Agnes Karll

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Agnes Karll (1868-1927) war eine Reformerin der deutschen Krankenpflege, sie war eine Pionierin in der freiberuflichen Pflege und hat die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (BO) begründet, welche ein Vorläufer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) war.

Biografie[Bearbeiten]

  • geboren am 25. März 1868 in Embsen als Tochter eines Gutsbesitzers
  • 1882–1884 Ausbildung zur Lehrerin, Besuch der Fortbildungsschule für Lehrerinnen in Schwerin
  • 1884–1887 Arbeit als Privatlehrerin/Erzieherin
  • 1891 Erste gesundheitliche Probleme
  • 1924 A. Karll muss sich einer Brustamputation unterziehen
  • 12. Februar 1927 stirbt A. Karll im Alter von 59 Jahren in Berlin an Krebs.

Krankenpflege[Bearbeiten]

  • 1887 A. Karll beginnt mit der „Krankenpflegeausbildung“ im Clementinenhaus in Hannover beim Roten Kreuz. Sie arbeitet dort bis 1890.
  • 1891 Freiberufliche Pflege in Berlin; Arbeit in der privaten Hauskrankenpflege.
  • 1894 Begleitung einer Patientin in die USA.
  • 1896 Erste Überlegungen für einen Pflegeverband.
  • 1901 Agnes Karll muss aus gesundheitlichen Gründen den Pflegeberuf aufgeben. Ausbildung und angestellt bei deutschen Anker, eine Versicherungsgesellschaft
  • 1902 Entschluss eine Berufsorganisation zu gründen.
  • 1903 Gründungsversammlung der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (BO), welche nach Auflösung durch die Nazis als DBfK weiterhin besteht.
  • 17.7.1904 gründeten England, USA und Deutschland den International Council of Nurses - Weltbund der Pflegerinnen(ICN) [1]; A. Karll tritt mit ihrer Berufsorganisation dem ICN bei.
  • 1906 erscheinen der ersten Verbandszeitschrift „Unterm Lazaruskreuz“ und die erste gesetzliche Ausbildung tritt in Preußen in Kraft.
  • 1907 Erste Prüfungsordnung wird erstellt .
  • 1909 Agnes Karll wird 1. Vorsitzende (Präsidentin) des ICN; im Luisenhospital Dortmund entsteht eine Krankenpflegeschule mit 2jähriger Ausbildung.
  • 1910 Sie lässt das Lehrbuch „The History of Nursing“ geschrieben von Adelaide Nutting übersetzen und veröffentlichen.
  • 1911 Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit von KrankenpflegerInnen
  • 1912 ICN-Kongress in Köln
  • WS 1912/13 Studiengang für Leitungskräfte aus der Pflege an der Frauenhochschule Leipzig
  • 1914 Agnes Karll leistet Kriegskrankenpflege in Österreich und leitet dort eine moderne Entwicklung ein.
  • 1926 Erste Berufsorganisation nach dem Krieg in Deutschland.

Die gemachten Erfahrungen in der Krankenpflege, wobei ihr die Missstände des “Berufes” deutlich wurden, machten ihr die Notwendigkeit deutlicher Veränderungen bewusst. Agnes Karlls Vorstellung war es, die außerhalb der bisherigen Verbände arbeitenden Schwestern zu sammeln und ihnen in beruflicher, persönlicher und rechtlicher Beziehung den nötigen Rückhalt zu schaffen, ohne ihnen ihr Selbstbestimmungsrecht zu nehmen, denn die Arbeitsbedingungen der Krankenpflege im 19. Jahrhundert erinnern fast an “sklavenähnliche” Zustände, vor allem für die weiblichen Pflegekräfte:

  • hohe Durchschnittsarbeitszeiten ohne Pausen und zusätzliche Nachtwachen,
  • Haus- und Reinigungsarbeiten,
  • unbezahlter Urlaub (wenn überhaupt),
  • schlechte Ernährung,
  • ungesunde Kleidung (eng geschnürte Korsetts),
  • die Lohnverhältnisse waren zu Lasten der Frauen ungleich verteilt, Lohn in der Krankenpflege war nicht die Bezahlung, sondern das “Tun am Nächsten” und die Erfüllung darin;
  • Persönlichkeitsrechte waren stark beschnitten (z.B. rigide Kontrolle des Ausgangs),
  • zunächst keine gesetzliche Ausbildungsregelung (nach Gutdünken der einzelnen Trägervereine und differierte enorm) -> war von Trägern nicht gewünscht, wegen der sich daraus ergebende Ansprüche auf geregelte Arbeitszeit und Entlohnung ),
  • soziale Sicherung war mehr als unzureichend (Alters- und Arbeitsunfähigkeit gab es nicht).

