemente, Übersichtlichkeit
  4. Darstellung und Didaktik

Diese gliedern sich wiederum in 43 „Kategorien“ mit 250 „Kriterien“ auf.

Das Berner Pflegelehrbuch-Evaluationsinstrument (BePEI) sieht eine quantitative Bewertung der einzelnen Kriterien durch eine 5-Punkte- bipolarige Lickert-Skala vor:

0 = nicht ausgeprägt,
1 = mäßig ausgeprägt,
2 = ausgeprägt,
3 = stark ausgeprägt,
4 = sehr stark ausgeprägt.

Falls ein Merkmal im vorliegenden Buch nicht vorhanden oder einschätzbar ist wird es mit n/b = nicht bewertbar vermerkt Das Instrument kann von Lehrern, Lernenden und Praktikern genutzt werden „um die Qualität von Pflegelehrbüchern vergleichend oder einzeln einzuschätzen und zu messen, damit eine informierte, begründete Entscheidung und Auswahl bezüglich eines bedarfsgerechten Buches möglich ist“ (Georg, 2004 b, S. 28). In der Untersuchung von Georg (2004 a) erwies es sich, auf die Gruppe von an der Studie beteiligten „deutschen Pflegelehrer (n=27)“ angewendet, als verlässlich (Reliabilitätskoeffizient, r = 0.88) und für die „Gruppe der deutschen und schweizer Pflegelehrer (n= 44) als inhaltlich gültig“ (Georg, 2004 b, S. 28).

Methodisches Vorgehen

Eine erste Eingabe des Suchwortes Altenpflege in der Verknüpfung mit dem Suchwort Biografiearbeit ergab in Internet Suchmaschinen sehr unterschiedliche Ergebnisse: Bei der Suchmaschine yahoo ungefähr 11.700, bei google ungefähr 1280 und bei altavista lediglich 12 deutschsprachige Einträge (Stand 30.03.2005). Dieses sehr heterogene Ergebnis von 12 bis 11.700 Einträgen repräsentiert die unterschiedliche Gewichtung dieser Thematik.

In Verlagen, die deutschsprachige Lehrbücher für Pflege publizieren, wurde nach speziellen Lehrbüchern zur Biografiearbeit gesucht. Die Auswahl der Lehrbücher orientierte sich an den definierten Ein- und Ausschlusskriterien (vgl. weiter unten). Die anschließende Bewertung der ausgewählten Lehrbücher erfolgte durch ein Auswertungsschema, das im wesentlichen auf dem Berner Pflegelehrbuch-Evaluationsinstrument (BePEI) basiert, jedoch um einzelne Kriterien erweitert wurde.


Literatursuche

Die ursprüngliche Idee zu dieser Arbeit war, eine Analyse von mehrdimensionalen deutschsprachigen Lehrbüchern, wie z. B. „Altenpflege in Ausbildung und Praxis“, durchzuführen. Dieses Vorhaben konnte allerdings nicht realisiert werden, da die Aspekte von Biografie entweder gar nicht oder nur in wenigen Zeilen behandelt werden. Bei Köther & Gnamm (2000) und Arets et al. (1999) findet sich im Sachwortwortverzeichnis kein Eintrag zu Biografie oder Biografiearbeit. Anger et al. (2004) beziehen die Biografie auf die „Sinnsuche“ und „Lebenseinstellung“. „Biografie und kultureller Umkreis beeinflussen die persönliche Sinnsuche“ (ebd., S. 435). Ein weitergehender ausgewiesener Beitrag zur Biografiearbeit findet sich hier ebenfalls nicht.

Das Lektorat Pflege & Menche (2004) beschreiben auf einer halben Buchseite: „Die Beschäftigung mit der Biografie eines Menschen wird ganz allgemein als Biografiearbeit bezeichnet“. Biografiearbeit sei ein „biografischer Ansatz“, bei dem die individuellen „Lebenserfahrungen“ und „Potentiale“ des „Pflegebedürftigen“ zu berücksichtigen sind. „Voraussetzung sind Grundkenntnisse der Pflegekraft über den Lebenslauf und die Lebenseinstellung sowie historische Kenntnisse aus der Generation der Pflegebedürftigen“ (ebd., S. 438). Techniken zur Biografiearbeit werden dort lediglich auf 2 Spalten beschrieben. Die Sichtung dieser ansonsten umfassenden Standardlehrbücher führte zu dem Ergebnis, dass die Suche wenig Erkenntnis bringend war.

Resümierend kann gesagt werden, dass die Bedeutung, die der Biografiearbeit in der Altenpflege zugesprochen wird, in diesen Standardlehrbüchern zur Zeit noch nicht adäquat abgebildet ist. Aus diesem Grund wurde die Suche auf spezielle Lehrbücher mit dem Hauptthema Biografiearbeit ausgeweitet.

Im weiteren Vorgehen wurden über den Buchhandel, Verlagskatalogen und über das Internet Verlage ermittelt, die deutschsprachige Bücher zum Themenbereich – Pflege – veröffentlichen. Es wurden 21 Verlage identifiziert (Stand 02.03.2005).

Die Suche nach Lehrbüchern für den hier zur Diskussion stehenden Sachverhalt erfolgte in Verlagskatalogen sowie über das Internet mit den Schlagworten Biografie, Biografiearbeit, Biographie, Biographiearbeit, Erinnerung, Erinnerungsarbeit, Reminiszenzarbeit sowie lebensgeschichtliche Erfahrungen. Die Schlagworte Biografie, Biographie, Reminiszenz, Erinnern und Lebensgeschichtliche Erfahrungen wurden jeweils auch mit Trunkierung gesucht. Bei der Suche mit dem Schlagwort Biografie mussten die unterschiedlichen Schreibweisen Biographie und Biografie (alte und neue Rechtschreibung) berücksichtigt werden. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Biografie nach der neuen deutschen Rechtschreibung benutzt und schließt dann den Begriff Biographie mit ein. Eine ergänzende Schlagwortsuche zur Biographie und Biografie im Internet in der Datenbank des Kuratorium Deutsche Altershilfe (Stand 24.01.2005) ergab für das Schlagwort Biografie 6 Treffer. Die Schlagwortsuche mit dem Begriff Biographie ergab 2 Treffer. Davon war einer bereits in die Suche nach dem Begriff Biografie eingegangen. Die individuelle Suche im Online Archiv des Kuratorium Deutsche Altershilfe nach Publikationen, die den Begriff Biografie oder Biographie im Titel führten, ergab dann zwei weitere Titel. Tabelle 2: Verlagsübersicht mit Anzahl der gefunden Publikationen

Stichwort im Titel Verlag
Beltz Bibliomed Cornelsen Elsevier Facultas/UTB Handwerk & Technik Hippokrates
Biographi* 1 0 0 2 0 0 0
Biografi* 0 0 0 2 0 0 0
Biographiearbeit 0 0 0 0 0 0 0
Biografiearbeit 0 0 0 0 0 0 0
Erinnerung 4 0 0 0 1 0 0
Erinnerungsarbeit 0 0 0 0 0 0 0
Reminiszenz 0 0 0 0 0 0 0
Reminiszenzarbeit 0 0 0 0 0 0 0
Lebensgeschichtliche Erfahrungen 0 0 0 0 0 0 0


Stichwort im Titel Verlag
Hans-Huber Kohlhammer Lambertus Lau Mabuse Reinhard Schattauer
Biographi* 6 14 2 0 0 3 0
Biografi* 1 0 0 0 0 0 0
Biographiearbeit 0 0 0 0 0 0 0
Biografiearbeit 0 0 0 0 0 0 0
Erinnerung 2 3 1 0 0 1 0
Erinnerungsarbeit 0 0 0 0 0 0 0
Reminiszenz 0 0 0 0 0 0 0
Reminiszenzarbeit 0 0 0 0 0 0 0
Lebensgeschichtliche Erfahrungen 0 0 0 0 0 0 0


Stichwort im Titel Verlag
Schlüttersche Springer Thieme Vincentz WVG Maudrich Raabe
Biographi* 1 2 0 1 1 1 0
Biografi* 0 0 0 1 0 0 0
Biographiearbeit 0 0 0 1 0 1 0
Biografiearbeit 0 0 0 0 0 0 0
Erinnerung 0 1 0 1 10 0 0
Erinnerungsarbeit 0 0 0 0 0 0 0
Reminiszenz 0 0 0 0 0 0 0
Reminiszenzarbeit 0 0 0 0 0 0 0
Lebensgeschichtliche Erfahrungen 0 0 0 0 0 0 0


Aus- und Einschlusskriterien

Es konnten 64 Bücher identifiziert werden. Viele dieser Bücher hatten Autobiografien zum Thema, oder beschäftigten sich aus völlig verschiedenen Perspektiven mit Biografie und/oder Biografiearbeit. Zur weiteren Konkretisierung wurden folgende Ein- und Ausschlusskriterien formuliert.

Einschlusskriterien:

  • Publikationen die im Titel, im Klappentext oder in der Einleitung Bezug auf Biografie- oder Erinnerungsarbeit in der Pflege und/oder stationären Altenpflege nehmen.
  • die Anwendbarkeit in Bezug auf unterschiedliche pflegetheoretische Ansätzen
  • die Anwendbarkeit in der stationären Altenpflege
  • die Anwendbarkeit durch Pflegende
  • die aktuelle Verfügbarkeit der Publikation
  • deutschsprachig


Ausschlusskriterien:

  • Die ausschließliche Anwendbarkeit im alleinigen Kontext einer speziellen Pflegetheorie
  • Die ausschließliche Anwendung durch Angehöriger nicht pflegerischer Berufsgruppen
  • Vergriffene Publikationen
  • Materialien aus Fortbildungsprogrammen


Ausgewählte Lehrbücher

Aus den zunächst 64 Publikationen konnten sieben Lehrbücher, die den Ein- und Ausschlusskriterien entsprachen, identifiziert werden. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden die Lehrbücher zur besseren Lesbarkeit nicht nur namentlich kenntlich gemacht. In der der tabellarischen Ergebnisdarstellung erfolgt die Zuordnung auch durch die oben angegebene Nummerierung. Diese Nummerierung stellt keine Wertung an sich dar, sondern ergibt sich durch die Reihenfolge des Erscheinungsdatums.

  1. Blimlinger, E.; Ertl, A.; Koch-Straube, U.; Wappelshammer E.: Lebensgeschichten – Biographiearbeit mit alten Menschen. 2. Auflage Vincentz Verlag, Hannover, 1996.
  2. Osborn, C.; Schweitzer, P.; Trilling, A.: Erinnern – Eine Anleitung zur Biographiearbeit mit alten Menschen. Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau, 1997.
  3. Gereben, C., Kopinitsch-Berger, S.: Auf den Spuren der Vergangenheit – Anleitung zur Biographiearbeit mit älteren Menschen. Verlag Wilhelm Maudrich, Wien, München, Bern, 1998.
  4. Trilling, A.; Bruce, E.; Hodgson, S.; Schweitzer, P.: Erinnerungen pflegen – Unterstützung und Entlastung für Pflegende und Menschen mit Demenz. Vincentz Verlag, Hannover, 2001.
  5. Kerkhoff, B.; Halbach, A.: Biografisches Arbeiten - Beispiele für die praktische Umsetzung. Vincentz Verlag, Hannover, 2002.
  6. Ruhe, H. Methoden der Biografiearbeit – Lebensspuren entdecken und verstehen. 2. Auflage Beltz Verlag, Weinheim, Basel, Berlin, 2003.
  7. Stuhlmann, W. Demenz – wie man Bindung und Biographie einsetzt. Reinhardt Verlag, München, Basel, 2004.


Einschätzung und Bewertung der ausgewählten Literatur

Das Berner Pflegelehrbuch-Evaluationsinstrument (BePEI) sieht eine quantitative Beurteilung der Lehrbüchern vor. Bei der intensiveren Sichtung der ausgewählten Lehrbücher wurde deutlich, dass eine ausschließlich quantitative Beurteilung aufgrund der starken Heterogenität nicht sinnvoll war. Das ausgewählte Berner Pflegelehrbuch-Evaluationsinstrument (BePEI) enthielt dagegen enthielt Kriterien, die auch zu einer qualitativen Beurteilung sehr geeignet schienen.

