Ambulante Psychiatrische Pflege

Aus PflegeWiki
(Weitergeleitet von APP)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Ambulante Psychiatrische Pflege (APP) (auch: Häusliche Psychiatrische Krankenpflege) kann Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen verordnet werden, die nicht mehr stationär versorgt werden müssen, bei denen aber eine Behandlung nur durch Medikamente alleine nicht ausreichend ist. Voraussetzung zur Kostenübernahme durch die Krankenversicherung ist, dass der Patient seinen Lebensalltag erkrankungsbedingt nicht mehr bewältigt, aber über eine ausreichende Behandlungsfähigkeit verfügt, und die Erkrankung durch die psychiatrische Pflege positiv beeinflusst werden kann. Gesetzliche Grundlage hierfür ist § 37 Abs.2 des fünften Sozialgesetzbuches.

Entwicklung der APP[Bearbeiten]

Die psychiatrische Versorgung in Deutschland war lange auf reine Krankenhausbehandlung beschränkt. Die Psychiatrie-Enquête von 1975, ein umfassender Bericht über die psychiatrische Versorgung in Deutschland, leitet einen grundlegenden Wechsel ein. Die Kernforderungen der Expertenkommission waren Dezentralisierung der Versorgung und der Vorrang von ambulanten Angeboten vor stationären Maßnahmen. Hiermit wurden Ziele formuliert, die in anderen europäischen Ländern insbesondere Italien, Frankreich und England bereits Prinzipien der Psychiatriereformen waren. Im Zuge der deutschen Psychiatriereform wurden in erster Linie komplementäre, die Krankenhausversorgung ergänzende, rehabilitative Angebote aufgebaut. Sie trugen dazu bei, dass Krankenhausbetten vor allem im Langzeitbereich abgebaut werden konnten. Das erste Modellprojekt für ambulante psychiatrische Pflege wurde 1980 in Nordrhein-Westfalen ins Leben gerufen. Seitdem wurden über viele Jahre auf Basis von Einzelfallentscheidungen und Sondervereinbarungen weitere ambulante psychiatrische Pflegeangebote erprobt, die jedoch weder flächendeckend noch regelfinanziert waren. Aufgrund eigenständiger Länderregelungen entstanden in den folgenden 25 Jahren sehr unterschiedliche Angebote, die in der Intensität, in den Inhalten der Pflegeleistungen und auch in der zulässigen Verordnungsdauer sehr stark variierten.

Rechtlicher Rahmen[Bearbeiten]

Das Sozialgesetzbuch (SGB) XI §14 beinhaltet seit 1995 auch psychiatrische Krankheitsbilder. Entsprechend SGB V §37 kann ambulante Pflege zur Vermeidung und Verkürzung von Krankenhausaufenthalten und zur Sicherstellung der Behandlung durch niedergelassene Psychiater verordnet werden. Die Richtlinien HKP (§ 92 Abs.1 Satz 2 Nr.6 und Abs.7 SGB V) schaffen seit 2005 eine einheitliche Grundlage für die ambulante psychiatrische Pflege in ganz Deutschland. Da die Richtlinien aber keine Umsetzungsbestimmungen enthalten und diese von jedem potenziellen Leistungserbringer einzeln ausgehandelt werden müssen, besteht bis heute keine flächendeckende Versorgung in Deutschland. Ab 2004 wurde ambulante psychiatrische Pflege im Rahmen von integrierten Versorgungsverträgen (SGB V §§ 140 ff.) an einzelnen Standorten etabliert. Diese besonderen Verträge ermöglichten Vergütungsmodelle, Übergangsregelungen und Diagnoseneinschlüsse die von den Richtlinien HKP oder den Standardverträgen deutlich positiv abweichen. Hiermit wurde – bereits vor Verabschiedung der Richtlinien – eine innovative Versorgungsstruktur geschaffen, die sich in Leistungsfähigkeit und Kosteneffizienz positiv von der Regelversorgung abhebt.

Diagnosen[Bearbeiten]

APP kann bei folgenden Diagnosen verordnet werden:

  • F00.1 Demenz bei Alzheimer-Krankheit, mit spätem Beginn (Typ 1)
  • F01.0 Vaskuläre Demenz mit akutem Beginn
  • F01.2 Subkortikale vaskuläre Demenz
  • F02.0 Demenz bei Pick-Krankheit
  • F02.1 Demenz bei Creuztfeldt-Jakob-Krankheit
  • F02.2 Demenz bei Chorea Huntington
  • F02.3 Demenz bei primärem Parkinson-Syndrom
  • F02.4 Demenz bei HIV-Krankheit
  • F02.8 Demenz bei andernorts klassifizierten Krankheitsbildern
  • F04.- Organischem amnestischen Syndrom, nicht durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingt
  • F06.0 Organischer Halluzinose
  • F06.1 Organischer katatoner Störung
  • F06.2 Organischer wahnhafter Störung
  • F06.3 Organischer affektiver Störungen
  • F06.4 Organischer Angststörung
  • F06.5 Organischer dissoziativer Störung
  • F06.6 Organischer emotional labiler Störung
  • F07.0 Organischer Persönlichkeitsstörung
  • F07.1 Postenzephalitischem Syndrom
  • F07.2 Organischem Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma
  • F20.- Schizophrenie
  • F21.- Schizotyper Störung
  • F22.- Anhaltender wahnhafter Störung
  • F24.- Induzierter wahnhafter Störung
  • F25.- Schizoaffektiver Störung
  • F30.- Manischer Episode
  • F31.- Bipolarer affektiver Störung mit Ausnahme von: F31.7 - F31.9
  • F32.- Depressiver Episode mit Ausnahme von: F32.0, F 32.1und F 32.9
  • F33.- Rezidivierender depressiver Störung mit Ausnahme von: F33.0, F 33.1, F 33.4, F 33.8 und F33.9
  • F41.0 Panikstörung, auch wenn sie auf sozialen Phobien beruht
  • F41.1 Generalisierter Angststörung

