ATL Atmen

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Ständiges Atmen ist für den Erhalt des Lebens eine notwendige Voraussetzung. Deshalb wird es von einigen Pflegetheoretikern zu den Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) gezählt (auch wenn es meistens unbewusst abläuft). Bewusstsein für das Atmen entsteht erst, wenn wir unser Bewusstsein auf die Atmung lenken oder Probleme damit eingetreten sind.

Physiologie der Atmung[Bearbeiten]

Äußere Atmung (Lungenatmung)[Bearbeiten]

Die mit Sauerstoff angereicherte Luft gelangt von Mund/Nase in die Luftröhre. Von der Luftröhre geht die Luft weiter in die Bronchien. Die Bronchien verzweigen sich weiter in Bronchialäste (= Bifurkation). Von den Bronchialästen gelangt die Luft in die Alveolen (= Lungenbläschen). Dort findet der Gasaustausch statt (Sauerstoff geht durch die Alveolenwände ins Blut, CO2 wird abgegeben und abgeatmet). Die äußere Atmung ist Voraussetzung für die innere Atmung.

Innere Atmung (Zellatmung)[Bearbeiten]

Damit ist der Stoffwechsel in den Zellen unter Beteiligung des im Blut herantransportierten Sauerstoffs gemeint. Nährstoffe werden in der Zelle verbrannt zur Gewinnung von Energie (ATP), dabei wird Sauerstoff verbraucht (aerober Stoffwechsel).

Folgen von Sauerstoffmangel[Bearbeiten]

Ringt ein Mensch nach Luft, treten alle anderen Bedürfnisse in den Hintergrund. Gewebeanoxie (totales Fehlen von Sauerstoff) führt je nach Dauer entweder zu behebbaren Störungen oder zu irreversiblen Schäden. Sauerstoffmangel ist eine für den Patienten sehr bedrohliche Situation, er fühlt sich eingeengt, hat starke Angstgefühle. Die Pflegeperson muss in dieser Situation beruhigend wirken.

Beurteilung der Atmung[Bearbeiten]

Die gesunde Atmung (Eupnoe) erfolgt gleichmäßig tief, regelmäßig, geräuscharm und geruchlos. Die Beobachtungskriterien sind:

- Atemfrequenz

- Atemintensität

- Atemgeruch

- Atemrhythmus

- Atemgeräusche

- Atemqualität

- Atemtyp

Atemfrequenz[Bearbeiten]

Als Atemfrequenz bezeichnet man die Anzahl der Atemzüge pro Minute. Ein Atemzug besteht aus der Inspiration und Exspiration.

Normwerte der Ruheatmung[Bearbeiten]

  1. Erwachsene: 14 - 20 Atemzüge
  2. Kleinkinder: 25 - 30 Atemzüge
  3. Neugeborene: 40 - 45 Atemzüge

Zählen der Atemzüge[Bearbeiten]

Sobald sich der Mensch seiner Atmung bewusst wird, beeinflusst er sie. Deshalb muss die Atmung für den Patienten unbemerkt beobachtet werden (beim Erwachsenen z.B. nach Pulskontrolle für eine Minute das Handgelenk des Patienten halten und dabei die Atemzüge zählen. Beim Säugling Hand unter den Thorax unterhalb des Schwertfortsatzes legen und die Atemfrequenz durch Tasten fühlen).

Abweichungen von der Atemfrequenz[Bearbeiten]

  1. Tachypnoe: = zu schnelle Atmung (Atemfrequenz >20). Physiologisch bei Anstrengung, Nervosität und Angst. Pathologisch bei Herz- und Lungenerkrankungen, Fieber und starkem Blutverlust.
  2. Bradypnoe: = verlangsamte Atmung (Atemfrequenz <12). Physiologisch im Schlaf. Pathologisch bei Gehirnerkankungen (SHT), Vergiftungen, Stoffwechselstörungen und bei Unterkühlung.
  3. Apnoe: = Atemstillstand. Bei Atempausen über 23 sek. Unbehandelt führt dies in 3 - 5 Minuten zu irreversiblen Schäden bis zum Hirntod.