Um allerdings den speziellen Aspekt der Biografiearbeit zu analysieren, waren die Kriterien trotz ihres Umfangs nicht spezifisch genug. Die Dimensionen II. (Gestaltung und Ausstattung) und III. (Aufbau, Strukturelemente und Übersichtlichkeit) wurden quantitativ ausgewertet. Da es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine vergleichende Lehrbuchanalyse mit dem Fokus auf Biografiearbeit und nicht um eine globale Analyse eines Lehrbuches handelt, liegt der Schwerpunkt der Teilanalyse auf der Dimension Pflege. Die ausschließlich quantitative Beurteilung dieser Dimension erschien wegen der starken Heterogenität nicht sinnvoll. Daher dienen bei der Dimension I. (Fachwissenschaft Pflege) die Kriterien der einzelnen Kategorien als qualitativer Beurteilungsleitfaden.

Diese Kriterien berücksichtigten nicht alle Fragestellungen, daher wurden eigene Dimensionen entwickelt. Basierend auf den Fragestellungen dieser Arbeit, wurden eigene Kategorien ergänzt. Ergänzt wurden die Dimensionen:

  • Bibliografische Angaben
  • Angaben zur Zielsetzung des Lehrbuches
  • Vermitteltes Wissen
  • Verankerung im Pflegeprozess
  • Verknüpfung zum Alltag

Alle Dimensionen und Kategorien wurden dann in ein Auswertungsschema eingefügt (siehe Anhang).

Die vierte Dimension (Didaktik) ist für eine Bewertung aus pädagogischer Perspektive wesentlich. Für die Beantwortung der dieser Arbeit zugrunde liegenden Fragestellung hat diese Dimension eine untergeordnete Relevanz und wurde daher aktuell nicht berücksichtigt.

Nachfolgend sind die Dimensionen I. bis II. mit den einzelnen Kategorien dargestellt:

I. Dimension: Fachwissenschaft Pflege / Kategorien (14), (Kriterien: 61)

  • Wissenschaftliche Angemessenheit (10)
  • Umgang mit Fachbegriffen (5)
  • Praxisorientierung (1)
  • Theorie (2)
  • Forschung (3)
  • Pflege-u. Versorgungsprozesse (14)
  • Qualität, Leitlinien, Standards, Wirtschaftlichkeit (2)
  • Professionalisierung, Selbstreflexion, kritisches Denken (5)
  • Caring (3)
  • Entwicklung, Lebenslauf, Lebensphasen (1)
  • Handlungsfelder, Settings (1)
  • Kommunikation, Interaktion, Kooperation (4)
  • Menschenbild (4)
  • Ethik und Recht (6)

II. Dimension: Gestaltung & Ausstattung / Kategorien (9), (Kriterien: 68)

  • Erster Eindruck, Anmutung (4)
  • Leserlichkeit (12)
  • Doppelseite (8)
  • Illustration, Bildmaterial (20)
  • Bild-Text-Passung (9)
  • Tabellen (3)
  • Papierqualität (4)
  • Bindequalität and Einband (5)
  • Umfang (3)

III. Dimension: Aufbau Strukturelemente Übersichtlichkeit / Kategorien (12), (Kriterien: 43)

  • Impressum (1)
  • Inhaltsverzeichnisse (4)
  • Einleitung (3)
  • Aufbau des Textes (10)
  • Autoren-, Herausgeberverzeichnis (2)
  • Glossar (5)
  • Abkürzungsverzeichnis (1)
  • Literaturverzeichnis (4)
  • Anhang (1)
  • Sachwortverzeichnis (6)
  • Optische Gebrauchshilfen (1)
  • Medienpaket, Produktdiversifikation (5)

(Georg, 2004 b)


Darstellung der Ergebnisse

Die für die Fragestellung relevanten Ergebnisse der Analyse werden in diesem Abschnitt dargestellt, das Auswertungsschema ist im Anhang angefügt.


Dimension Bibliografische Angaben

Das früheste Buch ist im Jahr 1996, das aktuellste 2004 erschienen. Außer einem österreichischen Buch (Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998) sind alle anderen in Deutschland erschienen. Zwei der Bücher liegen bereits in zweiter Auflage vor (Blimlinger et al., 1996; Ruhe, 2003).

Drei der Bücher enthalten Projektbeschreibungen, aus Großbritannien (Osborn et al., 1997) sowie Österreich (Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998) mit der Absicht, Anleitungen zur Biografiearbeit zu geben. Eine weitere Beschreibung eines europäischen Projektes baut auf der Arbeit aus Großbritannien auf (Trilling et al., 2001) und will Pflegende und Menschen mit Demenz unterstützen und entlasten. Zwei dieser Autorinnen sind Mitverfasserinnen beider Publikationen.

Insgesamt sind es 13 Autorinnen und 2 Autoren, von denen 2 Autorinnen in 2 Publikationen veröffentlicht haben. Die unterschiedlichen Professionen und Berufe der Autorinnen und Autoren sind in den Publikationen durchweg angegeben.


Tabelle 4: Übersicht über Erscheinungsdatum der Lehrbücher, Verlag und Profession der Autorinnen/Autoren

Lehrbuch Erschienen Verlag Profession der Autorinnen/Autoren
1. 1996 Vincentz Verlag
  • Zwei Historikerinnen
  • Soziologin
  • Pädagogin
2. 1997 Lambertus Verlag
  • Sozialarbeiterin
  • Theaterpädagogin
  • Diplompädagogin
3. 1998 Verlag Wilhelm Maudrich
  • Ergotherapeutin sowie Studium der Soziologie u. Psychologie
  • Psychotherapeutin sowie Studium der Germanistik und Leibeserziehung
4. 2001 Vincentz Verlag
  • Diplompädagogin
  • Sozialpsychologin
  • Sozialwissenschaftlerin
  • Theaterwissenschaftlerin
5. 2002 Vincentz Verlag
  • Sozialpädagogin
  • Erwachsenenbildnerin und Gedächtnistrainerin
6. 2003 Verlag Weinheim
  • Diplom Sozialarbeiter
7. 2004 Beltz Verlag
  • Psychologe u. Mediziner

Dimension Definition und Zielsetzung von Biografiearbeit

Im nachfolgende Kapitel werden zunächst die unterschiedlichen Benennungen, die identifizierten Definitionen und danach die Zielsetzungen der Lehrbücher dargestellt.

Begriffe

Biografiearbeit wird mit zahlreichen Begriffen umschrieben. Zum Teil wird sie durch eine Beschreibung oder ein Adjektiv spezifiziert oder synonym verwendet. Zum Teil wird explizit auf eine Klärung des Begriffes verzichtet (Ruhe, 2003).

Die Tabelle enthält die in den einzelnen Publikationen im Kontext Biografiearbeit verwendeten Wörter.

Tabelle 5: Begriffe die bei Biografiearbeit verwendet werden

Lehrbuch Benennung
1.
  • Biografische Haltung
  • Biografisches Verfahren
  • Biografische Orientierung
  • Lebenswelt gestalten
  • Biografischer Ansatz
  • Biografische Pflege
2.
  • Reminiszieren
  • Erinnern
  • Erinnerungspflege
  • Informelle Erinnerungspflege
  • Biografische Arbeit
3.
  • Erinnerungsarbeit
  • Aktivitätsorientierte Biographiearbeit
  • Gesprächsorientierte Biographiearbeit
4.
  • Reminiszieren
  • Erinnerungspflege
  • Beschäftigung mit der Biografie
  • Erinnerungsprojekt
  • Erinnerungsarbeit
5.
  • Biografiearbeit
  • Biografische Interventionen
  • Biografisches Arbeiten
  • Reminiscence
  • Life Review
  • Erinnerungsarbeit
  • Biografieorientierung
  • Integrative Erinnerungsarbeit
  • Integrative Biografiearbeit
  • Biografische Intervention
  • Biografisch geprägter Umgang
  • Biografieorientierte Erlebnisstunden
6.
  • Biografisches Erzählen
  • Biografische Kommunikation
  • Biografiearbeit strukturiert
  • Biografiearbeit unstrukturiert
  • Biografiearbeit wiederkehrend
7.
  • Biografiearbeit
  • Biografische Arbeit
  • Erinnern gelebter Beziehungen
  • Kompetenzen aus der Lebensgeschichte erleben
  • Biografisch schützende und Risiko steigernde Einflüsse


Definition Biografiearbeit

In den Lehrbüchern werden unterschiedliche Definitionen von Biografiearbeit gegeben. So wird biografieorientierte Arbeit als eine spezifische Haltung verstanden, die eine kontinuierliche Aufmerksamkeit gegenüber der Geschichte und der Fülle von Erinnerungen und Lebenserfahrungen des alten Menschen auszeichnet. Sie verändert den Umgang, die Art der Begegnung und die Gestaltung des Angebotes für alte Menschen (Blimlinger et al., 1996). An anderer Stelle wird Biografiearbeit als Versicherung der eigenen Identität und des eigenen Wertes verstanden (Osborn et al., 1997). Für Biografiearbeit steht auch die Überlegung, Menschen mit ihrer eigenen Vergangenheit zu konfrontieren. Dadurch soll ein Gedankenaustausch in Gang gesetzt werden, wer, was, warum und wie erlebt hat und dazu anregen, über Erlebtes nachzudenken und darüber zu erzählen (Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998). Erinnerungspflege bedeutet, sich auf die Erlebnisse und Erfahrungen eines Lebens zu besinnen und sich darüber mit anderen auszutauschen (Trilling et al., 2001). Biografieorientierung wird beschrieben, als sich einlassen auf den anderen Menschen als Person , als Mann oder Frau (Kerkhoff & Halbach, 2002). Biografiearbeit wird auch als Versuch verstanden, Mensch-Sein als Körper, Geist und Seele in den individuellen, gesellschaftlichen und tiefenpsychologischen Dimensionen wahrzunehmen. Die Rückschau auf das eigene Leben geschieht dabei durch Einbettung in das gesellschaftliche Leben (Ruhe, 2003). Bei Stuhlmann (2004, S. 72-73) behandelt Biografie „Bewertung, Verdrängung, Vergessen, Sichtweisen aus einer bestimmten Perspektive einzunehmen und neue Einordnung“. Die Lebensbeschreibung verbindet das objektive Erleben, die dokumentierten Ereignisse der Lebensgeschichte und durch Erzählen erfahrene Anteile mit dem subjektiven Erleben und der subjektiven Verarbeitung der Lebensgeschichte.


Zielsetzungen von Biografiearbeit

Die Zielsetzung von Biografiearbeit wird in den Lehrbüchern ebenfalls unterschiedlich beschrieben. Sie soll eine Bereicherung der Beziehung zwischen alten Menschen und den Mitarbeitenden und eine Entlastung der tägliche Arbeit sein (Blimlinger et al., 1996). Das Ziel der Biografiearbeit ist an anderer Stelle keine selbstkritische Auseinandersetzung mit eigenen Versäumnissen, sondern ermöglicht die Verbesserung der Lebensqualität am Ende eines langen Lebens. Dazu soll die Biografiearbeit eine Anleitung zum lustvollen, mitunter auch melancholischem Schwelgen in der Vergangenheit bieten (Osborn et al., 1997). Sie soll aber auch eine Anleitung zur Verfügung stellen, um Kommunikationsbarrieren abzubauen und einen lebendigen Zugang zu alten Menschen zu finden. Dabei wird betont, dass Biografiearbeit keine Psychotherapie ist (Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998). Bei Trilling et al. (2001) ist es auch ein Ziel, über die Brücke der erzählten Vergangenheit zu anderen in Beziehung zu treten, und dabei Selbstbewusstsein, Freude und Gemeinsamkeit ins Leben zu bringen. Durch lustvolles und vergnügliches Schwelgen in der Vergangenheit soll eine Vielzahl kreativer Methoden, Ereignisse, Kenntnisse, Fähigkeiten oder auch nur Gedankensplitter aus dem Vergessen hervorgelockt werden. Biografiearbeit wird auch als eine Möglichkeit gesehen, Gedächtnis stärkende Angebote zu gestalten (Kerkhoff & Halbach, 2002). Dabei stellt sie keine eigene Disziplin einer Berufsgruppe dar, sondern biografisches Erzählen wird als ein Grundbedürfnis des Menschen, zur Selbstverwirklichung und Selbstwahrnehmung verstanden (Ruhe, 2003). Biografische Arbeit kann auch die einmalige Chance sein, konstruktive und Ich-Stützende Bewältigungsmechanismen zu fördern. Der Kern besteht in der Erhaltung und Stärkung der Identität. Eine Leitidee ist dabei die Wirkung von gelebter Bindungs-Erfahrung auf die lebenslange Verfügbarkeit und Nutzung von Ressourcen zur Alltagsbewältigung von Lebenskrisen und schwerer Krankheit zu beschreiben (Stuhlmann, 2004).