Ein Aufenthalt in den USA bestärkten Agnes Karll in ihren Reformbestrebungen: Während des Aufenthaltes in den USA lernte sie die Situation der amerikanischen Krankenpflege kennen, die sich im Vergleich zu der Pflegesituation in Deutschland sehr viel positiver darstellte. Systematisch suchte A. Karll Kontakt zu Frauen, die sich um Selbständigkeit und Selbsthilfe für Frauen bemühten, z.B. Minna Cauer, ohne jedoch dem radikalen Flügel der damaligen Frauenbewegung anzugehören. 1901 schrieb Sie eine Petition an die Regierung mit Forderungen, die auf eine Ausbildungsdauer von drei Jahren gerichtet waren, auf bessere Arbeitszeiten und eine ideelle und materielle Sicherstellung (Alter, Invalidität). Überall gab es Gegenwehr durch Ärzte, Verwaltungen und Politiker gegen diesen Versuch der Pflegerinnen auf ihre Berufskonzeption Einfluss zu nehmen und gegen eine staatliche Anerkennung. Trotz des Widerstandes trieb Agnes Karll die Gründung der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands voran (1903), dabei wurde sie unterstützt durch die Frauenbewegung. 1907 wurde die BO als Körperschaft rechtlich legitimiert.

Arbeitsschwerpunkte der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands[Bearbeiten]

1. Öffentlichkeitsarbeit und internationale Zusammenarbeit

  • Austausch, Verbreitung und Unterstützung waren Eckpfeiler in der Öffentlichkeitsarbeit. Agnes Karll war sich bewußt, dass sich die Verhältnisse in der Krankenpflege nur dann ändern, wenn sie in der öffentlichen Meinung präsent sind und einflussreiche Personen für die Sache gewonnen werden können:
  • Deshalb wurde die BO 1904 Mitglied des ICN (International Council of Nurses - Weltbund der Pflegerinnen. Dies bot weltweiten Erfahrungsaustausch und wertvolle Strategiehilfen durch internationale Vergleichsmöglichkeiten.
  • Das seit 1906 herausgegebene Mitteilungsblatt “Unterm Lazeruskreuz” hatte die Besonderheit, dass es das erste Krankenpflege-Fachblatt war, das nicht von berufsfremden Personen (Ärzten) herausgegeben wurde.

2. Versicherungswesen

  • Die Versorgung des Pflegepersonals im Alter, bei Krankheit etc. war ungesichert. Die BO verpflichtete daher ihre Mitglieder mindestens zur Nutzung der gesetzlichen Versicherungen und bot andererseits günstige private Versicherungen an.
  • Agnes Karlls Versicherungstätigkeit (1898 Arbeit bei der Versicherung "Deutscher Anker") wirkte sich positiv aus, denn der “Deutsche Anker”, bot nach Verhandlungen mit der BO berufsangepasste Konditionen an.
  • In Notlagen half eine organisationseigene Unterstützungskasse, welche durch Versicherungsprovisionen und Spenden getragen wurde.

3. Ausbildungsgestaltung und Ausbildungsplatzvermittlung

  • 1906 wurden erstmals staatliche Ausbildungs- und Prüfungsvorschriften verabschiedet: Ausbildungsdauer war 1 Jahr. Agnes Karll war an Ausgestaltung der Richtlinien für Preußen beteiligt;
  • Die BO brachte Richtlinien heraus, die Arbeitgeber erfüllen mussten, um von der BO anerkannt zu werden:
  • Schülerinnen mussten vor Überforderung geschützt werden,
  • Die Arbeitgeber mussten eine geregelte mindestens 1-jährige Ausbildung anbieten und
  • eine adäquate Versorgung sicherstellen.

Hilfreich bei diesen Forderungen der BO war die Tatsache, dass in der Pflege eine hohe Personalknappheit herrschte,

  • unterstützt wurde die BO aber auch durch fortschrittliche Chefärzte diverser Krankenanstalten.
  • 1906 wurde in Dortmund im Louisenhospital erstmalig eine zweijährige(!) Ausbildung angeboten,
  • eine weitere Besonderheit war die Beteiligung von Pflegerinnen an der Lehre über Krankenpflege in den mit der BO verbundenen Schulen. Dies lässt sich als Beginn der Professionalisierung in der Krankenpflege bezeichnen.

4. Arbeitsplatzgestaltung und kostenlose Stellenvermittlung

  • Für ausgebildete Pflegerinnen vereinbarte BO deutlich bessere Arbeitsbedingungen als üblich.
  • Arbeitgeber mussten für Vermittlungsleistung eine Gebühr entrichten!
  • Die ausgehandelten Bedingungen waren ein Fortschritt im Vergleich zu den sonst üblichen Konditionen.

