Angehörige
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Der Begriff Angehörige schließt neben leiblich Verwandten auch Freunde und Bekannte ein. Damit können NachbarInnen, Vereinsmitglieder früher besuchter Organisationen oder FunktionsträgerInnen von Kirchengemeinschaften begrifflich in einer Gruppenbezeichnung zusammengefasst werden. Beispiel: ... "die Angehörigen von Frau Müller besuchen sie am Sonntag ..."
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[Bearbeiten] Allgemeine Bedeutung von Angehörigen für die Kranken- und Altenpflege
Der Begriff hat keine rechtlichen Konsequenzen (z. B. im Sinne des Erbschaftsrechts oder der rechtlichen Betreuung). Er ist eine soziale Zuordnung wie der Begriff Soziales Netz.
Angehörige geben dem Patienten die von ihm benötigte Sicherheit ("da ist einer, der aufpasst, während ich hier fast vollständig ausgeliefert bin") und ermöglichen ihm eine indirekte, aber weitere Teilnahme am sozialen Leben. Damit bestärken Angehörige Persönlichkeit und Identität des Patienten. Dies kann von keinen anderen Personen erreicht werden.
In der Altenpflege kommt es bei hochaltrigen Personen, die im Pflegeheim versorgt werden, relativ oft dazu, dass es keine Verwandten (mehr) gibt, die sich um die Person kümmern (können oder wollen). Dies ist meist auch einer der Aufnahmegründe im Heim.
Bei der Betrachtung des Lebenslaufes (Biographie) / Sozialanamnese) gibt es gleichwohl häufig Angehörige, die zur Identität der gepflegten Person dazu gehören. So kann durchaus ein lang gewachsenes Vertrauensverhältnis mit einer Person bestehen, ohne dass gleichzeitig eine Verwandtschaft vorliegt.
Auch wenn deren Bereitschaft zur Kooperation nach der Heimaufnahme hoch wäre, kann allein die Entfernung Wohnort - Pflegeheim die Besuche von Angehörigen enorm erschweren, da diese "Angehörigen" ja oft selbst in einem fortgeschrittenen Alter stehen können, das ihnen häufige Besuche erschwert.
[Bearbeiten] Die Bedeutung von Angehörigen für die Patienten in der Intensivpflege
Nationale und internationalen Studien kommen alle zu einem Ergebnis: Angehörige können für den Patienten auf der Intensivstation überlebenswichtig sein.
Es gibt keine belegbare Begründung für einschränkende Besuchsregelungen:
- Ein erhöhtes Infektionsrisiko bei häufiger Anwesenheit von Angehörigen konnte nicht nachgewiesen werden.
- Die Anwesenheit von Angehörigen stellt keine Überforderung für Patienten dar.
- Es kommt zu keiner vermehrten Unruhe auf der Intensivstation.
- Der Anblick von einem auf der Intensivstation therapierten Patienten hat keine traumatisierende Wirkung – auch nicht auf Kinder, wenn diese begleitet werden. Eine "Black Box" eröffnet viel größere Angstphantasien (man hat keine Angst vor den Dingen, sondern davor, wie sie sein könnten).
Aber es gibt eine Vielzahl von Forschungsergebnissen, die positive Auswirkungen der Anwesenheit von Angehörigen belegen:
- Cardiocirculäre Komplikationen treten seltener auf.
- Die Angst von Patienten wird reduziert.
- Patienten berichten über ein höheres Wohlbefinden.
- Eine häufig befürchtete "Überfüllung" der Intensivstation durch Angehörige wird nicht beschrieben.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Angehörige für den Patienten die einzige Möglichkeit ist, seine Identifikation und damit seine Persönlichkeit zu wahren, die er unabdingbar für den Genesungsprozess benötigt. Der Zugang von Angehörigen zu Intensivpatienten sollte daher stets ermöglicht werden.
Die tägliche Praxis sieht jedoch anders aus: Der größte Teil der Intensivstationen schränkt den Zugang für Angehörige massiv ein. Eine Evidenzbasierung des Handelns findet demnach wissentlich nicht statt. Viele Pflegende halten sich nicht (immer) an die offiziellen Besuchsregelungen, sondern weichen individuell davon ab. Damit handeln sie im Sinne des Patienten, aber es führt oft auch zu Verwirrung und Verärgerung bei vielen Beteiligten.