Dimension Pflege

Wissenschaftliche Angemessenheit

Bezugswissenschaftliche Kenntnisse fließen aus den Geschichtswissenschaften, Pädagogik, Medizin und Psychologie ein (Blimlinger et al., 1996; Stuhlmann, 2004). Pflegewissenschaftliche Kenntnisse finden in keinem der Lehrbücher Erwähnung.


Umgang mit Fachbegriffen

Bei Blimlinger et al. (1996) werden unterschiedliche Begriffe zur Beschreibung von Biografiearbeit synonym verwendet. Die Begriffe werden nicht durchgehend explizit definiert, die Verwendung ergibt sich implizit aus dem Kontext. Der Begriff Bezugspflege fließt unvermittelt im Kapitel über die Altenpflege, biografischer Ansatz und Pflegeplanung, ein. Im weiteren Verlauf wird darauf nicht weiter eingegangen, auf eine erklärende Erläuterung wird verzichtet. Bei Osborn et al. (1997, S. 10) wird der Begriff Biografie im Titel und in der Anleitung verwendet. Im weiteren Text wird „Erinnerungspflege“ und biografische Arbeit benutzt und synonym eingesetzt. Erinnerungspflege, die Begriffe „Erinnern“ und „Reminiszieren“ werden definiert und der Unterschied zur Reminiszenz-Therapie deutlich gemacht. „Informelle Biografie“ wird als Berücksichtigung von bekannten Aspekten aus dem früheren Leben der alten Menschen beschrieben, die dem Aufbau von Beziehungen dient (ebd., S. 20). Die Autorinnen machen den Vorschlag, dass dieses eher informelle Vorgehen durch Gruppenangebote gezielt zum Angebot gemacht werden kann. Mitarbeiterinnen könnten sich die Fähigkeiten aneignen, um dadurch in der Arbeit „Freiräume“ zu schaffen (ebd., S. 20).

Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) betonen hingegen, dass Biografie aktivitäts- oder gesprächsorientiert sein kann. Biografiearbeit wird somit als ein kreativer oder kommunikativer Ansatz verstanden.

In der Beschreibung eines europäischen Projektes von Trilling et al. (2001, S. 41) wird explizit auf die unterschiedlichen Begriffe zur Biografiearbeit hingewiesen. Reminiscence wird für den Nutzen in der Publikation geklärt und gezielt der Begriff Erinnerungspflege gewählt, der durchgehend verwendet wird. „In der Tat scheint auch >reminiszieren< am besten wiederzugeben, um was es in diesem Buch geht: Um das lustvolle und vergnügliche Schwelgen in der Vergangenheit, (…) Ergänzend wählen wir die Bezeichnung der >Erinnerungspflege<, scheint sie uns doch besonders angemessen für den Personenkreis der dementiell Erkrankten“.

Kerkhoff & Halbach (2002, S. 11) verwenden Biografie, „Reminiscence“ und „Life Review“ synonym. Sie beziehen sich in ihrer Aussage zu Biografie, Autobiografie, Reminiscence und Life Review auf Experten, ohne dabei Quellenangaben zu machen und die Begriffe differenziert zu definieren. Bewusst offen angelegt sind die Begriffe bei Ruhe (2003, S. 131) „Weil dies ein Praxisbuch ist, wird auf eine wissenschaftliche Klärung der Begriffe verzichtet. Ermuntert wird dazu, das je eigene Verständnis wahrzunehmen“.

Auch Stuhlmann (2004, S. 75) verwendet den Begriff Biografiearbeit nicht einheitlich, sondern in unterschiedlichen Kontexten in Verbindung mit dem Konzept der Bindung gesehen. „Der Kern der Biographiearbeit besteht in der Erhaltung und Stärkung der Identität“.


Praxisorientierung

Die Praxisorientierung bezieht sich in allen Publikationen auf geplante, gezielte Gruppenangebote. Darüber hinaus wird bei Blimlinger et al. (1996) und Stuhlmann (2004) auch die Bedeutung von Biografiearbeit als Haltung für die Kommunikation zwischen den Dialogpartnern im Alltag betont. Die Gestaltung des Zimmers und der Umgang mit vertrauten Gegenständen im Alltag wird bei Stuhlmann (2004) beschrieben. Blimlinger et al. (1996) machen darauf aufmerksam, wie bedeutend die biografisch geprägte Gestaltung der sozialen Lebenswelt ist, um damit der Institutionalisierung entgegenzusteuern.


Theoretischer Hintergrund

Um für die Alltagsgestaltung professionell und systematisch nutzbar zu sein, ist die Einbindung von Biografiearbeit in pflegetheoretische Grundlagen zweckdienlich. Analysiert wurde hier, ob theoretische Grundlagen oder flankierende Theorien dargestellt werden. Diese werden in drei der Lehrbücher (Osborn et al., 1997; Trilling et al., 2001; Stuhlmann, 2004) explizit benannt. In einem Lehrbuch wurde bewusst darauf verzichtet. „Dieses Buch ist ein Methodenbuch für unterschiedliche Arbeitsfelder. Bewusst wird auf eine geschlossene Theoriedarstellung verzichtet“ (Ruhe, 2003, S. 8) Als zugrunde liegende Theorie wird bei Osborn et al. (1997) auf das Life Review Konzept von Butler verwiesen. Danach verspüren Menschen im Alter das Bedürfnis, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Dabei dient das Erinnern der „Versicherung eigener Identität“ und des „eigenen Wertes“ (ebd., S. 10). Bei Trilling et al. (2001) wird, als Weiterführung des Projektes von Osborn et al. (1997), darauf nicht direkt Bezug genommen. Das Identitätskonzept nach Petzold wird ebenfalls als Ansatz für eine pflegerische Diagnostik angeführt. Dieses Konzept geht davon aus, dass zentrale Säulen wie „Leiblichkeit“, „soziales Netz“, „Arbeit und Leistung“, „Werte und Sinnhaftigkeit“, „materielle Sicherheit“, „Beziehungsreflexion“ der Betroffenen zu anderen und die „Reflexion der eigenen Beziehung“ die Identität eines Menschen tragen (Blimlinger et al., 1996, S.103 f.). Auch die Einbeziehung von Biografiearbeit in neuere Pflegekonzepte wird beschrieben, ohne diese zu benennen (ebd.). Die „Bindungstheorie“ nach Bowlby, sowie das Entwicklungskonzept nach Erikson, dient bei Stuhlmann (2004, S. 11) als theoretischer Hintergrund, beziehungsweise wird als flankierende Theorie beschrieben. Therapie- und Pflegekonzepte, die unter den Aspekten von Biografie- und Bindungsarbeit eine besondere Bedeutung haben, wie Realitäts-Orientierungs-Training, Validation, Dementia Care Mapping, Selbst-Erhaltungs-Therapie oder Snoezelen werden benannt (Stuhlmann, 2004).


Forschung

Aktuelle Pflegeforschung wird in keiner der Publikationen benannt. Es findet sich in den Projektberichten (Osborn et al., 1997; Gereben & Kopinitsch- Berger, 1998; Trilling et al., 2001) keine Bezugnahme auf begleitende Forschung oder Forschungsergebnisse. Die als Praxisbuch definierten Lehrbücher (Kerkhoff & Halbach 2002; Ruhe 2003) benennen ebenso keine aktuelle Forschung. Stuhlmann formuliert zum Ende seiner Arbeit Fragen in Bezug auf das Bindungskonzept. So soll die zukünftige Forschung beantworten, welchen Einfluss der Bindungsprozess bei chronischen Erkrankungen wie Demenz hat und warum zur Zeit zuwenig über die Arbeit mit dem „Bindungskonzept“ in der Altenpflege bekannt ist (Stuhlmann, 2004, S. 134).

Pflege- und Versorgungsprozess

In dieser Kategorie werden Elemente des Pflegeprozesses analysiert. In drei Lehrbüchern wird auf den Pflegeprozess eingegangen. Bei Blimlinger et al. (1996) wird darauf verwiesen, dass die Lebenserfahrungen alter Menschen in der Pflegedokumentation im Altenheim, im Gegensatz zur Dokumentation im Krankenhaus, nach neueren Entwicklungen Berücksichtigung finden. Das Modell von Petzold wird von den AutorInnen zur Entscheidungsfindung bei der Pflegeplanung angeboten. Die Situation, die beim Neueinzug eines Menschen in ein Altenheim entsteht, wird als „Nadelöhr“ beschrieben (ebd., S. 107). Hier sehen sie viele Anknüpfungspunkte für eine Beobachtung der Lebensgeschichte bei der Eingewöhnung ins Heim. Die Einbeziehung der Lebensgeschichte könne Unterstützung für die Betroffenen bieten. „Durch Prinzipien von Normalität und Einbeziehung sozialer Lebenswelten können wir Effekten der Institutionalisierung entgegensteuern“. Kerkhoff & Halbach (2002) weisen in einem Absatz auf die Pflegedokumentation hin. Die Aussagen von TeilnehmerInnen eines Altenpflegekurses im dritten Ausbildungsjahr über die Nutzung von Biografiebögen werden von ihnen skizziert, die Einbeziehung der Wünsche und der Erwartungen in Begleitung und Pflege als schwierig beschrieben.

„Obwohl die Einbeziehung der biografischen Daten in die tägliche Pflege als wichtig anerkannt wurde, bewerten die TN eine Nutzung vorliegender und selbst entworfener Biografiebögen als zu zeitaufwendig und unzumutbar zeitintensiv“. Als sinnvoll und praktisch wird statt dessen ein Merkzettel angesehen, auf dem der Lebensweg der Betroffenen dargestellt wird, zu nutzen. Diese Ausführungen stehen für sich und werden nicht weiter erläutert (ebd. , S. 92). Stuhlmann (2004) stellt Konzepte vor, die in der Pflege angewendet werden, das Bindungskonzept wird als bedeutend für die pflegerische Beziehungsgestaltung beschrieben. Auf den Pflegeprozess wird dabei nur indirekt verwiesen. „Die Schaffung klarer Strukturen und Abläufe sind eine Möglichkeit die Mobilisierung und Unterstützung von Ressourcen, sie sind wesentliche Elemente der sicheren Basis, wie sie in der folgenden Tabelle zusammengestellt sind (…)

  • Biografiebezug bis in die ersten Lebensjahre zurückgehend,
  • ganzheitliche Sichtweise,
  • Integration verschiedener Ansätze, wie Validation, ROT, SET, aktivierende Pflege und verschiedenste milieutherapeutische Ansätze,
  • Generationen übergreifende Sichtweise (Oma-Kind-Enkel),
  • Rasche Identifikation und richtige Deutung von Bindungsverhalten,
  • direkt ableitbare Konsequenzen für den Umgang mit Demenzkranken,
  • gute Umsetzbarkeit in Stations- und Pflegekonzepten,
  • Beachtung der eigenen Bindungsbedürfnisse der Pflegenden,
  • Ansatz zur Burn-out-Prophylaxe der Pflegenden,
  • wirksamer Ansatz zur Gewaltprävention,
  • besseres Verstehen von problematischen und herausfordernden Verhalten unter dem Aspekt der Bindungssuche,
  • Einbeziehung von Übergangsobjekten (Puppen, Stofftiere, Spielzeug oder Tiere) als Bindungsvermittlern,
  • Haltung, Wissen und das Beherrschen von Techniken sind kein Widerspruch.“ (Stuhlmann, 2004, S. 105)


Qualität, Leitlinien, Standards, Wirtschaftlichkeit

Es wird in keiner Publikation auf die Bedeutung von Biografiearbeit zur Qualitätssicherung in der Altenpflege hingewiesen. In einem Lehrbuch wird eine Leitlinie für biografische Pflege auf einen abstrakten Niveau der Operationalisierung beschrieben:

  • „Lebenserfahrungen und biografisches Verstehen sind nicht abzukoppeln von dem Menschen, der sie erfahren hat“,
  • „Lebenserfahrung hat positiven Einfluss auf die Lebensqualität der Gegenwart alter Menschen, wenn wir Vergangenes durch eine Absicht lebendig halten“,
  • „Das Einbeziehen von Lebenserfahrungen verändert unsere Haltung zu alten Menschen – Beziehung statt Erziehung und Sorgetragen“,
  • „Wir lassen uns von Lebenserfahrung berühren und fühlen mit, ohne mitleiden zu müssen“,
  • „Interesse an Lebenserfahrung haben heißt nicht, dass die Erfahrungen wieder allgegenwärtig werden müssen“, (Blimlinger et al., 1996, S. 112 f.).