Atemintensität[Bearbeiten]

Beim gesunden Menschen hängt der Bedarf an Sauerstoff vom CO2-Gehalt des Blutes ab.

Abweichungen der Atemintensität[Bearbeiten]

  1. Hyperventilation: = gesteigerte Atemtätigkeit über den tatsächlichen Sauerstoffbedarf (zu viel Sauerstoff, zu wenig Kohlendioxid; Patient spürt ein starkes Kribbeln am ganzen Körper). Ursachen: Anstrengung, Schädigung des ZNS, Sauerstoffmangel.
  2. Hypoventilation: = verminderte Atemtätigkeit mit unzureichender Belüftung der Lungen (Pneumoniegefahr) und vermindertem Sauerstoff- und erhöhtem Kohlendioxidgehalt im Blut. Ursachen sind z.B. reduzierter AZ, Minderbelüftung der Lunge und bei Schonatmung hervorgerufen durch Schmerzen.

Geruch der Atemluft[Bearbeiten]

Die Atemluft ist normalerweise geruchslos. Ein unangenehmer Geruch der Atemluft (Foetor ex ore) ist ein Krankheitszeichen. Dieser muss allerdings vom physiologischen Mundgeruch unterschieden werden. Pathologisch:

  • Azetongeruch - obstartig (z.B. Diab. Koma/Hunger)
  • Ammoniakgeruch - erdig (nach Stuhl riechend; bei [[Leber]erkankungen)
  • Foetor hepaticus (wie frische Leber)
  • Foetor urämicus (Nierenversagen/Nierenerkrankungen)
  • Eitergeruch - süßlich (eitrige Bronchitis etc.)
  • Fäulnisgeruch (Zerfallsprozesse in den Atemwegen, z.B. bei Carcinomen)

Atemrhythmus[Bearbeiten]

Als Atemrhythmus bezeichnet man die regelmäßige Abfolge etwa gleich tiefer Atemzüge in einem Verhältnis von 1:2.

Pathologische Atemmuster[Bearbeiten]

  1. Kussmaul-Atmung: große, tiefe und beschleunigte Atemzüge ohne Pausen nach der Exspiration (z.B. beim diabetischen Koma; Versuch des Ausgleichs einer Azidose).
  2. Biot'sche Atmung: regelmäßig tiefe Atemzüge mit Pausen (z.B. bei Meningitis, Schädel-Hirn-Trauma).
  3. Cheyne-Stokes-Atmung: kleine, flache Atemzüge werden immer tiefer und flachen dann wieder ab, bis eine längere Atempause eintritt (z.B. bei Vergiftungen; Schädigungen des Atemzentrums; Herzerkankungen in Folge der verlangsamten Blutzirkulation; geht oft in Schnappatmung über).
  4. Schnappatmung: einzelne, schnappende Atemzüge. Lange Pausen dazwischen. (meist kurz vor dem Tod, häufig geht ihr die Cheyne-Stokes-Atmung voraus)
  5. Hechelatmung: extrem oberflächliche und beschleunigte Atmung (bei Frühgeborenen, Neugeborenen mit Pneumonie)

Atemgeräusche[Bearbeiten]

Die normale Atmung ist geräuscharm. Daher sind Atemgeräusche immer pathologisch.

  1. Stridor: ein langes, ziehendes, pfeifendes Atemgeräusch. Wenn inspiratorisch, dann besteht eine Atembehinderung oberhalb der Bifurkation (im Kehlkopf oder Luftröhrenbereich; Pseudokrupp). Wenn exspiratorisch, dann besteht eine Atembehinderung unterhalb der Bifurkation (in den Bronchien oder der Lunge; Asthma bronchiale).
  2. Brodeln: Hinweis auf nicht abgehustetes Bronchialsekret
  3. Röcheln: Hinweis auf Atemnot
  4. Keuchen: Hinweis auf generelle Schwäche
  5. Rasseln: Man spricht von trockenen oder feuchten Rasselgeräuschen, diese sind nur auskultatorisch hörbar.
  6. Giemen: Klingt ähnlich einer knarrenden Tür (ebenfalls nur auskultatorisch hörbar).
  7. Husten: ist ein natürlicher, angeborener Schutzreflex. Kann trocken, produktiv (klingt voll; rollt und brodelt durch Produktion von Bronchialsekret), hüstelnd oder stakkatoartig (hart und scharf mit abruptem Beginn und lang anhaltend) sein.