Daher empfehlen die Autoren der verschiedenen Studien, individuelle Besuchsregelungen mit den jeweiligen Angehörigen/Patienten auszuhandeln. Dies gibt Orientierung für alle Beteiligten, während den Patientenbedürfnissen unter dem Gesichtspunkt eines familienorientertes Pflegeverständnisses Rechnung getragen wird.
Das Aushandeln von individuellen Besuchsregeln sollten die Pflegenden erlernen und trainieren. Es wird empfohlen, insbesondere die reflexive und kommunikative Kompetenz der Pflegenden innerhalb eines familienorientierten Pflegeverständnisses zu fördern.
Für die tägliche Praxis kann es hilfreich sein, (Bezugs-)Angehörige von Besuchern zu unterscheiden. Eine regelhafte Übergabe von Informationen zu Angehörigen kann das Bewusstsein dieses Aspekts unterstützen. Den Wartebereich für Angehörige direkt und zentral auf die Intensivstation zu platzieren, hat in einem Krankenhaus in NRW zu einer deutlichen Entlastung des Pflegeteams geführt, ohne dass Datenschutz oder Intimsphäre beeinträchtigt wurden.
Um Intensivstationen zu unterstützen, die durch ungehinderten Zugang Angehörige in ihrer Bedeutung ernst nehmen, verleiht die Stiftung Pflege e.V. das Zertifikat "Angehörige jederzeit willkommen" – ein erster Schritt zur angehörigenfreundlichen Intensivstation. Das Zertifikat gibt unter anderem bei einem planbaren Krankenhausaufenthalt die Möglichkeit für den Patienten, eine Auswahl unter diesem Aspekt zu treffen. Intensivstationen mit Zertifikat, Informationen und Antragsunterlagen unter www.stiftung-pflege.info [1]
[Bearbeiten] Umgang mit Angehörigen planen
Zu einer vollständigen Pflegeplanung gehört die systematische Einbeziehung vorhandener Angehörigen unter folgenden Aspekten:
- Grundsätzlich sind Angehörige mit ihren Wünschen und Ängsten ernstzunehmen (das muss nicht bedeuten, dass jede Forderung erfüllt wird).
- Information über den aktuellen Aufenthaltsort des/der Angehörigen und dessen/deren Erreichbarkeit
- Information über Krankheitseinschränkungen und Nutzen von Kontakten auf Wunsch der betroffenen Person
- Bereitschaft zur gelegentlichen Übernahme von Tätigkeiten fördern, ohne zu überfordern
- Informationen über den Heim oder Stationsalltag und Möglichkeiten der Teilnahme
Das Wort Angehörigenarbeit ist in diesem Zusammenhang verbreitet, vermittelt aber nur ungenügend die beschriebene Aufgabenbreite.
[Bearbeiten] Pflegende Angehörige
Pflegende Angehörige sind einzelne Personen aus dem Kreis der Angehörigen, die (einen nicht näher definierten Anteil der) Betreuung und Pflege bei einer ihnen seit langem bekannten Person ehrenamtlich durchführen.
[Bearbeiten] Belastungen für die pflegenden Angehörigen
[Bearbeiten] Körperliche Belastung
- Rückenschmerzen durch Heben, Tragen, etc.
- Schlafstörungen
- fehlender Ausgleich durch früher ausgeübtes Spazierengehen, Schwimmen
[Bearbeiten] Psychische Belastung
- Schwierigkeiten, wenn die zu betreuende Person aggressiv ist oder gewalttätig wird.
- Fehlen von Dankbarkeit von der zu betreuenden Person (und evtl. anderen Angehörigen)
- Belastung durch die Aussichtslosigkeit der Pflegesituation
- Wahrnehmung der Schmerzen und anderen Leiden des Erkrankten
- Sorge, etwas falsch zu machen oder nicht genug zu tun
- Angst, den Kranken allein zu lassen; dadurch sich selbst "angebunden" fühlen und Aggressionen (dem Kranken gegenüber) zu verspüren, was wiederum zu Schuldgefühlen führt
Der Kranke darf seiner Freiheit nicht beraubt werden, aber was ist mit der Freiheit derer, die ihn pflegen?