Anleitung zur Durchführung von Erinnerungsgruppen werden in zwei Publikationen vorgestellt (Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998; Trilling et al., 2001). Die übrigen Leitfäden oder Auswertungsraster behandeln Anleitungen zur Kommunikation mit Menschen mit Demenz (Trilling et al., 2001) oder beschreiben Voraussetzungen zur Durchführung von Erinnerungsarbeit (Stuhlmann, 2004).


Professionalisierung, Selbstreflexion, kritisches Denken

Bei Blimlinger et al. (1996) wird der Altenpflege ein eigener Abschnitt gewidmet. Pflegerische Situationen werden aus der Perspektive der alten Menschen geschildert. Für Pflegende mache der biografische Ansatz die tägliche Arbeit schwieriger und anspruchsvoller, da die Gleichgültigkeit im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen aufzugeben ist. Die Orientierung an der biografischen Perspektive stehe der Tagesablaufstrukturierung und der Pflegesituation entgegen (ebd.). Auch bestehe die Gefahr, dass Pflegende im „Mitleid mit den alten Menschen versinken“, sie müssten sich vor Überforderung schützen, um nicht Zuflucht zu Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit nehmen zu müssen (ebd., S. 93). Ebenso sei die Gefahr gegeben, dass der Blick auf die Situation, auf den „institutionellen Rahmen und die Beziehung“ verloren gehen könne, wenn Situationen stets aus den Lebenserfahrungen gedeutet werden (ebd., S. 95).

Bei Gereben & Kopinitsch-Berger (1998, S. 9) wird professionelle Pflege lediglich im Vorwort als Zielgruppe der Publikation benannt. Kerkhoff & Halbach (2002) geben Schüler und Schülerinnen, sowie Dozentinnen und Dozenten der Altenpflege als Zielgruppe an. In beiden Büchern bleibt es bei dieser Nennung von professioneller Pflege.

Trilling et al. (2001) verstehen unter Pflegenden primär Angehörige oder Bezugspersonen, die nicht professionell pflegen. Professionell Pflegende werden nur in einem Absatz benannt. Nach Meinung der Autorinnen wissen sie recht wenig über die Bewohner. „Viele Untersuchungen zeigen, wie sehr die Lebenswelten von Pflegekräften und Pflegebedürftigen auseinanderklaffen. Insbesondere in den Institutionen prallen die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Wünsche aufeinander. Die meisten Mitarbeiterinnen geben sich viel Mühe, im Heim ein Zuhause für die alten Menschen zu schaffen; in Heimbroschüren und formulierten Leitbildern wird dies dargestellt“ (ebd., S. 38).

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion dagegen wird als Voraussetzung der Biografiearbeit bei Blimlinger et al. (1996) und Stuhlmann (2004) thematisiert.


Caring

Fürsorgliche oder Caring Elemente lassen sich aus der Biografiearbeit herleiten oder Handlungen basieren auf ihr. In sechs Lehrbüchern wird die Bedeutung von Fürsorge beschrieben und Handlungen aus Sicht der Betroffenen geschildert und mit Beispielen belegt (Blimlinger et al., 1996; Osborn et al., 1997; Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998; Trilling et al., 2001; Kerkhoff & Halbach, 2002; Stuhlmann, 2004). Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) sehen durch ihre Projektarbeit die Annahme bestätigt, dass Biografie aus der Isolation herausführt. Bei Kerkhoff & Halbach (2002) wird die Biografiearbeit als Chance beschrieben, aus der Lebensgeschichte bekannte Strategien zur Gesunderhaltung wieder zu aktivieren, eine Begründung dieser These erfolgt jedoch nicht. Caring Elemente aus der Sicht professioneller Pflege werden in keinem Lehrbuch beschrieben.


Entwicklung, Lebenslauf, Lebensphasen

In allen Lehrbüchern wird das Erinnern als Möglichkeit beschrieben, Vergangenes in der Gegenwart zu reaktivieren. „Wenn man mit anderen seine Erinnerungen teilt, bedeutet es auch, zwischen Gegenwart und Vergangenheit eine sinnvolle und Sinn gebende Verbindung herzustellen“ (Trilling et al., 2001, S. 42). Dabei bildet das acht Stufen Modell von Erikson eine Grundlage für Biografiearbeit bei Stuhlmann (2004).


Handlungsfelder, Settings

In allen 7 Lehrbüchern ist Biografiearbeit ein gezieltes und geplantes Gruppenangebot. Die Einbeziehung in den Alltag wird bei Blimlinger (1996) thematisiert. „Ob biografisches Wissen also zur Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten für Pflegekräfte einbezogen wird oder zu deren Legitimation durch eine Erfassung und Festschreibung in der Pflegedokumentation, hängt vom Konzept der Pflege ab“ (Blimlinger et al., 1996, S. 103). In der informellen Erinnerungspflege, wie Osborn et al. (1996) sie beschreibt, berücksichtigen Betreuungskräfte ihnen bekannte Aspekte aus dem früheren Leben, um eine Beziehung aufzubauen und die Versorgung individuell zu gestalten. Neben festen Gruppenangeboten setzen Osborn et al. (1997) und Trilling et al. (2001) auch mobil einsetzbare Erinnerungskoffer. In diesen Koffern können Materialien zur Biografiearbeit transportiert werden. Auf diese Weise soll die Erinnerungspflege in das Alltagsleben integriert werden, wobei Biografie punktuell eingesetzt werden soll. „Erinnerungspflege ist wie ein hochwirksames Medikament – jeden Tag eine kleine Dosis verhilft zu Wohlbefinden und gibt Kraft“ (ebd., S. 95).


Kommunikation, Interaktion, Kooperation

Kommunikation wird in allen Lehrbüchern als existentiell für Biografiearbeit beschrieben. Gesprächsgruppen bilden das Kernstück für die Erinnerungsgruppen. Biografiearbeit wird ebenfalls in allen Publikationen als Form der Interaktion mit einem Gegenüber gesehen, wobei bei Osborn et al. (1997) und Trilling et al. (2001) keine Zweckgebundenheit dieses Bezuges besteht. Biografie wird als lustvolles Schwelgen in der Vergangenheit gesehen. Als eine mögliche Kommunikationsform, besonders bei Menschen mit Demenz, wird hier ebenfalls die „Körpersprache“ beschrieben (Trilling et al., 2001, S. 53) Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) begründen Kommunikationsschwierig- keiten mit Kontaktschwierigkeiten und beziehen sich dabei auf verbale Kommunikation, während Stuhlmann (2004) explizit die „Kommunikation, (…) durch das Handeln“ , die alle Sinneskanäle, so zum Beispiel Hören, Sehen und Riechen erwähnt (ebd., S. 112).


Menschenbild

Blimlinger et al. (1996); Osborn et al. (1997); Trilling et al. (2001); Kerkhoff & Halbach (2002) stellen Bewohner und Bewohnerinnen als mündige Menschen in den Vordergrund, aus deren Sicht Biografiearbeit beschrieben wird. Es wird dargestellt, dass alte Menschen Kontakt von außen benötigen. “Die Alten freuen sich, dass sich jemand für sie interessiert“ (Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998, S. 19). Alte Menschen sollen nicht nur defizitär gesehen werden. „Alte werden in unserer Gesellschaft oft zur Randgruppe erklärt. Mann nennt sie in einem Atemzug mit Behinderten, Arbeitslosen und Drogensüchtigen, doch wir sollten uns bewusst machen, dass diese „Randgruppe“ immerhin ein Fünftel der Bevölkerung ausmacht. In Österreich gab es 1993 1,6 Mio. über 60jährige, davon waren etwa 110 000 pflegebedürftig“ (Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998, S. 13-14). Stuhlmann (2004) hingegen beschreibt ausführlich, wie durch Biografiearbeit Ressourcen gestärkt werden können, in dem Kompetenzen aus der Lebensgeschichte neu erlebt werden können. „Der Kern der Biografiearbeit besteht in der Erhaltung und Stärkung der Identität“ (Stuhlmann, 2004, S. 75).


Ethik und Recht

Rechtliche Aspekte zur Biografiearbeit, wie der Schutz vertraulicher Informationen vor dem Zugriff nicht autorisierter Dritter, werden in keiner Publikation benannt. Beispiele für ethische Dilemmata hingegen werden diskutiert. Es bestehe die Gefahr, in „gut gemeintem Bestreben“, möglichst „viele Lebensdetails“ zu erfahren und dadurch einen gläsernen Menschen zu schaffen. (Blimlinger et al., 1996, S. 101). Pflegekräften werden zudem von alten Menschen intime und wichtige Informationen anvertraut, dabei häufig mit der falschen Annahme, diese Informationen blieben unter vier Augen. Als Lösungsansatz wird empfohlen, nicht die lebensgeschichtlichen Daten auszutauschen, sondern die „dabei gewonnen eigenen Eindrücke, Gefühle, Phantasien und Gedanken“ (ebd., S. 102). „Wenn bei der Erarbeitung und Reflexion einer Pflegeplanung die damit verbundenen Aufschlüsse und Einsichten in den Lebenslauf eines Menschen „in den Beziehungen und Situation bewahrt bleiben, aus welchen sie gewonnen wurden“, sind Pflegekräfte davor geschützt, sich aus einer für die Pflegeplanung wichtig gewordenen Deutung über die momentane Situation eines Menschen, eine festschreibende Charakterisierung des betreffenden Menschen und ein Bild Leben dieses Menschen zu zimmern“ (ebd., S. 102).

Osborn et al. (1997, S. 36) hingegen beschreiben, dass häufig befürchtet wird, gemeinsames Erinnern könne „irgendwelche tief vergrabene Schmerzen hervorbrechen“ und könne Teilnehmer in Verzweifelung stürzen. „Viel eher drücken sich jedoch hier eigene Ängste (der Pflegenden, Anm. d. V.) aus, weil man unsicher ist, wie man auf die Trauer oder die Wurt reagieren soll. Die Bedenken sind oft besonders stark in Einrichtungen, in denen grundsätzlich nur wenig Gefühle gezeigt werden“ (ebd., S. 36).

Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) weisen darauf hin, dass Tabuthemen und schmerzliche Erinnerungen auch in vertretbarem Maße angesprochen werden sollten. „Im Vordergrund stehen dabei jedoch die besprochenen Ziele. Die Methode versteht sich nicht als Psychotherapie, in der tief verwurzelte Probleme behandelt werden. Das sollte man anderen Fachleuten überlassen“ (ebd., S. 41). Wie von Seiten der Pflegenden auf diesen Sachverhalt konkret reagiert werden soll, wird nicht thematisiert. Es „erfordere viel Takt, aber auch Entschlossenheit, da der Faden mitunter verloren geht“ Einzelgespräche zu Biografiearbeit zu führen. Dabei bestehe die Gefahr, dass hilfsbedürftige alte Menschen manchmal dazu neigten, andere zu sehr für sich zu beanspruchen. In dieser Situation müsse die „Interviewerin“ in der Gesprächssituation sich überlegen, wie sie sich am besten abgrenzen könne. Wie dieses geschehen kann, wird ebenfalls offen gelassen (ebd., S. 43). Auch Trilling et al. (2001) sehen die Gefahr eines gläsernen Bewohners. Bezogen auf professionelle Pflege besteht das ethische Dilemma aber eher in der Diskrepanz zwischen dem Anspruch des biografischen Ansatzes in der Pflege von Menschen mit Demenz und den institutionellen Bedingungen. „Mit dem Fortschreiten der Demenz wird es jedoch für die Kranken immer unmöglicher, sich irgendwo Zuhause zu fühlen – eines der Dilemmata der Pflegekräfte“ (ebd., S. 38). Es bleibe wenig Zeit, sich mit den Bewohnern und Gästen auszutauschen. „Wenig nur weiß man von der Person, die sich hinter der Behinderung versteckt“ (ebd., S. 38-39). Als Lösung wird eher allgemein angeboten, im Pflegealltag Zeit zu finden, sich mit der Lebensgeschichte und den persönlichen Interessen der Bewohner oder Gästen zu beschäftigen. „Doch es lohnt sich für die Pflegekräfte wie die Bewohner, wenn sich Wege und Nischen auftun, in denen die Erinnerungen an das lange Leben aufgespürt und zutage gebracht werden“ (ebd., S. 40). Kerkhoff & Halbach (2002) bemerken eine zunehmende Sensibilisierung seit den 90er Jahren bezüglich der Erinnerungsarbeit. Woher diese Information stammt, bleibt unklar. Sie werfen in diesem Zusammenhang die Frage auf, wie mit zunehmend traumatischen, belastenden Erinnerungen umzugehen ist. Als Lösung wird von den Autorinnen empfohlen: „Wir sollten Menschen nicht mit ihren schmerzhaften Erinnerungen konfrontieren, mit denen wir sie hinterher allein lassen müssen“ (ebd., S. 14). Bei Ruhe (2003) werden ethische Dilemmata aus Sicht der alten Menschen fokussiert. Er beschreibt, dass ältere Menschen häufig nicht über ihre eigenen Lebenserfahrungen reden können, da sie als peinlich erlebt werden. „Zu rechnen ist aber auch mit der Angst, dass Vertraulichkeit gebrochen wird. So bleiben Erinnerungen, die ethischen oder moralischen Standards scheinbar oder tatsächlich nicht standhalten können, meistens ungesagt“ (ebd., S. 15). Konsequenzen aus diesen Aussagen werden nicht erörtert. Stuhlmann (2004) zeigt die Zwiespältigkeit in der Praxis der Pflege von Personen mit Demenz auf. Er sieht einen Konflikt zwischen dem Grundbedürfnis nach „Autonomie und Selbstbestimmung, und gleichzeitiger Einengung durch Strukturen bis hin zu Zwängen“, die die Sicherheit dieses Personenkreises gewährleisten sollen (ebd., S 51). Sein Lösungsansatz besteht in der Schaffung einer „sicheren Basis“. Altenpflege kann seiner Meinung nach diesen sicheren Hafen durch Bindungssicherheit schaffen. Dabei sollten die Bindungsanteile der Pflegenden so herausgearbeitet werden, dass die psychischen Belastungen in der Pflege auf dieser Basis bewältigt werden können.