Qualität der Atmung[Bearbeiten]

Dyspnoe: = jede Art von erschwerter Atmung. Je nach Ausprägung: ängstlicher Gesichtsausdruck, ausgeprägte Unruhe, eventuell Apathie, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur (Orthopnoe).

Nasenflügelatmung: = Erweiterung der oberen Luftwege durch Aufblähen der Nasenflügel.

Einziehungen: Dazu kommt es bei Atembehinderung bei der Einatmung. Durch Unterdruck im Thorax wird Haut und Gewebe in die flexiblen Abschnitte eingezogen. Es gibt juguläre, klavikuläre, intercostale, sternale und epigastrische Einziehungen.

Atemtypen[Bearbeiten]

  1. Bauchatmung: bis zum 2/3 Lebensjahr reine Bauchatmung. Eine Brustatmung wäre in diesem Alter immer pathologisch, denn Bauchatmung ist effektiver. Patienten mit Haltungsschäden kombinieren unbewusst beide Atemtypen, um eine ausreichende Oxygenierung/Oxigenierung (Versorgung des Blutes mit Sauerstoff) zu erreichen.
  2. Brustatmung: = thorakale Atmung. Erwachsene verfügen über die Brustatmung, besonders Sportler sind auf eine effiziente Brustatmung angewiesen.

Pflegeziele und Prozeduren[Bearbeiten]

  • Lunge ist adäquat belüftet.
  • Der Patient atmet ruhig und angstfrei.
  • Eine Aspiration ist frühzeitig erkannt.
  • Pneumoniegefahr frühzeitig erkennen.
  • Der Patient kann frei abhusten, Bronchialsekret ist gelöst.
  • Adäquater Zustand von Mund-, Nasen- und Rachenraum.

Verbesserung der Belüftung der Lungen[Bearbeiten]

- Mobilität erhalten und fördern: wenn Patient bettlägerig, Bewegungsübungen im Bett durchführen (z.B. Arme über den Kopf führen zu einer Belüftung der Lungenspitzen)

- Lagewechsel: wenn Patient nicht selbst fähig ist sich zu bewegen, muss die Lagerung durch das Pflegepersonal durchgeführt werden. Lagewechsel fördert zusätzlich auch noch den Stoffwechsel und die Durchblutung.

- Atemunterstützende Lagerungen: VATI - Lagerungen, Dehnlagerungen, Kutschersitz --> gut bei Patienten mit Atemnot

- ASE: = atemstimulierende Einreibung. Kommt aus der basalen Stimulation und dient der Beruhigung und der Stimulierung der Atmung. Dazu Körperlotion verwenden und keine ätherischen Öle.

- Atemübungen und Atemgymnastik: Kontaktatmung, tiefes Durchatmen, dosierte Lippenbremse, Atmen gegen Widerstand, Atemtrainer, Giebelrohr

Sekretolyse und Expektoration[Bearbeiten]

- Inhalation: Gase oder Flüssigkeiten werden in die Atemwege eingebracht. Wasserdampfbad, Pari-Boy-Inhalationen (zur Inhalation von Medikamenten), Ultraschallvernebler (durch Ultraschall wird H2O vernebelt).

- Flüssigkeitszufuhr

- Anwendung von ätherischen Ölen (sehr vorsichtig anzuwenden, nur wenn man sich über Wirkstoffe im klaren ist und vorher einen Hauttest gemacht hat --> viele Menschen reagieren allergisch. Ebenfalls Vorsicht geboten ist bei Asthmatikern.