[Bearbeiten] Zeitliche Belastung
- Übernahme immer weiterer Aufgaben bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, Behördengängen etc., in der körperl. Rund-um-die-Uhr-Pflege, kaum noch Zeit für eigene Bedürfnisse
- notwendige Tätigkeiten ausser Haus werden in Hetze erledigt, um schnell wieder beim Kranken zu sein
[Bearbeiten] Finanzielle Belastung
- oft Einkommenseinbußen bis zum völligen Einkommensverlust
- finanziell aufwendige Maßnahmen, wie zum Beispiel rollstuhltauglichenr Wohnungsumbau,
- Aufwendungen für Reinigung, Inkontinenzmaterialien.
[Bearbeiten] Sonstige Belastungen
- Eine plötzliche Krankenhausentlassung erfordert hohen Koordinierungsaufwand.
- Verantwortung für (in ihren Augen wichtige, aber komplizierte) Geräte wie Inhalatoren, Sauerstoffkondensatoren, Pflegebetten
- Handhabung der Medikamentenapplikation
- Übernahme von Verantwortung für den/die (bisher selbständigen, evtl. führenden) Partner/-in
- Sorge um Ansehen in der jeweiligen Gemeinschaft
- Soziale Isolation
[Bearbeiten] Siehe auch
- Ehrenamtliches Engagement
- Grüne Dame
- Besuchsdienst
- Freundschaft
- Selbsthilfegruppe
- Nähe - Nähe auf Distanz
- Soziales Netz einer Person
- Totale Institution (nach Erving Goffman)
- Verwitwung
[Bearbeiten] Literatur
- Werner Binder, Wolfram Bender: Die dritte Dimension in der Psychiatrie: Angehörige, Betroffene und Professionelle auf einem gemeinsamen Weg. Richter, 2003. ISBN 3924533687
- Wolfgang George, Ute George, Yasar Bilgin: Angehörigenintegration in der Pflege. Reinhardt, München, 2003. 262 Seiten. ISBN 3497016764
- Christine Haider: Zwischen Dasein wollen und Dasein müssen. Eine empirische Untersuchung zum Erleben Angehöriger von Altenheimbewohnern während der Zeit des Heimaufenthalts. Der Andere Verlag, 2006. 88 Seiten. ISBN 3899594983
- Sabine Kühnert: Das Verhältnis zwischen Angehörigen von HB und Mitarbeitern im Altenpflegeheim. Begegnungsformen, Konflikte, Kooperation. Lang, Frankfurt a / M. 1991.
- Kurs GKI 06 (Leiterin Susanne Scholz) das AZFG Uni-Klinikum Halle (Saale): Bedeutung der Angehörigen in der Pflege. 1. Platz B. Braun-Preis 2007: Bericht in Schwester - Pfleger Ausgabe 10/2008.
- Martha Meyer: Pflegende Angehörige in Deutschland. Ein Überblick über den derzeitigen Stand und zukünftige Entwicklungen. Hamburg, Lit-Verlag, 2006. ISBN 3-8258-9921-7
- Karl H. Urlaub: Angehörigenarbeit in Heimen: Konzepte und Erfahrungen. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Kuratorium Dt. Altershilfe, Köln, 1995.
- Verbraucher-Zentrale: Pflegende Angehörige - Balance zwischen Fürsorge und Entlastung. Verbraucherzentrale NRW, 2002.
- Burkhard Werner: Das Heim und die Angehörigen. Die Bedeutung des informellen sozialen Netzwerkes bei der Pflege und Versorgung demenzkranker Heimbewohner. Ergebnisse einer empirischen Studie zu Netzwerkgröße und Zeitvolumen von Pflege und Betreuung bei pflegebedürftigen Demenzkranken. In: PrinterNet 4/2008, S.