Dimension II. Gestaltung und Ausstattung

Die Ergebnisse der Kategorien werden in der Tabelle als zusammengefasst anhand einer 5 stufigen bipolaren Likert Skala dargestellt. Diese Einschätzung wurde von der Autorin der vorliegenden Arbeit vorgenommen. Da das Hauptinteresse auf den ergänzten Dimensionen und der Dimension I. (Pflege) liegt, wurde auf die Darstellung jedes einzelnen Kriteriums in dieser Dimension verzichtet.

Tabelle 6: Übersicht der Ergebnisse der Kategorie II. Gestaltung und Ausstattung

Lehrbuch 1 2 3 4 5 6 7
Einschätzung:
0 = nicht ausgeprägt
1 = mäßig ausgeprägt
2 = ausgeprägt
3 = stark ausgeprägt
4 = sehr stark ausgeprägt
n/b = nicht bewertbar
Erster Eindruck 2 2 3 3 4 3 2
Leserlichkeit 2 2 3 3 4 3 2
Gestaltung der Doppelseite 2 2 2 3 4 3 2
Illustration Bildmaterial n.b. 2 3 1 1 1 1
Text-Bild Passung n.b. 3 n.b. 2 2 2 2
Tabellen n.b. n.b. n.b. 4 (1Tab.) n.b. n.b. 3
Papierqualität 3 3 3 2 4 3 3
Bindequalität und Einband 2 3 3 3 4 3 1
Umfang 4 3 2 3 0 1 4


Dimension III. Aufbau , Strukturelemente und Übersichtlichkeit

In dieser Dimension werden die Ergebnisse zum Aufbau, zu Strukturelementen und Übersichtlichkeit der Lehrbücher ebenfalls anhand der Kategorien zusammengefasst (siehe Anhang). Die Auswertung erfolgt anhand einer 5 stufigen bipolaren Likert Skala dargestellt. Diese Einschätzung wurde ebenfalls von der Autorin der vorliegenden Arbeit vorgenommen.

Tabelle 7: Übersicht der Ergebnisse der Kategorie III. Aufbau, Strukturelemente und Übersichtlichkeit

Lehrbuch 1 2 3 4 5 6 7
Einschätzung:
0 = nicht ausgeprägt
1 = mäßig ausgeprägt
2 = ausgeprägt
3 = stark ausgeprägt
4 = sehr stark ausgeprägt
n/b = nicht bewertbar
Impressum 3 3 3 3 3 3 3
Inhaltsverzeichnis 3 4 4 3 4 2 4
Einleitung 3 3 3 2 2 2 3
Aufbau des Textes 3 2 3 2 3 1 4
Autoren- /Herausgeberverzeichnis 4 4 4 4 4 4 4
Glossar, Begriffserklärungsverzeichnis n.b. n.b. n.b. n.b. n.b. 1 3
Abkürzungsverzeichnis n.b. n.b. n.b. n.b. n.b. n.b. n.b.
Literaturverzeichnis 3 3 2 2 2 1 3
Anhang n.b. 4 n.b. n.b. n.b. n.b. 2
Sachwortverzeichnis n.b. n.b. n.b. n.b. n.b. n.b. 4
Optische Gebrauchshilfen n.b. n.b. n.b. n.b. 2 2 n.b.
Medienpaket, Produktversifikationen n.b. n.b. n.b. n.b. n.b. n.b. n.b.


Dimension Vermitteltes Wissen

Informationen, die in dieser Dimension ermittelt wurden, sind hier wiederum so heterogen, dass eine rein quantitative Auswertung und eine tabellarische Darstellung nicht sinnvoll erscheinen.

Zielgruppe

Bei Blimlinger et al. (1996) wird explizit keine Zielgruppe benannt, aus dem Kontext geht jedoch hervor, dass damit (professionelle) Helferinnen, Helfer und erwachsene Kinder gemeint sein können. Osborn et al. (1998, S. 21) benennen „Pflegekräften, Ergotherapeuten und Sozialarbeiter“ sowie andere in der Erwachsenenbildung tätige Menschen, ohne letztere weiter zu spezifizieren.

Gereben & Kopinitsch-Berger (1998, S. 9) wenden sich ebenfalls an eine weiter gefasste Gruppe: „AltenpflegerInnen, Krankenschwestern/-pfleger, ErgotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, PsychotherapeutInnen und PsychologInnen“. Trilling et al. (2001, S. 14) sprechen alle Menschen an, die etwas „Besonderes“ in das Leben dementiell erkrankter Menschen und ihrer Familien tragen wollen. An „Dozentinnen und Dozenten in der Aus- Fort- und Weiterbildung, Schülerinnen und Schüler von Fachseminaren für Altenpflege und von Krankenpflegeschulen, Kursleiterinnen und Kursleiter der Erwachsenen- bildung, pflegende und betreuende Angehörige und andere an der Arbeit mit alten Menschen Interessierte“ wenden sich Kerkhoff & Halbach (2002, S. 6). Ruhe (2003) gibt als Adressanten Mitarbeitende in Bildungsseminaren, in der Altenpflege und –hilfe sowie Menschen in Lebenskrisen an. Bei Stuhlmann (2004) wird keine Gruppe explizit angesprochen.


Voraussetzungen bei Anwendern

Reflexionsfähigkeit und Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensperspektiven wird von Blimlinger et al. (1996) als Voraussetzung für die Anwender gesehen. Nach Stuhlmann (2004, S. 104) ist für die Pflegeperson neben der „Reflexionsfähigkeit der eigenen Bindungsgeschichte und Bindungsbedürfnisse durch Supervision“, die Konstanz der Bezugsperson, die absolute Zuverlässigkeit sowie die Klärung der Rolle und der Aufgaben Voraussetzung. Daneben fordert er räumliche und strukturelle Voraussetzungen in einer Einrichtung, um Biografiearbeit durchführen zu können.

Kenntnisse und Informationen über den physischen Zustand, psychische Beeinträchtigungen und krankheitsbedingte Einschränkungen sind bei Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) und Trilling et al. (2001) wesentliche Voraussetzungen für die Biografiearbeit. Während bei Kerkhoff & Halbach (2002) die Grundhaltung der Begleitperson und das Interesse für die Lebensgeschichte des alten Menschen im Vordergrund steht. Ruhe (2003) benennt Wahrnehmungsfähigkeit der Anwender als Voraussetzung für die Biografiearbeit. Darüber hinaus werden organisatorisch notwendige Rahmenbedingungen und die Vorplanung der Gruppenangebote ebenfalls als Voraussetzung für biografisches Arbeiten benannt (Blimlinger et al., 1996; Osborn et al., 1997; Trilling et al., 2001; Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998).


Zielgruppe der Betroffenen

Alte Menschen sind die Zielgruppe für Biografiearbeit in allen sieben Lehrbüchern. Menschen mit Demenz sind als spezielle Zielgruppe im Fokus bei Trilling et al. (2001) und Stuhlmann (2004) genannt. Blimlinger et al. (1996, S. 100-101) beschreiben, dass die Einbeziehung von Biografiearbeit in den Lebensalltag bei Menschen mit Demenz besonders bedeutend ist. „Auch für demente alte Menschen ist diese Zerrissenheit von Alltags- und Sinnbezügen ein Verlust an Normalität und Lebenserfahrung. Solche Fehlstellen von Normalität und Lebenserfahrungen sind in einer institutionellen Versorgung an vielen Stellen anzutreffen - überall dort, wo Normalität fehlt und erlernte Hilflosigkeit dominiert, können wir einen Mangel an Biographiebezügen vermuten“. Gereben & Kopinitsch-Berger (1998, S. 25) merken hingegen an, dass sehr demente ältere Menschen an Gesprächen zu Biografiearbeit nur in Ausnahmefällen teilnehmen können. Es sollten geeignete Personen, die an Gesprächsgruppen teilnehmen können, ausgewählt werden: Menschen mit unterschiedlichen „geriatrischen Krankheitsbildern wie Insult, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Tumor, Depressionen, Desorientiertheit, Morbus Alzheimer u.v.m.“. Anhand von Beispielen wird belegt, dass Menschen mit Demenz sich auch in Gruppen integrieren lassen. Je besser man die Gruppenmitglieder kenne, umso heteroger könne die Gruppe zusammengesetzt werden (ebd. S. 25).


Berücksichtigung von kulturellen /oder ethnischen Besonderheiten

Explizit wird in keinem Lehrbuch auf ethnische und kulturelle Besonderheiten eingegangen. Die Biografiearbeit wird durchgehend als individuell, am einzelnen Menschen und seinen Lebenserfahrungen auszurichten, beschrieben. Blimlinger et al. (1996) führen aus, dass sozial- und zeitgeschichtliche Unterschiede berücksichtigt werden müssen. Sie stellen ein Projekt mit einer Gruppe älterer Italiener vor, in der durch die gemeinsame Gruppenerfahrung ein Wir-Gefühl hergestellt wird. Spezielle Voraussetzungen dazu oder Erfahrungen damit werden nicht beschrieben. Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) stellen Vergleiche über die unterschiedliche Stellung von alten Menschen in Europa, den USA und Ländern der Dritten Welt vor. Ein direkter Bezug auf Biografiearbeit wird dabei nicht hergestellt. Trilling et al. (2001) beschreiben, dass kulturelle und regionale Besonderheiten berücksichtigt werden sollten, ohne dass sie diesen Anspruch spezifizieren. Kerkhoff & Halbach (1999) wollen Unterschiede in der Biografie von Männer und Frauen berücksichtigt sehen.


Einbeziehung von Angehörigen oder anderen Bezugspersonen

Bei Blimlinger et al., (1996), Osborn et al., (1997) und Stuhlmann (2004) werden Angehörige als Teil der Biografie begriffen, während bei Trilling et al. (2001) Biografie explizit als Unterstützung und Entlastung von pflegenden Angehörigen eingesetzt wird. Keine spezielle Erwähnung finden Angehörige bei Gereben & Kopinitsch- Berger (1998); Kerkhoff & Halbach, (2002) und Ruhe (2003).


Strategien im Umgang mit unangenehmen Situationen

Strategien im Umgang mit schwierigen oder unangenehmen Situationen werden nicht explizit benannt. Das Auftreten solcher Situation wird eher negiert (Blimlinger et al., 1996; Osborn et al., 1997; Trilling et al., 2001). Dass es zu unglücklichen Situationen und Reaktionen komme, sei höchst unwahrscheinlich. „Die Menschen teilen meist keine unglücklichen Erinnerungen oder Gefühle mit – es sei denn, sie verspüren wirklich den Wunsch dazu“ (Osborn et al. 1997, S. 36). Als Strategie im Umgang mit solchen Situationen wird empfohlen, „keine Panik“ zu entwickeln. „Immer sind ein paar Augenblicke Zeit, um zu überlegen, was zu tun ist. Die Gruppenleiterin kann etwa das Wort ergreifen, um von dem weinenden Gruppenmitglied abzulenken“ (ebd., S. 36). Das weitere Vorgehen in einem solchen Fall bleibt offen.