- Zitronenbrustwickel: hat eine schleimlösende und krampflösende Wirkung.

- Abklopfen und Vibrieren: dient der Sektretlösung. Abklopfen von unten nach oben (aussparen der Wirbelsäule und Nieren)entweder mit der hohlen Hand, mit der Kleinfingerkante oder mit lockerer Faust (am effektivsten wenn Patient ausatmet). Vibrieren wird mit speziellem Gerät ausgeführt (= Vibrax). Ebenfalls wie beim Abklopfen von unten nach oben und in der Ausatemphase.

- Abhusten von Sekret: sehr wichtig in der Pneumonieprophylaxe, da durch das Nicht-Abhusten von Sputum ein Sekretstau und somit Keime entstehen.

Pflegerische Interventionen bei Patient mit Atemnot[Bearbeiten]

  • Fenster öffnen (psychologisch über die Frischluftzufuhr wirksam. Sonst keine Bedeutung)
  • möglichst atemunterstützend lagern, hinsetzen
  • beengende Kleidungsstücke öffnen
  • so rasch wie möglich Hilfe holen lassen/rufen (eine Pflegeperson bleibt immer beim Patienten, damit sich dieser nicht allein gelassen fühlt)

Pflegerische Aspekte der Sauerstofftherapie[Bearbeiten]

- Nasenpflege ist ganz wichtig

- Sauerstoff muss angefeuchtet sein, da die Gefahr der Austrocknung der Schleimhäute besteht und somit Schleimhautläsionen auftreten können.

- Mund- und Lippenpflege nicht vernachlässigen: ausreichend Flüssigkeit verabreichen, Mundhygiene, um Entzündungen zu vermeiden, Lippen eincremen

- achten auf Druckstellen hinter den Ohren bei Langzeittherapie mit Nasenbrille (eventuell Mullkompressen unterlegen).

- Vitalzeichenkontrolle

- Hautbeobachtung (Zyanose, Druckstellen ...)

- Nasen- und Mundschleimhaut Kontrolle (Feuchtigkeitszustand, Läsionen ...)

- Sauerstoffdosierung, Sondenlage ...

Sauerstoffgabe[Bearbeiten]

- Nasensonde (Höchstmenge 5 l/min; Sauerstoffkonzentration 30–40 %)

- Nasenbrille (40–50 % Sauerstoffkonzentration; Höchstmenge 7–8 l; CAVE: bei längerem Tragen können Druckstellen entstehen)

- Sauerstoffmaske (Höchstmenge 6–10 l; bei Masken mit Reservoir wird eine Sauerstoffkonzentration von 100 % erreicht; manche Patienten tolerieren allerdings Sauerstoffmaske nicht und haben dadurch ein noch beengteres Gefühl).

- Sauerstoffglocke (wird direkt über dem Kopf gelagert, hier wären 3 l zu wenig)

Grundsätzlich können die hier vorgestellten Höchstwerte nur als Richtwert für die Dauerapplikation angesehen werden.

Höhere Flussraten (insbesondere bei akuten Ereignissen) sind mit den einzelnen Devices natürlich möglich, allerdings empfiehlt sich dann die Benutzung der Sauerstoffmaske (Flussrate bis 15l/min).

Beachte[Bearbeiten]

Die unkontrollierte und hochdosierte Sauerstoffgabe bei Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen kann zu einer insuffizienten Atmung aufgrund der veränderten Sensibilität der Sauerstoff- und Kohlendioxidmessrezeptoren führen, daher sollte die Applikation von Sauerstoff bedarfsgerecht und unter regelmäßiger Kontrolle der Atemfunktion erfolgen.

Für andere Patienten gilt: Pflegepersonal darf, wegen der Gefahr einer Hyperkapnie, im Krankenhaus ohne ärztliche Anweisung nur bis zu 3 l/min Sauerstoff kurzzeitig verabreichen. Bei Notfallsituationen sieht das anders aus: Hier ist die Zyanose das Kardinalsymptom für die Verabreichung von Sauerstoff.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]