5. Sicherung der sozialen Situation der Pflegerinnen

  • Die Arbeitgeber mussten die Beitragszahlungen an die staatliche Invaliditäts- und Altersversicherung übernehmen,
  • die tägliche Arbeitszeit durfte max. 11 Std./Tag betragen,
  • es gab verbesserte Arbeitszeiten, gesicherte Pausen und Urlaub,
  • eine Sicherung bei Arbeitsunfähigkeit wurde eingeführt (z.B. kostenlose ärztliche Behandlung im Erkrankungsfall sowie Unterkunft und Verpflegung bis zu 26 Wochen) und
  • frühere Dienstzeiten mussten bei der Gehalts-und Urlaubsberechnung berücksichtigt werden.

6. Statistikarbeit

  • Die BO war gezwungen, als Nachweis der Bestandsfähigkeit des Vereins gegenüber den Behörden Auskunft über die Versorgungssituation der Mitglieder zu erteilen. Dazu waren statistische Erhebungen nötig.
  • A. Karll vertrat die Ansicht, dass eine zuverlässige Statistik wesentlich zur Besserung der Verhältnisse beiträgt. Die Statistikarbeit erwies sich als sehr differenziert und umfangreich. Sie ist aus heutiger Sicht als herausragende Leistung zu bewerten.

7. Wissenschaftliches Fundament für Krankenpflege ?

  • Im Wintersemester 1912/1913 wurde ein zweijähriger Fortbildungskurs für Oberinnen und Leiterinnen von Krankenpflegeschulen an der Frauen-Hochschule Leipzig ins Leben gerufen
  • Initiatorinnen vor allem Agnes Karll und Henriette Goldschmidt.
  • Der Studienplan enthielt Angebote aus den Fachgebieten anatomisch-physiologische Begründung der Krankenpflege, Grundlagen der Volkswirtschaft und Sozialpolitik sowie Psychologie und Pädagogik.
  • Diese fortschritliche Einrichtung wurde durch den 1. Weltkrieg zerschlagen.

Agnes Karlls Verdienste und Auswirkungen für die heutige Pflege[Bearbeiten]

  • A. Karll hat die damalige Krankenpflege ganz entscheidend aus ihrer Geschichtslosigkeit herausgeführt - eine wesentliche Voraussetzung, um Verberuflichungs- bzw. Professionalisierungsprozesse in Gang zu setzen,
  • Sie hat die Geschichte der Krankenpflege zum Bildungsinhalt für Pflegende erhoben und
  • A. Karll hat mit der Auswahl der Fachinhalte die heutigen Entscheidungen über relevante Bezugswissenschaften der Pflege vorweggenommen.

Agnes Karll erwirkte mit ihren Reformvorstellungen, dass die freie Krankenpflege in Deutschland unter Erwerbsbedingungen ausgeübt werden konnte. Sie initiierte damit den Verberuflichungsprozess, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. In ihren Bemühungen um eine qualifizierte Pflege entkräftete sie nach und nach das Vorurteil, dass eine Krankenpflege als Lohnarbeit mit einem caritativen Gedanken nicht vereinbar ist. Sie erreichte, dass sich die Lage der in der BO organisierten Pflegerinnen wesentlich verbesserte.

Aktueller Bezug:

  • Pflege ist heute nach wie vor in ihrem Verberuflichungsprozeß ,
  • Teile ihrer Zuständigkeitsbereiche sind akademisiert und
  • die Pflege sollte das Ziel Professionalisierung nicht aus dem Auge verlieren (sowohl im Bezug auf Rahmenbedingungen von Pflege als auch bezüglich inhaltlicher Gestaltung des Berufes).

Ehrungen[Bearbeiten]

Nach Karll wurden das Institut für Pflegeforschung in Berlin (AKI), Kliniken in Bad Schwartau und Laatzen, eine Krankenpflegeschule in Tettnang, eine Straße in Gadebusch, Embsen und Mainz sowie einige Altenheime benannt.

Der DBfK und die Pflegefachzeitschrift „Die Schwester Der Pfleger“ haben für den Niederrheinischer Pflegekongress den „Agnes Karll–Preis“ ausgelobt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Arets et al. (1999): "Professionelle Pflege", Hans Huber Verlag, S.48/49, ISBN 3-456-83292-3
  • Elster, R. (2000): Der Agnes Karll Verband und sein Einfluß auf die Entwicklung der Krankenpflege Deutschland. Frankfurt/Main: Mabuse Verlag
  • Möller, U. / Hesselbarth, U. (1994): Die geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege. 1. Auflage, Hagen: Brigitte Kunz Verlag
  • Wolff, H.-P. (1994): Geschichte der Krankenpflege. 1. Auflage, Basel: Recom Verlag

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]