Trilling et al. (2001) empfehlen zu diesem Sachverhalt, dass in einer gut funktionierenden Gruppe die Teilnehmer meist in der Lage sind, einander zu stützen und zu trösten, wenn die Emotionen stark werden. „Mitunter hat man das Gefühl, dass es eher die (jüngeren) Gruppenleiter sind, die sich vor Gefühlsäußerungen fürchten, die für die älteren Teilnehmer wohl vertrauter Bestandteil eines langen Lebens sind“ (Trilling et al., 2001, S. 44). Wie jüngere Gruppenleiter verfahren sollen, wird nicht weiter thematisiert. Gereben & Kopinitsch-Berger (1998, S. 38) sehen unangenehme Situationen eher im Auftreten von Störungen in der Gruppe durch Teilnehmer, die zu spät kommen oder zuviel reden. „Als GruppenleiterIn sind Sie gefordert, Konflikte aufzugreifen, sie zu benennen, zu besprechen und einer individuellen Lösung zuzuführen“. Wie dies geschehen könnte, bleibt offen. Bei Ruhe (2003) wird kein Bezug auf unangenehme oder schwierige Situationen genommen. Stuhlmann (2004, S. 88) bezieht Biografiearbeit nicht nur auf verbale Kommunikation, sondern auf alle Sinne. Er skizziert insbesondere die Gefahr einer Re-Traumatisierung auch durch das Anregen von Erinnerungen über Hautkontakte. „Die Schwelle zur Trauma-Reaktivierung ist hier besonders niedrig. Schon erste Reaktionen auf körperliche Nähe und Berührungen müssen aufmerksam wahrgenommen und Signale des Unwohlseins einfühlsam beantwortet werden“. Strategien im Umgang mit diesen Situationen werden im Zusammenhang mit dem Bindungskonzept erläutert.


Bezugnahme auf den Nationalsozialismus

In einem Fallbeispiel wird bei Blimlinger et al. (1996) und Trilling et al. (2001) indirekt auf diese Problematik verwiesen. Bei Osborn et al. (1997) wird im Vorwort der deutschen Ausgabe darauf aufmerksam gemacht, welche brisanten Erinnerungen an diese Zeit ausgelöst werden können. Besonders Erinnerungen an die Schul- und Jugendzeit können mit der Erinnerung an die NS Propaganda verschwimmen. Das sollte bei Biografiearbeit bedacht werden. Gereben & Kopinitsch-Berger (1998, S. 40) erwähnen, den Nationalsozialismus in einem einzigen Satz als Beispiel für „brisante Sachgebiete“. Die Zeit des Nationalsozialismus wird bei Ruhe (2003), Kerkhoff & Halbach (2002) und Stuhlmann (2004) nicht näher behandelt.


Strategien im Umgang mit Erinnerungen an den den Nationalsozialismus

In zweien der Lehrbücher werden Empfehlungen im Umgang mit dem Thema des Nationalsozialismus thematisiert. Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) erwähnen am Beispiel des Nationalsozialismus in einem Satz, dass solche brisanten Themen zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die Gruppe besser kennt, behandelt werden sollten. Osborn et al. (1997, S. 12) fordern im Vorwort für die deutsche Ausgabe die „geistige Eigenständigkeit“ der Anwender von Biografiearbeit als „Basis“, um den „Balanceakt“ vollziehen zu können, das „individuelle Leben alter Menschen“ zu akzeptieren und dennoch eine „emotionale und intellektuelle Distanz“ zu wahren. Wie dieses in Bezug auf den Nationalsozialismus gelingen kann, wird nicht weiter ausgeführt.


Vorgestellte Methoden

Allen Lehrbüchern ist gemein, dass sie Methoden zur Umsetzung von Biografiearbeit in Gruppen vorstellen. Im folgenden werden diese Methoden aufgelistet.

Lehrbuch 1: Methoden als gezielte und geplante Angebote im Kontext von Praxisbeispielen und Projekten beschrieben

  • Gesprächskreis Erzähltes Leben
  • Gesprächskreis in einer Kirchengemeinde
  • Gesprächskreis in einer Begegnungsstätte
  • Eine Erzählrunde regionale Kulturarbeit auf dem Lande
  • Feste feiern in der Begegnungsstätte Wiedersehen mit der Liebe
  • Biografiearbeit einer Gruppe älterer Italiener in München
  • Geschichte und Geschichten im Theater
  • Gesprächskreis Seniorenseminar Wohnen in Magdeburg


Lehrbuch 2:

  • Reihum Fragen
  • Erinnerungen präsentieren
  • Rollen und Theaterspiele
  • Zeichnen, Malen und Collagen
  • Gegenstände betrachten und herumreichen
  • Listen aufstellen
  • Stadtpläne und Landkarten
  • Musik und Geräusche
  • Ausflüge
  • Tätigkeiten aus dem früheren Arbeitsleben
  • Stichworte geben und Fragen stellen
  • Texte (vor-)lesen
  • Einladung zum Rundgang
  • Geschichten erzählen
  • Rezitieren
  • Fühlen Riechen Schmecken
  • Bilder betrachten
  • Schreiben
  • Themenvorschläge dazu:
  • Familienleben
  • Hausrat und Frauenrolle
  • Kinderspiele
  • Schulzeit
  • Die Nachbarschaft
  • Feiern und Festtage
  • Ausflüge
  • Mode
  • Ausgehen
  • Das Arbeitsleben
  • Verliebt Verlobt Verheiratet

Lehrbuch 3: gesprächsorientierte Biografiearbeit in:

  • geschlossenen Gruppen
  • halbgeschlossenen Gruppen
  • offenen Gruppen
  • Aktivitätsorientierte Biografiearbeit :
  • Museumsbesuch
  • Collagen
  • Gestalten einer Ausstellung
  • Bunter Nachmittag
  • Szenische Darstellung Methodenkartei:
  • Wollknäuel zuwerfen / Kennenlernspiel
  • Erkennen sie diesen Mann und diese Frau?/ Kennenlernspiel
  • Riesenkiste / Phantasiereise
  • Puzzle legen / Bildteile zusammensetzen
  • Erinnerungsbilder / Bilder und Gegenstände als Gesprächsauslöser
  • Brainstorming / Begriffe finden
  • „ich besaß zwei Kleider… „ / Zitat als Gesprächseinstieg
  • Wir bauen ein Haus / Soziale Beziehungen
  • Ein großes Stück vom Kuchen/ Soziale Beziehungen * Scharade / Pantomime
  • Damals / Vorlesen
  • Wir spielen Theater / Rollenspiel
  • Brainstorming / Wortspiel
  • Kreuzworträtsel / Rätsel
  • Gefüllte Leberwurst / Wortspiel
  • Berufe, die es heute (fast) nicht mehr gibt/ Wortspiel
  • Linien verfolgen / Wortspiel
  • Spagetti- Lesen /Wortspiel
  • Verborgene Wörter / Wortspiel
  • Schlüsselwörter/ Wortspiel
  • Versteckte Begriffe aus der Freizeit/ Wortspiel
  • Sprechen sie Wienerisch? / Wortspiel
  • Anagramme/ Wortspiel

Lehrbuch 4: Es werden Trigger vorgestellt / dabei sollen kulturelle und regionale Besonderheiten berücksichtigen werden

Schlüssel zur Erinnerung:

  • Gegenstände
  • Fotografien
  • Bücher
  • Gerüche
  • Gewebe und Oberflächen
  • Geschmack
  • Geräusche
  • Musik
  • Bewegung

Phantasievolles Erinnern

  • Theaterspielen
  • Fotografieren
  • Geräusche und Musik
  • Zeichnen, Malen, Modellieren
  • Alte Fertigkeiten ausprobieren
  • Erinnerungspflege im Alltag
  • Gegenstände rund ums Haus
  • Freunde und Verwandte
  • Fernsehen und Filme
  • Gemeinsames Lesen
  • Vertraute Ecken schaffen
  • Lebensbuch, Lebensbild und Lebenskiste
  • Spaß mit Fotoalben
  • Ausgehen und Besuche machen
  • Ausflugsziele
  • Familienfeiern
  • Alte Gewohnheiten in den Alltag holen
  • Sprichwörter, Redewendungen und Kalauer


Ideenkiste mit folgenden Oberthemen:

  • Kindertage
  • Wo ich aufgewachsen bin
  • Schulzeit
  • Arbeitswelt
  • Ausgehen
  • Verliebt Verlobt Verheiratet
  • Ausflüge und Reisen
  • Wie die Feste fallen


Lehrbuch 5: Biografieorientierte Erlebnisstunden

  • Bilderrätsel
  • Lebenswege
  • Deutschlandpuzzle
  • Zeittafel
  • Schatzkiste
  • Baum des Lebens
  • Praktische Übungen für Pflegeschulen
  • Situationsporträt
  • Biografisches Porträt
  • Auf den Spuren der Vergangenheit
  • Erzählte Geschichten
  • Gesundheit mit biografischem Blick
  • Lebensbuch
  • Würfelspiel
  • Das Buch hat mir gefallen
  • Biografiebogen für die Praxis


Lehrbuch 6: Anwendbar geplanten Situationen / Unterteilung in folgenden Oberpunkten

  • Lebenszeit
  • Spurensuche
  • Autobiografien
  • Assoziationen und Imaginationen
  • Kleine und große Bilanzen
  • Medien und Texte
  • Intergenerationen
  • Kollektives Gedächtnis


Lehrbuch 7: Bindungsstärkendes Arbeiten mit Erinnerungsalben

Erinnerungspflege soll Bindung durch Erinnerung stärken

  • Der Umgang mit vertrauten Gegenständen
  • Einsatz von Fotos und Vergrößerungen
  • Rollenspiel und Improvisation
  • Tanz, Gesang und alle Arten von Musik
  • Aktivitäten aus dem Alltag


Dimension Verankerung im Pflegeprozess

Die Kategorien dieser Dimension wurden bereits in der Dimension Pflege analysiert, der spezielle Fokus auf die Einbeziehung von Biografiearbeit in den Pflegeprozess und die Pflegeplanung erfolgt in dieser Dimension.


Querverweis auf die Altenpflegeausbildung

Drei Publikationen nehmen Bezug auf die Altenpflegeausbildung: Blimlinger et al. (1996) fordern im Vorwort ihrer Arbeit eine sehr gute Ausbildung in der Altenarbeit, um eine biografische Haltung einnehmen zu können. Bei Osborn et al. (1997) wird im Vorwort zur deutschen Ausgabe bemängelt, dass in Ausbildungsgängen kein Rüstzeug im Umgang mit Menschen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben, vermittelt wird. Auch Kerkhoff & Halbach (2002) betonen, wie wichtig es sei, in der Pflegeausbildung „konkreten praktische(n) Umgang“ mit der Biografie zu vermitteln. Dazu werden Methoden aus der Sammlung aufgelistet, wie jedoch die konkrete Umsetzung gestaltet werden könnte, bleibt offen (ebd., S. 58).

Querverweis auf den Pflegeprozess

Lediglich von Blimlinger et al. (1996) wird Biografiearbeit als ein Bestandteil des Pflegeprozesses beschrieben. Sie sehen allerdings die Gefahr, dass Informationen lediglich gesammelt werden. „Für einen auf Lebenserfahrungen begründeten Pflegeprozess ist es nicht notwendig, alte Menschen oder ihre Angehörigen auszufragen und eine möglichst umfassenden Biographiekatalog zu erstellen“ (ebd., S. 101).


Querverweis auf Pflegedokumentation

In zwei Publikationen werden Bezüge zur Pflegedokumentation vorgenommen. „Im Unterschied zu der Pflegedokumentation von Krankenhäusern finden wir hier Lebens- und Alltagsbezüge aufgenommen. Im Stammblatt werden meist lebensgeschichtlich wichtige Merkmale des Lebens erfasst: seien es Kontaktpersonen, Lebensgewohnheiten, Vorlieben beim Essen etc.“ (Blimlinger et al., 1996, S. 101) Trilling et al. (2001) hingegen sehen in der Möglichkeit, biografische Daten durch Angehörige, Freunden, Nachbarn oder ehemaligen Kollegen zu erfassen, eine Chance, wenn Betroffene sich nicht mehr äußern können. Denn „Oftmals verfügen die Pflegeeinrichtungen nur über eine Krankenakte, die Auskunft gibt über die körperlichen Gebrechen“ (ebd., S. 45).