- Bless A., Zimmermann O. (2007) Angehörigenbetreuung auf Intensivstation – Wie erleben Pflegekräfte auf Intensivstation die Angehörigen von Patienten und deren Bedürfnisse; wie gehen Sie mit ihnen um? Forschungsbericht im Rahmen der Lehrveranstaltung Pflegeforschung an der Evangelische Fachhochschule Ludwigshafen.
- Dörr I. (2003) Pflegebeteiligung auf der Intensivstation, für die Angehörigen ein unzumutbarer Gedanke oder eine bedeutende Chance? PR-Internet Pflegepädagogik. 7-8/03: 188-200.
- Gnass, Irmela (2006) Kinder als Besucher in Intensivstationen – Literaturstudie: Gezielte Interventionen unterstützen Bewältigungsarbeit. Pflege Zeitschrift. (59): 405-409.
- Juchems, Stefan (2008) Besuchsregelungen auf Intensivstationen aus der Sicht von Pflegenden - Auswertung einer Fragebogenerhebung. Bachelorarbeit (unveröffentlicht)
- Kleinpell R. (2008) Visiting hours in the intensive care unit: More evidence that open visitation is beneficial. Critical Care Medicine. 36(1): 334-335.
- Knutsson S.E.M., Bergbom I.L. (2007b) Custodians’ viewpoints and experiences from their child’s visit to an ill or injured nearest being cared for at an adult intensive care unit. Journal of Clinical Nursing. 16: 362–371.
- Knutsson S.E.M., Samuelsson I.P. et al. (2008) Children’s experiences of visiting a seriously ill/injured relative on an adult intensive care unit. Journal of Advanced Nursing. 61(2): 154–162. 77
- Metzing S., Osarek J. (2000) Besuchsregelungen auf Intensivstationen – Eine Literaturstudie englischsprachiger Veröffentlichungen von 1984–1998. Pflege. 13: 242–252.
- Metzing S. (2003) „Ohne Familie geht’s nicht“. In: Nydal P., Bartoszek G.: Basale Stimulation, Neue Wege in der Pflege Schwerstkranker; 4. Auflage; Urban&Fischer Verlag, München, Jena.
- Pirsch, M. , Loos, A. & Reuschenbach, B. (2009). Besuchsregelungen für Kinder auf Erwachsenenintensivstationen- eine explorative Studie zur Situation in Deutschland. In:"Brücken bauen - Beiträge der AG Pflegeforschung Rhein-Neckar", Reuschenbach, B., Mahler, C., Müller, E., Berendonk, C & Hoben, M. (S. 207-219) Stuttgart: DBfK.
- Pochard F., Darmon M., et al. (2005) Symptoms of anxiety and depression in family members of intensive care unit patients before discharge or death. A prospective multicenter study. Journal of Critical Care. 20(1): 90-96.
- Ramsey P., Cathelyn J. (1999) Visitors and nurse satisfaction with a visitation policy change in critical care units. Dimensions of Critical Care Nursing. 18(5): 42-48. 78
- Ulsamer U. (2005) Angehörigenbetreuung auf der Intensivstation: Der Wunsch nach Information - "Das am wenigsten erfüllte Bedürfnis von Angehörigen". Ausarbeitung für den im Rahmen des 15. Symposiums Intensivmedizin + Intensivpflege Bremen verliehenen Hanse-Pflegepreis 2005.
- Verhaeghe S., Defloor T. et al. (2005) The needs and experiences of family members of adult patients in an intensive care unit: a review of the literature. Journal of Clinical Nursing. 14(4): 501-509.
- Vint P.E. (2005) An exploration of the support available to children who may wish to visit a critically adult in ITU. Intensive Critical Care Nursing. 21(3): 149-59.
[Bearbeiten] Weblinks
- Berliner Service- und InformationsZentrum für Angehörigenarbeit (BeSIZ)
- Förderung der Angehörigenarbeit im Bayerischen Netzwerk Pflege; Anerkennung und Förderung von niedrigschwelligen Betreuungsangeboten
- Ruth Vornefeld: Gerontopsychiatrische Bedarfserhebung im Landkreis Freising, März/April 2004 (PDF-Datei, knappe Beschreibung der Situation in einem Landkreis. Anonyme qualitative schr. Befragung.)