Zielsetzung[Bearbeiten]

Die ambulante psychiatrische Pflege ist ein gemeindeorientiertes Versorgungsangebot. Sie soll dazu beitragen, dass psychisch kranke Menschen ein würdiges, eigenständiges Leben in ihrem gewohnten Lebenszusammenhang führen können. Durch die Pflege vor Ort soll das Umfeld beteiligt und die soziale Integration gewährleistet werden. Dazu gehört auch die Arbeit mit den Angehörigen, die in die Behandlung einbezogen und entlastet werden sollen. Die ambulante psychiatrische Pflege kann wiederkehrende Klinikaufenthalte, die von den Betroffenen und dem sozialen Umfeld häufig als stigmatisierend empfunden werden, vermeiden. Die ambulante Pflege soll mit ihren flexiblen, aufsuchenden Angeboten Behandlungsabbrüchen vorbeugen. Auch der für die Patienten sehr belastende Wechsel von psychiatrischen Diensten je nach Behandlungsbedarf soll durch das integrierte Angebot der ambulanten psychiatrischen Pflege vermieden werden.

Qualifikation und Kompetenzen des Pflegefachpersonals[Bearbeiten]

Voraussetzung zur Tätigkeit in der ambulanten psychiatrische Behandlungspflege ist nach Auffassung der Bundesinitiative Ambulante Psychiatrische Pflege e.V. (BAPP) eine abgeschlossene Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege, die über ausreichende psychiatrische Berufserfahrung verfügen. Das Pflegefachpersonal muss mindestens 200 Stunden Fortbildung in Psychiatrie und Gerontopsychiatrie oder mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in der Psychiatrie nachweisen können.[1]

Das ambulante Arbeitsfeld stellt erhöhte Anforderungen an die Pflegefachperson, die sich im Gegensatz zur stationären Arbeit auf sich allein gestellt in sehr komplexen Strukturen behaupten muss. Da die Einsätze ohne den sonst üblichen institutionellen Hintergrund erfolgen, muss die Pflegefachperson in der Lage sein, die Situation der Patienten differenziert einschätzen zu können und eigenständig zu arbeiten. Sie muss ermessen, ob die geleisteten Angebote angemessen und hilfreich sind, ob der Patient ausreichend versorgt ist und ob weitere Dienste einbezogen werden müssen. Dazu ist ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Kompetenz erforderlich. Daher muss die Pflegefachperson bereit sein, die eigenen persönlichen Fähigkeiten und Defizite durch kritische Reflexion zu erkennen und sich in der professionellen Praxis weiter zu entwickeln.

Da sich die ambulante psychiatrische Pflege im direkten Lebensumfeld der Patienten vollzieht, ist das Pflegefachpersonal direkt mit deren Lebensführung konfrontiert. Eine annehmende Beziehung zu den Patienten ist die Grundlage der ambulanten Pflege, daher müssen die Pflegekräfte in der Lage sein, unterschiedliche und oft auch ungewöhnliche Lebensentwürfe zu akzeptieren. Das differenzierte Überdenken der eigenen Wertvorstellungen ist Grundlage dafür, ein integrierendes, nicht-diskriminierendes und nicht bevormundendes Handeln zu entwickeln, das auf die komplexen Bedürfnisse der Patienten eingeht. Da die Pflegekräfte allein in der Häuslichkeit der Patienten einen intimen, privaten Bereich betreten, müssen sie sehr reflektiert und respektvoll mit Nähe und Distanz umgehen können.

Ambulante psychiatrische Pflege basiert auf der Orientierung an den individuellen und sozialen Ressourcen des Patienten und den Angeboten in der Gemeinde. Um diese Ressourcen erkennen und nutzen zu können, müssen die Pflegenden eine enge Kooperation mit den Patienten und den Angehörigen herstellen können. Um eine ganzheitliche, integrative Versorgung anbieten zu können, ist es erforderlich, dass das Pflegefachpersonal ein umfassendes Wissen über rechtliche Regelungen, sowie die unterschiedlichen Angebote, Institutionen und Unterstützungsmöglichkeiten für die Patienten und ihre Familien in der Region hat.

Besonderheiten[Bearbeiten]

Die ambulante psychiatrische Pflege richtet sich an Menschen, die eine psychiatrische Behandlung und Pflege akzeptieren. Die Freiwilligkeit ist ein besonders wichtiger Aspekt, weil die Pflegefachperson darauf angewiesen ist, dass ihr bei ihren Besuchen die Tür geöffnet wird und die Betroffenen sich an den Interventionen beteiligen. Diese Gastrolle des Pflegefachpersonals führt gegenüber der stationären Behandlung, bei der das Personal das Hausrecht hat, zu einer Veränderung der Beziehungen. Patienten und Pflegende handeln gemeinsam aus, welche Angebote geeignet sind und wie sie durchgeführt werden sollen. Die ambulante Pflege leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Selbstbestimmung der Patienten in der psychiatrischen Versorgung.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hemkendreis, B.; Haßlinger, V.: Ambulante Psychiatrische Pflege, Psychiatrie-Verlag, Köln (2014) ISBN 978-3-88414-579-1

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Empfehlungen der BAPP zur Ausführung der ambulanten psychiatrischen Krankenpflege (2008) auf www.bapp.info, abgerufen am 18. Juli 2014

Siehe auch[Bearbeiten]