Querverweis auf Biografieblatt/Biografiebogen

Informationen zur Biografie werden in der stationären Altenpflege zumeist schriftlich in ein Biografieblatt aufgenommen. In zwei Publikationen wird ein solches Biografieblatt erwähnt. Blimlinger et al. (1996, S. 101) sehen die Gefahr, im „gut gemeinten Bestreben“, möglichst viele „Lebensdetails“ zu sammeln, um einen gläserner Menschen zu schaffen. Viele dieser erfragten Informationen blieben nicht hinterfragt in der in der Akte und könnten auf diese Weise gar nicht in den Alltag eingezogen werden. Die Alltagsroutine und eine mangelnde oder unzureichende Pflegeplanung würden dies verhindern. Die Intimität der alten Frauen und Männer würde bei dieser Vorgehensweise verletzt. Die erfragten Einblicke in Lebensgewohnheiten und Lebenserfahrungen würden so bloß Daten, Etiketten und Stereotypien erfassen. Diese seien zwar gelegentlich erhellend, meist jedoch festschreibend. Auch Trilling et al. (2001) sehen diese Gefahr des gläsernen Bewohners durch das alleinige Sammeln von lebensgeschichtlichen Daten.


Nachhaltigkeit im Pflegeprozess

In zwei der Publikationen wird in unterschiedlichen Kapiteln auf den Pflegeprozess verwiesen: Blimlinger et al. (1996) widmen dem Pflegeprozess einen separaten Abschnitt, weitere Bezüge werden in der Publikation zum Pflegeprozess nicht gemacht. Stuhlmann (2004) beschreibt Verknüpfungen von Biografiearbeit und Pflege aus der Sicht der Betroffenen durchgehend. Der Pflegeprozess wird allerdings an diesen Stellen nicht explizit erwähnt.


Dimension Verknüpfung zum Alltag

Möglichkeit und Grenzen der Biografiearbeit als Bestandteil des pflegerischen Alltags.


Biografiearbeit als Bestandteil des Alltags

Blimlinger et al. (1996) beschreiben durchgehend die Bedeutung, die das Erinnern für den Lebensalltag der Menschen hat. Die Autorinnen warnen davor, lebensgeschichtliche Erfahrungen ohne die geschichtlichen und sozialen Bezüge zu sehen. Schöne Erinnerungen können zwar Hinweise auf Lebenswertes, Liebgewonnenes oder eine Lieblingsmusik geben. „Versuchen wir diese Erfahrungen umstandslos zu nutzen für die Alltagsgestaltung der alten Menschen, ignorieren wir den Verlust solcher Gewohnheiten und der damit verbundenen Sinnbezüge und sozialen Beziehungen“ (ebd., S. 114 -115). Auch Osborn et al. (1997) verweisen auf die Bedeutung von Biografiearbeit im Alltag, beschränken sich allerdings darauf, Zeitkorridore für gezielte Angebote zu schaffen. Das könne auch durch Honorarkräfte geschehen, die speziell zur Durchführung von Biografiegruppen in die Einrichtung kommen. Des weiteren wird dabei von den Autorinnen die Frage erörtert ob und wie Pflegekräfte durch diese Honorarkräfte angeleitet werden können. Die Beantwortung bleibt dabei allerdings offen. Wichtig sei das Vorgehen in Notfällen zu klären: „Ist die Honorarkraft in der Gruppe allein, muß sie klären, was in Notfällen zu geschehen hat – etwa wenn sich eine Teilnehmerin nicht wohl fühlt oder zur Toilette muß“ (ebd., S. 28). Auch Trilling et al. (2001) beschreiben Biografiearbeit als gezielte und geplante Maßnahme, die wie „ein Medikament täglich in kleiner Dosis“ in den Alltag eingebaut werden sollte. „Pflegende sind oft so belastet, dass sie ganz vergessen, welch vielfältige Geschichten sie mit den Kranken teilen. Wer gemeinsam mit dem Kranken in Erinnerung schwelgt, schafft sich Freiräume und Nischen, um neue Kraft zu sammeln“ (ebd., S. 14). Mit Pflegenden sind hier pflegende Angehörige gemeint. Stuhlmann (2004) beschreibt durchgängig, dass durch Biografiearbeit Ressourcen identifiziert, geweckt und genutzt werden können. „Die Pflegenden haben die Aufgabe, die Einschränkungen und Veränderungen durch die Krankheit über einen Zeitraum so zu kompensieren, dass eigene Bewältigungs-Ressourcen noch wirksam werden können. Die sind im Pflegealltag Strukturen, die Halt geben – aber nicht erdrücken und entmündigen. Ein Rahmen der Halt gibt, schütz und begrenzt – und lässt damit einen Freiraum für den Inhalt. Er schafft auch einen Raum für Begegnungen und Erleben von Zugehörigkeit und Vertrautheit“ (ebd., S. 52).

Kerkhoff & Halbach (2002); Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) und Ruhe (2003) machen zu diesem Punkt keine Angaben.


Grenzen von Biografiearbeit

Blimlinger et al. (1996) merken an, dass der Versuch, vergangene Fähigkeiten zu aktivieren, auch möglicherweise destabilisierende Verlusterfahrungen auslösen kann. Frühere Fähigkeiten werden in der Phantasie bewahrt. „Ein Versuch, diese vergangenen Fähigkeiten zu reaktivieren, kann dann möglicherweise eine erneute Verlusterfahrung bewirken oder die sinnvolle Illusion zerstören, das >ich könnte, wenn ich wollte< oder >ich könnte, aber es geht hier nicht<, das stabilisierend auf das Ich wirken kann“ (ebd., S. 115). Gereben & Kopinitsch-Berger (1998) verweisen darauf, dass Biografiearbeit kein Ersatz für Psychotherapie ist und Gesprächsrunden in diesem Rahmen keine psychischen Erkrankungen heilen können. Bei Stuhlmann (2004, S. 81) wird thematisiert, dass Re-Traumatisierungen ausgelöst werden können, aber „häufig werden die Möglichkeiten von Erinnerungen, die über Worte wachgerufen werden können, überbewertet, während die Chancen die in der Aktivierung von Erfahrungen über andere Zugänge bestehen, vernachlässigt werden“.


Diskussion

Die Auswertung in der vorliegenden Arbeit befasste sich mit der Bestandsaufnahme der vorliegenden Lehrbücher zum Themenkomplex Biografiearbeit in der stationären Altenpflege. Es hat sich auch gezeigt, dass für die vorliegende Auswertung das ausgewählte Berner Pflegelehrbuch-Evaluationsinstrument (BePEI)  als alleiniges Auswertungsinstrument nicht spezifisch genug ist, da es zur quantitativen Einschätzung von Lehrbüchern entwickelt wurde. Die qualitative Auswertung der Dimension I. konnte allerdings gut anhand dieses Instrumentes vorgenommen werden. Dabei wurde es als Auswertungsleitfaden genutzt. Da in mehreren Dimensionen Daten erhoben wurden, konnten sie miteinander in Beziehung gesetzt werden. Die Ergebnisse der quantitativen Auswertung der Dimensionen II. und III. müssten allerdings, um reliabel zu sein, durch eine Einschätzung von mehrere Rater überprüft werden, was im Rahmen dieser Bachelorarbeit nicht leistbar war. Für eine qualitative Beurteilung des gesamten Lehrbuches zum speziellen Themenbereich Biografiearbeit waren die umfangreichen Kriterien des Instrumentes nicht ausreichend spezifisch. Die ergänzten Dimensionen bildeten die Inhalte, mit denen Biografiearbeit belegt wird, ab und zeigen einen Trend auf.

In der Ergebnisdarstellung wird deutlich, dass der Aufbau der einzelnen Lehrbücher ist sehr heterogen ist. Es zeigte sich, dass über die Ausstattung und das Layout der Publikationen kein Rückschluss auf die Güte des Inhaltes getroffen werden kann. Die ansprechend layouteten Lehrbücher ergeben in der Auswertung dieser Arbeit eher wenig Erkenntnisgewinn (Kerkhoff & Halbach, 2002 ; Ruhe, 2003). Hingegen wird in einem Lehrbuch, dessen Layout weniger gut bewertet werden musste (Stuhlmann, 2004), umfangreiches Wissen zur Verfügung gestellt.

Zum Teil wird die Anwendung und Umsetzung von Biografiearbeit an Hand zahlreicher Methoden sehr ausführlich dargestellt, ohne dass eine theoretische Begründung dieses Konzeptes vorgestellt wird (z.B. Ruhe, 2002). Andere AutorInnen beschreiben wiederum einen sehr ausführlichen Bezug zur Zeit- oder Sozialgeschichte (z.B. Blimlinger et al., 1996). Eine Sonderstellung nimmt Stuhlmann (2004) ein, der die Biografiearbeit als Teil eines Bindungskonzeptes versteht. Bei den übrigen Lehrbüchern wird die Zielsetzung letztlich nicht deutlich. In der Auswertung zeigte sich, dass der Begriff Biografiearbeit uneinheitlich verwendet wird. Diese Analyse zeigt, dass Biografiearbeit nicht eindeutig definiert und die Zielsetzung zu heterogen ist. Die Bedeutung von Biografiearbeit wird zwar postuliert, die Rahmenbedingung und Voraussetzungen in der stationäre Altenpflege dafür bleiben allerdings unklar. Als geplante, gezielte und zeitlich begrenzte Maßnahme wird sie häufig als Gruppenereignis gestaltet. Wenn einem personenzentrierten Ansatz gefolgt werden soll, sind alte Menschen in ihrer Identität zu stützen. Dazu ist es erforderlich, dass Biografiearbeit als biografischer Dialog verstanden wird. Die dazu erforderlichen kommunikativen Fähigkeiten für diese interaktive Tätigkeit von den Anwendern der Biografiearbeit, von den Pflegenden und Angehörigen, müssen geschult werden.

Biografiearbeit muss für die stationäre Pflege eindeutig definiert werden, um einheitlich genutzt werden zu können. Um den Begriff Biografiearbeit deutlicher fassen zu können und die Bedeutung von Biografiearbeit für die stationäre Altenpflege zu beschreiben, ist eine qualitative Herangehensweise erforderlich. Die Auswertung zeigt allerdings eine Tendenz auf, in der sich eine unzureichende Klärung und Vermittlung des Begriffes Biografiearbeit abzeichnet und die Einbeziehung von Biografiearbeit in den Pflegeprozess verbessert und intensiviert werden müsste, wenn es nicht bei der Sammlung von Lebensdetails bleiben soll.

Die offenen Fragen legen nahe, dass sich die Pflegewissenschaft dem Forschungsgegenstand Biografiearbeit stärker widmen muss. Es bedarf zukünftiger Forschung, um den Gegenstand der Biografiearbeit für Pflegende zu exakter zu konzeptualiseren, die Umsetzung dieses Zugang besser zu operationalisieren und seinen Wert für die Verbesserung der Lebensqualität von älteren Menschen umfassender zu begründen. Dabei gilt es besonders, den sozial- und zeitgeschichtlichen Kontext zu berücksichtigen, wie die Erlebnisse im nationalsozialistischen Regime. Ebenso wird die kulturspezifische Biografiearbeit für und mit Migranten künftig eine bedeutende Rolle spielen. Ebenfalls muss erforscht werden, wie bei der Biografiearbeit Re- Traumatisierung vermieden werden kann. Die Vernetzung zu bezugwissenschaftlicher Bindungsforschung könnte dabei für die Pflegewissenschaft ein Erkenntnis bringender Ansatz sein.

Die Zielsetzungen von Biografiearbeit variieren erheblich. So gesehen erstaunt es nicht, dass auch bei professionell Pflegenden kein einheitliches Verständnis über die Zielsetzung von Biografiearbeit vorliegt. Dabei werden die dazugehörigen Fachbegriffe zur Biografiearbeit ebenfalls sehr unterschiedlich verwendet. Problematisch erscheint, wenn ausdrücklich auf die Präzisierung und Klärung von Begriffen mit dem Hinweis verzichtet wird, es handele sich um ein Praxisbuch (Ruhe, 2002).

Teilweise ist es verblüffend, mit wie wenig (komplexerem) Wissen, hier zur Operationalisierung und Zielsetzung der Biografiearbeit, Pflegende konfrontiert werden. So schlagen z.B. Kerkhoff & Halbach (2002, S. 11) bezüglich des Begriffes Biografie vor, „bei Fachleuten“ nachzuschlagen, ohne diese jedoch konkret zu benennen, und empfehlen: „Um ein Wort verstehen zu können und den Inhalt besser zu erkennen, hilft das Nachschlagen in einem Lexikon“.

Alle Lehrbücher beschreiben einheitlich Biografiearbeit als geplante und gezielt eingesetzte bzw. einsetzbare Methode. Zum Teil werden sehr differenziert Hinweise für die Planung und Durchführung von Gruppen- oder Einzelangeboten gegeben. Eine Fülle von Methoden für Gruppenangebote werden in allen Lehrbüchern, allerdings in unterschiedlichen Zusammenhängen beschrieben. Ein Vergleich scheint wegen dieser großen Bandbreite nicht möglich. Die Spanne reicht dabei von der „Einrichtung vertrauter Ecken“ (Trilling et al., 2001, S. 98), über den Einsatz von „Tanz, Gesang und alle Arten von Musik“ (Stuhlmann, 2004, S. 112) einzusetzen bis hin zum „Kennen Lern Spiel: Wollknäuel werfen“ bei Gereben & Kopinitsch- Berger (1998, S. 49).

Dabei werden Methoden, wie Biografiearbeit in den pflegerischen Alltag integriert werden kann, nur punktuell beschrieben. Sie beziehen sich dabei überwiegend auf die Gestaltung des Lebensumfeldes des Bewohners (Blimlinger et al., 1996; Stuhlmann, 2004). Wenn jedoch Biografiearbeit für die stationäre Altenpflege der „Türöffner“ für die Arbeit mit alten Menschen, insbesondere für Menschen mit Demenz, sein soll und dieser Ansatz darüber hinaus die „essentielle Grundlage“ für zahlreiche Konzepte wie z.B. der Validation ist (Maciejewski et al., 2001, S. 1/32), bieten diese Lehrbücher aus pflegerischer Sicht wenig Aussagekräftiges für den Aufbau des biografischen Dialoges im Lebensalltag der betroffenen Menschen. Die Bedeutung der Biografiearbeit für diesen biografischen Dialog (zwischen Pflegenden und Bewohnern) ist lediglich bei Stuhlmann (2004) und Blimlinger et al. (1996) beschrieben.

Alle Lehrbücher beschreiben Kommunikation als Grundlage für Biografiearbeit. Dass ein kommunikativer Kontakt über alle Sinneskanäle möglich ist und Erinnerung auch über Riechen, Sehen, Schmecken und Tasten erfolgen kann, wird lediglich bei Stuhlmann (2004) beschrieben. Das reduzierte Verständnis von Kommunikation verringert die Möglichkeiten einer so verstandenen Biografiearbeit bei Menschen, die zur verbalen Kommunikation nicht mehr fähig sind, z.B. Menschen mit Demenz. Dabei ist gerade für diese Personengruppe das Anstoßen des biografischen Dialoges durch die betreuenden Pflegenden und die sich daraus ergebende Stützung der Identität bzw. dem Erhalt der „Person“ im Sinne von Kitwood (2002) wesentlich.

Nicht alle Lehrbücher benennen die Zielgruppe der Leser eindeutig. Zumindest implizit werden in einer weit gefassten Bedeutung Pflegende in allen untersuchten Lehrbüchern angesprochen. So sind bei Trilling (2001) „Pflegende“ überwiegend pflegende Angehörige. Bei Kerkhoff & Halbach (2002) werden gleichzeitig Dozentinnen und Dozenten von Fort- und Weiterbildungen, Schülerinnen und Schüler der Altenpflege und Erwachsenenbildner angesprochen. Die Einbeziehung von Angehörigen wird jedoch kaum thematisiert, lediglich Trilling et al. (2001) sehen sie als Partner im biografischen Dialog, in den anderen untersuchten Publikationen sind die Angehörigen meist auf die Rolle als Informanten eingegrenzt.

Stuhlmann (2004) beschreibt, wie durch die Biografiearbeit Ressourcen gestärkt werden können und die Lebensqualität der Betroffenen erhöht werden kann. Der Personenzentrierte Ansatz in der Pflege hat den Anspruch, Biografiearbeit als identitätsstiftendendes Angebot anzubieten. Wird aber Biografiearbeit ausschließlich als gezieltes und geplantes Gruppenangebot verstanden, greift das zu kurz und wird dem postulierten Anspruch (vgl. Maciejewski et al., 2001; Kitwood 2002) nicht gerecht.

Voraussetzungen für die Durchführung von Biografiearbeit werden nicht differenziert beschrieben. Zwar werden organisatorische Rahmenbedingungen benannt, die Bedeutung der Reflexionsfähigkeit von Anwendern der Biografiearbeit wird hingegen lediglich bei Stuhlmann (2004) und Blimlinger et al. (1996) betont. Voraussetzungen und Kompetenzen seitens der Anwender bezüglich ihrer interaktiven Tätigkeit und Beziehungsaufnahme werden nicht thematisiert.

Allerdings werden in Bezug auf die Durchführung von Biografiearbeit in Gruppen mögliche kritische Situationen benannt. Die Konsequenzen aus diesem Sachverhalt, bezogen auf das Verhaltens der Anwender, bleiben jedoch sehr vage: „Immer sind ein paar Augenblicke Zeit um zu überlegen was zu tun ist“ (Osborne, et al., 1997, S. 36). Hier wären konkrete Hinweise anstelle der Aussage „keine Panik“ zu entwickeln (ebd. S. 36) hilfreicher.

Grenzen von Biografiearbeit werden ebenfalls nicht hinreichend thematisiert. Dass durch diese Arbeit (Re-)Traumatisierungen ausgelöst werden können, wird allein bei Stuhlmann (2004) erörtert. In anderen Lehrbüchern hingegen wird diese Problematik, wie nachfolgend dargestellt, zumeist bagatellisiert, gar nicht benannt oder sogar negiert. „Die Menschen teilen meist keine unangenehmen Erinnerungen mit“ (Osborn et al., 1997, S. 36). Es entsteht der Eindruck, dass Biografiearbeit keinerlei unangenehme oder problematische Auswirkungen für die Betroffenen haben könnte und daher gefahr- und voraussetzungslos angewandt werden könne. In Anbetracht der jetzt alt gewordenen Kriegsgeneration mit entsprechenden Erlebnissen insbesondere in Bezug auf das Leben in einem totalitären, nationalsozialistischen Regime, erscheinen diese Annahmen realitätsfern. Dies betrifft sowohl die Opfer- als auch die Täterpersönlichkeit. Wie solche Erinnerungen begleitet werden sollten, wird nur rudimentär erörtert und letztlich der Verantwortung und der „geistigen Eigenständigkeit“ der biografisch arbeitenden Person anheim gelegt (Osborn et al., 1997, S. 12).

Biografiearbeit wird lediglich bei Blimlinger et al. (1996) als Bestandteil des Pflegeprozesses beschrieben. Eine Berufsgruppen übergreifende Vernetzung von einzelnen Anwendern der Biografiearbeit mit professionellen Pflegenden wird in den übrigen Lehrbüchern nicht ausreichend dargestellt. Wenn Biografiearbeit sinn- und identitätsstiftende Arbeit für und mit alten Menschen, insbesondere für Menschen mit Demenz, sein soll, ist ein gemeinsames Vorgehen aller Beteiligen unumgänglich. Ansonsten wird dieses den komplexen Anforderungen der Pflege von Menschen mit Demenz nicht gerecht. Dieser Sachverhalt wird in den Lehrbüchern zur Zeit eher vernachlässigt.

Trilling et al. (2001, S. 14) beschreiben, dass Pflegende „oft so belastet (sind), dass sie ganz vergessen, welch vielfältige Geschichten sie mit den Kranken teilen“. Strategien oder Handlungsanweisungen wie z.B. in Biografiegruppen gewonnene relevante Informationen allen Beteiligten zur Verfügung stehen können, werden nicht vorgestellt.

Bedenklich erscheint ebenfalls, dass in keinem Lehrbuch explizit darauf hingewiesen wird, wie mit ermittelten Daten umzugehen ist und ob dabei rechtliche sowie ethische Aspekte zu berücksichtigen sind. Zwar wird der rein aditive Umgang mit ermittelten Lebenslaufdaten bei Blimlinger et al. (1996) und Trilling et al. (2001) problematisiert, ein alternatives Vorgehen für den pflegerischen Alltag wird allerdings eher vage beschrieben. Hier wären für die stationäre Pflege und Betreuung vertiefende Informationen oder Vorschläge zu konkreten Verfahrensweisen erforderlich.

Die Voraussetzungen bzw. Umsetzung der Biografiearbeit im Rahmen der Altenpflegeausbildung werden unzureichend thematisiert. Zwar beschreiben Blimlinger et al. (1996), dass eine gute Altenpflegeausbildung erforderlich wäre, um eine „biografische Haltung“ einzunehmen, differenzierte und weitergehende Ausführungen z.B. zur curricularen Umsetzung fehlen jedoch völlig. Osborn et al. (1997) bemängeln im Vorwort ihrer Arbeit, dass in der deutschen Altenpflegeausbildung kein Rüstzeug für den Umgang mit Erlebnissen aus der Zeit des Nationalsozialismus vermittelt wird, konkretisieren diesen Sachverhalt im Lehrbuch selbst aber nicht.

Die analysierten Lehrbücher richten sich nicht ausschließlich an die professionell Pflegenden. Keine der Autorinnen oder der Autoren gehört der Berufsgruppe Pflege an. So ist es nicht verwunderlich, dass Biografiearbeit und die erforderliche Vernetzung zu Lebensalltag, aus pflegerischer Sicht nur unzureichend dargestellt ist.

Abschließend kann gesagt werden, dass bei der Analyse der themenspezifischen Lehrbücher sehr unterschiedliche Ergebnisse zu Tage traten. Nur bei Blimlinger et al. (1996) und Stuhlmann (2004) werden überhaupt Aussagen zum Pflegeprozess getroffen. Die Bedeutung für die Dokumentation wird angerissen, befriedigende weitergehende Informationen dazu werden dann allerdings nicht getroffen. Professionelle Pflege wird dabei als überlastet beschrieben (vgl. Trilling et al., 2001). Konzepte der professionellen Pflege werden nur in einer Publikation benannt (Stuhlmann 2004).

Ausblick

Diese Analyse zeigt, dass Biografiearbeit nicht eindeutig definiert und die Zielsetzung zu heterogen ist. Die Bedeutung von Biografiearbeit wird zwar postuliert, die Rahmenbedingung und Voraussetzungen in der stationäre Altenpflege dafür bleiben allerdings unklar. Als geplante, gezielte und zeitlich begrenzte Maßnahme wird sie häufig als Gruppenereignis gestaltet. Wenn einem personenzentrierten Ansatz gefolgt werden soll, sind alte Menschen in ihrer Identität zu stützen. Dazu ist es nötig, dass Biografiearbeit als biografischer Dialog verstanden wird. Die dazu erforderlichen kommunikativen Fähigkeiten für diese interaktive Tätigkeit von den Anwendern der Biografiearbeit, von den Pflegenden und Angehörigen, müssen geschult werden. Biografiearbeit muss für die stationäre Pflege eindeutig definiert werden, um einheitlich genutzt werden zu können.

Die offenen Fragen legen nahe, dass sich die Pflegewissenschaft dem Forschungsgegenstand Biografiearbeit stärker widmen muss. Es bedarf zukünftiger Forschung, um den Gegenstand der Biografiearbeit für Pflegende exakter zu konzeptualisieren, die Umsetzung dieses Zugang besser zu operationalisieren und seinen Wert für die Verbesserung der Lebensqualität von älteren Menschen umfassender zu begründen. Dabei gilt es besonders den sozial- und zeitgeschichtlichen Kontext zu berücksichtigen, wie die Erlebnisse im nationalsozialistischen Regime. Ebenso wird die kulturspezifische Biografiearbeit für und mit Migranten künftig eine bedeutende Rolle spielen. Ebenfalls muss erforscht werden, wie bei der Biografiearbeit Re- Traumatisierung vermieden werden kann. Die Vernetzung zu bezugswissenschaftlicher Bindungsforschung könnte dabei für Pflegewissenschaft ein Erkenntnis bringender Ansatz sein.


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